Samstag, 4. April 2009

Gutes und Böses - in uns selbst und in anderen

Gottesdienst im Altersheim Burscheid am 29.06.1996, dem Vortag des 4. Sonntags nach Trinitatis

Kanzelgruß

Wir hören einige Verse aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom, und zwar das Ende des 12. Kapitels:
(17) Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
(18) Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen
Menschen Frieden.
(19) Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum
dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35):
"Die Rache ist mein; ich will vergelten-, spricht der Herr."
(20) Vielmehr, wenn deinem Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet
ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du
feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln"(Spr. 25, 21.22).
(21) Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern- überwinde
das Böse mit Gutem.
Röm. 12, 17 - 21

O Herr,
wie übermächtig ist doch das Böse in der Welt - und oft genug auch in uns selbst! Wie schwach ist aber auch das Gute in der Welt - und auch in uns selbst? -
Was sollen wir alles und was können wir wirklich tun? Wir bitten dich, hilf uns auf den Weg!
Amen.

" ... überwinde das Böse mit Gutem" - Röm 12,21
Diese letzten Worte erinnern uns an die Bergpredigt Jesu. Dort sagt er: "Ihr habt gehört, daß gesagt ist: 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar - Mt. 5,38f -. Jesus bezieht sich auf das 2. Buch Mose 21, 23f.: "Entsteht ein dauernder Schaden, dann sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß ..."

Da haben wir ein ganzes Bündel an Bibelzitaten, mit denen den Christen heute ihre Weltfremdheit vorgehalten wird.
Es scheint so einfach, daß Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll. Wie kann man auf die absurde Idee kommen, dem Bösen mit Gutem zu begegnen. Andererseits frage ich Sie, ob es denn sein kann, daß Christen Böses mit Bösem vergelten?

Damit wir ganz klar sehen:
Das Wort aus dem Alten Testament ist ein Rechtsgrundsatz, der tatsächlich Rechtsgleichheit herstellen und unverhältnismäßig hohe Strafen verhindern sollte.
Es galt die hemmungslose Blutrache einzudämmen. Noch heute hören wir gelegentlich, zu welchen Auswirkungen das Recht der Blutrache führen kann.
"Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären ...", sagt Qctavio Piccolomini zu seinem Max über den beabsichtigten Verrat des Wallenstein (Übertritt vom österreichischen Kaiser zum schwedischen König Gustav Adolf) in Friedrich von Schiller "Die Piccolomini", V. Aufzug, 1. Auftritt (RECLAM UB 41, S. 122)

