Montag, 19. Januar 2009

Kirche und Mauerfall - Silvesterpredigt 1989

letzter Sonntag im Kirchenjahr, erster Sonntag nach dem Christfest, Silvester, Morgengottesdienst

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus.

Als Predigttext hören wir aus dem Buch des Propheten Jesaja im Kapitel 49 die Verse 13 bis 16:
(13) Jauchzet, ihr Himmel; freue dich Erde!
Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen!
Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
(14) Zion aber sprach: Der Herr hat mich verlassen,
der Herr hat meiner vergessen.
(15) Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen,
daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.
(16) Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet;
deine Mauern sind immer vor mir.

Herr, unser Gott,
ja - wir wissen, daß du uns nicht verläßt. Wir wissen, daß du uns mit
der Geburt deines Sohnes als deine Kinder angenommen hast. - Und dennoch
erfüllt uns die Angst und Not dieser Welt: vor uns, vor den anderen und
selbst vor dir.
Hilf uns, daß wir frei werden, als deine Kinder dir in Vertrauen und
Liebe zu folgen! Amen.

Kennen Sie das? -
Da gibt es Menschen, die drückt ihr Leid und ihre Not so darnieder, daß all ihr Denken und Tun nur um dieses Leiden kreisen kann, sich nur mit der Qual ihrer Not beschäftigt. Als Außenstehende erkennen wir wohl, daß sich diese Menschen im Kreis bewegen - aber wir wissen nicht, wie wir ihnen helfen können. Oft können wir auch nicht ausschließen, daß gerade diese ständige Klageden Menschen in die Lage versetzt, sein Leben auszuhalten - so, wie es nun einmal ist.
Klagen wir nicht selbst auch ab und zu? Welche Erfahrungen haben wir mit der Klage über unser Leben gemacht?
In der Vorbereitung auf diese Predigt habe ich mühelos vier Seiten mit Klagen über mein persönliches Handeln als Presbyter, Prediger und ehemaliger Kirchmeister - aber auch mit Klagen vieler Presbyter über die eigene Unvollkommenheit und das Leben in der Gemeinde zusammengetragen.
Es würde uns gewiß helfen, wenn wir das alles einmal aussprechen würden und einander sagen könnten. Ich habe dann aber abgebrochen, weil meine Sammlung die Predigt auf ein falsches Gleis gebracht hätte.
Klagen hilft uns nicht weiter - wenigstens nicht Klagen allein! Es verstellt den Blick in die Zukunft und zwingt uns, rückwärts zu sehen. Wir verlieren die Kraft, in der Gegenwart gestaltend zu wirken und Zukunft zu ermöglichen.
Der Prophet wendet sich an das Volk Israel, das zu großen Teilen in Babylon, in der Verbannung, im Exil lebt. Er verkündet das nahe Ende der Vertreibung aus Juda und bricht in den Lobesruf aus: Jauchzt, ihr Himmel, freue dich Erde! Lobet ihr Berge mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden!
Wir hören einen Menschen, der sich nicht lassen kann vor Glück - einen Menschen, dem sich der Jubel nur so aus dem Munde drängt - ein Ausleger dieser Stelle gebraucht das Bild, der Prophet "platze vor Jubel."
Wie kommt das? Wohl seit fünfzig Jahren leben diese Juden entfernt von ihrer Heimat. Der Tempel, Mittelpunkt und Stolz ihres Glaubens und ihres Staates, ist zerstört. Fremde üben die Herrschaft aus. Das Volk weiß: Gott hat uns verlassen, er hat sich von uns abgewendet, er straft uns in seinem Zorn.
In einer solchen Lage kann der Prophet schon "platzen vor Jubel", wenn er erfährt, daß sich Gott seinem Volk wieder zuwenden und es heimführen wird.
Seine Hörer können das Neue nicht fassen. Sie setzen ihre alte Klage fort.
Ich denke, wir haben viel gemeinsam mit dem Verhalten der Juden damals in Babylon, die ihre persönliche und religiöse Not so belastete, daß
sie für anderes keinen Sinn und keine Kraft mehr aufbrachten.
Der Prophet rüttelt die Juden auf. Er verweist auf die Liebe der Mutter zu ihrem Kind, die doch so stark und unwandelbar sei, daß eine Mutter ihr Kind nie im Stich läßt. Aber selbst dann, wenn sie es dennoch täte -Gott verhält sich anders. Er vergißt seine Kinder nicht, er bleibt Trost und Zuflucht seines Volkes Israel - ja, er hat dieses Volk in seine Hand gezeichnet und trägt es auf diese Weise immer sichtbar mit sich. -
Eine Woche nach Weihnachten dürfen wir den Gedanken aufnehmen. Aus dem gleichen Prophetenbuch stammen die Worte der Verheißung, die wir
Weihnachten hörten:

Der Herr wird euch selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine
Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie
nennen Immanuel ... (d.h.: Gott mit uns) Jesaja7,14
Das Volk, das im Finstern wandelt,
sieht ein großes Licht,
und über denen,
die da wohnen im finsteren Lande,
scheint es hell. Jes. 9,1
Und dann folgt - wohl an die 700 Jahre später - die Verkündigung der Geburt Jesu durch den Engel vor den Hirten bei Bethlehem:
Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch
große Freude,
die allem Volke widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr,
in der Stadt Davids.
Lk. 2, 10b,11
Nach dem Tode Jesu wird uns dann bezeugt - in der Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern, die auf dem Weg nach Emmaus sind:
... er öffnete ihnen das Verständnis, so daß sie die Schrift verstanden und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, daß Christus leiden wird und auferstehen an dritten Tage; und daß gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem.
Lk. 24, 45 - 47
Das ist ein weiter Bogen der Gottesoffenbarungen im Zeugnis der Christen. An der Schwelle zum letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts und der zweiten tausend Jahre nach Christi Geburt sollten wir uns diese zeitliche Dimension sehr wohl vor Augen führen.
Was die Juden in Babylon alles nicht wissen konnten, das ist uns lebendig entgegen getreten. Gott ist Mensch geworden! Er hat uns angenommen so, wie wir sind: arm, schwach und schwankend in dem, was wir tun. -
Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Es ist gut, zurückzublicken - und Ausschau zu halten.
Mein Rückblick führt mich zu den Themen der beiden Tagungen unserer Kreissynode:
- Ausländerwahlrecht in den Kommunen
und Neues Gesangbuch - im Frühjahr
- Seelsorge und Diakonie - im Herbst
Die Fremden unter uns, das Fremde in uns: Wie gehen wir damit um? Können wir auf Jesu Wort vertrauen: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden"? - Joh. 16, 33b
Ich fürchte, die Angst dieser Welt schlägt in uns immer wieder durch. Die Synode hat sich dafür ausgesprochen, daß Ausländer in den Gemeinden und Landkreisen unseres Landes volles Wahlrecht erhalten.
Ich hatte es für alle Teile hilfreicher empfunden, wenn wir die Menschen verachtende, von Angst und Überheblichkeit gleichermaßen geprägte Praxis im Umgang mit Ausländern deutlich angesprochen und dagegen die Forderung gestellt hätten, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst (3. Mose 19,18; Mt. 22,39). Wir hätten dann aufzeigen müssen, wie der liebevolle Umgang miteinander im Alltag und in der Bürokratie aussieht. Aber dazu hatten wir wohl nicht die Kraft.
Die Kreissynode hat sich über ein neues Gesangbuch Gedanken gemacht *• und ich werde nie vergessen, daß ein Gemeindepfarrer mir sagte, von gut 2,000 Gemeindegliedern besäßen wohl höchstens zwölf ein eigenes Gesangbuch. Das neue Gesangbuch soll ein Haus- und Lebensbuch für den mündigen Christen im nächsten Jahrhundert sein. In ihm sollen die Glaubenszeugnisse gebündelt werden, die in zweitausendjähriger Geschichte der Verkündigung der Botschaft von der Liebe Gottes für den einzelnen Menschen Bestand gewonnen hatte und ihm Kraft geben können in Zeiten der Not und der Anfechtung: Gebete, Lieder, Psalmen, Glaubensbekenntnisse unserer Kirche und jene Erklärungen aus diesem Jahrhundert, die mit den Namen Wuppertal, Stuttgart und Darmstadt verbunden sind.
Wie ich in der Zeitung lese, wächst die Zahl der Menschen, die keine Bücher mehr lesen ("Die Bücherflut steigt, doch gleichzeitig wächst die Zahl der Nichtleser" in "Kölner Stadt-Anzeiger 304 vom 30./31.12.89 Silvesterausgabe 1989).
Es wäre schade, wenn auch unter den Christen immer weniger Menschen bereit und in der Lage wären, in die Bibel zu schauen und in einem Gesangbuch zu lesen. Als Christen sollten wir ein eigenes Verhältnis zum Worte Gottes finden und zu den Zeugnissen der Menschen, die er mit seiner Liebe erreicht hat. Die Kirche kann diese Zeugnisse nur sammeln und weitergeben. Mit Leben erfüllen müssen wir sie selbst.
Bevor wir in Manfort neue Gesangbücher bekommen, wird viel Zeit vergehen. Ich denke, es können noch zehn Jahre werden. Aber den Umgang mit dem Gesangbuch üben, das können wir schon heute - und im neuen Jahr, jeden Tag.
