Samstag, 18. Dezember 2010

Christen in der Gemeinschaft

Gottesdienst zum 7. Sonntag nach Trinitatis am 20.07.1980
09.00 Uhr Krankenhaus in Schlebusch
10.00 Uhr Leverkusen-Manfort

Wiederholungen:
12.09.1982 Lev.-Rheindorf-Süd und Rheindorf-Nord
20.07.1984 09.00 Lev.-Schlebusch
17.07.1988 Seniorenzentrum Tempelhofer Straße, Lev.-Mathildenhof

Lieder:
Evangelisches Kirchengesangbuch (EKG)
ab 1996 Evangelisches Gesangbuch (EG)

EKG 339, 1 + 4 Die helle Sonn leucht jetzt herfür ....        EG 437
EKG 218, 1 - 3,  5+7 Sonne der Gerechtigkeit ...             EG 262
EKG 233, 1-3 8 + 9 Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut ..EG 326
EKG 159, 1-3 Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen      EG 221
EKG 264, 1-3 Erneure mich, o ewigs Licht, ...                  EG 390
EKG 526, 1-3 Es kennt der Herr die Seinen ...                 EG 358
EKG 431,1     Höchster Gott, wir loben dich ...                EG  -

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen 7- Sonntag nach Trinitatis steht im 2. Kapitel der Apostelgeschichte nach Lukas und lautet in den Versen 41 bis 47 - wir hören die Übersetzung von Ulrich Wilckens -:

- Text -

41 a) Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; ...
42) Sie blieben beständig bei der Lehre der Apostel, bei der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten.
43) Furcht Gottes kam auf bei jedermann: viele Zeichen und Wunder geschahen durch die Apostel.
44) Alle, die zum Glauben gekommen waren, verwalteten ihre ganze Habe als Gemeinbesitz.
45) Ihre Grundstücke und sonstige Güter verkauften sie und
verteilten (den Erlös) an alle, so oft einer etwas nötig hatte.
46) Tag für Tag trafen sie sich einmütig im Tempel, brachen das
Brot in den verschiedenen Häusern, hielten gemeinsame Mahlzeiten
voller Jubel und mit lauterem Herzen,
(47) priesen Gott und waren beliebt im ganzen Volk. Der Herr aber führte Tag für Tag Menschen, die zum Heil ausersehen waren, zur Gemeinde hinzu.

Herr, unser Gott, die Gabe des Heiligen Geistes hat in der Pfingstgemeinde eine Gemeinschaft entstehen lassen, die bis in unsere Zeit hinein wirkt. Hilf du uns, den Anruf recht zu verstehen, dir in Gemeinschaft zu folgen. Amen.

Gestern wurde in einer Kölner Tageszeitung das Interview mit einer bekannten Filmschauspielerin veröffentlicht (Ellen Schwiers mit Gerd Courts in "Kölner Stadtanzeiger" 166 v. 19./20. Juli 1980). In diesem Gespräch hat sie etwas gesagt, was viele Menschen heute ebenfalls denken.

"... Vieles von dem, was Kirchenpolitik ist, ist eigentlich nicht christlich. Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Ich habe mir diesen Schritt genau überlegt, denn ich habe Kinder. Ich werde eines Tages sterben. Aber ich werde auch das durchstehen, ohne den Beistand der Kirche. Es hat mir vieles gestunken, und ich habe einen langen Sündenkatalog der Kirche angelegt, ehe ich mich zum Austritt entschloß. Es war nicht wegen der Steuer. Was ich da nicht mehr bezahle, gebe ich für die SOS-Kinderdörfer. Ehe sich die Kirche nicht reformiert, bin ich nicht bereit, diesen Verein zu unterstützen."
Der Reporter fragt daraufhin: "Und Sie unterscheiden zwischen Kirchlichkeit und Gläubigkeit?" Sie antwortet: "Ich glaube, von mir sagen zu können, daß ich eine gute Christin bin."
Für diesen Standpunkt einer 50- jährigen Frau habe ich volles Verständnis.
Vielleicht darf ich dennoch dieser Position eine andere gegenüberstellen:
Nicht nur für die Kirchenpolitik, sondern für alle Menschen in der Kirche gilt, daß vieles von dem, was sie in der Kirche und im Namen der Kirche sagen und tun nicht christlich ist.
Einen Sündenkatalog der Kirche vermag ich nicht aufzustellen - mir käme da immer mein eigener dazwischen, den ich besser kenne, - und ich weiß nicht so recht, welcher da größer ist.


Aber ich weiß, daß in der Kirche viele, viele Menschen leben, handeln und wirken. Nahezu zweitausend Jahre hindurch haben sie das getan - und sie alle haben dieser Kirche etwas hinterlassen von diesem Leben, Handeln und Wirken.
Für mich ist das mit allen Fehlern und Schwächen Gottes Werk. Ich sehe nicht, daß ich allein das anders oder besser machen könnte. Aber ich sehe, daß die Fragen, die diese an ihren Fehlern und Schwächen ja auch leidende Kirche an mich stellt, Aufforderungen sind, zu einem ganz geringen Teil daran mitzuwirken, daß diese Kirche zu ihrem Auftrag findet und daß sie ihn erfüllen kann. Ich habe Aufgaben in der Kirche übernommen und erfahren, daß die Last, die die Unvollkommenheit der Kirche darstellt, für mich dadurch nicht leichter, sondern größer geworden ist. Dennoch bleibe ich bei dieser Aufgabe, weil ich davon überzeugt bin, daß ich tatsächlich in wenigem doch dazu beitrage, Kirche, wie sie sich hier unter uns zeigt, lebendig zu erhalten. Ich bleibe auch deshalb bei dieser Aufgabe, weil meine Kinder in dieser Kirche eine Heimat finden sollen.
Auch ich warte auf eine Reformation der Kirche - nicht auf eine, die sich durch den Thesenanschlag an einer Kirchentür, durch eine politische oder physische Katastrophe oder auch durch eine theologische Revolution vollzieht, sondern auf die Reformation durch uns selbst, die wir uns Christen nennen und die wir dies durch unser tägliches Denken und Tun bezeugen. - Ob ich ein guter Christ bin? - Ich bin Christ. -

Was haben diese Zeugnisse mit unserem Text zu tun? Kirche ist eine Form christlicher Gemeinschaft - und unser Text handelt von der Gemeinschaft der Christen nach der Pfingstpredigt der Apostel.
Die zentrale Aussage liegt für mich in dem Satz: "Sie blieben aber beständig bei der Lehre der Apostel, bei der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten." Diese Aussage wird umschlossen von der Feststellung "Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und so wurden an jenem Tage an die dreitausend Menschen hinzugewonnen" zu Beginn und "Der Herr führte Tag für Tag Menschen, die zum Heil ausersehen waren, zur Gemeinde hinzu." Am Ende folgen dem Ruf Gottes die Menschen, die zur Gemeinde werden - und als Gemeinschaft ständig wachsen.
Diese Stelle spricht also von der Gemeinschaft der Christen und nennt als ihr wesentliches Merkmal die Beständigkeit. Diese Beständigkeit bewährt
sich in vier zentralen Elementen dieses Gemeinschaftslebens
- in der Treue zur Lehre der Apostel,
- in der tätigen Gemeinschaft,
- in der Verwaltung des Sakraments und
- im Gebet.

Die Treue zur Lehre der Apostel ist nicht selbstverständlich. Die Apostelgeschichte berichtet selbst davon, wie immer wieder die verschiedenen Gemeinden den Versuchungen durch ihre Umwelt erliegen, ja selbst die Apostel können sich nicht immer und zu jeder Zeit einigen. Es wird aber deutlich, daß christliche Gemeinschaft nur dort lebendig bleibt, wo die Lehre von Jesu Botschaft der Liebe und der Vergebung gehört und immer wieder von neuem angenommen wird.

Die eine Entscheidung, ich will Christ sein, wann immer wir sie treffen - und vielleicht haben wir sie selbst nie getroffen, sondern andere für uns -, diese eine Entscheidung macht uns nicht zum Christen. Auch hilft es uns nicht viel, wenn wir von der Richtigkeit der Botschaft Jesu überzeugt sind. Bewähren kann sich diese Überzeugung nur, wenn wir uns immer wieder von neuem anfallen lassen von dieser radikalen Zusage und wenn wir es immer wieder von neuem erleben, wie neu, wie groß - ja, auch wie schwer diese Botschaft ist.

"Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." - Joh. 3, 16

'"Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte.' Dies ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich. 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.' " - Matt. 22, 37 - 39

Kann man dazu sagen "Ja, so ist das. Ich glaube das?": Und wäre damit alles abgetan? Hätten wir damit den Glauben und Jesu Auftrag an uns erfüllt? Mir scheint, so geht das nicht.

Wie ist das mit der Liebe?

Vielleicht ist es wenigen unter uns begegnet - aber es geschieht doch immer wieder, daß ein Kind auf uns zustürmt, sich uns in die Arme wirft und dann sagt, ich hab dich lieb. Wir selbst unterbrechen unsere Tätigkeit und wenden uns dem geliebten Menschen zu, wir nehmen ihn in unsere Arme oder wir suchen seinen Blick. Es gibt auch Liebe unter Menschen, die sich ferne stehen. Ein Wort, ein Blick - und wir sind manchmal betroffen von dem Maß der Zuwendung, die wir erfahren. Ja, und es gibt die Liebe, die sich verschließt, die niemand erkennt - und der geliebte Mensch oft am wenigsten. Aber es gibt auch die Redensart: "Es ist keine Liebe mehr unter den Menschen. "
Wenn wir unseren Alltag einmal daraufhin beobachten, dann müssen wir wohl feststellen, daß wir vieles von dem wiederfinden. Es gibt nicht nur das eine oder nur das andere - alles dies und noch mancherlei mehr ist Wirklichkeit.
Beständigkeit im Leben unter der Botschaft Jesu ist das nicht. Diese Beständigkeit kann nur leben aus der immer von neuem gewonnenen Erfahrung, daß die Liebe das Zentrum unseres Lebens ist, daß sie unser. Verhält­nis zu Gott und unser Verhältnis zueinander bestimmt. Zu dieser Erfahrung gehört die Erkenntnis, daß Liebe etwas unendlich Schönes und Kostbares, aber auch etwas sehr Schweres ist, daß Liebe immer wieder neu gelebt werden muß. Das gilt für die Liebe zu Gott, wie für .die unter den Menschen.

In Beständigkeit zur Lehre der Apostel halten, heißt auch, die Worte der Apostel nicht absolut nehmen. Gerade das haben die Apostel niemals ernsthaft gewollt. Der christliche Glaube ist kein Buchstabenglaube. Und es ist kein Widerspruch, wenn ich gleichzeitig sage, daß er ein Glaube ist, der vom Wort - nämlich vom Wort Gottes - ausgeht und in die Tat mündet . Der christliche Glaube lebt aus der Verkündigung durch das Wort und er bewährt sich durch die Tat.

Die tätige Gemeinschaft ist - wie es eine Erläuterung zu dieser Stelle sagt - die gemeinsame Verwaltung des Besitzes zum Zwecke der Gemeindediakonie. Man hat diese Stelle vor allem in Verbindung mit den dann folgenden Sätzen häufig auf den materiellen Besitz allein bezogen. Aber das trifft meines Erachtens das Entscheidende dieser Aussage nicht so ganz. Hier wird deutlich, daß der einzelne um des andern und damit um der Gemeinschaft willen sich von dem Eigenen trennt, sich löst von dem, was er hat, und das, was er kann, nicht für sich selbst und um seinetwillen, sondern um des andern willen einsetzt.

Hinter den mancherlei Appellen an unsere Spendenbereitschaft, die wir zur Zeit erleben, sehe ich den Aufruf, die Gemeinschaft der Christen und ihre Verantwortung für diese Welt bis ins persönliche Leben hinein ernst zu nehmen. Nicht nur Geld, sondern Zeit, Kraft, Wissen und Können soll ich einsetzen für die Gemeinschaft, in der ich lebe. Hier wird dann deutlich, daß die materiellen und ideellen Besitztümer dieser Welt nicht persönlicher Besitz sind, sondern gewährte Leihgabe zur freien Nutzung.

Wenn wir das so sehen, dann ist diese Frage nicht mehr so einfach. Sie stellt sich tatsächlich in zwei Richtungen
- auf meine Person hin, wie ich persönlich es mit meinem Glauben halte, wie weit ich selbst einstehe für das, was Christus uns verkündet hat, und
- im Blick auf die Gemeinschaft, in der ich lebe.
Hier geht es darum, ob ich die Gemeinschaft anerkenne, ihr einen Anteil an meinem Leben einräume und bereit bin, für andere einzustehen, oder das alles nicht leisten will.

Die Verwaltung des Sakraments, so habe ich die Stelle zusammengefaßt, die vom Brotbrechen spricht. Sie nimmt das Bild der damaligen patriarchalischen Familie auf. Zu Beginn jeder Mahlzeit bricht der Hausvater das Brot. Die ersten Christen erlebten das ebenso - nur schlossen sie häufig an die Mahlzeit das Abendmahl an. Dieses Brotbrechen steht hier für die Gemeinsamkeit. Gemeinsamkeit in der christlichen Gemeinde ist zugleich Bekenntnis. Darum geht es. Wenn wir darüberhinaus an die Gemeinsamkeit im Abendmahl denken, dann erfahren wir in der Gemeinschaft mit anderen Christen die Zusage der Liebe Gottes und der Vergebung unserer Sünden immer wieder neu. Hier wird die Gemeinsamkeit sowohl im schuldhaft Unvollkommenen - wir bekennen ja unsere Sünden - wie auch im Empfangen der Liebe und der Vergebung auf eine ganz neue Ebene gehoben.

Beständigkeit im Gebet ist eine heute ungewohnte Form der Gemeinschaft, so scheint mir. Beten ist, so heißt es, die höchste und schwerste Form, in der der Glaube des Christen sich bewährt. Das Gebet ist der Vorgang, in dem ein Mensch sich und seine Welt versammelt vor dem Angesicht Gottes (Ratschow nach Hans Grewel "Christentum - was ist das? Ein Elementarbuch" Stuttgart. 1980, S.157). In diesem Verständnis bedeutet beten, daß unser ganzes Leben Gebet sein soll, ein fortschreitendes Durchdrungenwerden von dem Willen Gottes (Hans Grewel, aaO, S.158).

Wenn das so ist, dann ist Beten nicht gebunden an bestimmte Formen oder Worte. Diese Erkenntnis sollte diejenigen zum Gebet befreien, die sich sorgen, daß sie nicht den richtigen Weg finden. Allerdings verlangt Beten eine gewisse Anstrengung. Die Erklärungen haben es gezeigt. Wir sammeln uns, wir konzentrieren uns und richten all unsere Gedanken auf das Gebet. Das gelingt nicht ohne weiteres. Aber ein solches Beten wächst. Es nimmt zu an Kraft und Tragfähigkeit mit jedem neuen Versuch.
Ist aber Beten nicht etwas, das wir ganz persönlich mit Gott abmachen? Was hat das mit der Gemeinschaft zu tun?

Ja, Beten ist das ganz persönliche Gespräch des einzelnen mit Gott und wir sollten uns darin auch nicht beirren lassen.
Zugleich gibt es aber auch das Gebet der vielen. In der Gemeinschaft gewinnt das Gebet eine ganz andere Kraft - es umschließt uns und es trägt die unter uns, die keine Worte finden und jene, denen die Kraft zum Beten fehlt. Das gemeinsame Beten ermutigt auch diejenigen, die noch lernen möchten zu beten. Wir sehen, das Gebet in der Gemeinschaft ist zugleich Stellvertretung, Eintreten für andere - und Hilfe für den anderen. Auf diese Weise wird das Beten in der Gemeinschaft nicht zu einer Bedrohung, sondern zu einer Stärkung unseres persönlichen Verhältnisses zu Gott.

Beständigkeit im Gebet - möge sie uns allen geschenkt werden!

Darf ich nun auf die Zeugnisse zurückkommen, von denen ich eingangs sprach.

