Mittwoch, 31. Dezember 2008

Gewalt überwinden

Friede und Barmherzigkeit - Jesu Alternative
Mt. 5,9

Lesung: Römer 12,12-18 (Seid fröhlich in Hoffnung) Lieder: eg 366,1-4; 671,1-3; 609,1-3; 656,1-3
Helmut Böhme

Predigt am 23.09.2001


Als Predigttext hören wir eine Seligpreisung: Jesus sagt in seiner Bergpredigt:
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen
Mt. 5,9
Heute schließen wir die Predigtreihe zur „Überwindung der Gewalt" Ursprünglich wollte ich den Ursachen alltäglicher Gewalt nachgehen und dann nach Jesu Alternativen zur Gewalt fragen. Das kann ich heute aber nicht. Die Ereignisse vom 11. September 2001 lassen mich nicht auf diesem Weg weitergehen.
Nach heutigem Kenntnisstand haben fanatisierte Terroristen - vermutlich mit religiösem Hintergrund - drei Linienmaschinen privater Fluglinien in den USA in ihre Gewalt gebracht. Zwei sind gezielt gegen die beiden Türme des World Trade Center in New York geflogen. Sie brachten beide Türme zum Einsturz und lösten unterschiedliche, weitreichende Kettenreaktionen aus. Das dritte Flugzeug zerstörte Teile des Pentagon (Verteidigungs-/Kriegsministerium) und des Außenministeriums in Washington. Ein viertes Flugzeug stürzte in der Nähe von Pittsburgh ab.
Funk, Fernsehen und Zeitungen bringen täglich neue Nachrichten. Nach dem heutigen Informationsstand sind 6.000 Todesopfer zu beklagen. Alte Nachrichten werden rund um die Uhr wiederholt.
Wir warten auf das, was noch kommt: Die Reaktion der USA.
Deshalb konzentriere ich mich heute auf den Versuch, Jesu Alternative zur Gewalt aufzuzeigen:
(1) Jesus setzt eine alte Erkenntnis neu in Kraft:
Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. 1. Mose (Genesis) 1,31
(2) Jesus gibt den Gesetzen des Mose eine neue Priorität. Es bleibt das wichtigste:
Du sollst Gott lieben. 5. Mose 6,5; Mt. 22,37
Danach aber:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 3. Mose 19,18; Mt. 22,39 b
Das ist dem ersten gleich. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Mt. 22,39 a, 40
(3) Jesus geht noch weiter, er fordert die Feindesliebe:
Ich sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Mt. 5,44f
Wie kann das sein? Wie kann man seine Feinde lieben? Wenn zutrifft, was wir eingangs hörten, dass Gottes Schöpfung gut ist - dann ist der Mensch auch gut. Das gilt natürlich für jeden Menschen - also auch für unsere Feinde.
Der Weg zur Feindesliebe geht meines Erachtens nur über diesen Weg, dass auch mein Feind Gottes Geschöpf und als solches gut ist.
(4) Der Predigttext heute bildet dann die Summe:
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Mt. 5,9
Friedfertig sind nicht diejenigen, die sich still verhalten. Die sind friedlich.
Friedfertig ist derjenige, den der Friede Gottes ganz erfüllt. Natürlich ist dieser Friede ganz wesentlich Liebe. Wir sollen nicht nur friedlich sein, sondern Friede finden - auch, und gerade den inneren Frieden unserer Seelen.
An diesen vier Schriftstellen wird Jesu Alternative zur weltlichen Gewalt deutlich - an der Liebe, die von Gott kommt und durch uns an die anderen Menschen, Freunde und Feinde in dieser Welt, weitergegeben wird.
Wer in unserer Welt Gewalt anwendet, der kann Jesus nicht antworten: Ich habe Gottes Gebote gehalten - wie es der reiche Jüngling tat (Mt. 19,20). Er handelt als Gewalttäter ganz eindeutig gegen Gottes Gebot.
Wir kennen eine andere Feststellung: „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen".
