Samstag, 7. Februar 2009

Wenn die Kirchenglocken das letzte Mal läuten ...

18.12.1983

4.Sonntag im Advent

Kanzelgruß
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Als Predigt hören wir heute aus dem Buch des Propheten Jesaja Kapitel 52, die Verse 7 bis 10 in Luthers Übersetzung:
(7) Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten,
die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen,
die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
(8) Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander;
denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion
zurückkehrt.
(9) Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems;
denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
(10) Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, daß aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.

Lieber himmlischer Vater,
dein Prophet hat zu uns gesprochen und wir wissen, daß sein Ruf die Wahrheit verkündet. Ja, du bist König, du hast uns getröstet, du hast dich in Jesus Christus den Menschen überall in der Welt offenbart. In dieser Zeit des Advent, in der wir in der Erwartung deines Sohnes leben, treten wir vor dich hin, um dein Wort der Verkündigung zu hören. Öffne unsere Ohren und Herzen, damit wir verstehen und annehmen was du uns sagst. Amen.

Vor knapp einer halben Stunden verhallten die letzten Glockenschläge, mit denen wir aufgerufen wurden, uns hier zu versammeln. Nicht nur zur Versammlung rufen die Glocken, sondern auch zur Sammlung. Wissen wir, wie viele Menschen, die den Weg zur Kirche nicht gefunden haben – vielleicht, weil sie die Gemeinschaft der anderen fürchten, also, weil sie einsam sind, oder weil sie krank und gebrechlich ans Bett oder an die Wohnung gefesselt sind - wissen wir, wie viele Menschen beim Klang der Glocken still werden?
Ich weiß es nicht, müßte mich aber sehr wundern, wenn es nicht eine ganze Reihe von Menschen gäbe, die das tun. Vielleicht lesen oder singen sie ein Lied aus dem Gesangbuch, lesen einen Text aus der Bibel und wenden sich im Gebet an Gott.
Der Klang der Glocken ist nicht nur ein Aufruf und ein Anruf, er ist auch ein Zeugnis: Seht, hier ist Gottes Haus und es behauptet sich gegen alle Versuche, der Verbindlichkeit seines Wortes zu entgehen und in die Welt hinein zu entfliehen!
Die Kirchenglocken, unsere Kirchenglocken, sind also
- ein Anruf an uns alle, Gott zu hören,
- ein Aufruf, seinem Wort zu folgen, sich unter seinem Wort zu versammeln, zu ihm zu beten, ihm zu danken
- das Leben unter sein Wort zu stellen,
- eine Einladung an alle, teilzuhaben an der Gnade seiner Vergebung, indem wir ihm nachfolgen und
- ein Zeugnis für Gottes Wirken in der Welt. -