In unserem Fall aber geht es um keine Rechtsfrage. Das 12. Kapitel des Römerbriefes trägt in meiner Bibelausgabe die Überschrift: "Das Leben als Gottesdienst" und unser Unterabschnitt "Das Leben der Gemeinde".
Es geht hier um das Leben in dieser Welt vor Gott - und um den Umgang miteinander. Der Textabschnitt, dessen Ende der Predigt heute zugrunde liegt, beginnt mit dem Satz: "Die Liebe sei ohne Falsch." Es geht um die Liebe im Umgang mit den anderen. Es geht darum, daß die Liebe, die Gott uns zugewandt hat, auch unter uns lebendig wird. Das ist gemeint, wenn der Apostel schreibt, wir sollten nicht Böses mit Bösem vergelten, auf Gutes bedacht sein gegenüber jedermann. Wir können es die tätige Liebe nennen, zu der wir aufgerufen sind.
Aber auch das weiß der Apostel: Nicht immer können wir so handeln, wie wir es wollen oder wie wir es sollen. "Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden." Zu "allen Menschen" gehören auch die schwierigen, unzugänglichen, die abstoßenden. Da können wir oft nicht - wie wir sollten. Und dennoch bleibt dieser Hinweis erhalten, er wird nicht hinfällig - auch nicht eingeschränkt!
Schließlich kommt auch Paulus auf die Rache zu sprechen - und er empfiehlt den Christen, sich nicht selbst zu rächen. Hier sollen wir, so meint er, Gott freie Hand lassen.
Ich denke, wir hier, denken wohl kaum daran, uns an anderen zu rächen, so, wie es das Alte Testament im Mose-Gesetz andeutete. Nein, aber so ein kleines bißchen gibt es dann doch: "Warte! Das zahle ich doch noch einmal heim!" – „Du sollst mich nicht umsonst geärgert haben - du wirst dich noch wundern!" Da steckt dieses Vergelten, dieser Rachegedanke doch im Kern noch in uns. Wir sind nicht besser als andere - wir all a sind unvollkommene Menschen. Und deshalb machen wir uns das Leben oft schwer.
Sie werden das hier im Hause oft erleben - so ist das Leben nun einmal. Es ist gut, das zu erkennen. Wie schnell macht man sich ein Idealbild von einem Menschen und ist dann oft fassungslos, wenn man erfährt, daß auch er nur - ein Mensch ist. Man könnte das, sagt ein Ausleger dieser Stelle, an der Geschichte vieler Problem-Ehen verdeutlichen: die Sicherungen brannten durch, als einer von beiden (oder beide) entdeckten, daß man einen Sünder geheiratet hatte. Er fährt dann fort: Das hätte man vorher wissen können und sollen.
Und nun stellt sich die Frage, wie wir mit dieser Aufforderung des Apostels umgehen sollen. Das eine haben wir gehört: Wir sind allemal Sünder, das heißt unvollkommene Menschen. Dazu gehört aber auch das andere: Jeder Mensch lebt sein eigenes Leben, hat seine eigene Geschichte, seine eigene Biographie - und ist eine eigene Persönlichkeit. Wir können und dürfen von ihm nicht verlangen, daß er nach unseren persönlichen Maßstäben lebt. Das vergessen wir sehr leicht.
Was das bedeutet, können wir wohl selten so anschaulich erleben wie hier in diesem Raume. Wieviele Lebensjahre mögen hier versammelt sein? Da sind die vielen, die hier wohnen, mit reicher Lebenserfahrung, vom Schicksal geschlagen oder verwöhnt, durch manches Tal gegangen und über Höhen geschritten. Enttäuschungen und Entbehrungen, Erfolge und Bestätigungen eines langen Lebens prägen auch das Leben mit Gott - für die einen intensiver, für die anderen weniger stark. Nicht so viele Lebensjahre und weniger an Lebenserfahrung bringen diejenigen mit, die hier arbeiten. Sie haben dafür einen frischen Lebensmut und manche auch unverbrauchte körperliche Kraft. Jeder von ihnen lebt sein eigenes Leben - sieht die Welt mit eigenen Augen, und nicht nur die Welt, sondern auch sein Leben mit Gott.
Und dieses Leben - davon können wir ausgehen - ist ein Leben, das von Jesus her von aller Sünde entlastet ist. Jetzt ist es an uns, all das Unvollkommene an uns selbst und an unseren Mitmenschen anzunehmen. Das ist nicht leicht. Vielleicht hilft uns der Gedanke und auch die Erfahrung, daß Gottes Liebe und Vergebung unsere Sünde unschädlich gemacht hat. So sehr wir uns von Gott entfernen - er bleibt in unserer Nähe,
Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Ja, das ist die Konsequenz aus dem bisher Gesagten. Es ist kein Gesetz, Es ist ein Hinweis, ein Wegweiser zu Gott. Für mich ist es sehr überzeugend, daß hier die Christen zum Handeln aufgefordert werden, daß Christen Initiative ergreifen und eben nicht blind reagieren sollen. Wir selbst sollen das Gesetz des Handelns ergreifen - und uns nicht im Geringsten beirren lassen von dem Bösen um uns her.
Ob uns das gelingt? -
Ich habe die Sorge, daß heute oft nicht mehr zu erkennen ist, was denn nun gut oder böse ist. Immer stärker überlagert das eine das andere und immer wieder wird für gut ausgegeben, was nicht selten böse ist.
Ich halte mich an einen Hinweis von Jesus, der uns gesagt hat, daß unsere Liebe zu Gott und zu unseren Mitmenschen das Höchste ist, das wir für Gott und für uns tun sollen. Was vor der Liebe Gottes zu uns und vor der Liebe unter allen Menschen bestehen kann, das ist das Gute. Und böse ist, was dieser Liebe widerstrebt. Kann diese Regel im praktischen Leben bestehen? - Sie ist ein Kompaß, an dem ich mich ausrichten kann. Ob ich diesen Kompaß nutze, das liegt bei mir. -