Das stimmt insofern, als wir nicht mit Liebe allein regieren können. Vor allem auch deswegen nicht, weil wir alle schwache Menschen sind, die Jesu Forderungen nicht gewachsen sind. Gewiß, Gottes Schöpfung ist gut - und dazu gehört auch der Mensch. Aber der Mensch hat gegen Gottes Gebot verstoßen, vom Baum der Erkenntnis gegessen. Jetzt weiß er, dass er Mensch ist - gottähnlich, aber nicht gleich Gott. Jetzt versteht er auch, was Gott meint, wenn er davon spricht, der Mensch soll sich die Erde untertan machen. Nicht unterwerfen soll er sie, lieben - mitleiden, für sie sorgen, das ist seine Aufgabe. Als Menschen sind wir unvollkommene Wesen - auch in unserer Liebe. Der Satz von der Bergpredigt, die nicht zur Politik tauge, stimmt aber nicht insofern, als wir Christen die Bergpredigt sehr wohl „im Kopf und im Herzen" haben können - gewissermaßen als Kompaß, der uns anzeigt, wann wir und wieweit von dieser Richtung abweichen.
Jesu Alternative wird deutlich, wenn es ums Grundsätzliche geht. Die Terroristen haben in vielerlei Weise kundgetan: Ihre Triebfeder ist der Haß. Sie haben ein recht einfaches Leitbild, das ihnen die Richtung weist. Ein Satz daraus lautet: Vernichte deine Feinde! Ihr Feindbild ist uns auch bekannt: Die Industrienationen, insbesondere die entwickelten Industriegesellschaften - an erster Stelle also die USA.
Terroristen isolieren sich und ihre Gesellschaft. Sie sind Auserwählte ihres Gottes - nur sie.
Es wäre gewiß sinnvoll und hilfreich, wenn die christlichen Kirchen sich ein eigenes Leitbild geben. Ihres ist sehr viel komplizierter - aber wohl auch tragfähiger. Ihre Triebfeder, die Liebe, ist deshalb auch stärker als der Haß der Terroristen, weil sie alle Menschen, ja die ganze Schöpfung umfaßt und die lebensbejahenden Kräfte stärkt.
Wie können wir selbst die Folgen der Terrorattentate gewaltmindernd in Jesu Sinne verarbeiten?
- Gefühle müssen sein, aber sie dürfen sich nicht gegen Unschuldige richten.
- Wir sollten nach Ursachen suchen. Meist liegen sie auf verschiedenen Seiten. Das sollten wir gerechterweise auch anerkennen.
- Wir reden mit anderen über das Geschehene, darüber, was wir dabei und danach empfunden haben, was uns jetzt beschäftigt und was wir in der Verarbeitung des Erlebten erfahren haben.
- Wir können, ja wir sollten auf unsere Worte achten. So wie unsere Gedanken unsere Sprache prägen, so können die Worte, die wir benutzen, auch unsere Vorstellungen prägen. Die Terroristen haben den westlichen Industrienationen „den Krieg erklärt". Sie möchten offizielle Kriegsgegner der größten und mächtigsten Nation der Welt sein. Ein westlicher Politiker sprach von einer „Kriegserklärung gegen die westliche Zivilisation".
Die Staaten selbst aber verfolgen Verbrecher, Straftäter, Attentäter und ziehen sie zur Verantwortung - ob das alles so bleibt, weiß ich allerdings nicht. Wir als Christen erklären jedenfalls nicht den Krieg.
Heute beginnt die Woche des ausländischen Mitbürgers. Sie sind in diesen Tagen besonders auf unsere Zuwendung angewiesen, besonders dann, wenn man sie als Muslime erkennt oder zu erkennen glaubt, denn es sieht so aus, als ob die Attentäter fanatisierte Muslime waren. Wir wissen: Fanatiker gibt es in allen Nationen und Religionen. Leider gilt das auch für Terroristen. Ich nenne zwei Beispiele in unserer Gemeinde für die Zuwendung zu unseren ausländischen Nachbarn:
- Zunächst der Frühstückstreff der Frauen, in dem sich dienstags von 09:00 bis 11:00 Uhr ausländische und deutsche Frauen im Gemeindesaal treffen.
Dann aber das Schülercafé, in dem ausländische und deutsche Schüler zusammenkommen. In der Hauptschule Scharnhorststraße sind 80 % der Schüler Ausländer.
Helfen Sie mit und unterstützen Sie diese Arbeit unserer Gemeinde, die ein aktueller Beitrag zum friedlichen Miteinander in dieser Welt ist.
Wir gehen in eine ungewisse Woche.
Lieber himmlischer Vater,
laß uns in dieser turbulenten Zeit
erfahren, daß du bei uns bist.