Vielleicht wissen Sie jetzt, weshalb ich heute mit diesem Gedanken an die Kirchenglocken begonnen habe. In der Leverkusener Ausgabe ein Kölner Tageszeitung hat man in der vergangenen Woche öffentlich darüber nachgedacht, ob dies das letzte Weihnachtsfest ist, zu dem die Glocken der Paulus-Kirche in Leverkusen-Wiesdorf läuten (Kölnische Rundschau vom 13.12.1983).
Sie wissen, weshalb das Presbyterium Ihrer Gemeinde darüber nachdenkt, wie die beiden Kirchenzentren Ihres Pfarrbezirks langfristig genutzt werden sollen. Die sinkende Zahl der Gemeindeglieder und sinkende Steuereinnahmen führen in Verbindung mit steigenden Kosten dazu, daß auch ungewohnte und schmerzliche Entscheidungen in Erwägung gezogen werden müssen.
Wenn wir uns heute hier zusammenfinden, dann beschäftigt uns die Frage nach dem Schicksal des Gemeindezentrums sehr. Der Kirchenraum ist so warm und anheimelnd, Pfarrwohnung und Gemeinderäume liegen dicht bei einander. Und die Glocken dieser Kirche sagen ja noch etwas mehr. Sie künden von dem Standort einer Kirche direkt am Rhein in unmittelbarer Umgebung eines expansiven Industrieunternehmens. Wer von uns Pfarrer Wamsers Einsatz für ein menschengerechtes Wohnen in seinem Pfarrbezirk in Wiesdorf miterlebt hat, der weiß, daß mit dem Standort dieser Kirche mehr verbunden ist als ein beliebig austauschbarer Treffpunkt, ein Haus Gottes, das auch an anderer Stelle ebenso stehen könnte wie hier. In der Paulus-Gemeinde ist in den vergangenen Jahren einiges geschehen, das wichtig war - wichtig für die Menschen, die hier wohnen, wichtig für den Stadtteil Wiesdorf, wichtig für die ganze Stadt Leverkusen - und die Paulus-Kirche, das Gemeindezentrum der Paulus-Gemeinde, war ein Kristallisationspunkt, an dem sich die Verantwortung der Christen erweisen sollte, Verantwortung vor Gott für seine Umwelt, für die Welt, in der er lebt, zu übernehmen.
Wo ist in dieser Lage nun der Bote, der Frieden und Heil verkündet, der hier Gutes predigen könnte?
Machen wir uns klar, in welcher Lage das Volk Israel war, als der Prophet ihm diese Worte zurief. Jerusalem war von seinen Feinden zerstört worden. 4.600 Menschen wurden in die Gefangenschaft nach Babylon gebracht. Heute schätzt man, daß es insgesamt 12.000 bis 15.000 waren. In der Fremde konnten sie sich ein eigenes Leben, eine eigene Existenz aufbauen. Ihr Glaube an die Allmacht JAHWES, ihres Gottes, war erschüttert. Viele nahmen aufmerksam zur Kenntnis, welcher Art die vielen anderen Gottheiten waren, die in Babylon verehrt wurden. Viele - vielleicht fast alle - hatten die Hoffnung aufgegeben nach Palästina zurückzukehren.
Da tritt der Prophet auf und öffnet ein Fenster, das den Blick auf die freie Heimatstadt Jerusalem freigibt. Er spricht von der Allmacht Gott und davon, daß Gott sein Volk nicht aufgegeben habe. Ja, er verkündet die Rückkehr der in der Verbannung lebenden Juden und ein neues Reich. Der Prophet spricht zu Juden, denen es materiell erträglich bis gut geht, deren Glaube aber an Kraft rapide verloren hat. Ihnen ruft er zu daß Gott der Juden König sei, daß er nach Jerusalem zurückkehren wird, daß er sein Volk tröstet, Jerusalem erlöst und vor aller Welt sichtbar werden läßt, daß er dieses Volk zum Heil führt. In großer Glaubensschwäche, Nachlässigkeit in Glaubensfragen und bei wachsender Neigung zur Abkehr vom alten Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, wird dem Volk ein Prophet gegeben, der mit bezwingender Kraft den Sieg Gottes verkündet.
Hier wird deutlich, daß die verdunkelte Gegenwart durchdringend erhellt werden kann durch die Gewißheit, daß die Zukunft den Sieg des Lichtes bringen wird. Dein Gott ist König. Was bedeutet das für die Juden, die in der Zeit des Propheten lebten? Sie werden erinnert an die Einmaligkeit ihres Väterglaubens, in dem es nur einen Gott gibt - andere Religionen kannten ganze Götterfamilien oder gar Göttervölker.
Dein Gott ist König. Das bezeugt aber nicht nur die Einmaligkeit, sondern auch die Allmacht Gottes. Der Juden König steht über allem - er beherrscht die Welt als eine Schöpfung. Dein Gott ist König. Mit diesem Wort wird gleichzeitig gesagt, daß alle Welt diesem Gott, diesen König untertan ist: Alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, daß aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.
Der Prophet nimmt die Zukunft vorweg und stellt fest, daß der Gott der Juden seine Macht, sein Heil vor der ganzen Welt erwiesen hat. Das Exil der Juden war beendet, der von Nebukadnezar zerstörte Tempel wurde wieder aufgebaut - neu aufgebaut. Vor dieser Zukunftsperspektive kann der Prophet seinem Volk zusichern, daß der Herr sein Volk tröstet und Jerusalem erlöst. Seid fröhlich und rühmt miteinander die Herrlichkeit Gottes! Dies ist nun die Aufforderung, die aus der Gewißheit folgt, daß Gott König ist, daß er sein Volk in die Heimat zurückführt und daß er sein Haus, den Tempel, aufbauen läßt. Jetzt wird erklärlich, daß unsere Textstelle mit dem Bericht über die Freudenboten beginnt, die Frieden verkündigen, Heil verkünden und Gutes predigen.
Für den heutigen Tag sind als Lesung vor dem Altar zwei Textstellen vorgeschlagen worden, von denen wir den Bericht aus dem Evangelium nach Lukas gehört haben. Maria besucht Elisabeth und wird begrüßt mit den Worten: 0 selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist, von dem Herrn - Lukas 1, 41-45. Wenige Verse zuvor ist gesagt, "dein Sohn wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich" - Lk 1, 33 -.
Die zweite Stelle finden wir in dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper. Dort heißt es: "Freut euch in dem Herrn allewege und abermal sage ich euch: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Und der Friede Gottes welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! - Phil.4, 4-7 -.
In allen drei Stellen wird Gottes Kommen angekündigt
- vom Propheten des Alten Bundes im babylonischen Exil der Juden,
- von der Freundin Maria zur Zeit Jesu und
- von Paulus, der nach Jesu Tod und seiner Bekehrung zum Christen
annahm, der jüngste Tag stehe unmittelbar bevor.