Ja, Herr,
an mir liegt es, dir nachzufolgen und deine Liebe in die Welt zu tragen. Oft fällt es mir schwer - und immer wieder geht es daneben. Dennoch weiß ich, daß du mir Kraft gibst, immer wieder von neuem zu beginnen. Verlaß mich nicht!
Amen

Kanzelsegen

Lieder
EKG 129 Tut mir auf die schöne Pforte ... eg 165
EKG 383 0 Gott, du frommer Gott ... eg 495
EKG 509 So jemand spricht ...eg 412
EKG 526 Es kennt der Herr die Seinen ... eg 358

Materialien
Althaus, Paul
"Der Brief an die Römer"
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.13.A.1978, S. 127 - 129
Das Neue Testament Deutsch - NTD - Band 6
Barth, Karl
- "Kurze Erklärung des Römerbriefes" München. Kaiser. 3.A.1964 (1956)
S. 187 - 191
- "Der Römerbrief (Zweite Fassung )" (1922). Zürich. Theologischer
Verlag. 15. A. 1989, S. 485 - 506
Jonas, Hans
"Der Gottesbegriff nach Auschwitz Frankfurt/Main , Suhrkamp. 3. A. 1988
S.47 suhrkamp taschenbuch 1516
Filip, Ota in "Assoziationen” Band 6; 1, A. 1983, S. 157 f
Noth, Martin
"Das 2. Buch Mose (Exodus)“
Göttingen, V & R. 7.A. 1984, S. 136 – 157

Altes Testament Deutsch - ATD - Band 5
Schweizer, Eduard
"Das Evangelium nach Matthäus"
Göttingen, V & R, 15. A. 1981, S. 78 - 80; NTD Band 2
Schiller, Friedrich von "Die Piccolomini"
Meyer, Conrad Ferdinand
"Die Füße im Feuer" ("Mein ist die Rache", spricht Gott)
Westermann, Claus
"Das Buch Jesaja Kapitel 40 - 66"
Göttingen. V & R. 4.A. 1981, S. 41 - 53; ATD Band 19

Mittwoch, 25. März 2009

Glaube - Hauptstück des Christseins

Die Predigt vom 21.9.1997, am 17. Sonntag nach Trinitatis war die Abschlusspredigt der Predigtreihe Orientierung für den Glauben zur Confessio Augustana vom 31.8. bis 21.9.1997. - Die Abkürzungen CA und eg, die weiter unten häufig in Klammern stehen, bedeuten: CA Confessio Augustana und eg Evangelisches Gesangbuch.

Gottesdienstordnung:
eg 136, 1,3+4 O komm du Geist der Wahrheit
eg 712, 1 Psalm 25, 1
Lesung: Mt. 15,21-28 Kanaanäische Frau
eg 341, 1-5 Nun freut euch lieben Christen g'mein
Predigt: Hebr. 11,1 und Röm 5,1
eg 673, 1-3 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt
eg938 Fürbittengebet
eg 656, 1-3 Fürchte dich nicht


