Sonntag, 5. April 2009

Wirken des lebendigen Wortes

Gottesdienst am 23.2.1992 in Rheindorf und am 26.4.1992, Sonntag Quasimodogeniti, in Leverkusen-Manfort

Kanzelgruß

Wir finden den Predigttext im 4. Kapitel des Hebräerbriefes. Dort heißt es in den Versen 12 und 13:
(12) ... das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Hebr 4, 12+11

Herr,
hilf uns, das Leben durch dein Wort und in deinem Wort zu erfahren. Uns erschreckt der Gedanke, daß es uns trennen und zerteilen könnte wie ein Schwert. Wir können nicht glauben, daß du Wunden schlägst und hoffen auf die h eilen de Kraft deines Wortes. Amen.

Heute möchte ich mit einer Geschichte beginnen. Sie hat sich vor gut 100 Jahren in Rußlands feiner Gesellschaft zugetragen. Ein junger Mann verliebt sich unsterblich in eine reiche Witwe, die ihrerseits mit einem anderen verlobt ist. Sie weist seine Bewerbungen ab. Da bricht er des nachts in ihr Haus eins - und während er vor ihrem Bett steht und auf die Schlafende hinuntersieht überkommt ihn eine gewaltige Wut, und er stößt ihr einen Dolch ins Herz. Es gelingt ihm, unerkannt zu fliehen. Man verdächtigt ihren Diener, setzt ihn gefangen - und noch ehe man ihn verurteilen kann, erfaßt ihn ein Nervenfieber, innerhalb einer Woche ist er tot.
Den Mörder erfaßt bald die Reue - nicht, daß ein anderer unschuldig an seiner Stelle in Verdacht geriet und starb - auch nicht, daß er ein Menschenleben ausgelöscht hat - , nein er bereut bitterlich, daß die von ihm geliebte Frau nicht mehr lebt. In seinem Wahn glaubt er, er habe nicht anders handeln können, denn sonst hätte sie ja den anderen geheiratet. -
Schließlich stürzt er sich in die Arbeit. Er hat Erfolg. Er beginnt, das Ausmaß seines Verbrechens zu erkennen. Grauen vor sich selbst erfaßt ihn. Er versucht mit vielen Wohltaten anderen gegenüber sein Gewissen zu beruhigen. Da begegnet ihm ein junges Mädchen, das ihn zu lieben beginnt. Sie heiraten und sie bekommen Kinder. Hatte er anfangs noch gehofft, die Liebe, die unschuldige, reine Liebe der Frau könne sein Grauen verdrängen, so erkennt er bald, daß alles nur noch schlimmer wird. Denn er in die klaren und liebevollen Augen seiner Frau blickt, fragt er sich verzweifelt, was sie wohl tun werden, wenn sie erfahren, was er getan hat. So lebt er, ein würdiges Mitglied der russischen Gesellschaft, angesehen, wohlhabend - wohl etwas schwermütig, wie man meint, vierzehn Jahre. In dieser Zeit quälen ihn Träume, verfolgen ihn Gedanken an seine Tat und ihre Folgen.
Da begegnet ihm ein junger Mann, der etwas ganz Ungewöhnliches getan hat. In einem Ehrenhandel zu einem Zweikampf mit Pistolen herausgefordert, hat er dem ersten Schuß standgehalten, dann hat er seine geladene Pistole in den Wald geworfen und sich bei seinem Gegner entschuldigt.
Diesen Mann sucht er nun auf. In langen qualvollen Gesprächen mit ihm sucht er nach einem Ausweg für sein Leben. Im Verlauf eines dieser Gespräche schlägt der junge Mann die Bibel auf und bittet ihn, eine bestimmte Stelle zu lesen. Dort heißt es dann:
Schrecklich ist es,
in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen. Hebr. 10,31

Er liest und wirft das Buch fort. Er bebt am ganzen Körper.
"Ein furchtbarer Vers ist es," sagt er, "dazu ist nichts mehr zu sagen, Sie haben das Richtige gefunden." Er verabschiedet sich von seinem Gastgeber: "... Im Paradies sehen wir uns wieder. Das heißt, seit vierzehn Jahren bin ich in die Hände des lebendigen Gottes gefallen - ja, so kann ich von diesen vierzehn Jahren sagen. Morgen will ich diese Hände bitten, daß sie mich lassen."