Vierter Advent 1983 - sind wir nun diese Freudenboten, von denen der Prophet spricht? Ist das ein Datum, zu dem auch wir das Kommen Gottes ankündigen können? Können wir - wie Jesaja - sagen, daß der Herr zurückkehrt? - Wir wissen, daß Gott Mensch wurde und für uns in den Tod ging. Gott ist zurückgekehrt. Sind wir uns bewußt, daß Gott unter uns ist? Wir dürfen manchmal daran zweifeln. Nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch der Umgang miteinander und der Umgang mit Gottes Botschaft lassen gelegentlich erkennen, wie schwer wir es damit haben, Gott bei uns eine Heimat zu geben. Wir brauchen nur an die Botschaft der Freudenboten zu denken.
Wird in unserer Zeit Frieden verkündet? - Der Frieden ist unserer Welt nicht näher gekommen. Die Vernichtungskräfte in der Hand des Menschen gewinnen ungeahnte Ausmaße. Doch allmählich haben nicht nur immer mehr Menschen die Einsicht, daß Frieden auf der Welt nur dann auf Dauer möglich sein wird, wenn jeder von uns friedfertig mit dem anderen umgeht, sondern dieses Ziel ist auch an die Spitze der meisten politischen Zielkataloge getreten. Die Friedensbotschaft im Advent 1983 kann nicht verkünden, daß der Friede gesiegt und auch die Welt der Menschen erfaßt habe. Aber sie zeigt den Weg und das große Gewicht des Friedens für jeden von uns auf.
Heil verkündigen und Gutes versprechen - auch das fällt schwer im Jahre 1983. Der Herr ist nahe - nicht nur im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt, sondern auch im Jahre 1983? Das ist doch die Botschaft des Advent! Gott ist Mensch geworden. Was der Prophet nicht aus eigener Anschauung wissen konnte, das ist doch geschehen! Warum fällt es uns Menschen nur so schwer, die Fülle der Gnade, des Friedens und des Heils zu erfahren und weiterzugeben, die dieses Ereignis gebracht hat? Wir wissen zwar - anders als Paulus -, daß wir den jüngsten Tag nicht in irdischen Zeitmaßstäben erwarten können, aber wir dürfen doch gewiß sein: Der Herr ist nahe, Gott ist Mensch geworden! So sind auch wir aufgefordert, Frieden zu verkündigen, Heil und Gutes in der Welt zu verbreiten, wo es uns möglich ist, fröhlich miteinander zu sein und Gottes Gnade zu loben. Auch uns hat Paulus zugerufen, daß wir unsere "Lindigkeit kund sein lassen allen Menschen" - "unsere Lindigkeit", ein anderer Übersetzer spricht von "Güte" - (Gerhard Friedrich, NTD 8, 5.166). Wir sollten uns fragen, ob wir gütig sein können.
Vierter Advent 1983 - wird es der letzte Advent in der Paulus-Kirche sein? Wir wissen es wohl nicht. Es ist gewiß gut, dieses Haus Gottes und seine Bedeutung für die Menschen in Wiesdorf sorgfältig zu prüfen - auch das, was als Alternative für andere mögliche Nutzungen erwogen wird. Sicherlich ist da jeder aufgerufen, mitzusorgen, mitzudenken und auch mitzutragen, was dann entschieden werden muß. Dennoch sollten wir daran denken, daß unsere Häuser und Türme vergänglich sind und äußere Formen, bleiben. Ihrer Sinn und Inhalt gewinnen sie erst durch das, was in ihnen und mit ihnen geschieht. Das galt und gilt auch für die Paulus- und die Christus-Kirche in Leverkusen-Wiesdorf.
Die Adventsbotschaft des vierten Advent 1983 dringt also durch diese äußere Formenwelt hindurch und trifft den Kern unseres Lebens. Hier ist aber wohl jeder Anlaß, sich zu freuen, zu jubeln und zu jauchzen. Sonderbarerweise fällt uns das immer wieder schwer. Unsere eigene Natur belastet uns mit den eigenen Vorbehalten, mit unseren eigenen Fehlern und Nöten ebenso wie mit denen der anderen. Oft scheint es, als gäbe es keine Freude in unserer Welt.
In diese Trübsal und Resignation hinein ruft nun der Prophet: Dein Gott ist König. Das heißt, dein Gott überwindet alle Schwierigkeiten dieser Welt. Vertraue dich ihm an! Er kommt zu dir und tröstet dich in aller Not, er weiß auch einen Weg für dieses Kirchengebäude. Deshalb seid fröhlich und lobet Gott. Der Herr ist nahe!
Mit allen Dingen sollen wir zu ihm kommen. Ist uns das immer deutlich und nutzen wir diese Möglichkeit? Wir dürfen uns frei machen von dem, was uns belastet. Gott hat es in Christus auf sich genommen. Dafür können und wollen wir ihm danken.
Möge uns Gott, der Herr, die Kraft des Glaubens schenken, ihn und seine Gnade anzunehmen, wie Maria es tat! Dann wird für uns zur Erfahrung, was Elisabeth ihrer Freundin voraussagte: "0 selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn."