Seelsorge und Diakonie - vieles ist in der Erörterung organisatorischer Fragen steckengeblieben. In der Arbeitsgruppe, an der ich mich beteiligte, ging es um die Seelsorge im Krankenhaus. Mir ist in diesen Gesprächen deutlich geworden: Auch hier wird der mündige Christ verlangt der von sich aus klar und deutlich sagt: Ich möchte den Pfarrer oder die Pfarrerin sprechen. Die evangelische Krankenhausseelsorge legt Wert auf ein gründliches und ruhiges Gespräch. Sie will dort sein, wo sie wirklich gebraucht wird. Dabei gilt es ein Mißverständnis zu beseitigen, das im Erlebnis einer jungen Pfarrerin zum Ausdruck kommt. Als sie ins Krankenzimmer tritt und sich als Krankenhausseelsorgerin vorstellt, entgegnet der Patient spontan „Ist es schon so weit?“ Er befürchtet, daß er jetzt sterben muß. Der Seelsorger oder die Seelsorgerin sollte nicht nur zur letzten Stunde gerufen werden - das auch, aber mehr noch und viel wichtiger ist das Gespräch mit ihm in all den Jahren zuvor, damit unser Verhältnis zu Gott wachsen kann - an Liebe und an Intensität des Glaubens. Der Besuch des Seelsorgers kennzeichnet nicht das Ende aller Hoffnung, sondern den neuen Beginn einer, ja, der großen Hoffnung! -
Wenn Sie sich Zeit und die Ruhe zu einem Rückblick nehmen, dann wird es Ihnen wohl ähnlich gehen wie mir. Sie werden feststellen: Es ist vielerlei und recht verschiedenes in diesem Jahr geschehen und uns
begegnet.
Das Bewegendste war wohl das Ende der Zwangsherrschaft in den Staaten des Ostblocks und hier besonders in der Deutschen Demokratischen Republik, die nun auf dem Wege ist, wirklich demokratisch zu werden.
Am Freitag, 10.11.1989, hörten wir in den Fernsehnachrichten davon, daß die Mauer und der Eiserne Vorhang Löcher bekommen hatten und jeder Bürger der DDR ohne Einschränkung und bürokratische Hindernisse in das Bundesgebiet einreisen könnte. Ich versuchte, meinen Cousin in Ost-Berlin telefonisch zu erreichen - vergeblich. Da habe ich ihm, seinem Bruder in der Nähe von Meiningen und ihrer Mutter einen Brief geschrieben und sie allesamt mit allen Kindern eingeladen, uns einmal zu besuchen. Lange Zeit erhielten wir keine Nachricht. Dann kam ein Brief aus Berlin: Dank für die Einladung. Die Besuche in West-Berlin haben schon einen lebendigen Eindruck vermittelt. Jetzt wolle man erst einmal - soweit Zeit und Geld reichen - Besuche im nahegelegenen Norddeutschland machen Das Rheinland komme später dran.
Schließlich, an einem Mittwoch, 29.11.1989, gegen 22:3o Uhr klingelt es an unserer Haustür. Ein junger Mann steht davor: "Ich komme aus der DDR.“ Ich bin unsicher. Er spürt das. "Ich bin ..." und er sagt, daß er der älteste Sohn meines Cousins aus der Meininger Gegend ist (Bezirk Suhl). Wir kannten uns nur von Fotos. Als Reichsbahner hat er freie Fahrt und so entschloß er sich, drei restliche Urlaubstage am Rhein zu verbringen .
Wir benachrichtigten unsere Tochter an ihrem Studienort in Dortmund. Sie kam am Tag darauf. Es gab viel zu erzählen. Am dritten Tage trennten wir uns, als hätten wir uns schon immer gekannt. Da, er hat mit meiner Tochter bereits Pläne geschmiedet, wie er sich an ihrer Reise nach London beteiligen kann, die sie für die Semesterferien im kommenden Jahr plant.
Beide jungen Menschen sind gut halb so alt wie die beiden deutschen
Staaten und haben keine andere deutsche staatliche Realität kennen
gelernt. Gewiß, sie wußten voneinander. Beide sind sie auch bewußte
Christen - auf ihre Weise. Auch das verbindet.
Und doch bleibt es für mich ein Wunder dieser Tage, daß vierzig Jahre erzwungener Trennung die Gemeinschaft der flanschen nicht zu zerstören vermochte - und das über Generationen hinweg. Das ist meine Erfahrung allein im Jahre 1989.
Dabei könnten wir jetzt auch auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken. Was ist nicht alles in diesen Jahren geschehen - - - !
Für mich ist dies heute genug.
Fast sechzig Jahre dauerte das babylonische Exil der Juden, denen Jesaja die Rückkehr in die Heimat und die Gnade ihres Gottes verkündete -gut zweieinhalb Jahrtausende später findet ein Volk nach vierzigjähriger gewaltsamer Trennung wieder zu friedlicher Begegnung zusammen in unbeschreiblichem Jubel und dankbarer Freude. Dieses Mal war es die Kirche, die den Hoffenden Mut machte und Asyl gewährte.
Ist dies nicht ein Anlaß zu Freude und Dankbarkeit - auch, und gerade gegenüber Gott, unserem Herrn?
Unser junger Gast schrieb uns zu Weihnachten einen Brief voller Dank und Sorge. Die neue Freiheit hat ihren Preis. Extremisten treten auf. Man befürchtet gewalttätige Ausschreitungen und das Auftreten politischer Gruppen, die zerstören und nicht aufbauen, die Haß säen und nicht Liebe.
Deshalb sind wir alle aufgerufen, mit unseren Kräften dazu beizutragen, daß Gottes Liebe wirken kann in uns: und um uns her - über die Zeiten hinweg. Wir sind schwach und fehlerhaft - gewiß. Und doch wird mir in dieser Zeit bewußt, wie sehr es notwendig ist, daß jeder von uns dafür sorgt, daß die Verbindung nicht unterbrochen wird zwischen dem Gestern und dem Morgen - wir sind das Jetzt, mit unserer Klage, aber auch mit unserem Gebet.