Unser Schrifttext spricht nicht von der Kirche, sondern von der urchristlichen Gemeinde. Er hat - so meinen viele - nicht die tatsächlichen Verhältnisse beschrieben, sondern gezeigt, wie eine christliche Gemeinschaft in der rechten Weise leben soll. So trifft dieser Text unsere Kirche ebenso wie all die anderen christlichen Gemeinschaften. Es kann des­halb nicht unsere Sache sein, diese Zeugnisse zu kritisieren. Wir sollten das also auch gegenüber der Schauspielerin nicht tun. Andererseits sollte ihr Urteil über die Kirche unserer Zeit ein Warnsignal sein, das uns aufruft, etwas von dem in unserer Kirche lebendige Wirklichkeit werden zu lassen, was uns Lukas in der Apostelgeschichte berichtet.

Herr, unser Gott, hilf du uns, daß die Kirche hier in dieser Welt zu deiner Kirche wird und die Gemeinschaft der Christen sich unter deinem Wort zusammenfindet im Dienst und im Gebet. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


Gemeinde: EKG 241,1 Vater unser im Himmelreich

Abkündigungen


- Fürbittengebet -

Herr, unser Gott,
du hast uns deinen Sohn gesandt, daß er uns erlöse von unseren Sünden und die Kraft der Liebe in uns wecke.
- Du hast ihn vom Tode auf erweckt und uns die Zusage des ewigen Lebens gegeben. Dein Heiliger Geist hat dein Wort mächtig werden lassen weit über die Zeiten hinweg. Nun stehen wir vor dir und müssen bekennen, daß wir kleinmütig und schwach sind.

Wir bitten dich,
hilf unserer Schwachheit auf, damit wir die Kraft finden, die Kirche unsererTage als deine Kirche mit Leben zu erfüllen. Gib uns den Mut zu rechtem Dienst und zeige und die Wege zum Gebet.

Wir bitten
für unsere Kinder. Schütze sie in den Bedrohungen unserer Welt und führe sie den Weg zu dir.

Wir bitten für die Eltern und Erzieher, daß sie ihre vielfältig Aufgaben mit froher Zuversicht auf sich nehmen und mit Dankbarkeit erfüllen.

Wir bitten
für die Kranken, die sich oft verlassen fühlen und sich fragen, welchen Sinn ihr Leben noch hat, das ja von Schmerzen und Verzweiflung begleitet ist. Sei du ihnen Trost und gib ihnen die Kraft, ihren Weg gemeinsam mit dir zu gehen. Sei auch bei den Ärzten und Schwestern, bei den vielen, die kranken Menschen helfen wollen. Laß sie nicht müde werden in ihrem Dienst und gib ihnen den frohen Mut, den sie für sich und ihre Kranken brauchen.

Wir bitten
für die alten und gebrechlichen Menschen. Sie sehen das Ende ihrer Tage vor sich - Ungewißheit quält sie über das, was sie erwartet. Sei du bei ihnen und laß sie erkennen, daß du sie nicht verläßt, sondern sie trägst hier in diesem - aber auch hinüber in das spätere Leben.

Wir bitten
in der Stille für diejenigen, die uns nahe stehen, für die vielen, die wir nicht kennen und die dich doch auch brauchen - - -

Mit den Worten deines Sohnes beten wir zu dir: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen; denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

- Schlußsegen -
Der Herr segne und behüte uns! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig! Der Herr hebe sein Angesicht über uns und gebe uns Frieden!

Gemeinde: Amen. Amen. Amen.


Materialien:
- "Stuttgarter Erklärungsbibel nach der Übersetzung von Martin Luther" mit Einführung und Erklärungen. Stuttgart. 2.A. 1992, S. 1379 f
- "Neue Jerusalemer Bibel" - Einheitsübersetzung mit dem Kommentar
der Jerusalemer Bibel - Deutsche Ausgabe herausgegeben von
Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes Fl. Nützel Freiburg, Herder, 12.A. 1985, Druck 2001, S. 1559 f
- Roloff, Jürgen
"Die Apostelgeschichte", übersetzt und erklärt
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. NTD Band 5, 17. A., 1. dieser
neuen Fassung. 1981, S. 63 - 68
- Flesch-Tiberius, Marlies in "Assoziationen" Band 2, Stuttgart. Radius Verlag. Herausgegeben von Walter Jens, 1979, S. 140 f

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Zum Selbstverständnis meines Predigens

Die langjährige Leiterin unserer Gemeindebücherei vermittelte mir in den ersten Jahren meiner Predigttätigkeit das Besondere meiner Art zu predigen. Mein Standpunkt sei die Mitte der Gemeinde. Man habe nicht den Eindruck, die Gemeinde werde "angepredigt“, sondern vom Prediger hineingenommen in seinen Umgang mit dem Text. Die andere Stimme kommt von einem mir fremden Predigthörer aus einer Gemeinde, in der ich wohl öfters als Gastprediger zu Besuch war. Es dürfte in den Jahren zwischen 1990 und 2002 gewesen sein, daß er mir sagte, in meinen Predigten komme immer die Gegenwart vor.

Als Laienprediger rede ich "die Gemeinde" selten an, spreche eher von "Sie und ich" - "Sie" - "Wir". Die Anrede "liebe Gemeinde" war mir deshalb schwer möglich, weil ich mich dann hätte selbst mit anreden müssen. Nur in Zusammenhang mit Amtshandlungen, in dem die Gemeinde als Gemeinschaft aufgerufen ist als Zeuge oder als Heimat, geistliche Heimat der Täuflinge oder der Paare, habe ich die Gemeinde als solche unmittelbar angesprochen.

Von vornherein habe ich mich aus dogmatischen Erörterungen herausgehalten, soweit das möglich war. Von meinen persönlichen Möglichkeiten her habe ich sowohl die dogma­tischen Elemente den Theologen, den Pfarrern überlassen wie auch die Mission in ihrer ganzen Breite. Meine Möglichkeit der Mission besteht in dem, was andere als Vorbild für sich an meinem Handeln erkennen. Von theologischer Seite kam anfangs der Einwand, es fehle das "Ich aber sage euch!" Das ist wahr. Dafür fehlen mir Sendungsbewußtsein und Berufung.

Was aber ist nun die Motivation für mein Predigen? Es ist zunächst die Gewißheit, daß ohne die Botschaft Jesu Christi die Erde von der Menschheit bereits zerstört worden wäre. Es gilt also, sie so umfassend wie möglich zu verbreiten. Dann habe ich die Erfahrung gemacht, daß diese Botschaft viel mit unserem Leben zu tun hat. Eine wichtige Begründung für das Predigtamt der Laien (Nicht-Theologen) in der Kirche lautet, daß sie mehr von der Lebenswirklichkeit in der Verkündung erkennen lassen können als es die auf ihre Kirche konzentrierten Theologen könnten. Ein Laie geht anders an die Verkündigung heran als ein Theologe. Allerdings habe ich auch einige Einflüsse aus meinem Berufsleben auf meine Predigten feststellen können.

Mehr über diese Einflüsse findet sich auf der Seite Selbstverständnis des Predigers.

Samstag, 9. Januar 2010

Ruf des Predigers - Mitte unseres Lebens

Sonntag Reminiscere 23.02.1986

Ordination Böhme in der Johannes-Kirche in Leverkusen-Manfort durch Superintendent Herrn Dr. R. Witschke/Monheim

PREDIGT
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Als Predigttext hören wir aus dem Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel die Verse 6 bis 8 in der Luther-Übersetzung, und zwar in der revidierten Fassung von 1984 (1964):
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predige? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Jes. 40, 6-8

Herr, unser Gott,
Du rufst uns. Nicht immer hören wir Dich. Oft antworten wir nicht, weil wir uns eine Antwort nicht zutrauen oder weil wir uns vor Dir fürchten. Du aber läßt nicht nach. Auch heute hören wir Deinen Ruf, wie ihn uns ein Zeuge vor mehr als 2500 Jahren überliefert hat. Öffne unsere Ohren und Herzen, daß wir Dich hören und Dir zu-hören. Gib uns die innere und äußere Ruhe, die wir dazu brauchen. Laß uns verstehen, was Du uns sagen willst. Amen.

Der Text aus dem Buch des Propheten Jesaja führt uns in die Zeit von etwa 500 v. Chr. Deshalb lade ich Sie ein, sich mit mir die Situation des Propheten vor Augen zu führen, die Worte unseres Textes im Zusammenhang seiner Verkündigung zu sehen und sie schließlich von heute - von der Botschaft Jesu Christi her zu durchdenken.