Lieber himmlischer Vater,
unsere Kraft reicht nicht aus, dir zu folgen und die befreiende Macht der Geburt deines Sohnes hier in unserer Welt in seiner ganzen Fülle zu erfassen. Wir brauchen dazu deine Hilfe und bitten dich, laß uns in den kommenden Weihnachtstagen Mut und Kraft wachsen, dem Frieden in der Welt zu dienen und für das Heil, das du verkündest, mit frohem Herzen einzutreten. Amen

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unsern Herrn! Amen.

Lieder:
- "Macht hoch die Tür ..." EKG 6/EG 1
- "Nun jauchzet all ihr Frommen ..." EKG 7/EG 9
- "Dankt, dankt dem Herrn, jauchzt volle Chöre ..." EKG 466/EG 630
- "Wunderbarer König ..." EKG 235/EG 327

Materialien:
Westermann, Claus: "Das Buch Jesaja. Kapitel 40 bis 66" Göttingen.4.A.1981, S. 201 - 203 - ATD 19 -
Friedrich, Gerhard: "Der Brief an die Philipper" (4,4-7) Göttingen.5.A. 1981. S. 166 - 172 - NTD 8 -
Schweizer, Eduard: "Das Evangelium nach Lukas" (1,39 - 45) Göttingen.18.A. 1982, S. 21 - 23 - NTD 3 -
Mai, Hans: "Läuten Glocken zur Weihnacht letztmals? Es geht um den Verkauf des evangelischen Gotteshauses" in "Kölnische Rundschau" vom 13.12.1983

Helmut Böhme/Leverkusen

Erste Predigt: Freude über Anfechtungen?

15.08.1976

Kanzelgruß:
Die Gnade unsere Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Der Predigt des heutigen 9.Sonntag nach Trinitatis liegt eine Textstelle aus dem 1. Kapitel des Jakobusbriefes zugrunde. Es heißt dort in den Versen 2 bis 12:

(2) Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt,
(3) und wißt, daß euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt.
(4) Die Geduld aber soll ihr Werk tun bis ans Ende, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei.
(5) Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so; bitte
er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird
sie ihm gegeben werden.
(6) Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer zweifelt,
der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und
bewegt wird.
(7) Ein solcher Mensch denke nicht, daß er etwas von dem Herrn
empfangen werde.
(8} Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen.
(9) Ein Bruder aber, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe, (10) wer aber reich ist, rühme sich seiner Niedrigkeit, denn wie eine Blume des Grases wird er vergehen.
(11) Die Sonne geht auf mit ihrer Hitze, und das Gras verwelkt,
und die Blume fällt ab, und ihre schöne Gestalt verdirbt:
so wird auch der Reiche dahinwelken in dem, was er unternimmt.
(12) Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem
er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die
Gott verheißen hat denen, die ihn liebhaben.
Herr, öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz. Amen. - nach PS.119,18 -