Glaube - Hauptstück des Christseins" - davon ist heute die Rede.
Zu Beginn hören wir zwei Sätze, den ersten aus dem Brief an die Hebräer und den zweiten aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer.
Im Hebräerbrief heißt es:
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Hebr. 11,1
Der Apostel Paulus schreibt den Christen in Rom:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren
Herrn Jesus Christus. Röm. 5,1

Herr, unser Gott,
wir bitten dich, laß uns den Weg zum Glauben finden, damit wir frei werden. Amen.
Was sagen diese Texte aus:
„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft ..."
Zunächst erkennen wir, hier geht es nicht um eine ungewisse Vermutung („Ich glaub schon ..."), auch nicht um ein bestimmtes Wissen, etwa, daß man einen Glaubensgegenstand als absolute Wirklichkeit vernunftgemäß akzeptieren muß („So ist es wirklich").
Es geht um Zuversicht und Hoffnung. Beides ist auf die Zukunft gerichtet. Beides hat sowohl mit dem Verstand als auch mit der Seele und mit dem Gefühl zu tun - auch mit persönlichen Erfahrungen, also mit dem ganzen Menschen.
Zuversicht setzt auf Vertrauen. Sie vertraut auf etwas. Und dieses Etwas ist Gegenstand unserer Hoffnung. Hoffen können wir auch gegen alle Vernunft. Hoffnung liegt ganz in der Zukunft - sie ist gewissermaßen auf die Zukunft gerichtetes Vertrauen.
„ ... und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht."
Ist das Erste schon schwer genug zu verstehen, so ist dieses nun endgültig unverständlich. Wie können wir das Unsichtbare als unzweifelhaft annehmen?
Haben Sie schon einmal geliebt? Wurden sie schon einmal geliebt? Kann man Treue, kann man Zuverlässigkeit sehen?
Wir können ihre Zeichen, ihre Wirkungen, ihre Auswirkungen sehen - sie selbst aber nicht. Zweifeln wir deshalb daran, daß es sie gibt?
Können wir an einem geliebten Menschen zweifeln?
Sie merken es, die Sache mit dem Glauben ist nicht einfach - aber auch nicht ganz so widerspruchsvoll, wie es dem ersten Anschein nach aussieht.
Merken wir uns:
Feste Zuversicht auf das, was man hofft, Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
Dafür können wir einiges tun. Wir können diese Art Glauben auch trainieren. Wir können unseren Verstand üben, daß er unserer Hoffnung auf die Zukunft ein festes Fundament gibt und unser Vertrauen stärkt. Andererseits aber können wir unsere Seele stärken, damit sie Kraft zur Hoffnung gewinnt. Den Verstand trainieren und die Seele stärken - das kann ein Weg zum Glauben sein.
Aber dieser Glaube ist noch ohne Inhalt und Ziel. Jetzt kommt Paulus dazu:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren
Herrn Jesus Christus.
Ja, das ist es: durch unseren Herrn Jesus Christus. Wenn es uns gelingt, uns ganz der Liebe unseres Gottes zu öffnen und das Unterpfand dieser Liebe, seinen Sohn, anzunehmen mit Geburt, Leben, Tod und Auferstehung, dann erhält unser Glaube Inhalt und Richtung, die uns frei macht vor Gott.
Merken wir uns:
Durch die Liebe Gottes und seinen Sohn Jesus Christus erhält unser Glaube Inhalt und Ziel.