1. Juden in Babylon (587 - 539)
2. Die Botschaft des Propheten (Deuterojesaja, Wirkungszeit 587 - 553)
3. Jesus Christus - unter uns


1. Juden in Babylon (587 - 539)

Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Die Mitte des Glaubenslebens der Juden ist vernichtet. Dabei kannten die Juden nur den einen Gott, von dem sie sich nicht einmal Bilder machen durften. Ihr Tempel enthielt die Bundeslade und war das einzige
Heiligtum, das sie kannten. Umso wichtiger war dieses Heiligtum für ihr Glaubensleben. Doch nun war es zerstört.
Mehr noch: Tausende von Juden wurden hinweggeführt
Sie kamen nach Babylon, in das Exil. Es waren die wirtschaftlich, geistlich und geistig führenden Schichten des Volkes, die man auf diese Weise ihrer Heimat beraubte. Dabei hat für den Juden die Heimat auch eine wichtige religiöse Bedeutung. Sie ist ihm von Gott zugewiesen worden. In vierzigjähriger Wanderschaft hat Gott sein Volk in dieses Land geführt (2. Mos. 12, 41 - 5. Mos. 1,3; 5. Mos. 34). Und nun - wird es ihm genommen. Wir verstehen, daß die Juden dies alles als eine Strafe Gottes ansehen mußten und viele, besonders von denen, die im Exil leben mußten, waren der Auffassung, Gott habe sie verlassen. Sie seien nun nicht mehr das auserwählte Volk Gottes.
Dennoch lebten die Juden in Babylon nicht wie in einem Gefängnis. Wir dürfen annehmen, daß sie in eigenen Siedlungen lebten, Häuser bauen und Land bestellen konnten. Sie haben auch eigene Gottesdienste gehalten, waren aber dabei angewiesen
auf die reine Verkündigung des Wortes Gottes. Hier ist, so meinst man, der Ursprung der Synagogengottesdienste, wie wir sie heute noch kennen. Hier sind auch viele der Psalmen entstanden.
Es ist nicht anzunehmen, daß die Juden unter Druck gesetzt wurden, Götter der Babylonier anzubeten. Gar mancher unter ihnen aber wird sich von einem Gott abgewandt haben, von dem man sich kein Bild machen durfte und der sein Volk ganz offensichtlich verlassen hatte.
Dabei war damals die Welt voll von Göttern und Gottheiten, deren Bildnisse oft sehr prunkvoll ausgestaltet waren.
In diese allgemeine Situation hinein ertönt die Aufforderung: "Rufe!" oder wie Luther hier übersetzt: "Predige!" Unser Text sagt nicht, ob hier Gott selbst oder ein von ihm Beauftragter spricht.
Wir dürfen aber annahmen, daß es eine göttliche Stimme war. Der Auftrag verhallt nicht ungehört.
Aus der Menge des jüdischen Volkes in Babylon kommt Antwort - eine Frage: "Was soll ich rufen, was soll ich predigen?" Der Frager fährt fort und erklärt, weshalb er die Frage stellt: "Alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk."
Ein einziges Klagelied über die Vergänglichkeit irdischer Kreatur. So mag es scheinen. Es könnte aber auch eine sachliche Feststellung sein, wenn der Frage Gott antwortet und dessen Unvergänglichkeit mit der Vergänglichkeit irdischen Wirkens vergleicht. In der Antwort wird diese Feststellung aufgegriffen. "Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort Gottes bleibt ewiglich." Es geht darum, daß das ewige Wort Gottes im vergänglichen Leben hier auf Erden eine Heimat findet. Deshalb, muß es gerufen, deshalb muß es gepredigt werden.
Ob es uns gelingt, Gottes Ruf zu hören? Das Getöse in unserer Welt ist so laut, da wird der Ruf unseres Gottes allzu leicht überhört. Nicht selten aber sind auch wir selbst schwerhörig und hartherzig. Wir sind es dann, die unsere Ohren und Herzen vor dem verschließen, was Gott uns sagen will. Das wird in den Büchern des alten wie des
neuen Testaments bezeugt. Bis in unsere Tage hinein können wir diese Erfahrung machen. - Heute nun ergeht die Frage an uns: Hören wir Gottes Stimme? - Und wenn wir sie hören, wollen wir ihr folgen, wollen wir dem folgen, der uns anspricht? Öffnen wir also nicht nur die Ohren, sondern auch unsere Herzen!

2. Die Botschaft des Propheten Deuterojesaja, Wirkungszeit 587 - 539 v.Chr.
Unsere Textstelle ist die einzige, in der unser Prophet sich selbst nennt: "... und ich sprach: "Was soll ich predigen?... "
Er ist der mittlere der drei Propheten, denen man den Kernbestand des Prophetenbuches des Jesaja zuspricht: Deuterojesaja (Wirkungszeit von 587 - 5 539 v. Chr.). Ihm spricht man die Kapitel 40 bis 55 zu. Seine Botschaft, hinter der er selbst dann ganz zurücktritt, ist an wenigen weiteren Sätzen zu verdeutlichen:
"Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott ... Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!...“ Jes. 40, 1+3
Der Prophet soll trösten. Das ist eine ungewohnte Aufforderung. Sie zeigt an, daß eine Wende bevorsteht. Gott wendet sich seinem Volk wieder zu. Anders als viele angenommen haben, hat er sein Volk nicht fallen lassen, er hat es nicht vergessen und es ist nicht verloren. Später, am Ende des Prophetenzeugnisses heißt es dann:
"... meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr ... gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Mund geht auch sein! Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkehren, sondern wird tun, was mir gefällt und ihm wird gelingen, wozu ich es sende."
Jes. 55, 8, 10 f
Hier wird nun ganz souverän klargestellt, daß Menschenwerk und Gotteswerk nicht miteinander verglichen werden können. Das Wort Gottes wirkt - auch ohne uns. Gott ist nicht auf uns angewiesen, damit sein Wort unter uns wirkt. Es erfüllt seinen Auftrag auf mancherlei Weise und verändert die Welt, in der wir leben.
Das sind eigenartige - und ich meine, auch etwas ungewohnte Worte, die der Prophet hier findet.
Trost als ein Kern göttlicher Botschaft an die Menschen - das ist heute nicht immer selbstverständlich. Gelegentlich haben manche von uns den Eindruck, daß Mahnungen, Vorwürfe und Schuldzuweisungen diesen göttlichen Auftrag überwuchern. ja, im seelsorgerlichen Gespräch geschieht wohl Trost - weit über das Maß hinaus, von dem wir wissen können. Aber in der Verkündigung des Wortes, in der Predigt da geschieht nicht selten ganz anderes. Unter Bezug auf das Wort Gottes mahnen christliche Verbände, Parteien, Kirchen und Privatleute den Raubbau der Menschen an der göttlichen Schöpfung an und verurteilen die Gewalt, die sich unter den Menschen wie eine Seuche ausbreitet. Sie analysieren die Welt, in der wir leben. Sie suchen und sie finden Ursachen und Verantwortliche - und die Welt ertönt von ihren Rufen. Das gehört zu ihrem Auftrag - der Kern, der christlichen Botschaft aber ist das nicht.
Schon der Prophet des Alten Testaments hatte den Auftrag, zu trösten. Die Analyse ist erst der Anfang. Von ihm aber kommen wir oft nicht weg. Wir bleiben stecken in dem Bemühen, die Ursachen der Übel in dieser Welt herauszufinden - aber wir finden nicht den Weg, der weiterführt. Aus der Ferne von 2500 Jahren und aus der Welt des Exils der Juden in Babylon ruft uns das Wort des Propheten: "Tröstet, tröstet mein Volk!"
Vielleicht gelingt es uns, über den Trost den Weg zu jenen Menschen zu finden, die in der Wüste ihre Isolation und Enttäuschung, in der Wüste ihrer Gottesferne jeden Zugang zum Worte Gottes verloren haben und keine Hoffung mehr auf Gott setzen können. Vielleicht gelingt es uns, in der Wüste dem Herrn einen Weg zu bahnen. Aber Trost brauchen wir alle - nicht nur jene, die am Rande der Gesellschaft oder ihrer Existenz leben. Deshalb sind wir auch alle aufgerufen, zu trösten. Aber dies Trösten ist kein menschliches Wirken aus uns heraus. Bischof Schönherr hat einmal gesagt zu dieser Stelle: "Wie tröstet Gott? Er tröstet, indem er uns Weg schafft, auf dem wir gehen können. Er tröstet, indem er uns sein Wort gibt." Dieser wirksame Trost also ist ein Trost, den nur Gott geben kann.
Er bleibt schwach, wenn wir es nicht fertigbringen, auf die Kraft des Wortes Gottes zu vertrauen. Wie zaghaft gehen wir doch oft mit Gottes Wort um! Es fällt richtig auf, wenn wir einem Menschen begegnen, von dem wir erfahren, daß er mit dem Worte Gottes lebt. Und wir Prediger? Beim besten Willen sind viele von uns immer wieder in Gefahr, das Wort unseres Gottes zuzudecken mit ihren eigenen. Haben sie dann Gottes Ruf nicht gehört? Hatten sie Angst vor Gottes Wort, war es ihnen zu unbequem? Oder ist ihre Verzweiflung so groß, daß sie nur sich selbst und ihre Angst sehen, die sie wortreich ausbreiten?
Es gibt mancherlei Ursachen für uns Menschen, das Wort Gottes zuzudecken mit unseren eigenen Äußerungen. Aber denken wir doch daran - "alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein."
Das gilt auch für diese Predigt. Meine Worte vergehen - sie sind für den Tag und für die Stunde gesagt. Aber das ewige Wort unseres Gottes bleibt
- es verläßt uns nicht, Sie nicht, mich nicht - es bleibt ewig.


