Montag, 29. Juni 2009

Wer ist Jesus?

6. Manforter Predigtreihe 2002 in der Evangelischen Johanneskirche Leverkusen-Manfort, Scharnhorststraße 40
- vom 02. bis 23. Juni 2002 -

16.06.2002 3. Sonntag nach Trinitatis

eg 552, 1-3 + 6 Licht, das in die Welt gekommen
eg 752.3, S. U 82 Psalm 119

Kollektengebet
Lieber himmlischer Vater, wir sind dankbar dafür, dass wir immer wieder aufs Neue vom Wirken und von der Frohen Botschaft deines Sohnes Jesus Christus berichten können.

Am dritten Sonntag der Predigtreihe, in der wir nach dem Auftrag deines Sohnes in der Welt fragen, bitten wir dich:
Sei du bei uns und stärke uns
durch deinen Heiligen Geist,
der du mit dem Sohn lebst
und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Epistel zum 3. Sonntag nach Trinitatis:
l. Tim. 1,12-17

eg 268, 1-5 Strahlen brechen viele aus einem Licht
eg 385, 1-3 Mir nach spricht Christus unser Held
eg 938, S. 1433 Fürbittengebet
eg 136,1 O komm, du Geist der Wahrheit

Predigt

Wer ist Jesus?
Vier Mal hintereinander steht diese Frage als Thema der Gottesdienste im Juni auf dem Plan.
Gilt diese Frage uns - gilt sie anderen?

Herr Theis (9.10.1945 bis 10.2.2002) schlug als Thema für die Predigtreihe in diesem Jahr die „Ich-bin-Worte Jesu im Johannesevangelium" vor und war freudig überrascht zu erleben, dass wir anderen sofort zustimmten.

Ich nenne sie:
02.06. - Ich bin das Brot des Lebens.
Peter Richmann Joh. 6,35

09.06. - Ich bin die Tür. Ich bin der gute Hirte.
Jürgen Berghaus Joh. 10,11, 14+1

16.06. - Ich bin das Licht der Welt.
Helmut Böhme Joh. 8,12
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben
Joh. 14,6

23.06. - Ich bin die Auferstehung und das Leben
Jürgen Berghaus Joh. 11,25

Wir nehmen also Jesus als Zeugen für seine Identität. Die Kritiker fragen: „Du zeugst in eigener Sache. Wer kann dir da glauben?" Die anderen Evangelisten bezeugen Gottes Wort bei der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer: „Dies ist mein lieber Sohn ..." (Mk. 1,15; Mt. 3,17; Lk. 3,22). Für den Evangelisten Johannes ist die Einheit von Vater und Sohn so selbstverständlich, dass der Sohn auch seine eigene Identität bezeugen kann: „Wer mich sieht, der sieht den Vater," sagt Jesus (Joh. 14,9).

Hören wir jetzt noch einmal die Worte Jesu für den heutigen Sonntag:
Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandern in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Joh. 8,12
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater,
denn durch mich. Joh. 14,6

Zunächst: Es geht um Bilder. Wir fragen: Was bedeuten sie?
- Ich bin das Licht der Welt.
Jesus bündelt nicht alles Licht der Welt in sich. Er verkörperte nicht das Licht seiner Zeit - und auch nicht das der Gegenwart mit ihren vielen künstlichen Lichtquellen in der Reklame und anderswo.
Er bringt das Licht der Liebe Gottes in diese Welt hinein - das Licht für diese Welt. In Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben - ja, auch in Jesu Auferstehung - können wir Gottes Liebe in dieser Welt sehen und spüren. „Licht für diese Welt", das heißt zugleich „Gott wird Mensch in dieser Welt, für diese Welt". Mit dem Lied vor der Predigt haben wir die Wirkung beschrieben, die dieses Licht in der Welt hat. Es überwindet die Nacht - auch in unserem Herzen - und den starren Frost - in unseren Seelen -. Dann brechen Strahlen aus diesem Licht, das Christus ist. Zweige wachsen aus diesem Stamm und vielfältige Gaben werden wirksam, weil wir uns von Gott angenommen und geliebt wissen. Aus den Gaben, die wir haben, entstehen Dienste, für die wir fähig werden - und die ihre Lebenskraft aus dem Geist der Liebe gewinnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir diese Dienste auch im Geist der Liebe annehmen. Das gilt für ehrenamtliche Dienste ebenso wie für haupt- und nebenberuflich organisierte Dienste - und für die Vertretungen mancherlei Art: Organisten, Pfarrer, Jugendmitarbeiter und andere mehr.

