Samstag, 7. Februar 2009

Erste Predigt: Freude über Anfechtungen?

15.08.1976

Kanzelgruß:
Die Gnade unsere Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Der Predigt des heutigen 9.Sonntag nach Trinitatis liegt eine Textstelle aus dem 1. Kapitel des Jakobusbriefes zugrunde. Es heißt dort in den Versen 2 bis 12:

(2) Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt,
(3) und wißt, daß euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt.
(4) Die Geduld aber soll ihr Werk tun bis ans Ende, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei.
(5) Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so; bitte
er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird
sie ihm gegeben werden.
(6) Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer zweifelt,
der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und
bewegt wird.
(7) Ein solcher Mensch denke nicht, daß er etwas von dem Herrn
empfangen werde.
(8} Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen.
(9) Ein Bruder aber, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe, (10) wer aber reich ist, rühme sich seiner Niedrigkeit, denn wie eine Blume des Grases wird er vergehen.
(11) Die Sonne geht auf mit ihrer Hitze, und das Gras verwelkt,
und die Blume fällt ab, und ihre schöne Gestalt verdirbt:
so wird auch der Reiche dahinwelken in dem, was er unternimmt.
(12) Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem
er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die
Gott verheißen hat denen, die ihn liebhaben.
Herr, öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz. Amen. - nach PS.119,18 -