Es begegnet uns, daß wir zum Nachdenken kommen über unser Leben und den Sinn, den es hat. Dann legen wir Rechenschaft ab - vor uns, vor anderen Menschen, vor Gott. - Ja, unser Verhältnis zu Gott - ist das nicht eine ganz zentrale Frage, wenn wir in unserem Leben einen Sinn finden wollen?
Gehen wir mit unseren Gedanken zurück und bedenken wir, auf welche Weise wir Gott in unserem Leben erfahren haben. Es gibt einige nach außen erkennbare Markierungspunkte, die uns helfen können, darüber nachzudenken: In unserem Konfirmationsversprechen sagen wir "Ja" zum christlichen Glauben, im Eheversprechen übernehmen wir die Verantwortung für eine im christlichen Glauben geführte Ehegemeinschaft, bei der Taufe versprechen wir die christliche Erziehung unserer Kinder - und mit dem Wunsch nach einem kirchlichen Begräbnis lassen wir erkennen, daß auch unser Tod unter dem Gesetz Jesu Christi stehen soll.
Wissen wir genau, daß wir diese Versprechen eingehalten haben? - Müssen wir - oder doch wenigstens viele unter uns - nicht immer wieder mit Paulus erkennen: Ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich ? - Röm. 7, 15 -. Es fällt uns auf die Seele, daß wir bei allen Bemühungen doch immer erneut tun, was wir als falsch erkannt haben. Wir werden in unserem Leben immer wieder von neuem schwach - und das belastet unser Verhältnis zu Gott.
Deshalb werden wir so oft unzufrieden - mit Gott und mit uns selbst. Diese Unzufriedenheit macht uns unleidlich - uns selbst und damit zugleich all denen gegenüber, die mit uns leben und umgehen müssen. So geraten wir wie in einem Teufelskreis von Gott weg, ja, wir können auf diese Weise zu Gottesfeinden werden.
Aber wir können auch; einfach die Hände in den Schoß legen - weder zufrieden noch unzufrieden sein, sondern sagen, so ist das nun einmal -, also resignieren. Damit aber wird uns Gott gleichgültig. Er verliert an Bedeutung; er ist für uns kein Bezugspunkt im Leben mehr.
Da ruft uns der Schreiber des Briefes zu: Freut euch, die ihr in Versuchung geratet. Das klingt wie Hohn. Es ist doch eine Last, von Anfechtung verfolgt zu werden und es führt zur Verzweiflung, ständig der Versuchung zu erliegen. Würde aus unserem Bekanntenkreis jemand so zu uns sprechen wie der Brief Schreiber , wir meinten, er wollte uns auf den Arm nehmen.
Das Wort ist voller Widerspruch: Über eine Last sollen wir uns freuen. Und spielt nicht auch etwas von Show, von Theater mit, wenn dieser Widerspruch so betont an den Anfang des Briefes gesetzt wird? Da, das ist richtig so. Wir finden diese Art, etwas zu erklären öfters. Der Hörer und Leser soll aufmerksam werden - wie in der Fernsehreklame unserer Zeit die herrliche Landschaft und der irische Frühling aufmerksam machen sollen auf eine Seife oder ein anderes kurzlebiges Produkt unserer konsumfreudigen Zeit. Doch an der Stelle in unserem Text ist der Kunstgriff viel eher am Platz:. Es geht um eine sehr wichtige Sache Um unser Verhältnis zu Gott. Da darf man sich schon einiges einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu finden.
Im Gegensatz zu unserer Fernsehreklame ist das Eingangswort des heutigen Predigttextes wahr. Landschaft und Jahreszeit haben mit der Seife in Wirklichkeit nichts zu tun. Aber das Durchleben einer Zeit voller Anfechtungen und Versuchungen hat sehr wohl und viel mit Freude zu tun. Dieser Widerspruch von Freude und bewußter Annahme von Versuchung gehöre zu den Widersprüchen unseres Lebens wie viele andere auch:
- Im Beruf betrauern wir den Tod eines beliebten Vorgesetzten, doch
zugleich freuen wir uns, wenn wir seinen Platz einnehmen dürfen.
- Wir sind stolz, wenn unsere Kinder selbständig und erwachsen sind,
wenn sie es zu etwas gebracht haben im Leben, zugleich aber möchten
wir sie vor allen Unbilden des Lebens - vor allem aber auch vor ihren
eigenen Fehlern und Schwächen - bewahren,
- Wir bekennen in jedem Gottesdienst unseren Glauben an die „Auferstehung der Toten und das ewige Leben" - dennoch fürchten wir den Tod, den Durchgang durch die Pforte, die vom irdischen zum ewigen Leben führt.
So ist es auch mit dem Widerspruch in unserer Textstelle: Er ist da - uni wir müssen ihn anerkennen. Doch sagt der Schreiber mit seinen Worten mehr: Wir dürfen uns nicht unserer natürlichen, spontanen Neigung hingeben. Bei aller Unzufriedenheit und Resignation sollen wir das Ziel unseres Lebens nicht aus den Augen verlieren: Gott führt uns zum ewigen Leben. Unser Ziel ist nicht der Genuß des gegenwärtigen Augenblicks, nicht ein großes Einkommen mit hoher Rente, nicht eine hohe Position in Beruf oder Gesellschaft, weder viel Macht noch ausschließlich beste Gesundheit – das alles kann zu unserem Lebensziel dazu gehören. Das zentrale Ziel unseres Lebens ist aber doch: Gott nahe zu kommen. Der alte Kirchenvater Augustinus sagt in seinem Lebensbericht, den er in der Form eines Zwiegespräches mit Gott abgefaßt hat: Unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir. – (Augustinus "Confessiones - Bekenntnisse" lat./deutsch. München. Kösel. 2.A. 1960) 1.Buch,S.12/13, zit. nach PS. 43,5 - Das ist es: In Gott ruhen! Dieses Ziel sollten wir nicht aus den Augen verlieren.