Wie jedes Jahr, so versammelt sich auch in diesem Jahr die Gesellschaft der Stadt an seinem Geburtstage, um ihm zu gratulieren und mit ihm zu feiern. Dieses Mal ist es der Tag nach dem entscheidenden Gespräch.
Er tritt unter die Versammelten und eröffnet ihnen mit allem Ernst seine Bluttat. Er legt Beweise vor und bittet um eine gerechte Strafe. Niemand aber glaubt ihm. Man halt ihn für krank, für geistig verwirrt. Seinen Gesprächspartner, den jungen Rann, hält man für den Schuldigen. Kurz vor dem Tode des Mörders, der inzwischen tatsächlich krank darniederliegt, können die beiden noch ein letztes Mal miteinander reden. Der Mörder dankt dem jungen Mann für seine Hilfe und sieht darin, daß niemand in der Stadt und auch seine Familie nicht sein Geständnis angenommen hat, eine große Gnade Gottes, der seiner Familie vor allem das Andenken an einen liebevollen, gerechten und wohltätigen Ehemann und Vater erhalten habe. -
Ob es diesen Mörder wirklich gab, weiß ich nicht. Ob sich die Geschichte genauso zugetragen hat, wie ich sie erzählt habe, kann ich auch nicht sagen. Nach allem aber, was wir von den Menschen wissen und an Zeugnissen über diese Zeit kennen, hätte sich diese Geschichte so zutragen können. Der große russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski erzählt sie in seinem Roman "Die Brüder Karamasow" im Jahre 1880 (Zürich, Manesse Bibliothek. 2. A. 1987, S.467-485).

Weshalb habe ich diese Geschichte so ausführlich erzählt? Natürlich auch deshalb, weil es ein Satz aus dem Hebräerbrief ist, der die Wende auslöst. Im Grunde aber deshalb, weil wir am Schicksal dieses Mörders das Wirken des lebendigen Wortes unseres Gottes erspüren können.
Manche sagen, das Gewissen sei dieses Wort Gottes in uns, das uns immer wieder auf den rechten Weg führe - und deshalb müßten wir immer darauf achten. Mit seinem Schuldbekenntnis hat der Mörder sein Gewissen befreit und ist dann dankbar gestorben. Mir scheint, daß auch Dostojewksi diese Geschichte so verstanden hat. Heute, so meine ich, sollten wir mehr in der Geschichte erkennen.
"das Wort Gottes ist lebendig" - das heißt, es ist kein Gerede, das da um Gottes Wort gemacht wird. Natürlich wird das Reden über Gott und von Gott immer wieder auch zu menschlich belanglosem Geplapper - wir sind eben unvollkommen in allem, was wir tun. Aber das Zeugnis vom Handeln Gottes an uns und in der Welt - das ist Leben - und kein Gerede.
Ich weiß nicht, in welcher Weise Sie hier in Rheindorf das "Jahr mit der Bibel“ begehen wollen. Für mich ist es sehr wichtig, daß die in der Bibel überlieferten Glaubenszeugnisse der Menschen über die Jahrtausende hin Lebenszeugnisse sind, Zeugnisse und Belege dafür, daß und wie Gott in dieser Welt und an den Menschen, ja auch durch die Menschen gehandelt hat. Und er tut das immer wieder von neuem - durch sein Wort.
Erinnern wir uns an Jesu Antwort auf die Frage, was das höchste Gebot sei? Er sagt, wir sollten Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte - aber zugleich unseren Nächsten wie uns selbst (Mt. 22,37-39). Nehmen wir dieses Wort als das Zentrum unseres Glaubens und die Mitte von der aus Gott in uns wirkt, dann werden wir die Abgründe dieser Welt - auch dann, wenn wir ihnen in uns selbst begegnen -, mit mehr Kraft überblicken können und jener ausweglosen Verzweiflung des Mörders in Dostojewskis Geschichte nicht anheimfallen.
Das menschliche Gewissen ist die trennende Schärfe, die -in Gottes Wort angelegt ist. - die Liebe zu Gott und zu den Menschen aber ist das Leben in uns und in der Welt. Ja, und dann verstehen wir, daß dieses Wort Seele und Geist ebenso wie Mark und Bein - das Innerste wie das Äußerste - zu trennen vermag. Gott sieht auf den Kern, auf das Zentrum, die letzte Wahrheit - er braucht keine Rücksicht zu nehmen auf die Gesellschaft, auf wirtschaftliche, politische oder sonstige Zusammenhänge.
In der vergangenen Woche (26.03.1992) erreichte uns die Nachricht, daß ein Bundestagsabgeordneter (Gerhard Riege) sich das Leben genommen habe, weil er sicher war, nicht mehr die Kraft zu haben, die er gebraucht hätte, um in den Auseinandersetzungen der kommenden Monate zu bestehen - im Bundestag, in den politischen Gremien, aber auch in den Medien und in der Bevölkerung. - Es ist oft sehr wenig zu spüren von der Liebe, durch die Gottes Wort wirkt. -
In einer ganz anderen Zeit, vor knapp fünfzig Jahren schrieb ein Mann
die letzten Sätze in sein Tagebuch:
Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.
(Jochen Klepper (1903 - 1942) am Donnerstag, 10.12.1942, s. in "Unter dem Schatten deiner Flügel" München, dtv.Bd.1207, 2.A.1983, S. 1133)
Der Mann, der dies schrieb, war Jochen Klepper, der christliche Dichter und Schriftsteller, der am 10. Dezember des Jahres 1942 gemeinsam mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter aus erster Ehe in den Tod ging. Er wollte sich nicht von ihr trennen, um sein Leben zu retten. Aber er hatte wohl auch nicht die Kraft, das Grauen seiner Zeit auf sich zu nehmen. Er wußte sich und die Seinen dennoch geborgen Von ihm stammt auch das Eingangslied, in dem wir gesungen haben:

... Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
daß ich mit seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist er mir nah und spricht.
... Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage,
nichts gilt mehr als sein Ruf.
... Ich werde nicht zusehenden, wenn ich ihn nur vernehm. ...
Er ist mir täglich nahe ...
Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht ...
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.
EKG 542; eg 452
Hören wir auf solche Zeugnisse und nehmen wir sie hinein in unser Leben. Wenn uns das gelingt, dann werden wir erleben, daß Gott immer um uns ist und sein Wort - auch dann, wenn es scharf und schneidend ist - dem Leben zum Siege verhilft. Dann verliert das Wort das Schreckliche, das den Mörder in Dostojewskis Geschichte umtrieb.
"Kein Geschöpf ist vor ihm verborgen"...
Das macht für viele den Gott der Juden und Christen so unheimlich.
Man kann ihn nicht sehen, man soll sich kein Bild machen - er aber sieht alles und weiß alles. Und dann entsteht das schlechte Gewissen
- und aus schlechtem Gewissen geschieht viel Übles in der Welt, auch Gewalt, Terror und Totschlag.

Da haben wir seit Dostojewski einiges hinzugelernt. Nicht zuletzt durch Sigmund Freuds Psychoanalyse haben wir von der seelischen Struktur des Menschen soviel erfahren, daß wir heute wissen: Gott läßt niemand allein, erst recht nicht mit einem schlechten Gewissen. Dostojewski hat in seinem Roman sehr ausführlich beschrieben, wie nahe der Mörder daran war, sich selbst umzubringen - oder aber noch weitere Menschen zu morden.
Die Liebe Gottes geht eben weit über Gut und Böse hinaus. Obwohl wir uns seit 2000 Jahren mit der Botschaft Jesu auseinandersetzen, ist es für uns noch immer und immer wieder ein Skandal, wenn wir daran denken, daß heute Jesus auch für Saddam Hussein gelitten hat, starb und auferstand.
Oft wissen wir nicht, wie nahe Gott uns ist und wie stark der Arm, der uns hält. Ihm dürfen wir vertrauen.