Es begegnet uns, daß wir zum Nachdenken kommen über unser Leben und den Sinn, den es hat. Dann legen wir Rechenschaft ab - vor uns, vor anderen Menschen, vor Gott. - Ja, unser Verhältnis zu Gott - ist das nicht eine ganz zentrale Frage, wenn wir in unserem Leben einen Sinn finden wollen?
Gehen wir mit unseren Gedanken zurück und bedenken wir, auf welche Weise wir Gott in unserem Leben erfahren haben. Es gibt einige nach außen erkennbare Markierungspunkte, die uns helfen können, darüber nachzudenken: In unserem Konfirmationsversprechen sagen wir "Ja" zum christlichen Glauben, im Eheversprechen übernehmen wir die Verantwortung für eine im christlichen Glauben geführte Ehegemeinschaft, bei der Taufe versprechen wir die christliche Erziehung unserer Kinder - und mit dem Wunsch nach einem kirchlichen Begräbnis lassen wir erkennen, daß auch unser Tod unter dem Gesetz Jesu Christi stehen soll.
Wissen wir genau, daß wir diese Versprechen eingehalten haben? - Müssen wir - oder doch wenigstens viele unter uns - nicht immer wieder mit Paulus erkennen: Ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich ? - Röm. 7, 15 -. Es fällt uns auf die Seele, daß wir bei allen Bemühungen doch immer erneut tun, was wir als falsch erkannt haben. Wir werden in unserem Leben immer wieder von neuem schwach - und das belastet unser Verhältnis zu Gott.
Deshalb werden wir so oft unzufrieden - mit Gott und mit uns selbst. Diese Unzufriedenheit macht uns unleidlich - uns selbst und damit zugleich all denen gegenüber, die mit uns leben und umgehen müssen. So geraten wir wie in einem Teufelskreis von Gott weg, ja, wir können auf diese Weise zu Gottesfeinden werden.
Aber wir können auch; einfach die Hände in den Schoß legen - weder zufrieden noch unzufrieden sein, sondern sagen, so ist das nun einmal -, also resignieren. Damit aber wird uns Gott gleichgültig. Er verliert an Bedeutung; er ist für uns kein Bezugspunkt im Leben mehr.
Da ruft uns der Schreiber des Briefes zu: Freut euch, die ihr in Versuchung geratet. Das klingt wie Hohn. Es ist doch eine Last, von Anfechtung verfolgt zu werden und es führt zur Verzweiflung, ständig der Versuchung zu erliegen. Würde aus unserem Bekanntenkreis jemand so zu uns sprechen wie der Brief Schreiber , wir meinten, er wollte uns auf den Arm nehmen.
Das Wort ist voller Widerspruch: Über eine Last sollen wir uns freuen. Und spielt nicht auch etwas von Show, von Theater mit, wenn dieser Widerspruch so betont an den Anfang des Briefes gesetzt wird? Da, das ist richtig so. Wir finden diese Art, etwas zu erklären öfters. Der Hörer und Leser soll aufmerksam werden - wie in der Fernsehreklame unserer Zeit die herrliche Landschaft und der irische Frühling aufmerksam machen sollen auf eine Seife oder ein anderes kurzlebiges Produkt unserer konsumfreudigen Zeit. Doch an der Stelle in unserem Text ist der Kunstgriff viel eher am Platz:. Es geht um eine sehr wichtige Sache Um unser Verhältnis zu Gott. Da darf man sich schon einiges einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu finden.
Im Gegensatz zu unserer Fernsehreklame ist das Eingangswort des heutigen Predigttextes wahr. Landschaft und Jahreszeit haben mit der Seife in Wirklichkeit nichts zu tun. Aber das Durchleben einer Zeit voller Anfechtungen und Versuchungen hat sehr wohl und viel mit Freude zu tun. Dieser Widerspruch von Freude und bewußter Annahme von Versuchung gehöre zu den Widersprüchen unseres Lebens wie viele andere auch:
- Im Beruf betrauern wir den Tod eines beliebten Vorgesetzten, doch
zugleich freuen wir uns, wenn wir seinen Platz einnehmen dürfen.
- Wir sind stolz, wenn unsere Kinder selbständig und erwachsen sind,
wenn sie es zu etwas gebracht haben im Leben, zugleich aber möchten
wir sie vor allen Unbilden des Lebens - vor allem aber auch vor ihren
eigenen Fehlern und Schwächen - bewahren,
- Wir bekennen in jedem Gottesdienst unseren Glauben an die „Auferstehung der Toten und das ewige Leben" - dennoch fürchten wir den Tod, den Durchgang durch die Pforte, die vom irdischen zum ewigen Leben führt.
So ist es auch mit dem Widerspruch in unserer Textstelle: Er ist da - uni wir müssen ihn anerkennen. Doch sagt der Schreiber mit seinen Worten mehr: Wir dürfen uns nicht unserer natürlichen, spontanen Neigung hingeben. Bei aller Unzufriedenheit und Resignation sollen wir das Ziel unseres Lebens nicht aus den Augen verlieren: Gott führt uns zum ewigen Leben. Unser Ziel ist nicht der Genuß des gegenwärtigen Augenblicks, nicht ein großes Einkommen mit hoher Rente, nicht eine hohe Position in Beruf oder Gesellschaft, weder viel Macht noch ausschließlich beste Gesundheit – das alles kann zu unserem Lebensziel dazu gehören. Das zentrale Ziel unseres Lebens ist aber doch: Gott nahe zu kommen. Der alte Kirchenvater Augustinus sagt in seinem Lebensbericht, den er in der Form eines Zwiegespräches mit Gott abgefaßt hat: Unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir. – (Augustinus "Confessiones - Bekenntnisse" lat./deutsch. München. Kösel. 2.A. 1960) 1.Buch,S.12/13, zit. nach PS. 43,5 - Das ist es: In Gott ruhen! Dieses Ziel sollten wir nicht aus den Augen verlieren.