Und nun lade ich Sie ein, mit mir einen Aussichtsturm zu besteigen. Es ist ein hoher Turm und Sie brauchen einen langen Atem. Für einige von Ihnen ist es ein Turm mit dicken Mauern und einer breiten Treppe mit stabilem Geländer. Für andere mag es ein zartes Holzgerüst sein und die Stufen sind schmal wie die Sprossen einer Leiter und das Geländer wackelt. Am Ende aber treten wir auf eine Plattform hinaus und sehen uns um.
Die Eingangstür, ihre Einfassung - und nach unserem Eintritt erkennen wir - auch Fundament und Boden dieses Turmes sind aus gleichem Material. Der Glaube des Menschen einerseits und sein Inhalt und Ziel, die Liebe Gottes und ihr Zeugnis in Jesus Christus andererseits.
Auf der Grundlage unseres Glaubens steigen wir jetzt die Stufen empor - es sind die zentralen Aussagen des Augsburger Bekenntnisses:
Da leuchten von innen her die beiden ersten Stufen am Beginn der Treppe. Es sind das Sakrament der Taufe. - Gott ruft uns zu sich, nennt uns bei unserem Namen, er wendet sich uns zu - und das Sakrament des Abendmahls - Gott ist als Mensch zu uns auf diese Erde gekommen, er ist mitten unter uns, er vergibt uns in Barmherzigkeit und Gnade - (Pfr. Berghaus am 31.08.97, CA 9-13, 22-25, egS. 1364).
Die nächste Stufe leuchtet nicht. Sie wirkt eher bedrohlich und wir können leicht ins Stolpern geraten: „Staat und Gesellschaft", mit den Worten des Augsburger Bekenntnisses ,,Polizei und weltliches Regiment" (Herr Theis am 07.09.97, CA 16,18, egS. 1370). Das Bekenntnis sagt, diese Ordnung sei von Gott. Heute wissen wir, daß es Staats- und Gesellschaftsordnungen gibt, die der göttlichen Ordnung entgegenwirken. Das Barmer Bekenntnis (1934) stellt das in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Staat klar (Art. 5, egS. 1379): Der Staat steht unter der göttlichen Ordnung. In unsere Hand ist es gegeben, Staat und Gesellschaft so zu ordnen, daß die Liebe darin lebendig ist.
Nun wird es wieder heller. Die Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium und die Sakramente im Mittelpunkt ihres Glaubens stehen - alles übrige gehört zur Vielfalt menschlichen Lebens und ist notwendig, damit Kirche lebendig bleibt. („Was die Kirche sei", Herr Richmann am 14.09.97, CA 5,7+8, egS. 1367).
„Hauptstück des Glaubens?" - Wir ruhen auf einem Absatz aus. Für den letzten Aufstieg brauchen wir noch Kraft und Atem.
Schon die nächste Stufe ist wie ein Hammer: Die Erbsünde (CA 2, egS. 1364, 1372).
Wir wissen, worum es dabei geht: Adam und Eva wollen sein wie Gott und wissen, was gut und böse sei. Sie essen von der verbotenen Frucht. Gott vertreibt sie aus dem Paradies - aus seiner Nähe - und verhängt verschiedene Strafen (1. Mose 3,4-19).
Die Kirche ist mit diesem Sündenfall oft so umgegangen, als wollte sie den einzelnen Christen erpressen. Sie hat ihm gesagt, er müsse sich dieses Vergehen gegen Gottes Verbot anrechnen lassen.
Mir hat zum Verständnis dieses Tatbestandes geholfen, daß es im Sündenfall darum geht, die Distanz, die Entfernung des Menschen von Gott zu erkennen. Im Paradies spielte „Mensch" zu sein für Adam und Eva keine Rolle. Sie waren eins mit der Schöpfung um sie her. Nun wissen sie, daß sie etwas Verbotenes getan haben. Gott verlangt erstmals Rechenschaft für ihr Handeln. Sie erkennen, daß sie sich außerhalb der Schöpfung stellten - sie wollten sein wie Gott. Ihre Strafe ist nun, daß sie und alle ihre Nachkommen das Bewußtsein in sich tragen, nicht Gott zu sein - und oft den Wunsch, ihm wenigstens ähnlich zu werden.