Jochen Klepper, der wegen seiner jüdischen Frau wahrend der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland starken Anfechtungen ausgesetzt war, hat im Jahre 1937 ein Gedicht geschrieben, das wir oft in Jahresschlußgottesdiensten singen. Wir finden es unter der Nummer 45 in unserem Gesangbuch - EKG, neu seit 1996 Nr. 64 EG-West.
Es soll das Schlußgebet meiner Predigt sein und ich bitte Sie, es still mitzulesen:

Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.

Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns geschenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.

Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
Nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.

Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist,
Du aber bleibest, der du bist,
in Jahren ohne Ende.
Wir fahren hin durch deinen Zorn,
und doch strömt deiner Gnade Born
in unsre leeren Hände.

Und diese Gaben, Herr, allein
laß Wert und Maß der Tage sein,
die wir in Schuld verbringen.
Nach ihnen sei die Zeit gezählt;
was wir versäumt, was wir verfehlt,
darf nicht mehr vor dich dringen.

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Materialien:
Westermann,Claus "Das Buch Jesaja. Kapitel 40 - 66" Göttingen.4.A. 1981.S. 175 - 178
Voigt, Gottfried "Homiletische Auslegung der Predigttexte. Reihe VI: Die lebendigen Steine".Göttingen.2.A.1989, S. 58 - 64