Dann wird es uns leichter fallen, unsere eigene Unvollkommenheit anzunehmen. Wir wissen jetzt, daß nicht sie uns schlecht sein läßt und von Gottes Nähe ausschließt, sondern unser Nichtwollen - nicht, daß wir Sünder sind/belastet unser Verhältnis zu Gott, sondern daß wir das nicht in der richtigen Weise anerkennen: An-erkennen - "Ja" sagen - nicht einfach beipflichtend "So bin ich nun einmal“, sondern aufseufzend: "Herr, ich bin allzumal Sünder, hilf mir!" So anerkennend, daß wir unvollkommen sind und nur mit Gottes Hilfe weiter kommen, werden wir auch eigene Kräfte mobilisieren können. Und darauf kommt es an: Den Anfechtungen er folgreich zu widerstehen - und mit unserer Unvollkommenheit zu leben in der Gewißheit, daß Gott sie kennt und daß sie durch ihn überwindbar wird .
Haben wir dieses Ziel vor Augen, wird auch die Ungeduld unserer Unzufriedenheit und die Apathie unserer Resignation vergehen. Wir können lernen, geduldig zu werden. Ist es nicht überhaupt so im Leben, daß derjenige, der "Ja" sagen kann, viel mehr Geduld aufzubringen in der Lage ist als derjenige, dem das "Nein" ständig auf der Zunge liegt?
Danach wird uns gesagt, daß wir um Weisheit bitten sollen. Mit diesem Wort verbinden wir wohl eine Vorstellung von Klugheit, Abgeklärtheit -Entrücktsein in geistige und seelische Fernen, die unsere Welt nur in ihren Grundzügen erkennen läßt. Diese Weisheit ist hier nicht gemeint. Wir sollen hier an eine Erscheinung denken, von der ich vor mehreren Jahren in folgender Weise las:
In einem Aufsatz berichtete eine Sozialarbeiterin von einer eigenartigen Erfahrung: Da erleben Menschen eine Überfülle von Dingen, begegnen einer großen Zahl hochinteressanter Menschen, reisen durch die ganze Welt -und wenn man ihnen begegnet, erscheinen sie uns wie Lackbilder, die unsere Mädchen so im Alter von 8 bis 12 Jahren kaufen und tauschen: grell, bunt und mit glänzender Oberfläche. Die Bewegtheit ihres Lebens zieht uns an -aber die Menschen selbst haben uns nichts zu sagen. Außer der äußeren Erscheinung des Erlebnisses haben sie nichts mitgenommen. Ein Bild ist ihnen geblieben - aber das Bild hat nur eine Außenseite, Lack. Ihnen blieb von allem kein Gedanke, kein nachwirkender Eindruck.
Daneben gibt es Menschen, die - so scheint es -, überhaupt nichts erleben. Es sind Menschen, die Tag für Tag ihrer beruflichen Arbeit nachgehen, Menschen, die sich - aus welchen Gründen auch immer- nichts "leisten" können, kein Auto fahren, im Urlaub nicht verreisen, keine Partys geben und deshalb auch keine besuchen - also nichts erleben, ganz unmodern sind, langweilig. Doch dann stellen wir fest, daß diese Menschen uns bei näherer Bekanntschaft fesseln. Je länger wir sie kennen, umso mehr haben sie uns zu sagen. Wir fühlen uns wohl in ihrer Nähe - und wir erfahren sogar, daß wir durch die Begegnung mit ihnen Kräfte gewinnen, die uns die Schwierigkeiten im eigenen Leben zu überwinden helfen. Hier sind Menschen, denen die kleinen Dinge im Leben ausreichen, Eindrücke zu sammeln, Gedanken zu entwickeln, Geduld zu üben und Einsichten zu gewinnen. Die Sozialarbeiterin faßte ihre Erkenntnis zusammen in den Satz: "Erfahrung ist verarbeitetes Erlebnis."
Es kommt nicht auf die Vielfalt unserer Erlebnisse an, sondern auf die Verarbeitung jedes einzelnen Erlebnisses durch uns im Blick auf unser Leben. Und das ist dann Teil der Weisheit, um die wir Gott bitten sollen: Gib uns Weisheit im Umgang mit den Anfechtungen unserer Tage!
Schließlich hören wir dann die Zusage:
Selig ist der Mann, welcher die Anfechtung erduldet;
nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen,
welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
Dieses Schlußwort nimmt den Lobpreis derer auf, die sich der Anfechtung stellen. Das Wort des Anfangs wird zum Schluß aufgenommen - aber in abgewandelter, fortgeführter Form. Es ist nicht mehr vom Freuen die Rede. Daß und weshalb wir uns freuen sollen, ist uns jetzt bekannt: Weil uns die Anfechtung herausfordert zur Bewährung im Glauben und die Bewährung uns erstarken läßt. Nein, das Schlußwort verspricht dem gläubigen Menschen, der der Anfechtung nicht ausweicht, die Seligkeit. Ja, das Ziel unseres Lebens in Jesus Christus erreichen wir durch die Anfechtung hindurch. So verstehen wir auch die weiteren Worte:
Wer sich bewährt hat, wird die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieben.
Das ist das Wort, das ich das Gesetz des Neuen Testaments nennen möchte: Liebe. Wer Gott liebt, der wird die Krone des Lebens, den Siegerkranz des Lebens erringen. So verbindet dieses Wort die Bewährung im Glauben und die Liebe zu Gott mit der Erfüllung unseres irdischen Daseins.
Jetzt erscheint es uns nicht mehr unsinnig, diesen Widerspruch zu hören:
Achtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallet! Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet!
Liegt ja doch tatsächlich ein Segen auf dem Mühen des Menschen um Gott und Unsegen, ja oft Verdammnis auf des Menschen Läßlichkeit.