Dies alles ist im Augsburger Bekenntnis in der Sprache des Mittelalters gesagt - alle Menschen sind in Sünde empfangen und von Geburt an voll böser Lust. Öffnen wir uns der Tatsache, daß damit ein Tatbestand beschrieben wird, der unser Menschsein beschreibt als unvollkommenes Wesen mit Fehlern und Schwächen. Das ist Gottes Schöpfung und keiner kann und darf uns mit dieser Tatsache erpressen. Wenn wir nicht selbst der Versuchung erliegen, so zu sein wie Gott, dann können wir uns frei zu unserem Menschsein bekennen mit all seinen Stärken und Schwächen. Die Erbsünde verliert ihre Schrecken für uns.
Die nächste Stufe hängt mit der eben ausführlich beschriebenen eng zusammen: Rechtfertigung (CA 4, egS. 1366)
Ich habe bei diesem Begriff immer ein Bild vor Augen: Der Mensch wird von allen Seiten bedrängt. Schließlich steht er in einer Ecke. Er kann nicht ausweichen. Seine Verfolger verlangen, daß er erklären soll, warum er Mensch sei und so viele Schwächen und Fehler habe: „Rechtfertige dich! Sonst bist du verloren!"
Das ist ein grundlegendes Mißverständnis: Es geht nicht um diese „Rechtfertigung" im heutigen Sinne einer Begründung für begangenes Unrecht.
Es geht vielmehr um die Frage: Wie können wir von uns aus die Entfernung zu Gott verringern, in die wir durch den Sündenfall und durch unsere eigene Unvollkommenheit geraten sind? Luther stellte sich die Frage: Wie finde ich einen gnädigen Gott?
Die Antwort der Reformatoren ist eindeutig, für viele Menschen niederschmetternd - für andere befreiend: Wir können nichts dazu tun. Aber Gott hat bereits alles getan. Sie verweisen auf das Zeugnis des Paulus, der bekennt, daß alle Menschen Sünder sind und nur durch die Gnade Gottes und die Erlösung durch Jesus Christus zu Gott kommen können (Röm. 3,24).
Es kommt also darauf an, daß wir uns dieser Gnade Gottes öffnen und sie bewußt annehmen - also glauben.
Die nächste Stufe ist wieder etwas verwirrend: Vom freien Willen (CA 18, S. 1372).
Wir haben uns wohl selbst gelegentlich die Frage gestellt, ob wir nicht in allem von Gott geführt werden und er in seiner Allmacht bereits alles vorherbestimmt hat, unser eigener Wille deshalb im Grunde keine Rolle spielt.
Die Reformatoren stellen eindeutig fest: In weltlichen Dingen hat der Mensch freie Entscheidungsmöglichkeiten, in Fragen des Glaubens bleibt er auf die Gnade Gottes angewiesen.
Heute können wir mit Recht fragen, wer kann schon wirklich frei entscheiden?
Ich denke, wir müssen uns heutzutage immer wieder von neuem und mit allem Ernst und Nachdruck darum bemühen, unseren Willen frei kund zu tun. Wir müssen Wege suchen, zu unserem eigenen Willen zu kommen - auch in Glaubensfragen. Am Ende, das wissen wir jetzt, bleibt immer das Vertrauen auf Gottes Gnade, Barmherzigkeit und Liebe. Aber unseren Teil sollten wir schon dazu beitragen.
Die letzte Stufe wieder ist hell und breit: Vom Glauben und guten Werken (CA 20, S. 1372 ff). Hier geht es um zwei Mißverständnisse. Hängt Glaube von den guten Werken ab? Ist rechter Glaube ohne gute Werke möglich?