Jesus fährt dann fort:
Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Zur Zeit Jesu glaubten viele Menschen, dass die Welt beherrscht würde vom Kampf der Mächte der Finsternis und der Mächte des Lichts. Im Mittelalter vor allem war ganz eindeutig: Der Herrscher im Reich der Finsternis ist der Satan, der Teufel und der Herrscher im Reich des Lichts ist Jesus Christus.
Mich hat erschreckt, dass bis in dieses 21. Jahrhundert hinein dies Muster von Gut und Böse die Auseinandersetzung zwischen den Menschen und zwischen den Staaten beherrscht. Der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika spricht nur aus, was viele Menschen auch heute noch denken: Wir stehen auf der Seite des Lichts und kämpfen gegen die Mächte der Finsternis. Und so kommt es dazu, dass Weltpolitik betrieben wird, um die „Achse des Bösen" zu bekämpfen. Präsident George W. Bush erklärte in seiner diesjährigen „Rede zur Lager der Nation" der „Achse des Bösen" den Krieg und nannte den Irak, den Iran und Nordkorea als Staaten, die diese Achse bilden.
Ich bin im Laufe meines Lebens vorsichtig geworden. Es ist ganz natürlich, dass ein Politiker die Gemütslage seiner Wähler und der Bürger des von ihm vertretenen Staates erkennen muß. Es kommt darauf an, wie er mit dieser Erkenntnis umgeht. Schwierig wird es, wenn er das Schwarz-weiß-Denken, das Denken in Kontrasten auf die Weltpolitik überträgt und damit Politik betreiben will.
Ich habe nur ein Beispiel genannt, das Ihnen wohl allen bekannt ist. Es steht für andere vergleichbare Einstellungen. Für mich ist es wichtig, dass Gut und Böse in uns allen angelegt ist. Christus hat die Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar gemacht und zum Strahlen gebracht. Wir, wir Menschen, sind es, die uns immer wieder von ihm entfernen, denn wir sind unvollkommen. Wer sich der Liebe Gottes öffnet, wie es das Lied beschreibt, der wird am Ende das „Licht des Lebens" haben, wie Jesus sagt. Am Ende siegt die Liebe - in diesem Leben - und in dem, das danach kommt, davon hören wir am kommenden Sonntag mehr.

— Schließlich das letzte Wort Jesu für den heutigen Sonntag.
Ich bin der Weg,
die Wahrheit und das Leben;
niemand kommt zum Vater denn durch mich. Joh. 14,6

Jesus hat eben seinen Jünger Petrus angekündigt, dass dieser ihn drei Mal verleugnen wird, obwohl dieser streitbare Jünger sein Leben für Jesus opfern will.
Da beruhigt Jesus die Jünger und erklärt ihnen, er gehe ihnen voraus in seines Vaters Haus mit vielen Wohnungen, um ihre Aufnahme dort vorzubereiten.
Die Jünger sind unruhig. Thomas fragt nach dem Weg den Jesus ihnen vorausgehen will. Jesus antwortet ihm: „Ich bin der Weg ...." - Vorhin hieß es „Wer mir nachfolgt ...". Mir scheint, beides meint annähernd das gleiche: Wer sich der Liebe Gottes öffnet, der findet einen Weg, der zu Gott führt.
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben ..." Jesus bezeugt hier, dass er der Weg ist, der durch diese Welt - hinaus führt zum Vater, der uns in Liebe aufnimmt.
Im jüdischen Sinne ist „wahr" ein Mensch, der hält, was er verspricht. Wir kennen ein Weihnachtslied, in dessen dritter Strophe es heißt:
... Wahr Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allen Leide,
rettet von Sund und Tod,
eg 30,3 Es ist ein Ros entsprungen ....
Ein „wahrer" Mensch ist „treu" und „verläßlich". Im Johannesevangelium kann Wahrheit auch bedeuten: „Freiheit", „Licht" und „Leben". Ich bin die Wahrheit, könnte dann bedeuten: Ich halte, was ich verspreche; ich bin treu; ich mache euch frei.