Paul Gerhardt, der Liederdichter, der während des Dreißigjährigen Krieges ein schweres Schicksal erlitten hat, wußte dies und schrieb:

Er hört die Seufzer deiner Seelen
und des Herzens stilles Klagen,
und was du keinem darfst erzählen,
magst du Gott gar kühnlich sagen.
Er ist nicht fern,
steht in der Mitten,
hört bald und gern
der Armen Bitten.
Gib dich zufrieden ...
EKG 295,5 eg 371,5

0 Herr,
höre du auch uns - und laß dein Wort eindringen in unser Herz, damit
es uns ganz erfüllt. Amen.

Lieder
EKG 542 Er weckt mich alle Morgen ... eg 452
EKG 190 Wohl denen, die da wandeln ... eg 295
EKG 431 Höchster Gott, wir danken dir ... eg ./.
EKG 336 All Morgen ist ganz frisch und neu ... eg 440

Materialien
- Strobel, August
"Der Brief an die Hebräer"
in Das Neue Testament Deutsch - NTD Band 9
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.12. A. 1981, S. 79 - 256;
hier: S. 118 - 120
- Biskup, Harald
"Abgewickelt in den Tod" in KÖLNER STADT-ANZEIGER 73 vom 26.03.1992
- Dostojewski, Fjodor Michailowitsch
"Die Brüder Karamasow", Zürich.Manesse Verlag, 2.A. 1987, Übertragung von Reinhold von Walter, S. 467 - 485, bes. S. 480
- Klepper, Jochen
"Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern 1932 - 1942"
herausgegeben von Hildegard Klepper, mit Genehmigung der Deutschen
Verlagsanstalt , Stuttgart (1956) erschienen im
Deutschen Taschenbuchverlag - dtv -, München. 2. A. 1983 als
Band 1207, S. 1133

Frieden und Gerechtigkeit in der Kirche

Predigt zum 18.10.1992 (18.S.n.Tr.)

Kanzelgruß:
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.