Wir beten für den Frieden,
wir beten für die Welt,
wir beten für die Müden,
die keine Hoffnung hält,
wir beten für die Leisen,
für die kein Wort sich regt,
die Wahrheit wird erweisen,
daß deine Hand sie trägt! eg 678,l
Amen

Diese Predigt war Teil der 5. Manforter Predigtreihe -02.-23.09.2001-

02.09. Kain und Abel - Vom Ursprung der Gewalt
l.Mose 4,l-16a
Lesung: Lk. 10,25-37 (barmherziger Samariter)
Lieder: eg 510,1-5; 375,1-5; 365,1-3.5.8; 222,1-3; 398,1+2
Peter Richmann
09.09. Auge um Auge, Zahn um Zahn - Kann Recht die Gewalt brechen?
2. Mose (Escodus) 21,22ff/Sach. 7. 7,8 ff
Lesung: Röm. 7,7-20 (Mensch unter dem Gesetz) Lieder: eg 166,1-6; 196,1-6; 430,1-4; 607,1-4
Jürgen Berghaus
16.09. David und Goliath - Das Recht des Stärkeren?
1. Samuel, 17,1-9, 17, 20-21, 42, 45-51
Lesung: Röm. 12,18-21 (Frieden halten, Böses mit Gutem überwinden) Lieder: eg. 506,1.3-5; 235,1-4; 245,1.3.5; 425,1-3; 648,1
Ulrich Theis

Montag, 29. Dezember 2008

Passionsandacht 16.2.1994

In der Lesung hörten wir zwei ganz unterschiedliche Berichte aus der frohen Botschaft nach Johannes. Beide sind uns sehr vertraut, weil wir sie in jedem Jahr mindestens einmal hören: Die Salbung Jesu in Bethanien durch Maria, die Schwester des Lazarus (Joh. 12, 1-11) und den Einzug Jesu in Jerusalem (Joh. 12, 12-19).
In den Passionsgottesdiensten pflegen die Prediger über einige Verse aus der Bibel zu sprechen. Heute möchte ich Sie einladen, sich auf die Botschaft beider Berichte einzulassen. Damit wir aber einige Anhaltspunkte haben, nenne ich zwei Sätze.
Aus dem Bericht über die Salbung:
"Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls." Joh. 12, 3
Aus den Bericht über den Einzug:
"Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!"
Joh. 12, 13
Als ich das erste Mal über die Salbung in Bethanien predigte, faßte ich das, was uns diese Geschichte zu sagen hat in zwei Sätze zusammen:
Wir sollen Gott lieben - und wir sollen unseren Mitmenschen lieben. Für einen Christen ist das nicht zu trennen. i
Ich fuhr dann fort:
Wir sollen diese Liebe zeigen. Das können wir wortlos tun, wie Maria es in unserer Geschichte tat. Aber wir können es auch in einem Wort sagen, das Gott, das unser Gegenüber hier auf Erden erreicht ... ." (Pass. Andacht am 8.2. 1978)
Das war vor 16 Jahren - in einer Passionsandacht zum gleichen Johannestext wie heute. Im Kern kann ich heute nur das Gleiche sagen. Die Botschaft Gottes ist viel zu einfach und zu wahrhaftig, als daß es vieler Wort bedürfte, um sie auszudrücken. Nicht Gott und nicht Jesus sind das Problem, wir selbst verschließen uns den Zugang zu dem, was Gott uns sagen will.
Am Bibelsonntag (20.01.94) habe ich gesagt, daß wir Schlüssel brauchen, um - jeder für sich - den Zugang zu Gottes Botschaft wieder zu finden. Ich habe gesagt, das könnten Worte der Schrift sein, die auf uns wirken, die uns in unserer aktuellen Lebenslage treffen. Das Wort des Nehemia ist nach meiner Überzeugung ein solches Wort. "Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!" (Nehemia 8, 10)
Im neuen Gemeindebrief finden Sie es abgedruckt im zweiten Teil nach den Altersjubilaren und vor den Konfirmanden. - Vielleicht ist es tatsächlich eine hilfreiche Verbindung zwischen den Alten und den Jungen?
Es gibt aber noch andere Schlüssel, die uns den Zugang zu Gottes Botschaft aufschließen können. Das könnten z. B. Fragen sein, die uns bewegen und auf Kraftquellen in dem Glaubenszeugnissen der Bibel hinweisen. Von einer solchen Frage sprach ich am Bibelsonntag auch: Was die Freude an Gott aus uns machen könnte - oder als Frage direkt gestellt: Was könnte die Freude an Gott aus uns - aus Ihnen, aus mir, aus uns allen gemeinsam - machen?
Die Freude an Gott kommt aus der Liebe - die er uns bezeugt und die wir ihm wiederum bezeugen.
Aber was geschieht mit uns, wenn diese Freude uns erreicht?
Heute sind es Maria und das Volk in Jerusalem, die uns eine Antwort von vielen auf diese Frage geben können.
Maria handelt still, für andere unerhört verschwenderisch und voller Hingabe an die Person, die sie liebt. Ich weiß nicht, ob wir uns so konzentrieren könnten wie Maria. Sie hört und spürt nichts von der Unruhe um sie her - und wenn, dann nimmt sie diese nicht zur Kenntnis. Ja vielleicht hört sie nicht einmal Jesu Worte, mit denen er den beunruhigt fragenden und drängenden Jünger auf das kommende Geschehen hinweist: Laß sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit. (Joh. 12, 7 + 8)
Vielleicht - ja wahrscheinlich ist ihr auch nicht bewußt, weshalb sie auf diese Weise Jesu Füße salbt. Sie tut es, weil sie es tun muß. Soweit wir es erkennen können, ist es eine Tat der liebenden Hinwendung zu Jesus.
Ist es dies, was die Freude an Gott aus uns machen kann?