3. Jesus Christus - unter uns

Unser Verhältnis zu Gott - und darum geht es, wenn er uns tröstet, wenn wir seinem Wort den Weg zu den Menschen bereiten sollen, wenn wir predigen sollen und wenn wir der Kraft seines Wortes vertrauen sollen - unser Verhältnis zu Gott und unser Handeln in der Welt wird bestimmt durch Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi. In ihm ist die Liebe Gottes zu den Menschen besiegelt und als Mensch in dieser Welt lebendig geworden: "Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Joh. 3,16

Der Trost, den Gott uns zuspricht, wird in Jesus Christus lebendige Wirklichkeit und reicht über den Tod hinaus: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Joh. 16,33 )

Wir erfahren auch den Grund für diese Zuversicht. Jesus hat ihn genannt auf die Frage nach dem Gebot das vor allem anderen zu beachten sei: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten." Mt. 22, 37-40.
Wenn die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen zum Mittelpunkt unseres Lebens wird, dann ist alles andere nachrangig. Wer von uns aber kann dieser Aufforderung vorbehaltlos und ohne Einschränkung folgen? Wir bleiben wohl alle den üblichen Kompromissen unserer Natur unterworfen.
Von dieser Mitte unseres Lebens aber - ob sie nun ausschließlich unser Leben beherrscht oder nur dazu dient, allzu große Kursabweichungen im Alltagsleben zu korrigieren - von dieser Mitte her gewinnt das Predigtwort neue Eindringlichkeit. In der historischen Situation an einen Rufer gerichtet, der das im Exil lebende Volk Gottes trösten und ihm die Rückkehr in das Land seiner Väter ankündigen soll, wird es durch das Zeugnis Jesu Christi über Zeit und Raum erhoben und richtet sich an jeden einzelnen von uns:

- Hörst du Gottes Ruf?
- Antwortest du auf Gottes Ruf?
- Bezeugst du das Wort Gottes, damit es lebendig bleibe in den Herzen der Menschen - in dir selbst und um dich her?
- Vertraust du auf die Kraft des ewigen Wortes Gottes?

Wenn wir hier antworten wollen, werden wir wohl zunächst mit den Worten des Psalmdichters Gott bitten:
Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit
und an deine Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind. PS. 25,6
die in der mittelalterlichen Kirche den Eingangspsalm bildeten und damit dem heutigen Sonntag den Namen gaben: "Reminiscere" , "Gedenke, Herr ...“
Vielleicht können wir dann auf die Fragen antworten: "Ja, Herr, ich höre. Die Antwort fällt mir oft schwer. Das Zeugnis ist sehr häufig schwach. Mein Vertrauen schwankt."
Das ist jetzt nicht Ihre Antwort, die ich etwa voreilig vorweg genommen habe. Das ist aber eine mögliche Antwort, die die Situation unserer Zeit berücksichtigt. Ihre Antwort müssen Sie selbst geben. Wichtig ist, daß Sie den Mut und die Kraft finden, wie der Prophet die eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und zu benennen, dennoch aber einer Antwort nicht auszuweichen.
Das Predigtwort hat aber nicht nur Fragen an uns. Es enthält eine Zusage unseres Gottes, die uns begleitet und Kraft gibt für den heutigen Tag und für alle, die ihm folgen.
Gottes Ruf hört nicht auf. Er geht uns nach über Tausende von Jahren hinweg* Er sucht nicht einzelne; sondern jeden einzelnen von uns. Unsere Antwort ist aber notwendig, wenn unser Glaube lebendig werden soll für uns und für andere.

Herr, unser Gott, lieber himmlischer Vater, Du rufst uns. Es fällt uns schwer, Dir zu antworten. Wir erkennen aber, daß wir Dein ewiges Wort brauchen für unser Leben auf dieser Welt und für das Leben der Menschen um uns. Wir bitten Dich deshalb, gib uns offene Ohren, öffne unsere Herzen und gib uns Kraft, Mut und Zuversicht, damit wir uns Dir zuwenden, Dir antworten und deine Liebe leben - in dieser Deiner Welt. Amen.

Lied:
EKG 230, 1 + 2 Ich singe dir mit Herz und Mund


Materialien

- „Stuttgarter Erklärungsbibel“ Luthertext mit Einführung und Erklärungen Stuttgart. Deutsche Bibelgesellschaft. 2.A. 1992, S. 878f 3.A. 2007 mit Apokryphen, 2008 S.

"Neue Jerusalemer Bibel". Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel. Neu herausgegebene und erweiterte Ausgabe.Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes M. Nützel Freiburg. Herder. 12. A. 1985. 2001. S. 1077

Claus Westermann, "Das Buch Jesaja. Kapitel 40 - 66" übersetzt und erklärt Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 4.A.1981, S. 29 – 41

"Assoziationen" Gedanken zu biblischen Texten. Herausgegeben von Walter Jens Stuttgart. Radius. 1982. Hans von Keler, S. 14f Christian Krause, S. 15f

"Verborgene Weisheit Gottes", Predigtgedanken aus Vergangenheit und Gegenwart, ausgewählt von Hartwig Daewel, Reihe D Band 1, S. 30-43 Berlin. Evangelische Verlagsanstalt. 1.A. 1975

Dienstag, 22. September 2009

Prüfstein für den Glauben

30.12.1984 1. Sonntag nach Weihnachten

Predigttext aus dem Evangelium nach Lukas in der Einheitsübersetzung der katholischen und evangelischen Kirche:
Lk 2, 25 - 39
(25) In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels, und der Heilige Geist ruhte auf ihm.
(26) Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe.
(27) Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war,
(28) nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:
(29) Nun läßt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
(30) Denn meine Augen haben das Heil gesehen,
(31) das du vor allen Völkern bereitet hast,
(32) ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
(33) Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden.
(34) Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
(35) Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
(36) Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuels aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt;
(37) nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.
(38) In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