„Ich bin .... das Leben" Ein Fremder wird uns zugestehen, dass Jesus lebt, dass er gelebt hat „Er ist das Leben", das versteht er nicht. Für uns Christen dagegen ist eines ganz deutlich. Jesus Christus verkörpert „das Leben in Gottes Liebe hier auf dieser Welt." Wir ahnen vielleicht, dass damit zugleich das „ewige Leben" gemeint sein kann. Doch davon am nächsten Sonntag.
Wir fragen am Ende: „Wer ist Jesus?"
- Er verkörpert die Liebe Gottes in dieser Welt - bis hin zur Selbstaufopferung.
- Als Licht stellt er sich gegen Hoffnungslosigkeit, Zerstörung, Gewalt und auch gegen die schwarze Nacht in unserer Seele und die Finsternis in dieser Welt.
- Als Weg bringt er uns in Bewegung auf ein Ziel hin - jenseits dieser Welt. Das macht uns das Leben leicht - hier ist nicht alles am Ende - aber auch schwer - was kommt danach?
Im folgenden Lied singen und hören wir etwas zu diesem Weg. Es ist weit über 300 Jahre alt (Johann Scheffler, 1668) und gibt die Weltsicht der frommen Christen nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder. Die Sprache ist manchem von uns fremd und ungewohnt.
Das Lied vor der Predigt aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt aus Schweden (Anders Frostenson - 1972 - 1974). Diese Sprache ist uns vertrauter.
Dennoch gibt auch das folgende Lied die Botschaft Christi wieder - in einer anderen Zeit und an andere Christen. Lassen wir uns einladen auf seinen Weg!
Amen

Materialien
- "Stuttgarter Erklärungsbibel - Lutherübersetzung mit Einführung
und Erklärungen -"
Stuttgart. Deutsche Bibelgesellschaft.2.A. 1992, S. 1344; 1357 seit 2007 mit Apokryphen. 3.A.
- "Neue Jerusalemer Bibel. Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der
Jerusalemer Bibel "
Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe. Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vogtle in Verbindung mit Johannes Fl. Nützel Freiburg. Herder. 12.A. 1985. 2001. S. 1526 f, 1538
- Schulz, Siegfried
"Das Evangelium nach Johannes", übersetzt und erklärt
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 14.A. 1978, S. 124 - 131; 184 - 187
Neues Testament Deutsch - NTD - Band 4
- "Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten", herausgegeben von
Walter Jens
Stuttgart. Radius Verlag. Band 3.1980
Fritz Sänger, S. 30 f; Heinrich Albertz, S. 39f
- Voigt, Gottfried
o "Der rechte Weinstock" Homiletische Auslegung der Predigttexte
Reihe III
Berlin. Evangelische Verlangsanstalt. 2.A. 1974, S. 42 - 47 o "Die geliebte Welt" Homiletische Auslegung der Predigttexte .
Neue Folge: Reihe III
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 2.A. 1986, S. 51 - 57; 70 - 76

Sonntag, 28. Juni 2009

Geist der Liebe - mit Christus leben

27.05.2001 Predigt zum Sonntag EXAUDI
- Gottesdienst mit Paul Gerhardt an seinem 325. Todestage -

Kanzelsegen
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen (nach Röm 15,24)

Der für den heutigen Sonntag Exaudi (= dt. Erhöre!) vorgeschlagene Predigttext steht im Evangelium nach Johannes im 14. Kapitel, in den Versen 15 bis 19:

15) Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.
16) Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit:
17) Den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
18) Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.
19) Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. (Joh. 14, 15-19)

Lieber himmlischer Vater, hilf unser Leben unter dein Wort zu stellen und gib uns die Kraft, danach zu leben. Amen.

"Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten ..."
Da steht das Wort an erster Stelle, das für Jesus das wichtigste Gebot im Gesetz ist: Wir sollen Gott lieben und unseren Nächsten wie uns selbst Für mich ist dieses Wort eine Art Maßstab, mit dem ich feststellen kann, was christlich und was unchristlich ist. Es steht auch viel Unchristliche in der Bibel. Jedenfalls umfaßt diese Liebe mehr als sinnliche Zuneigung und Leidenschaft.

"...Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit ..."
Mit diesen Worten verspricht Jesus, daß er für seine Jünger bei seinem Vater bitten wird. Er bittet um den Heiligen Geist. Damit ist gesagt, daß die Menschen, die sich zu Jesus bekennen, damit rechnen können, daß Gott sie nicht verläßt. Sein Heiliger Geist verläßt sie in, Ewigkeit nicht. - Das heißt nun nicht, daß Christen stets vom Heiligen Geist erfaßt und durchdrungen sind. Sie bleiben Menschen nach wie vor - mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen. Sie kennen aber ein Ziel. Sie wissen,
worauf es ankommt.

„ ...ich lebe und ihr sollt auch leben."
Diese Worte sagt Jesus, nachdem er angekündigt hat, er werde die Jünger verlassen. Daß Jesus sterben, auferstehen und zum Himmel auffahren wird, das wußten die Jünger nicht. Jesus aber sagt ihnen, daß er alles überleben, ja mit neuem Leben erfüllen wird und daß deshalb auch sie leben werden. - Ahnen wir etwas von diesem Leben, in dem die Liebe regiert, die alles umfängt?

An dieser Stelle möchte ich an Paul Gerhardt erinnern, den Namensgeber der Kirche in Rheindorf-Nord.
Am 12.März 1607 in Sachsen geboren, studierte er in Wittenberg Theologie, war einige Zeit Hauslehrer und erhielt mit 44 Jahren seine erste feste Anstellung als Pfarrer in Mittenwalde (Probst). Nach sechs Jahren wurde er an die Nicolaikirche in Berlin berufen. Wegen einer Auseinandersetzung mit seinem Landesherrn, dem Kurfürsten von Brandenburg, verlor er diese Stelle. Er war drei Jahre arbeitslos. Schließlich kam er nach Lübben im Spreewald. Dort starb er am 27. Mai 1676. Das war vor 325 Jahren - auf den Tag genau. Paul Gerhardt hatte ein schweres Leben. Als er fünfzig Jahre alt war, verlor er beide Eltern. Er wurde 69 Jahre alt - dreißig Jahre darunter war Krieg (1618 - 1648). Seine Frau gebar ihm fünf Kinder, von denen aber nur eines ihn überlebte. - Ein trauriges Leben? -
Wir singen heute nur Lieder von Paul Gerhardt. Sie sind lebendige Zeugnisse dafür, was es heißt, mit Christus zu leben.
Zwei davon möchte ich nun genauer ansehen - das Lied vor und das Lied nach der Predigt.

Zieh ein zu deinen Toren,
sei meines Herzens Gast,
der du, da ich geboren,
mich neu geboren hast,
o hochgeliebter Geist
des Vaters und des Sohnes,
mit beiden gleichen Thrones,
mit beiden gleich gepreist.

Mit diesen Worten, begrüßt er den Heiligen Geist, der in ihn einziehen so1l — wie Jesus es in unserer Textstelle es zugesagt hatte.

Zieh ein, laß mich empfinden
und schmecken deine Kraft,
die Kraft, die uns von Sünden
Hilf und Errettung schafft.

Hier ist alles Erfahrung - das heißt, mit dem Herzen verarbeitetes Erlebnis. Und so geht es weiter:

Du bist der Geist, der lehret,
wie man recht beten soll;
dein Beten wird erhöret
dein Singen klinget wohl ...

Du bist der Geist der Freuden,
von Trauern hältst du nichts,
erleuchtest uns im Leiden
mit deines Trostes Licht.