Im zweiten Bericht geht es ganz anders zu. "Die große Menge", so heißt es (Joh. 12, 12) geht Jesus entgegen, nimmt Palmzweige und die Menschen rufen ihm zu: "Hosianna! Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn, der König von Israel". (Joh. 12,13)
Das sind nicht Worte, die ihnen so einfallen. Auch hier wäre es denkbar, daß die Menschen, die so rufen, nicht wissen, weshalb sie das tun und was dies bedeutet. Die Worte sind fester Bestandteil eines Einholungszeremoniells, mit dem der König begrüßt wird. "Hosianna!" bedeutet eigentlich "Hilf uns doch!" - Es ist bei uns weithin zu einem Jubelruf geworden. Ursprünglich galten diese Worte nur den weltlichen Herrschern, aber die Propheten haben schon verwiesen auf einen Messias, der Friede bringt und den Kriegsbogen (Waffen) zerbricht (vgl. Sach. 9, 9 ff). Unverkennbar bleibt aber die Freude. Und auf sie kommt es an - die laute, jubelnde Freude, die Festesfreude mit schmückenden Zweigen und Festumzügen.
Ist es dies, was die Freude an Gott aus uns machen kann?

Ich denke, Gott kann beides tun - uns still werden lassen zur konzentrierten Hingabe und dann wieder uns jubelnd, laut springend und singend durch die Straßen ziehen lassen, voller ausgelassener Freude.
Ich habe den Eindruck, die auslösenden und prägenden Motive für das Verhalten der Menschen liegen nicht in den handelnden Personen, sondern außerhalb - in beiden Fällen wenden sich die Menschen Jesus zu und konzentrieren sich auf ihn. Sie selbst werden vor ihm unwichtig und treten für sich selbst gern in den Hintergrund. Auch das kann die Freude am Herrn bewirken.

Ich könnte mir denken, daß es manchem von uns ähnlich geht wie mir. Die stille absolute Konzentration der Maria brächte ich ebenso wenig auf, wie die unbefangene jubelnde Freude der Menge, die Jesus entgegenzieht.
In einem Bericht über die Bedeutung der Person Jesu in seinem Leben stellt ein Pfarrer fest. An Jesus wurde zunehmend interessant, was er praktisch bei Christen bewirkt. (Volkmar Deile: "Starb Jesus in Auschwitz" in: Hartmut Weber (Hrsg.): „Was sagen die Leute, wer ich sei?" Stuttgart 1985, S. 85)
So dürfte es uns auch heute, zu Beginn der Reihe von sieben Passionsandachten gehen. Die Freude am Herrn läßt Passivität, läßt fromme Gefühle allein nicht zu. Sie führt zwangsläufig zu Veränderungen und zum Handeln - und sie tut das auf unterschiedliche Weise.
Wir können und wir brauchen uns selbst nun nicht am Handeln und Tun der Zeitgenossen Jesu zu messen. Aber wir können und sollen uns fragen, was das Geschehen der Passion in uns und mit uns in dieser Welt bewirkt.
Für heute ist dies der Sinn und der Auftrag der beiden Geschichten aus dem neuen Testament.
Amen

Prediger: Böhme, Leverkusen-Manfort

Materialien
Schulz,, Siegfried: "Das Evangelium nach Johannes", Göttingen,, Vandenhoeck & Ruprecht, 14. A., S. 163-165, NTD Bd. 4