Herr,
wir haben dein Wort gehört. Gib, daß es uns begleite, daß wir uns an ihm stoßen und von ihm stets von neuem geweckt werden aus unserer Vereinsamung, aus der Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit unserer Tage. Laß uns das Ziel unseres Lebens erkennen, damit wir in Freude unser Le annehmen und dir danken. Amen.

Kanzelsegen:
Und der Friede Gottes, welcher ist höher als alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

Lieder:
- Wach auf mein Herz und singe ... EKG348/EG 446
Gott des Himmels und der Erde ... EKG 345/EG 445
- Jesu. , hilf siegen ...EKG 260/EG 373
"Eins ist not!" Ach Herr dies eine ... EKG 259/EG 386
- Erneure mich, o ewigs Licht ... EKG 264/EG 390
Wenn wir in höchsten Nöten sein ... EKG 282/EG 366

Materialien:
vgl. Wolfgang Schräge "Der Jakobusbrief" Übersetzung und Kommentar in "Das Neue Testament Deutsch" - NTD - Teilband 10 ''Die katholischen Briefe", Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 12.A. 1980, S. 15 - 19
Gottfried Voigt "Homiletische Auslegung der Predigttexte"
Band 4 "Der zerrissene Vorhang", Göttingen.1975
NEUE FOLGE: Reihe VI:
"Die lebendigen Steine", Göttingen, 2.A. 1989
Helmut Böhme/Leverkusen

Sonntag, 25. Januar 2009

Ämter in der Kirche

Gottesdienst 23.05.1994 Leverkusen-Manfort (Pfingstmontag)

EKG 105, 1,5-8 Zeuch ein zu deinen Toren
EKG 102, l -4 Freut euch ihr Christen alle ...
EKG 206, 1+2, 4+5 Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herrn
EKG 208, 1-4 Ach bleib mit deiner Gnade

Jauchzet dem Herrn alle Welt!
Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!
Erkennt, daß der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.
PS. 100