Montag, 5. Januar 2009

Aufgaben und Gaben in der Gemeinde

Gottesdienst am 8.6.1992
Wir hören den Predigttext für den Pfingstmontag des Jahres 1992, und zwar die Worte des Apostels Paulus an die Korinther über die Gnadengaben im l. Kor, 12. 4-11
Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist, einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede, einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.
Herr, unser Gott,
das klingt so gut und einleuchtend - jede Begabung kommt von dir allein und ist kein Verdienst des Menschen, jeder Dienst ist in gleicher Weise ein Dienst der Liebe. Die Welt aber, in der wir leben, sieht anders aus. Wir wissen oft nicht, mit welcher Begabung du uns beschenkt hast, manches Mal versagen wir in allem. Die Dienste der Kirche richten sich nach der Nähe zu deinem Wort - und so auch die Hierarchie. Von deiner Gnade spüren wir oft wenig!
Herr, hilf du uns in dieser Welt und in unserer Not
Amen
"Die Presbyter werden immer nachlässiger"
Das ist nicht ein gedruckter Satz - vielleicht aus einem Visitationsbericht. Das ist ein Wort, das so oder so ähnlich in der vergangenen Presbyteriumssitzung gesprochen wurde und die Erfahrung vieler Gemeindemitglieder unserer Gemeinde mit den Presbytern der letzten Amtsperiode beschreibt.
Als Beleg für diese Behauptung wird darauf hingewiesen, daß immer seltener alle Presbyter gemeinsam im Gottesdienst sind und es immer öfter vorkommt, daß überhaupt keiner im Gottesdienst ist.
Wir waren das erste Mal mit den neu gewählten Presbytern zusammen und sprachen über die Aufgaben, die zu tun sind, wie wir sie verteilen untereinander und worauf wir achten müssen. Eine junge Mutter meinte nach dieser Kritik: "Hätte ich gewußt, daß ich jeden Sonntag im Gottesdienst sein müßte, dann hätte ich mich nicht zur Wahl gestellt, denn das kann ich nicht versprechen."
Ja, mit den kirchlichen Ämtern ist das so eine Sache. Anders als bei den Christen in Korinth gibt es in der Evangelischen Kirche im Rheinland Gesetze. Eines davon ist die Kirchenordnung. Dort heißt es, daß nur Presbyter werden kann, wer sich durch gewissenhafte Erfüllung der Pflichten evangelischer Gemeindeglieder als treues Glied der Gemeinde bewährt hat (Art. 84, Abs. l KO).
Wer aber sagt, was diese Pflichten sind und wann sich der einzelne bewährt hat? In der Lebenspraxis unserer Kirche ist das nicht anders als in anderen gesellschaftlichen Gruppen - die Leute, die das Sagen haben, die den Überblick und die Einfluß haben, die wissen, wo es lang geht - in der Kirche und mit der Kirche.
In der Regel also ist es bei uns klar, was Sache ist;
Immer wieder geschieht es aber, daß ein Gemeindeglied nicht so sein will oder leben will, wie es dieser allgemeine Anspruch erwartet. Oft auch fühlt sich der einzelne von den Pflichten, die ihm auferlegt werden, überfordert und er zweifelt daran, ob er sie erfüllen kann - und wenn, wie lange seine Kraft reicht.
Auch das ist in der Kirche nicht anders als in den anderen gesellschaftlichen Gruppen - in Parteien, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden. Wir stehen überall einem Leistungsdruck gegenüber, dem wir oft nicht standhalten können, wir begegnen Erwartungen, die wir enttäuschen müssen - und wir werden selbst enttäuscht, wir werden oft allein gelassen.
In der frühchristlichen Gemeinde von Korinth scheint das anders gewesen zu sein. Noch war eine kirchliche Autorität nicht ausgeprägt, Gesetze gab es in der Kirche auch noch nicht und es scheint sogar, als hätten sich die Menschen zum Dienst gedrängt.