Lieber himmlischer Vater, dein Sohn ist Mensch geworden. Wir wissen das - und dennoch wissen wir es nicht. Sei du bei uns in dieser Stunde und laß uns erfahren, was die Ankunft deines Sohnes für jeden von uns bedeutet. Amen.
Das Weihnachtsfest liegt hinter uns. Der 24., 25. und 26. Dezember 1984 - diese Tage sind vergangen. Ist auch die Botschaft vergangen, die in den Worten der Einheitsübersetzung lautet: Heute ist euch der Retter geboren ... Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade (Lk. 2, 11, 14) ?
Vergangen ist diese Botschaft nicht. Sie lebt seit fast 2.00C Jahren unter den Menschen -und auch heute lebt sie in uns allen. Wir wären sonst nicht hier. Sie hat die Welt erhalten zum heutigen Tag. Das ist meine Überzeugung. Gewiß, wir Menschen haben diese Botschaft oft mißbraucht - aus der Frohbotschaft eine Drohbotschaft gemacht (Walter Jens "Assoziationen", Bd.1, Stuttgart. Radius.1976, S. 7). Im Namen Jesu Christi wurde gemordet und Terror in der Welt verbreitet. Zugleich aber ist die Liebe, wie Jesus sie verkündet hat, zu einer Weltmacht geworden, die niemand mehr leugnen kann, die auch niemand mehr einfach übergehen kann - mit der jeder rechnen muß.
Unsere Geschichte von Simeon und Hanna schließt an die Weihnachtsgeschichte an. Die Botschaft der Weihnachtsgeschichte lautet in der für uns ungewohnten Fassung der Einheitsübersetzung: " ... Heute ist euch ... der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr (Lk 2,11). ... Verherrlicht ist Gott der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade (Lk 2,14)."
Wir werden nach den Wirkungen dieser Botschaft fragen.
Die für mich zentrale Stelle unseres Predigttextes ist das Zeugnis des Simeon:
Nun läßt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden, wie dein Wort es verheißen hat, denn meine Augen haben das Heil geschaut, das du geschaffen hast, damit alle Völker es sehen: ein Licht, das die Heiden erleuchtet und eine Verherrlichung deines Volkes Israel.
Wie kommt Simeon dazu, dies von dem kleinen Jesuskind zu sagen? Der Geist hat es ihm offenbart. Das soll heißen, Gott, der Herr, hat ihm den Blick für das Wesentliche geöffnet. Mehr noch: Simeon bezeugt, was er sieht. Die Eltern des Jesuskindes staunen über diese Worte. Sie können nicht verstehen, was Simeon meint. Simeon erkennt das, und er wendet sich an Maria, an den Menschen, der dem Jesuskind am nächsten steht. Er sagt über dies Kind geheimnisvolle Worte: In Israel sollen viele durch Jesus zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden. Jesus wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Durch dieses Zeichen werden die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. -
Wir wissen, wer durch Jesus zu Fall kommen wird. Das sind jene Menschen, die ihre Kraft und Macht aus dieser Welt ziehen.
Wir wissen, wofür Jesus ein Zeichen ist: Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat (Joh. 3,16). Für diese Liebe ist Jesus ein Zeichen - ein Zeichen aus Fleisch und Blut, ein Zeichen aus Liebe, Not, Leid und strahlendem Sieg. Ich meine, Jesus ist mehr als ein Zeichen. Er ist der Beweis der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, zu den Menschen. Mit Jesu Ankunft bezeugt Gott diese Liebe. Er bestätigt sichtbar, hörbar und für alle erkennbar diese Liebe. Durch dieses von Gott gesetzte Zeichen werden die Gedanken der Menschen offenbar. An Jesus scheiden sich die Geister der Menschen. Die einen verfolgen, die anderen verehren ihn. Jesus ist der Prüfstein für den Glauben der Menschen an Gott.
Und dann der letzte, der Satz, der Maria treffen wird: "Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen". 'Jas meint Simeon damit? Will er Maria darauf vorbereiten, daß ihr Sohn Jesus sie in den letzten Jahren seines Lebens verlassen und sich anderen Menschen zuwenden wird? – Wer von uns eigene Kinder hat aufwachsen sehen und als Mutter oder Vater hat begleiten können und dann erlebte, wie sich diese Kinder von ihren Eltern lösten und ihren eigenen Lebensweg einschlugen, der könnte eine Ahnung von dem haben, was hier das Schwert bedeuten könnte, das durch die Seele der Mutter Maria gehen soll.
Jesus wird in seinen letzten Lebensjahren ein ganz anderes Leben führen als seine Eltern es sich vorstellen konnten.
Ich glaube aber, Simeon meint das andere - das Ende Jesu in Leiden und grenzenloser Verzweiflung, den Tod eines Verbrechers am Kreuz und dann die Auferstehung und die Verherrlichung des auferstandenen Christus. Das ist eine Erfahrung, die eine Mutter nur mit äußerstem Schmerz erleben kann. -
Simeon wird uns als fromm und gerecht geschildert. Er ist also jemand, der sich ganz dem Glauben an Gott zugewandt hat. Deshalb wartet er auf die Rettung Israels. Erinnern wir uns der Worte der Verheißung: "Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht ... uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seinen Schultern. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende (Jes. 9, 1,5 + 6)." "...Aber du, Bethlehem-Efrata ... aus dir wird einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll (Micha 5,1)."
Viele Zeitgenossen des Simeon warten wie er auf die Rettung Israels. Aber sie läßt auf sich warten. Simeon wartet geduldig - und ihm offenbart Gott durch den Heiligen Geist, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Auf diesen Augenblick lebt Simeon hin. Nun ist er gekommen. Niemand - auch die Eltern des Kindes nicht - kann in diesem Kind etwas Besonderes sehen. Gewiß - die Ankündigung der Geburt Jesu, die Anbetung im Stall von Bethlehem, das alles sind Zeichen des Besonderen gewesen. Die Eltern aber verstanden sie nicht.
Simeon spricht die Aufgabe Jesu in dieser Welt aus: Jesus ist das Heil Gottes für alle Völker. Gott hat dieses Heil vor allen Völkern bereitet. Für uns scheint das selbstverständlich zu sein. Aber weder zu Jesu Zeiten noch zu unseren Zeiten ist das selbstverständlich. Zu allen Zeiten gab es Randgruppen der menschlichen Gesellschaft, Arme und Schwache, Asoziale, Kranke, Farbige oder Andersgläubige, politische Gegner oder auch politische Rivalen aus dem eigenen Lager - die von Christen, die im Besitz der weltlichen Macht sind, so behandelt werden, als sei Jesus Christus nur zu den Mächtigen dieser Welt gekommen und habe nur sie von ihren Sünden erlöst. Dabei sollen alle Völker - und das heißt zugleich: alle Menschen - das Heil sehen, das in Christus auf die Welt gekommen ist.
Zugleich soll Christus das Licht sein, das die Heiden erleuchtet. Den Gottfernen wird Gott nahe gebracht. Sie werden durch das Licht, das mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist, auf den Weg zu Gott geleitet.
Nach Simeon tritt nun Hanna herzu und auch sie, die Greisin, bezeugt die Sendung Jesu.
Diese Zeugnisse sollten für uns wichtig sein. Sie zeigen uns nämlich, daß Jesus von seiner Geburt an von Glaubenszeugen als Gottes Sohn erkannt worden ist. Das Kind wird zum Heil der Welt.
Können wir daran noch glauben, nahezu 2.000 Jahre nach Christi Geburt und angesichts der Gefahren, mit denen wir Menschen Gottes Natur zu zerstören drohen - durch Verschwendung und Zerstörung der Natur um uns herum, durch Massenvernichtungsmittel bisher nie gekannten Ausmaßes? Verliert nicht gerade das Leben der jungen Menschen unter uns vor diesem Hintergrund Ziel und Richtung? Verlieren nicht wir alle die Hoffnung auf eine bessere Welt?
Dies Bild ist nur die eine Seite unseres Lebens - und es ist die Seite, mit der wir der Unvollkommenheit dieser Welt angehören. Ist es nicht so, daß auch wir unsere Umwelt zerstören, daß auch wir Christen Aggressionen gegenüber unseren Mitmenschen haben?
Es gibt auch die andere Seite: Liebe, Mitleid, Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft, Demut, Dankbarkeit - und glaubensstarke Zuversicht, daß wir trotz allem in Gottes Hand sicher leben können. Vielleicht ist diese Sicherheit eine andere, als wir sie uns vorstellen. Aber Gott ist eben doch ganz nahe bei uns. Er ist zu Weihnachten ein Mensch geworden wie wir - und er hat uns erlöst von der Verlorenheit an die Welt, in der wir leben. Durch ihn haben wir die Gewißheit: Wir sind Gottes K inder.
Ob wir jetzt mit Simeon sagen können, daß wir in Frieden scheiden können? Ich weiß nicht, ob es möglich ist. Wir sind nicht Simeon und wir sehen Gott und die Welt anders als er.
Aber eines kann uns das Zeugnis des Simeon zeigen: Mit Jesus Christus ist das Heil in die Welt gekommen. Wir können lernen, es zu sehen und zu erkennen.
Versuchen wir, mit den Augen des Simeon in Jesus Christus das Heil dieser Welt zu erkennen! Versuchen wir, unser Leben aus dieser Erkenntnis heraus zu führen! Die Welt, in der wir leben ist nicht verflucht und verdammt. Wir sind nicht verlassen und unseren eigenen Zerstörungskräften nicht hoffnungslos ausgeliefert.
Daß wir hier sind - das allein ist schon ein Zeichen der Hoffnung. Daß in Köln so viele Menschen unter dem Zeichen des Kreuzes zueinander finden - über alle nationalen Grenzen hinweg -, das ist ein Zeichen der Hoffnung.
Lassen Sie uns alle dazu beitragen, aus vielen Zeichen und Stationen der Hoffnung, der Liebe und des Friedens den Weg des Heils in Jesus Christus aufscheinen zu lassen. Möge uns Gott, der Herr, dazu verhelfen!
Lieber himmlischer Vater,
dein Wort hat uns nachdenklich gemacht. Es ist gut, daß wir dein Wort hören können und daß es Zeugen wie Simeon gibt. Wir danken dir. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Materialien:
Text: "Die Bibel" - Einheitsübersetzung. Altes und Neues Testament. HERDER. Freiburg. Basel. Wien. 1980
Kommentar: Schweizer, Eduard "Das Evangelium nach Lukas" Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht.1962, S.36-40 - NTD Bd. 3
Predigthilfen:Voigt, Gottfried "Der schmale Weg. Homiletische Auslegung der
Predigttexte. Neue Folge: Reihe I" Göttingen.1978.S.59-65
Rendtorff, Rolf in "Assoziationen", Bd. 1, herausgegeben von Walter Jens Stuttgart. 1978. S. 27 - 28
Sonstiges: Brico, Rex "Taize. Frère Roger und die Gemeinschaft". Freiburg.1979. 240 S.