Du bist ein Geist der Liebe,
ein Freund der Freundlichkeit,
willst nicht, daß uns betrübe
Zorn, Zank, Haß, Neid und Streit.

Der Heilige Geist lehrt beten, er hält nichts vom Trauern - ja er ist ein Geist der Freude, der tröstet. Schließlich ist er ein Geist der Liebe. - Paul Gerhardt kannte seinen Gott. -
Er hat nur die Texte der Lieder, Gedichte, geschrieben. Seine Freunde in Berlin, die Kantoren Johann Crüger und Johann Georg Ebeling haben sie vertont. Johann Crüger vertonte dieses Lied im Jahre 1653. -

Das zweite Lied wurde sechs Jahre nach Gerhardts Tod von dem Stadtmusiker Jakob Hintze in Berlin vertont. Im Gesangbuch steht "Gib dich zufrieden ..." in der Abteilung "Glaube, Liebe, Hoffnung" und ist dem Abschnitt "Angst und Vertrauen" zugeordnet. Viele von uns kennen es als Lied, das auf Beerdigungen gesungen wird. Hören wir hinein:

Gib dich zufrieden und sei stille
in dem Gotte deines Lebens!
In ihm ruht aller Freuden Fülle,
ohn ihn mühst du dich vergebens,
er ist dein Quell und deine Sonne,
scheint täglich hell zu deiner Wonne.
Gib dich zufrieden.

Viele verstehen dieses "Gib dich zufrieden und sei stille ..." als eine Aufforderung zur Resignation: Sei zufrieden mit dem, was du hast. Streng dich nicht mehr an. Aber das ist nicht Paul Gerhardts Aussage. Er ist durchaus ein Kämpfer! Resignation liegt ihm nicht – auch nicht das Kuschen vor dem Schicksal, das ihn schlägt. Er meint etwas anderes - und das macht mir das Lied so lieb und wertvoll .
"Gib dich zufrieden" - das heißt, ergib dich nicht der Hektik dieser Welt; sage nicht immer "nein" zum Leben und zu allem, was es dir bringt! - Und Gerhardt sagt, warum er in diesem Sinne "zufrieden" sein kann. Sein Gott ist die Fülle der Freude, von ihm kommt Kraft und Licht. Warum willst du dann unzufrieden sein und mit deinem Schicksal hadern?

Er ist voll Lichtes, Trost und Gnaden,
ungefärbten, treuen Herzens,
wo er steht, tut dir keinen Schaden
auch die Pein des größten Schmerzens,
Kreuz, Angst und Not
kann er bald wenden ---

Wie dir's und andern oft ergehe,
ist ihm wahrlich nicht verborgen,
er sieht und kennet aus der Höhe
der betrübten Herzen Sorgen.
Er zählt den Lauf der heißen Tränen
und faßt zuhauf all unser Sehnen.
Gib dich zufrieden!

Er hört die Seufzer deiner Seelen
und des Herzens stilles Klagen,
und was du keinem darfst erzählen,
magst du Gott gar kühnlich sagen.
Er ist nicht fern, steht in der Mitten,
hört bald und gern der Armen Bitten.
Gib dich zufrieden.

Ja, das ist ein Trösten aus dem Herzen heraus und aus Glaubenserfahrung, die Kraft gibt! Licht und Trost und Gnade - das ist Gottes Fülle - und unser Schutz vor Kreuz, Angst und Not, die uns in Verzweiflung stürzen wollen. Wir sind vor all dem nicht sicher. Aber wir wissen, daß Gott bei uns ist. Da hat es die Verzweiflung schwer.
Und schließlich kennt Gott uns. Ihm dürfen wir alles sagen. Nicht, daß wir ihm damit Neues sagen könnten. Aber wir selbst erleben das Gesagte neu und anders. Indem wir es Gott sagen, erhält es eine andere Dimension.

Biographische Züge hat das Lied "Ich bin ein Gast auf Erden . . .", das wir unter Nummer 529 im Gesangbuch finden. Paul Gerhardt beschreibt darin einige seiner Lebenserfahrungen. Lassen Sie mich nun mit Worten von Paul Gerhardt enden:

Ich weiß, mein Gott,
dass all mein Tun und Werk
in deinem Willen ruhn,
von dir kommt Glück und Segen,
was du regierst, das geht und steht
auf rechten, guten Wegen.
Amen

Kanzelsegen
Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.