Dann wird es uns leichter fallen, unsere eigene Unvollkommenheit anzunehmen. Wir wissen jetzt, daß nicht sie uns schlecht sein läßt und von Gottes Nähe ausschließt, sondern unser Nichtwollen - nicht, daß wir Sünder sind/belastet unser Verhältnis zu Gott, sondern daß wir das nicht in der richtigen Weise anerkennen: An-erkennen - "Ja" sagen - nicht einfach beipflichtend "So bin ich nun einmal“, sondern aufseufzend: "Herr, ich bin allzumal Sünder, hilf mir!" So anerkennend, daß wir unvollkommen sind und nur mit Gottes Hilfe weiter kommen, werden wir auch eigene Kräfte mobilisieren können. Und darauf kommt es an: Den Anfechtungen er folgreich zu widerstehen - und mit unserer Unvollkommenheit zu leben in der Gewißheit, daß Gott sie kennt und daß sie durch ihn überwindbar wird .
Haben wir dieses Ziel vor Augen, wird auch die Ungeduld unserer Unzufriedenheit und die Apathie unserer Resignation vergehen. Wir können lernen, geduldig zu werden. Ist es nicht überhaupt so im Leben, daß derjenige, der "Ja" sagen kann, viel mehr Geduld aufzubringen in der Lage ist als derjenige, dem das "Nein" ständig auf der Zunge liegt?
Danach wird uns gesagt, daß wir um Weisheit bitten sollen. Mit diesem Wort verbinden wir wohl eine Vorstellung von Klugheit, Abgeklärtheit -Entrücktsein in geistige und seelische Fernen, die unsere Welt nur in ihren Grundzügen erkennen läßt. Diese Weisheit ist hier nicht gemeint. Wir sollen hier an eine Erscheinung denken, von der ich vor mehreren Jahren in folgender Weise las:
In einem Aufsatz berichtete eine Sozialarbeiterin von einer eigenartigen Erfahrung: Da erleben Menschen eine Überfülle von Dingen, begegnen einer großen Zahl hochinteressanter Menschen, reisen durch die ganze Welt -und wenn man ihnen begegnet, erscheinen sie uns wie Lackbilder, die unsere Mädchen so im Alter von 8 bis 12 Jahren kaufen und tauschen: grell, bunt und mit glänzender Oberfläche. Die Bewegtheit ihres Lebens zieht uns an -aber die Menschen selbst haben uns nichts zu sagen. Außer der äußeren Erscheinung des Erlebnisses haben sie nichts mitgenommen. Ein Bild ist ihnen geblieben - aber das Bild hat nur eine Außenseite, Lack. Ihnen blieb von allem kein Gedanke, kein nachwirkender Eindruck.
Daneben gibt es Menschen, die - so scheint es -, überhaupt nichts erleben. Es sind Menschen, die Tag für Tag ihrer beruflichen Arbeit nachgehen, Menschen, die sich - aus welchen Gründen auch immer- nichts "leisten" können, kein Auto fahren, im Urlaub nicht verreisen, keine Partys geben und deshalb auch keine besuchen - also nichts erleben, ganz unmodern sind, langweilig. Doch dann stellen wir fest, daß diese Menschen uns bei näherer Bekanntschaft fesseln. Je länger wir sie kennen, umso mehr haben sie uns zu sagen. Wir fühlen uns wohl in ihrer Nähe - und wir erfahren sogar, daß wir durch die Begegnung mit ihnen Kräfte gewinnen, die uns die Schwierigkeiten im eigenen Leben zu überwinden helfen. Hier sind Menschen, denen die kleinen Dinge im Leben ausreichen, Eindrücke zu sammeln, Gedanken zu entwickeln, Geduld zu üben und Einsichten zu gewinnen. Die Sozialarbeiterin faßte ihre Erkenntnis zusammen in den Satz: "Erfahrung ist verarbeitetes Erlebnis."
Es kommt nicht auf die Vielfalt unserer Erlebnisse an, sondern auf die Verarbeitung jedes einzelnen Erlebnisses durch uns im Blick auf unser Leben. Und das ist dann Teil der Weisheit, um die wir Gott bitten sollen: Gib uns Weisheit im Umgang mit den Anfechtungen unserer Tage!
Schließlich hören wir dann die Zusage:
Selig ist der Mann, welcher die Anfechtung erduldet;
nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen,
welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.
Dieses Schlußwort nimmt den Lobpreis derer auf, die sich der Anfechtung stellen. Das Wort des Anfangs wird zum Schluß aufgenommen - aber in abgewandelter, fortgeführter Form. Es ist nicht mehr vom Freuen die Rede. Daß und weshalb wir uns freuen sollen, ist uns jetzt bekannt: Weil uns die Anfechtung herausfordert zur Bewährung im Glauben und die Bewährung uns erstarken läßt. Nein, das Schlußwort verspricht dem gläubigen Menschen, der der Anfechtung nicht ausweicht, die Seligkeit. Ja, das Ziel unseres Lebens in Jesus Christus erreichen wir durch die Anfechtung hindurch. So verstehen wir auch die weiteren Worte:
Wer sich bewährt hat, wird die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieben.
Das ist das Wort, das ich das Gesetz des Neuen Testaments nennen möchte: Liebe. Wer Gott liebt, der wird die Krone des Lebens, den Siegerkranz des Lebens erringen. So verbindet dieses Wort die Bewährung im Glauben und die Liebe zu Gott mit der Erfüllung unseres irdischen Daseins.
Jetzt erscheint es uns nicht mehr unsinnig, diesen Widerspruch zu hören:
Achtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallet! Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet!
Liegt ja doch tatsächlich ein Segen auf dem Mühen des Menschen um Gott und Unsegen, ja oft Verdammnis auf des Menschen Läßlichkeit.