Da gibt es Leute, die gut reden können - lebenserfahrene Leute und Wissenschaftler. Da gibt es Heiler, die Menschen gesund machen können und Menschen, die ihren Glauben auf überzeugende Weise leben. Paulus zählt noch viele auf, von deren Fähigkeiten wir heute weniger verstehen als die Empfänger des Paulusbriefs danach.
Anscheinend hat es einen Wettbewerb unter ihnen gegeben, welche dieser Gaben und welches der Ämter nun die wichtigste, die zentrale Gabe ist, von welchem Amt sich die anderen in ihrer Bedeutung ableiten.
Und nun sagt der Apostel etwas völlig Unerwartetes.
Was immer der einzelne in der Christengemeinde tut, es ist der Geist Gottes, der dadurch tätig wird - und er tut es für alle und eben nicht, um den einen vor dem anderen auszuzeichnen, ihn herauszuheben aus der Zahl der vielen anderen. Der Wettbewerb der einzelnen fällt in sich zusammen - tut er das wirklich?
Wir wissen nicht, wie die Korinther in dieser Frage auf die Worte des Apostels reagiert haben.
Ich meine aber, der Wettbewerb der einzelnen wäre nicht überflüssig. Wenn mir viel geschenkt wurde, dann möchte ich schon, daß andere auch etwas davon haben - ich verschenke etwas, ich gebe ab - oder ich nehme jemanden an. Ich helfe - oder ich denke für jemanden anderes mit. Das kann durchaus auch ein Wettstreit sein - die von Gott geschenkten Gaben so wirkungsvoll wie möglich einzusetzen, die Anlagen, die in dem einzelnen von Gott her angelegt sind, so weit, wie es nur geht, zu entwickeln und zu entfalten.
Wenn dies nicht um unsretwillen, sondern um unserer Mitmenschen willen, nicht für das Image unserer so außerordentlich wichtigen und tüchtigen Person, sondern deshalb geschieht, damit die Liebe Gottes durch uns auch andere Menschen erreicht, dann, ja dann ist dies ein Wettbewerb zum Lobe Gottes, den der Apostel nicht verurteilt.
"Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt jedem das Seine zu, wie er will."
(1. Kor: 12.11)
Mit diesem Satz endet unsere Textstelle.
Es ist wichtig zu wissen, was immer wir tun, es kommt von Gott. Sein Geist ist es, der uns bewegt. Alles, was die Menschen tun. hat seinen einen Ursprung in dem einen Gott. Alle menschlichen Begabungen sind ein Geschenk des einen Gottes. Wir können deshalb nicht das eine gegen das andere aufrechnen. Wir können nicht eine Hierarchie aufbauen, ohne gegen Gottes Geist zu handeln.
Dann folgt das andere: Jeder von uns erhält seine eigene Gnadengabe, von Gott - das "Können und Vollbringen", wie es an anderer Stelle heißt. Ich nenne das ganz weltlich "Ja-sagen zu sich selbst, so wie man ist" oder, "sich selbst annehmen". Wenn Gott jedem Menschen seine eigene Begabung geschenkt hat, dann hat es keinen Sinn, darüber zu jammern, daß man nicht so ist wie andere. Wichtiger als der Blick auf andere, der so oft von Neid getrübt wird, ist der Blick in uns hinein. Haben wir denn unsere Begabungen wirklich erkannt und gehen wir pfleglich mit ihnen um?
Von mir muß ich sagen, daß ich das nicht immer tue. Kein Mensch ist vollkommen - aber jeder Mensch darf soviel Verstand haben, das zu wissen.
Gott teilt einem jeden das Seine zu, wie er - Gott - es will.
Niemand kann Gott vorschreiben, wem er welche Gaben und Ämter geben soll - und kein Mensch kann mit Recht die Erwartung haben, daß Gott ihm das eine oder andere schenkt. Gott gibt aus Gnade - und seine Kraft ist die Liebe.
Der Apostel Paulus sagt es im folgenden Kapitel, das mit dem bekannten Satz endet: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung. Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen (l. Kor. 13, 13).
Wenn wir also unsere Gottesgaben voll entfalten wollen, dann brauchen wir die Kraft der Liebe - der Liebe Gottes zu uns Menschen, der Liebe, die aus dieser Quelle in uns lebendig wird und die wir an andere weitergeben können. -