Als Predigttext hören wir aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom aus dem 14. Kapitel:
(17) Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern
Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
(18) Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei
den Menschen geachtet.
(19) darum laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur
Erbauung untereinander.
Rom. 14, 17 - 19
Lieber himmlischer Vater,
wie gern würden wir in Gerechtigkeit, Friede und Freude leben -
vor allem dann, wenn wir dir damit folgen und bei den Menschen geachtet werden. Aber das alles geschieht so nicht. Warum? Kannst du das ändern - können wir das? - Zeig du uns den Weg!
Amen
Der Textabschnitt heute gehört in einen größeren Zusammenhang. Paulus erklärt den Christen in Rom, daß sie sich nicht mit Äußerlichkeiten aufhalten sollen. Wenn einem Christen noch die alten Speisegebote des mosaischen Gesetzes wichtig sind, der soll sie beachten - auch weiterhin und nicht gestört werden dabei durch diejenigen, die ihr Glaubensleben von diesen Dingen Weg und hingewendet haben zum Kern der Botschaft Jesu. Er soll den, der die Speisegebote achtet, nicht stören, ihn in Ruhe lassen, denn das ist sein Weg, zu dem Kern der Botschaft Jesu zu gelangen.
Das Neue ist nun, daß dieser Kern der Botschaft Jesu, die Mitte des Reiches Gottes Gerechtigkeit, Friede und Freude sind. Vom Altar her hörten wir eine andere Geschichte, in der Jesus selbst spricht. Dort ist die Liebe der Kern seiner Botschaft - Mk. 11,28 - 34-. Das meint Paulus auch - er, der ja selbst an die Christen in Korinth schreibt:
"Nun aber bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1.Kor. 13,13
Doch können wir diese Liebe unter uns nicht einfach einfordern. Sie ist und bleibt Gnade und Geschenk. Für Christen gi1t, daß die Menschen überall auf dieser Welt die Liebe ihres Gottes erleben - auch dann, wenn ihnen das nicht bewußt ist. Wir sind uns sicher, daß als ein Zeichen, als Beweis und Siegel dieser Liebe Jesus Christus als Sohn Gottes auf diese Erde zu uns kam, als Mensch lebte, litt und starb und darüber hinaus uns voranging mit seiner Auferstehung, mit der er uns den Weg zu unser aller Vater, zu unserem Schöpfer weist. Weil uns die Liebe Gottes erreicht und weil wir uns dieser bewußt sind, deshalb haben wir die Kraft, auch unsererseits zu lieben und Liebe weiterzugeben. Das ist der Hintergrund vor dem unser Predigttext sagt, das Reich Gottes sei nicht Essen und Trinken.
Die römischen Christen hatten aus den Speisegesetzen ihrer Zeit vielfach Gewissensfragen gemacht - und so wucherten diese Auseinandersetzungen darüber, welches Gesetz wie wichtig sei, und die entscheidenden Fragen gerieten aus dem Blick. Kommt uns diese Erfahrung der römischen Christen nicht vertraut vor ?
Ich nenne einige Überschriften von Zeitungsüberschriften von Zeitungsartikeln der beiden letzten Jahre:
- "Kirchenaustritte sind immer häufiger. Stadtsuperintendent Kock zog Jahresbilanz" - KStA 278 v. 30.11./01.12.1991 -
- "Sie wollen nicht mehr daran glauben. Rekordzahlen bei Kirchenaustritten. (Stadtdechant) Westhoff sucht die 'wahren' Gründe!"
- KStA 61 v. 12.03.1992 -
- "Warum sich Kirchen leeren. In einem Gesprächskreis werden Gründe für den Austritt erörtert" - KStA 42 v. 19.02. 1992 -
- "Wir haben einen Christenmangel"
Zitat aus einem Gespräch des Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Kardinal Meisner aus Köln - KStA 229 v. 01.10.1992 -
Schließlich fragt der Präses unserer Landeskirche Peter Beier, "Steht die Glaubwürdigkeit Gottes durch die Kirchen auf dem Spiel?" - Er beantwortet diese Frage gleich selbst: „Gottes Glaubwürdigkeit läßt sich durch nichts und niemanden, nicht einmal durch das Versagen der Kirchen aufs Spiel setzen.“ nach KStA 228 v. 30.09.1992.
Was ist geschehen, daß verantwortliche Leiter der beiden großen christlichen Kirchen im Rheinland öffentlich diese Fragen stellen und so reden?
Ich frage Sie, hat sich für Sie die Kirche, unsere Kirche, in den letzten Jahren verändert? Ist sie schwächer geworden - oder stärker? Hat sie Ihnen etwas sagen können - oder blieben die Sätze, die sie sagt, oberflächliche Worte, Formeln aus einer fremden Welt?
Für meine Person erlebe ich die Kirche auf recht unterschiedliche Weise. Im Kern ist sie solide, stark und geht den rechten Weg. Sie wird getragen von der Liebe Gottes und gibt diese Liebe auf vielfältige Weise weiter. Ein Beispiel dafür haben wir erlebt, als Pfarrer Baumann aus der Einrichtung "Hephata" in Mönchengladbach am 27. August 1992 bei uns zu Besuch war. Zugleich erlebe ich aber auch, daß sich die Kirche in den vielfältigen Aktionen in der Welt verliert. Sie produziert immer mehr Papier - häufig werden die Aussagen der Texte dadurch immer flacher und nichtssagender. Auf unserer Kreissynode melden sich immer weniger Laien zu Wort - und wenn das einmal geschieht, dann stellen sie nur eine Frage - sie bewegen dort wenig, sie werden bewegt.
Unsere Kirche wird immer mehr zu einer verwaltenden Kirche, zu einer Kirche, die re-agiert auf das, was in der Welt geschieht, ohne von sich aus ihre Botschaft wirksam und gezielt den Menschen so zu sagen, daß sie Halt-bekommen und ihren Weg in der Welt erkennen. Damit wir uns recht verstehen: Ich sage nicht, daß unsere Kirche so ist, sondern, daß sie auf dem Weg ist, so zu werden. Der Kirche geht es aber nicht allein so. Vereine und Verbände, die politischen Parteien und die Gewerkschaften stellen alle fest, daß ihnen die Mitglieder abhanden kommen.
Der Präses hat schon recht, wenn er sagt, das hätte mit der Glaubwürdigkeit zu tun. Noch am Freitag sagte mir jemand, er habe die Kirche verlassen. Das hätte aber nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit der Institution Kirche. Er sei zu oft und zu stark enttäuscht worden von Menschen, die in der Kirche das Sagen haben. Das alles hat mit dem zu tun, was der Apostel "Essen und Trinken" nennt.
Nun hat sich der Apostel nicht an eine Institution, an eine Kirche gewandt, sondern er schreibt an die Christen in Rom. Wir können uns heute auch als Adressaten verstehen "die Christen in Leverkusen-Manfort". "Laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander"!
Wie gehen wir damit um?
Ich versuche, in dieser Kirche so zu wirken, daß sie offen ist für viele Menschen, daß sie zur Heimat aller Menschen werden kann -und doch erlebe ich immer wieder, daß meine Kräfte nicht ausreichen und ich sogar jene verletze, mit denen ich zusammen bin. Dann störe ich den Frieden und kann überhaupt nicht zur gegenseitigen Unterstützung beitragen - mit diesen Worten könnte man "Erbauung" übersetzen. Und doch ist da ein Weg, der weiterführt. Es sind andere da, die mir sagen: "So nicht!" Sie zeigen den Weg, sie gehen dann voran - und wir finden wieder zueinander.
Sehr lebhaft habe ich das am letzten Wochenende erlebt, als sich das Presbyterium das erste Mal ganz konkret mit der Nachfolge von Pfarrer Szyska beschäftigte.
Was aber hilft das Ihnen?
Lassen Sie mich noch einmal zur Kirche kommen und zu der erhöhten Zahl der Kirchenaustritte. Viele Menschen sind unzufrieden, weil sie von der Kirche mehr erwarten, als diese leisten kann, und oft mehr, als sie selbst bereit sind, zu tun. Die Kirche lebt aber davon, daß in ihr Menschen tätig sind, die den Glauben lebendig halten. Andere sind von der Kirche enttäuscht, weil Menschen in dieser Kirche sie verletzt haben. Schließlich gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht wissen, weshalb sie in der Kirche sind oder die Aufgabe der Kirche mißverstehen als eine Dienstleistungseinrichtung für Taufen, Trauungen und Beerdigungen.
Es muß in Zukunft dahin kommen, daß wir alle miteinander zur Kirche kommen, zur Kirche gehören und in ihr leben, weil wir die Liebe Gottes erfahren haben und in der Gemeinschaft anderer diese Liebe in der Welt weitergeben wollen.
Damit bin ich nun bei uns - bei jedem einzelnen. Zunächst sollen wir was mit Vergebung, mit Frieden, mit Gerechtigkeit zu tun hat, unterscheiden vom weniger wichtigen - von allem, was mit Formvorschriften, mit Äußerlichkeiten und auch mit menschlicher Schwäche zu tun hat. Dann sollten wir uns nicht wichtiger nehmen, als wir sind. Schließlich aber sollten wir alles tun, was in unserer Kraft steht, damit in unserer Kirche die Liebe Gottes lebendig, wirksam und unter uns Menschen auch sichtbar wird. Dazu wird jeder gebraucht. Als einzelne wissen wir oft nicht recht, wie wir das tun können. Und in der Kirche wissen die Verantwortlichen gelegentlich auch nicht immer, was einem derart Suchenden helfen könnte. Dann bleiben diese enttäuscht draußen vor der Tür.
Der Apostel schreibt:
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.