Kollektengebet
Allmächtiger Gott,
du hast deine Jünger mit dem Geist des Friedens beschenkt, den die Welt nicht geben kann. Wir bitten dich: erfülle alle, die an dich glauben, mit demselben Geist, daß sie Boten und Bringer des Friedens werden, - durch Jesus Christus, unsern Herrn.
nach Hintze "Kollektengebete" Berlin 1977S. 64 Nr. 3
Lesung
Wir hören das Evangelium zum heutigen Pfingstmontag nach Matthäus im 16. Kapitel
Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß der Menschensohn sei?
Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, daß ich sei?
Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
Mt. 16, 13-19
Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren Halleluja!
Predigt
Der Predigttext für Pfingstmontag steht in diesem Jahr im Brief an die Christen in Ephesus.
Man weiß nicht genau, wer ihn geschrieben hat - aber er ist im Gefängnis geschrieben worden. Der Verfasser will die Christen draußen in der Welt begleiten und ihnen helfen, den Weg zu Gott nicht zu verlieren.
Im ersten Teil des Briefes berichtet er über die Grundtatsachen des christlichen Glaubens. Im vierten Kapitel spricht er dann von der Einheit im Geist und der Vielfalt der Gaben. Er ermahnt die Christen, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens - ein Leib, ein Geist verbindet uns und ein Gott und Vater aller.
Dann fährt der Schreiber des Briefes mit den Versen des heutigen Predigttextes fort.
Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. (Eph. 4, 11-15) »
Lieber himmlischer Vater,
wie ist das möglich - wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen zu dem hin, der das Haupt ist -
dein Sohn Christus?
Wir erleben auf dieser Erde und unter uns immer wieder von neuem, dass das daneben geht.
Hilf du uns.
Amen
„Gott hat Menschen verschiedene Aufgaben gegeben, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“ (Eph. 4,11 f)
Damit wir, die Christen, die Menschen, die an Gott glauben, für den Dienst zugerüstet, das heißt vorbereitet werden, deshalb hat Gott bestimmte Aufgaben unter uns verteilt. Je nach unseren Gaben und Möglichkeiten können wir uns gegenseitig helfen auf dem Weg zu Gott.
Nichts anderes nämlich ist gemeint, wenn der Schreiber davon spricht, daß "der Leib Christi erbaut werde". Die Menschen, die in der Nachfolge Christi leben, erfüllen diese Erde bereits mit dem Geist der Liebe und Versöhnung. Niemand soll überfordert werden - und doch sollen wir in aller Vielfalt unserer Möglichkeiten den einen Weg zu Gott, die lebendige Liebe zwischen ihm und uns und deshalb untereinander hier in der Welt nicht verfehlen.
Wir alle gelangen dann zur Einheit des Glaubens und zur "Fülle Christi", das heißt, zur umfassenden Liebe, die niemanden und nichts ausschließt und sich ganz auf den einen Gott verläßt.
Das alles geschieht, damit wir nicht vom Winde hin und her bewegt werden, willenlos jedem Windhauch folgend und ausgeliefert jedem Wetterwechsel - oder schlimmer noch, damit wir nicht Teil des trügerischen Spiels der Menschen werden, die einander betrügen, um ihre Ziele zu erreichen. Teil dieses Spieles werden wir dann, wenn wir Opfer der Betrügereien, aktive Mitspieler oder auch nur ahnungslose Akteure sind.
Ein großer deutscher Philosoph, Immanuel Kant hat einmal aufgeschrieben, was er unter Unmündigkeit versteht. "Unmündigkeit", so schreibt er, "ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen" (1793). Ich wiederhole den Satz so, wie er ihn formuliert hat, weil die Überwindung der Unmündigkeit in unserer Zeit von besonderer Wichtigkeit ist. Wir müssen alle lernen, uns unseres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Vieles von dem, was an Gewalt, Terror und Lieblosigkeit in der Welt herrscht, hat damit zu tun, daß die Menschen unmündig sind - auf den verschiedensten Gebieten, in verschiedener Weise.
Ich will - auf unseren Text bezogen - den Satz so umformulieren: Wir alle müssen lernen, selbständig die Liebe Gottes in der Welt zu leben.
Das ist nicht einfach. Das kann keiner für sich. Das gelingt nur in der Gemeinschaft derer, die auf diesem Weg sind.
Solange wir das aber nicht selbständig erkennen und erfahren können, solange uns die Kraft fehlt, selbständig zu handeln - so lange sind wir angewiesen auf die verschiedenen Dienste unter uns. Später dann haben wir selbst Teil an diesem Dienst, den wir gemeinsam in dieser Welt tun.
„Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu. dem hin, der das Haupt ist, Christus.“ (Eph. 4, 15)
Das ist das Ziel unserer Mühen als Christen in dieser Welt - wahrhaftig sein in der Liebe und dadurch in allen Stücken auf Christus hin wachsen. Auf der Grundlage wahrhaftiger Liebe können wir wachsen - nicht als Experten auf diesem oder jenem Gebiet, so wie uns die Aufgaben zugeteilt werden, nein, "in allen Stücken", als ganze Menschen Christus näher kommen.
Das Ziel des Christenlebens ist nicht ein Zustand sondern Bewegung: Wachstum. Christsein - das heißt nicht, am Ziel sein, sondern ständig auf dem Weg, immer von neuem bedroht - wie jedes Leben auf dieser Erde - und dennoch auf sicherem Boden stehend und Christus vor uns, der nicht von dieser Welt ist, sondern das Haupt.
Wissen wir jetzt mehr?
Sie wissen, daß wir im vergangenen Jahr Pfarrer Berghaus gewählt und in sein Amt eingeführt haben. Das Presbyterium hat in diesen Tagen beschlossen, einen nebenberuflichen Kirchenmusiker einzustellen. Näheres erfahren Sie noch, teils über Abkündigungen, teils über den nächsten Gemeindebrief im Herbst.