Anmerkung:
Am 30.12.84 nahmen Gäste aus Ludwigshafen und Spanien am Gottesdienst teil, die bei Gemeindegliedern und im Gemeindesaal übernachteten. Sie nahmen am "Taize-Treffen" vom 28.12. bis 01.01. in Köln teil.

Montag, 6. Juli 2009

Gottes Verstockungsgebot: Gewalt aus Angst und Sprachlosigkeit - Gottes Wege führen weiter: Dank und Jubel

Trinitatis 6.6.1993
- Goldkonfirmation -

Vorbemerkung

Zum Verständnis der folgenden Texte hier einige Informationen:
Vom Januar 1993 bis März 1996 war ich Vorsitzender des Presbyteriums. In der Zeit vom 01.01. bis 30.09.1993 war die einzige Pfarrstelle unserer Gemeinde vakant. Die Konfirmanden des Jahrgangs wurden noch vom Emeritus konfirmiert, Beerdigungen von Pfarrern der Nachbargemeinden übernommen. Im übrigen haben zwei Predigthelfer die laufenden Amtshandlungen vollzogen. Auf diese Weise kommt es, daß in diesem Gottesdienst am 06.06.93 Goldene Konfirmation begangen wurde.


Kanzelgruß

Der Predigttext für den Sonntag Trinitatis steht im Buch des Propheten Jesaja im 6. Kapitel, Verse 1 bis 13:
(1) In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen
auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte
den Tempel.
(2) Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel:
mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie
ihre Füße, und mit zweien flogen sie.
(3) Und einer rief zum anderen und sprach: "Heilig, heilig, heilig
ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!
(4) Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus war voller Rauch.
(5) Da sprach ich: "Weh mir, ich vergehe“. Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen"
(6) Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm,
(7) und rührte meinen Mund an und sprach: "Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, daß deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. "
(8) Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: "Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?" Ich aber sprach: "Hier bin ich, sende mich!"
(9) Und er sprach: "Geh hin und sprich zu diesem Volk: ‚Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht!’
(10) Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, daß sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen."
(11) Ich aber sprach: "Herr, wie lange?" Er sprach: „Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.
(12) Denn der Herr wird die Menschen weit wegtun, so daß das Land sehr verlassen sein wird.
(13) Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein."  
Jes. 6, 1 - 13

Herr, unser Gott,
die Worte deines Propheten sind voller Rätsel - wir verstehen nicht,
was er meint ..'und was die Bilder ausdrücken, die er sieht.
Und doch erkennen wir, daß auch wir hören und nicht verstehen, sehen
und nicht merken. Auch in unserer Zeit sind Herzen verstockt, Ohren
taub und Augen blind - Herr, wohin führst du uns? -
Amen.

Vor einer Woche (29.05.1993) kamen bei einem Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Familie in Solingen fünf Menschen ums Leben:
- Sayme Gene (4 Jahre alt)
- Hülya Gene (8 Jahre alt)
- Gülüstan Öztürk (12 Jahre alt)
- Hatice Gene (18 Jahre alt)
- Gülsen Inci, geb. Gene (27 Jahre alt)
Warum? - Wer tut das ?
- vgl. KÖLNER STADT-ANZEIGER 125 vom 01.06.1993 und 129 v. 05/06. Juni 1993

Für mich sind derartige Ereignisse Zeichen und Auswirkungen der Angst und Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft. Da ist die Angst vor einer Welt, die man nicht mehr versteht. Da ist die Angst vor dem eigenen Versagen in einer Gesellschaft, in dar angeblich nur Leistung sich auszahlt - und auszahlen soll. Da ist die Angst vor allem Fremden und Unbekannten - seien es Menschen, sei es eine Kultur oder Religion, sei es auch eine bedrohlich unbekannte Zukunft - und es gibt da die Angst vor Gewalt und Zerstörung.
Und da ist auch die Sprachlosigkeit, die keine Worte mehr findet, um die Welt für das eigene Verstehen zu erklären. - Immer mehr Menschen übernehmen fremde Schlagworte und bauen aus ihnen ihr Weltverständnis. Ihr eigenes Erleben in Worte zu fassen, das fällt schwer. Noch schwerer fällt es, dann auch noch die eigenen Gefühle auszudrücken so, daß andere sie verstehen und berücksichtigen können. In solchen Fällen ist es schwer, dem eigenen Leben Inhalt und Ziel zu geben.
Weil das so ist, deshalb staut sich meiner Meinung nach  immer häufiger eine dumpfe Wut an - oder eine maßlose Langeweile. Beides führt immer wieder auch zu Gewalttaten - zu solch grausamen, sinnlosen Taten, die uns verzweifeln lassen. -
Wir können aber auf die Frage "Warum?" auch theologisch mit Worten des Propheten oder des Apostels antworten und sagen: Gott hat die Menschen verstockt. Er selbst ist es, der ihnen die Angst ins Herz gibt und die Sprache raubt - vielleicht, damit sie zur Besinnung kommen? Ich bin kein Prophet und kein Apostel. Auch mir bleibt rätselhaft, weshalb das alles kein Ende nimmt.
Nach dem Zeugnis der Bibel hat es Gott aber immer wieder so gefügt, daß Menschen den geraden Weg zu ihm nicht finden konnten, damit sie danach den Weg zu ihm umso klarer erkennen konnten.
Als Jesaja lebte, das war etwa 700 Jahre vor Christi Geburt, war Palästina geteilt. Im Nordreich Israel breiteten sich Nichtbeachtung des Mosaischen Gesetzes und grobe Mißstände in Kult und Sozialordnung immer mehr aus. Da treten Propheten auf, die in mächtiger Rede betonen, daß Opfer ohne Erfüllung von Gottes Willen wertlos seien - und zur Rückkehr zu Gottes Geboten aufrufen. Jesaja ist einer dieser Propheten. Er lebt im Südreich, in Juda, dessen Hauptstadt Jerusalem ist. In unserem Text berichtet er Verschiedenes;
- Er sieht Gott.
- Er fühlt sich in den Tempel Gottes versetzt und wird gereinigt.
- Gott ruft.
- Jesaja antwortet.
- Gott gibt ihm einen Auftrag.
Jesaja sieht Gott.
Er sieht ihn ganz anders, als die meisten von uns sich Gott vorstellen.
Mächtig ist er. Allein der Saum seines Mantels füllt den Tempel ( 9 x 27 x 13,5 m). Himmlische Wesen schweben hoch über ihm und rufen einander zu:
Heilig, heilig, heilig
ist der Herr Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!
Ja, das ist wohl ein himmlischer Lobgesang und wir können den Propheten verstehen, der bei diesem Geschehen verzagen will. Doch eines der himmlischen Wesen kommt auf ihn zu, berührt seine Lippen mit glühender Kohle vom Altar - und damit gewinnt Jesaja Zuversicht. Jetzt ist er frei - von seiner Sünde als Mensch vor Gott befreit. Nun hört er auch Gottes Stimme, die fragt, wen er senden soll und wer sein Bote sein soll. Jesaja ist kühn. Er sagt zu Gott: "Hier bin ich. Sende mich!" - Das ist ein ungewöhnliches Wort. In allen anderen Berufungsberichten der Bibel muß Gott den Menschen Mut machen und zusätzliche Kraft geben, damit sie seine Boten werden und seine Aufträge erfüllen. Hier meldet sich einer freiwillig.
Dann folgt Gottes Auftrag: "Geh hin zu diesem Volk und sprich: 'Höret's und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht.' Verstocke das Herz dieses Volks und laß ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, daß sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“ Dieser Auftrag ist grausam - und auch übermenschlich. Kein Mensch kann die Herzen anderer verschließen, daß sie nicht verstehen, was ihnen geschieht. Das kann nur Gott. Der Prophet ist nur sein Werkzeug.
Wir können aus der Aufzählung viele bekannte Details herauslesen:
Verstocke das Herz,
laß ihre Ohren taub sein,
ihre' Augen blind
nicht sehen mit den Augen,
noch hören mit den Ohren
noch verstehen mit ihrem Herzen -
das alles geschieht heute noch tagtäglich auf dieser Welt - und wir fassen es nicht. -
Wir feiern heute die Goldene Konfirmation derer, die vor fünfzig Jahren konfirmiert worden sind.
Damals war Krieg. Im Jahre 1943 fiel Stalingrad - für viele die Kriegswende und der Anfang vom Ende des nationalsozialistischen Reiches.
Die letzten deutschen Soldaten verließen Afrika. Italien kapituliert vor den Westmächten und erklärt Deutschland den Krieg.
Im Warschauer Getto bricht der Aufstand der Juden aus.
Auf einer Konferenz in Teheran legen Roosevelt und Churchill und Stalin die künftige Westgrenze der UdSSR fest.
In München verteilen die Geschwister Scholl, Hans und Inge, antifaschistische Flugblätter. Sie werden verhaftet und zum Tode verurteilt.
Im gleichen Jahr wird der Farbfilm "Münchhausen" mit Hans Albers aufgeführt und "Romanze in Moll" unter der Regie von Helmut Käutner.