Das, so glaube ich, können wir nun verstehen.
Warum aber, so werden Sie jetzt fragen, ist die Kirche so, wie sie ist? Warum können wir selbst, die einzelnen Menschen nicht so ganz aus dieser Liebe leben? Die Kirche ist nicht nur eine Einrichtung Gottes, sie ist auch eine ganz irdische, eine weltliche, eine organisatorische Einrichtung der Menschen mit Machtansprüchen und dem Streben nach Einfluß auf das Geschehen in dieser Welt wie jede andere auch. Für diese Welt sind die Hierarchien auch in den christlichen Kirchen geschaffen. Für diese Welt und ihre Macht sind die Gesetze der Kirchen da.
vor Gott gilt das alles nicht!
Das sollen, das müssen wir wissen, wenn wir verantwortlich von Gott und von den Menschen reden wollen!
Vor Gott gilt, was Paulus zu Recht von den Gnadengaben und den Ämtern sagte.
Ich komme zurück auf die Frage nach den Aufgaben des Presbyters. Ob jemand als Christ verantwortungsbewußt handelt, kann man nicht an der Zahl seiner Gottesdienstbesuche messen. Sie kann höchstens ein Anzeichen dafür sein, ob er es mit Gott ernst oder weniger ernst meint.
Viel eher wäre es ein Zeichen für fehlende Eignung oder mangelnde Verantwortung, wenn ein Presbyter lieblos handelte, wenn er Menschen verachten würde oder seinen eigenen Vorteil zum Schaden anderer durchsetzt.
Wichtig scheint mir noch, daß Frage der Gaben der Christen ja alle Christen, alle Menschen gleichermaßen betrifft. Gott hat jedem Menschen seine eigenen Begabungen gegeben. Was also Kritiker der einen äußern, das müßten sie von sich selbst in erster Linie fordern. Wir kennen das Sprichwort vom Glashaus, in dem man sitzt, und von dem aus man nicht andere mit Steinen bewerfen kann, ohne das eigene Haus zu beschädigen.
Nichtsdestotrotz bleibt der Hinweis für die Betroffenen wichtig: Haben wir wirklich alles in unserer Kraft stehende getan, um nach unseren Kräften zu tun. wozu wir berufen wurden?
Am kommenden Freitag tritt die Synode des Kirchenkreises Leverkusen zu ihrer diesjährigen Tagung zusammen. Am Samstag beschäftigt sie sich mit dem Thema "Kirche gemeinsam leben".
In seinem Bericht zur Eröffnung schreibt der Superintendent u. a,
"Nicht Einzelpersonen – Präses, Superintendent, Vorsitzender des Presbyteriums – bestimmen den Weg der Kirche. Es sind die verantwortlichen Gremien von Presbyterium und Synode, die gemeinsam nach dem Weg der Kirche fragen sollen." .
Er spricht später von der steigenden Zahl von Kirchenaustritten und stellt die Frage nach den Ursachen. Eine findet er in den unterschiedlichen Erwartungen der Christen gegenüber ihrer Kirche: Die einen wollen die guten alten Zeiten wieder haben, in denen alles seine Ordnung hatte, die von Gott war. Die anderen wollen eine offene Kirche, die sich verändert und den ganz schwierigen Herausforderungen unserer Zeit - auch in der Zukunft - auf neue Weise antwortet, beweglich, aufmerksam, offen für jede Not der Menschen.
Der Superintendent meint, wir sollten uns gemeinsam mit geistlichen Themen beschäftigen.
Mir scheint das zu wenig - und seine Analyse zu vordergründig zu sein. Er fragt nach der Gestalt, der Ordnung der Kirche.
Ich bin überzeugt, die Menschen fragen nach dem Kern der Botschaft unseres Gottes, der von alter Zeit her die Menschen getragen hat und auch in Zukunft trägt.
Wir alle kennen diesen Kern - aber begegnen ihm so selten mit offenen Herzen und dankbarer Seele. Es ist die Liebe Gottes, die in uns wirkt auch mit dem, was wir an Gaben empfangen haben, und mit dem, was uns an Aufgaben im Leben zuwächst.
Wenn wir doch darauf achten würden - wenn doch unsere Kirche dafür empfänglich bliebe!
Dazu möge uns Gott verhelfen!
Amen