Die Antwort ist eindeutig:
Der Glaube ist nicht abhängig von guten Werken. Man kommt nicht durch sein Handeln zum Glauben. Aber: Christlicher Glaube führt zu guten Werken. Der lebendige Glaube an Gottes Liebe wirkt sich aus in tätigem Handeln.
Das ist auch die natürliche Folge von dem, was wir bisher erfahren haben. Die Grundlage unseres Glaubens ist Gottes Zuwendung an uns. -
Jetzt stehen wir oben auf der Plattform unseres Aussichtsturms. Wir können weit über das Land schauen. Es gibt viele ganz unterschiedliche Aussichtstürme. Ob manche mit Kanonen versehen sind, um andere zu zerstören? Andere sind von ihren Bewohnern verlassen, die Fundamente hielten nicht. Einige sind noch ganz frisch, bunt und sehen aus wie lackiert. Ob sie sich auf Dauer halten werden?
Unser Turm ist in 2000 Jahren und mehr gewachsen. Er steht auf festem Boden. Schauen wir nach unten und erinnern uns:
- Gott wendet sich uns in Liebe zu. Er kennt uns.
- Gott ist mitten unter uns. Er verläßt uns nicht.
- Gott gibt uns eine Ordnung, die uns helfen soll, unser Leben selbst zu ordnen.
- Gott läßt uns erfahren, daß wir seine Geschöpfe sind - nicht Götter neben oder unter ihm.
- Gott gibt uns Freiheit - vor ihm selbst als Menschen zu leben und in dieser Welt als Christen zu handeln.
Das ist die Botschaft auch des Augsburger Bekenntnisses aus dem Jahre 1530.
Vor wenigen Monaten hat eine Kommission des Lutherischen Weltbundes eine gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen erarbeitet, die in diesen Wochen allen Teilkirchen zur Stellungnahme zuging.
In dieser Erklärung wird festgestellt, daß es eine grundlegende Übereinstimmung zwischen Lutheranern und Katholiken gibt, die von Unterschieden in der Sprache und in der theologischen Ausgestaltung nicht berührt wird. Damit, so heißt es weiter, treffen die Lehrverurteilungen der lutherischen Bekenntnisschriften die heutige katholische Kirche, was die Rechtfertigungslehre angeht, nicht (Kap. 5, Ziff. 40 u. 41 der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" 1977).
Wir sind einen weiten Weg gegangen - durch die Zeit und im Glauben.
Es mag sein, daß vieles überholt ist, an den Bekenntnissen unserer Kirche. Dennoch wird jeder Ordinierte auf sie verpflichtet und sie bilden die Grundlage des kirchlichen Selbstverständnisses heute, denn sie haben jeweils zu ihrer Zeit Kernaussagen christlicher Glaubenszeugnisse enthalten. Es gilt, diesen Glauben in jede Zeit hinein neu zu bezeugen.
Mögen diese vier Sonntage uns gezeigt haben, daß die Worte des Augsburger Bekenntnisses in unserem Gesangbuch keine trockenen Gelehrtenworte sind, sondern zum lebendigen Glauben an Christus in dieser Welt gehören.
Zum Abschluß noch ein Wort Martin Luthers: Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade,
so gewiß, daß er tausendmal dafür sterben würde.
Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade
macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen;
das wirkt der heilige Geist im Glauben. (nach eg 136)
Mit dem Apostel Paulus wissen wir:
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe -
diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1. Kor. 13,13
Amen.