Lieber himmlischer Vater,
wir bitten dich um den heiligen. Geist, damit er uns erfülle und Kraft gebe, Gerechtigkeit, Friede und Freude in unserem Lebens und Wirkungskreis lebendig zu erhalten. Amen

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als. all unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.


Lieder:

eg 443 Aus meines Herzens Grunde ... eg 397 Herzlich lieb hab ich dich ... eg 401 Liebe, die du ...
eg 213 Kommt her, ihr seid geladen ... eg 170 Komm, Herr, segne uns ...

Materialien:
-Althaus, Paul
"Der Brief an die Römer" - Kommentar -
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 13.A.1978. S. 139 - 141
"Das Neue Testament Deutsch" - NTD Bd. 6
- Barth, Karl
"Der Römerbrief" (1922)
Zürich. Theologischer Verlag. 15.A.1989, S. 147 f
- Krause, Christian in "Assoziationen. Gedanken zu biblischen
Texten", Band 2, herausgegeben von Walter Jens
Stuttgart, Radius Verlag, 1979, 5. 169 f

vgl. Dieter Stork
Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt,
wo niemand einen andern in falscher Hoffnung wiegt.
Ich träume eine Kirche, die wahr ist und gerecht,
wir alle sind nun Freie und niemand Herr und Knecht. (Text und Melodie)