MATERIALIEN

Lieder
"Wach auf, mein Herz. ..." eg 446
"Zieh ein zu deinen Toren ..." eg 133
"Gib dich zufrieden und sei stille ..." eg 371
"Lobet den Herren alle, die ihn ehren ..." eg 447
"Sprich ja zu meinen Taten ..." eg 446
"Geh aus mein Herz und suche Freud ..." eg 503 (Zusatzangebot)
Psalm 27, eg 713.2

Lesung: Epheser 3, 14 - 21
Fürbittengebet: "Gott, so viele leben in unserer Stadt ..." eg 928, S. 1428

Kommentare
- "Stuttgarter Erklärungsbibel" nach Martin Luther
Stuttgart. Deutsche Bibelgesellschaft. 2.A. 1992, S. 1358
- "Neue Jerusalemer Bibel. "Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der
Jerusalemer Bibel
Freiburg. Herder.12.A. 2001, S. 1538
- Schulz, Siegfried
"Das Evangelium nach Johannes" übersetzt und erkläret
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 14 .A . 1978, S. 187 - 192 , NTD Bd. 4
- Voigt, Gottfried
"Homiletische Auslegung der Predigttexte" Reihe V: "Die bessere Gerechtigkeit"
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 2.A.1988, S. 248 - 255
- Scharf, Kurt in "Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten"
Band 5, 1982, S. 112 f Stuttgart. Radius Verlag.

Zeitungsartikel

- DER WEG - Zeitung im Gebiet der Rheinischen Landeskirche -
Nr. 22 vom 27.05.2001

Bunners, Christian: "Lieder für die Menschen wahr und schön"
325. Todestag. Einige Strophen von Paul Gerhardt gehören zu den bekanntesten Texten deutscher Sprache überhaupt.

Nachtrag 2009

- Bunners, Christian
"Paul Gerhardt : - Weg - Werk Wirkung" Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht 4. A. 2007, 319 S.
- Gerhardt, Paul
"Sämtliche deutsche Gedichte" mit Illustrationen von Egbert Herfurth und Melodien von 10 Liedern im Anhang
herausgegeben von Reinhard Mawick, mit einer Einführung von Inge Mager Leipzig. Faber & Faber. 2.A.2007, 274 S.
- Becker, Hansjakob und 7 andere (Hrsg.)
"Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder" München. C.H. Beck. 2001, 3. 249 - 290; 299 - 309

Hinweis
Der Gottesdienst am 27.05.2001 wurde in Rheindorf-Süd gehalten, in der Lukaskirehe3 Wittenbergstr. 5. Die Paul-Gerhardt-Kirche liegt im Pfarrbezirk Rheindorf-Nord, Elbestr. 6. Seit dem Jahre 2003 plante die Evangelische Gemeinde Leverkusen-Rheindorf den Neubau eines Gotteshauses. Die beiden Kirchen in Rheindorf-Süd und in -Nord sind aufgegeben. Jetzt hat die Gemeinde eine Kirche, die Hoffnungkirche. Im Jahre 1986 lebten im Stadtteil Rheindorf 15.867 Einwohner, darunter waren 5.308 evangelisch. Achtzehn Jahre später, im Jahre 2004, lebten 16.377 Einwohner im Stadtteil, darunter 3.823 evangelische. Der Anteil der Evangelischen im Stadtteil Rheindorf ist in dieser Zeit von 33 auf 23 v.H. gesunken.
Dann noch ein persönlicher Hinweis: Im Jahre 1965 wurden meine Frau und ich in der Lukaskirche getraut - in Rheindorf-Nord gab es noch keine Kirche. In der Paul-Gerhardt-Kirche wie in der Lukaskirche habe ich später als Lektor und Predigthelfer Gottesdienste gehalten. - Auf diese Weise verbindet sich persönliche Biographie mit dem Schicksal der Kirche vor Ort.

Helmut Böhme