Materialien:

Althaus, Paul
„Der Brief an die Römer"
Göttingen. V&R. NTD 6.13. A. 1978 (Neubearbeitung: Stuhlrnacher, Peter „Der Brief an die Römer"
NTD6.14. A.1989)
Augustinus, Aurelius
„Enchiridion de fide spe et caritate/Handbüchlein über Glaube, Hoffnung und Liebe" (It/dt)
Darmstadt. Wiss. Buchges. 1960
Barth, Karl
„Der Römerbrief' Zweite Fassung 1922.
Zürich. Theologischer Verlag. 15.A. 1989
Beyer, Michael u.a. (Hrsg.)
„Melanchthon deutsch"
Bd. I: Schule und Universität, Philosophie, Geschichte und Politik 324 S.
Bd. II.: Theologie und Kirchenpolitik 311 S.
Leipzig.Evangelische Verlagsanstalt. 1977
Bonhoeffer, Dietrich
„Ethik" (1949)
München. Kaiser. 12. A. 1988, besonders S. 117-133
Burgsmüller, Alfred und Rudolf Weth (Hrsg)
,,Die Banner Theologische Erklärung. Einführung und Dokumentation"
Neukirchen. Neukirchener Verlag. 2.A. 1984.
Gaßmann, Günther u.a. (Hrsg.)
„Das Augsburger Bekenntis Deutsch. 1530-1980" - Revidierter Text - Göttingen. V&K u. Matthias Grunewald Verlag. Copyright bei der Evangelisch Lutherischen Kirche Deutschlands. 1978.
„Glaube" und „Gnade" in „Historisches Wörterbuch der Philosophie" Darmstadt. 1974, Sp. 643-645; Sp. 707-713
Heckel, Georg
„Orientierung für den Glauben." Das Bekenntnis in Predigten ausgelegt. (Predigtreihe 1978/79)
München. Claudius Verlag. 1979
„In allen Zungen. Geistliche Reden durch fünfzehn Jahrhunderte"
München. Ehrenwirth. 1966
darin:
- Martin Luther (1483-1546), S. 97-104
„Was ein christlicher Mensch ist" (19.10.1522)
- Charles Haddon Spurgeon (1834-1892), S. 182-199
"Kennzeichen des Glaubens" (Job. 4,48)
- Johannes XXIII (1881-1963), S. 255-263
„Das große Geheimnis der Einheit"
Jaspers, Karl
"Der philosophische Glaube" (1947) München. Piper. Sammlung Piper Bd 69
Jentsch,Werner u.a. (Hrsg.)
„Evangelischer Ewachsenenkatechismus"
2. A. 1975.1356 S. vgl. S. 416-454, 748-823, S. 908-977, 1059-1085, S. 1104-1126, S. 1192-1203
5. A. 1989
Gütersloh. Gerd Mohn.
Copyright bei der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands - VELKD -
Lutherischer Weltbund und Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. 1977" (Endgültiger Vorschlag) Kap. 5, Ziff. 40 u. 41
Mezger, Manfred
in „Assoziationen" (zu Rom. 5, 1-5)
Stuttgart. Radius. 1979, S. 69 u. 70
Moltmann, Jürgen
"Die Identitätskrise des christlichen Glaubens" u.a.
in "Der gekreuzigte Gott" (1972)
München. Kaiser. 5.A. 1987, S. 23-30
„Predigtgedanken aus Vergangenheit und Gegenwart" Reihe D Bd. 2 „Ich will euer Gott sein". S. 16-31 (Hebr. 11, 1-19) Bd. 4 „Befreit zum Dienst" S. 102-117 (Röm. 13, 1-8) Berlin. Evangelische Verlagsanstalt. 1974
Reller, Horst u.a. (Hrsg.) „Evangelischer Gemeindekatechismus" Hannover. VELKD S.A. 1994 (I.A. 1979)
Rhein, Stefan (Hrsg.)
„Philipp Melanchthon"
Biographien zur Reformation Wittenberg. Drei Kastanien Verlag. 1997
Sölle, Dorothee
- Atheistisch an Gott glauben" (1968) München, dtv 1994. Bd. 30 400
-„Der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens" Predigt über 1. Mose 3,13-24 (1987) in „Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden" München, dtv 3. A. 1990. Bd. 10 835, S. 179-184
- „Credo" in "Ich will nicht auf tausend Messern gehen" (Gedichte ) München, dtv 2. A. 1987, Bd. 10 651, S. 24
Strobel, August
„Der Brief an die Hebräer"
Göttingen. V & R NTD 9. 12. A. 1981. S. 209-211 (Neubearbeitung NTD 9/2.13.A. 1991)
VELKD (Hrsg.)
„Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Ausgabe für die
Gemeinde"
Gütersloh. Gerd Mohn. 3.A. 1991.