Neben diesen beiden für diese Aufgabe ausgebildeten Kräften arbeiten seit Jahren Gemeindeglieder, die predigen, die Sakramente verwalten und die Orgel spielen, ohne dazu ausgebildet zu sein. Sie wurden für einen bestimmten Teildienst zugerüstet. Sind sie jetzt überflüssig oder sollten wir das Geld für die ausgebildeten Kräfte sparen?

Hier werden leicht die unterschiedlichen Aufgaben miteinander verwechselt. Die hauptamt-
lichen Kräfte sind eingeführt in die Geschichte und Vielfalt der Glaubenszeugnisse unserer
Kirche und im Umgang mit uns, den Gemeindegliedern. Sie haben die Schlüssel, um uns diese
reiche Vielfalt aufzuschließen und erfahren zu lassen, wie Gott sich uns gegenüber in seiner
Liebe gezeigt hat. Das gilt auch für die Reichhaltigkeit der Kirchenmusik. Die ausgebildeten
Kräfte in unserer Gemeinde helfen uns auf dem Weg, unsere ganz persönliche Unmündigkeit
zu überwinden.
Die ehrenamtlichen Kräfte, die andere Berufe erlernt haben, zeigen uns, wie wir als Laien mit den Zeugnissen des Glaubens umgehen können, ganz sicher unvollkommen, aber auf die eigene Weise geprägt von Beruf und Lebenserfahrung, von Welterkenntnis und Glaubensleben. Das sind ihre Schlüssel. Sie sind ein eigener Akzent des lebendigen Wortes unseres Gottes in dieser Welt - ein Akzent, der von der Vergangenheit geprägt, in der Gegenwart gelebt und in der Hoffnung auf die Zukunft hin verkündet wird.
Wir brauchen beide - die ausgebildeten Mitarbeiter und diejenigen, die unsere Kirche mit einer Aufgabe betraut, gerade weil sie einen anderen Beruf erlernt haben, aber für diese kirchliche Aufgabe besonders geeignet sind.

Wahrhaftig in der Liebe, so sollen wir sein. Um dieser Wahrhaftigkeit willen will ich einen Satz aufgreifen, den ich in der vergangenen Woche gehört habe "Pfarrer Szyska hat das Geld zusammengetragen und beisammengehalten. Pfarrer Berghaus gibt es aus." Das stimmt nicht. Die wichtigsten Ausgabenposten dieses Jahres waren bereits festgelegt, bevor Pfarrer Berghaus seinen Dienst antrat.
Das Presbyterium hat die Geldausgaben der, Jahre 1993 und 1994 beschlossen und die meisten davon habe ich ihm vorgeschlagen. Wenn jemand Namen sucht, dann ist das in diesem Zusammenhang Pfarrer Szyska - Böhme.

Wir können im Nachgespräch vielleicht darauf zurückkommen.
Wir finden zurück zu unserem Text. Der Schreiber des Briefes an die Christen in Ephesus weist hin auf die Vielfalt der Gaben.
Auch unsere Kirchengemeinde ist auf diese Vielfalt angewiesen - unter einfachen Gemeindegliedern oder auch jenen, die sich zu bestimmten Aufgaben bereitfinden.
Wer immer auch etwas tut - wir bleiben alle gemeinsam angewiesen auf den einen Gott der Liebe, der uns trägt und auf seinen Geist, der uns beseelt:
Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist: Christus. (Eph. 4,15)
Amen

Prediger: Böhme, Leverkusen-Manfort

Materialien
Conzelmann, Hans
"Der Brief an die Epheser" in "Die Briefe an die Golater, Epheser, Philipper, Kolosser,
Thessalonicher und Philemon"
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 15. A. 1981, S. 106-111, NTD Bd. 8
Kant, Immanuel
"Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (1973)
Darmstadt, 2. A. 1968, Band. 9 der "Werke", S. 53