Herr,
wir haben dein Wort gehört. Gib, daß es uns begleite, daß wir uns an ihm stoßen und von ihm stets von neuem geweckt werden aus unserer Vereinsamung, aus der Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit unserer Tage. Laß uns das Ziel unseres Lebens erkennen, damit wir in Freude unser Le annehmen und dir danken. Amen.

Kanzelsegen:
Und der Friede Gottes, welcher ist höher als alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

Lieder:
- Wach auf mein Herz und singe ... EKG348/EG 446
Gott des Himmels und der Erde ... EKG 345/EG 445
- Jesu. , hilf siegen ...EKG 260/EG 373
"Eins ist not!" Ach Herr dies eine ... EKG 259/EG 386
- Erneure mich, o ewigs Licht ... EKG 264/EG 390
Wenn wir in höchsten Nöten sein ... EKG 282/EG 366

Materialien:
vgl. Wolfgang Schräge "Der Jakobusbrief" Übersetzung und Kommentar in "Das Neue Testament Deutsch" - NTD - Teilband 10 ''Die katholischen Briefe", Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 12.A. 1980, S. 15 - 19
Gottfried Voigt "Homiletische Auslegung der Predigttexte"
Band 4 "Der zerrissene Vorhang", Göttingen.1975
NEUE FOLGE: Reihe VI:
"Die lebendigen Steine", Göttingen, 2.A. 1989
Helmut Böhme/Leverkusen