Nur wenige von uns können sich in diese Zeit versetzen. Wer sie selbst erlebt hat, hat vieles verdrängt und manches auch vergessen. Wir haben aber auch viel über diese Zeit gelernt und konnten viel lesen, hören und sehen. Wir wissen auch, daß vielen Menschen guten Willens die Ohren verschlossen, die Augen bedeckt und das Herz verhärtet wurde, daß sie das Unrecht um sie herum nicht erkannten.
Auffallend ist in solchen Zeiten, daß immer die anderen die Schuld tragen. Etwas Ähnliches haben wir erfahren mit dem Zusammenbruch der DDR und in der Art des Umgangs mit den Menschen, die mit dem Staat in näherem Kontakt waren. Sie lehnen die Mitverantwortung ab - und können nur bescheiden die Schuld für Unrecht und Unmenschlichkeit bei anderen finden.
Auch bei uns heute ist das so. Wen immer wir hören - kein Verantwortlicher sagt es öffentlich, es könnte sein, daß seine Entscheidungen in der Vergangenheit, daß seine Art zu denken und zu reden über die ungelösten Probleme unserer Zeit dazu beigetragen haben könnte, daß viele Menschen keinen Weg mehr sehen in die Zukunft hinein, daß viele Menschen andere suchen, die schuld sein könnten daran, daß dies so ist.
Sind wir vielleicht alle verstockt in unseren Herzen - sehen wir nicht und hören wir nicht? Mir scheint oft, als sei das tatsächlich heute der Fall.
Der Prophet Jesaja fragt nun Gott, wie lange diese Verstockung andauern wird. Und Gott gibt eine schreckliche Antwort. Das Land muß öde und verlassen sein - die Menschen müssen verschwinden. - Nur eine ganz kleine Hoffnung bleibt: Ein Stumpf - wie bei einer gefällten Eiche - wird bleiben, der als heiliger Same wirken soll. - Soweit der Prophet Jesaja. -
Doch Gottes Weg mit uns Menschen ist mit ihm nicht am Ende. Kaum hundert Jahre danach wird das Volk der Juden hinweggeführt nach Babylon. Fünfzig Jahre später kehren die Juden nach Palästina zurück. Ihr Tempel wird neu aufgebaut.
In diese Zeit fällt des Propheten Sacharja Wort: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth" - Sach.4, 6 -. Ich habe im letzten Gemeindebrief etwas dazu gesagt.
Wir Christen haben tatsächlich etwas erfahren vom Ende der Verstockung der Herzen. Zu Pfingsten hat der Heilige Geist die Jünger erfüllt und ihnen die Fähigkeit gegeben, hinauszugehen in alle Welt und von Gott und seiner Liebe zu den Menschen zu berichten - ja, Zeugnis abzulegen für diese Liebe.
Der Apostel Paulus war selbst ein Verstockter. Als Pharisäer Saulus verfolgte er voller Leidenschaft die Christen und sah darin seine ihm von Gott gegebene Aufgabe. Als ihm aber bei Damaskus Christus erschien, da wandelte sich sein Herz - er erblindete - und als er das Augenlicht wieder hatte, da sah er klar. Paulus ist einer der größten Lehrer des Christentums geworden, die die Geschichte hervorgebracht hat. Und auch er spricht von der Verstockung, die Gott den Israeliten auferlegt. - Er aber weiß eine Antwort, die Jesaja so nicht kennen konnte. Für ihn ist die Verstockung eines Teils der Juden der Preis für die Errettung aller - und zwar deshalb, damit nicht einer sich gegenüber dem anderen erheben kann und sagen: "Ich aber bin den richtigen Weg gegangen" - vgl. Röm 11, 7 ff - .
Wenn das so ist, dann sind in gewisser Weise wir alle im Herzen verstockt, blind und taub. Wir hören die Botschaft von der Liebe Gottes - und es fällt uns schwer, sie in dieser Welt Wirklichkeit werden zu lassen. Und doch, so blind und taub sind wir nicht. Weihnachten und Karfreitag - das "Thronbesteigungsfest Jesu" wie Pastor Grau (ein Bewerber um die vakante Pfarrstelle in seiner Probepredigt) am vergangenen Montag sagte - und Ostern haben uns als Botschaft und befreiende Realität im Glauben tatsächlich erreicht. Zu Pfingsten erfaßte die Jünger das Feuer des Heiligen Geistes - und sie gaben davon weiter.
Wenn wir heute den Sonntag Trinitatis begehen, dann wird uns diese Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist wahrlich die "Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes" lebendig werden lassen - Röm. 11,33 -: Die mächtige Erscheinung Gottes, wie Jesaja sie erlebte, und der sogenannte Verstockungsbefehl, der den Menschen Not bereitet, - dann Jesus Christus, der aus Liebe Gottes zu den Menschen den Leidensweg auf Erden unter den verstockten Menschen auf sich nimmt, um sie näher zu Gott zu bringen, schließlich der Heilige Geist - der diese Liebe lebendig werden läßt in uns allen. -
Wie Jesaja den Auftrag Gottes auf sich nahm - so nach ihm viele andere Propheten. - Auf eine ganz bescheidene, unvollkommene Weise haben auch wir uns Gott versprochen - in der Konfirmation, in der wir uns der Kirche Jesu Christi zugewandt haben.
Auch vor fünfzig Jahren gab es die Frage an die Konfirmanden - heute ist sie wohl etwas verändert in der Agende unserer Landeskirche -in der es nach dem gemeinsam gesprochenen Glaubensbekenntnis heißt: Nun frage ich euch:
"Wollt Ihr in solchem Glauben
durch Gottes Gnade bleiben und wachsen?
So antwortet: "Ja!"
Wir haben auf diese Frage alle einmal mit "JA" geantwortet: Die Gold-Jubilare unter uns, die älteren und die jüngeren Konfirmierten - und wir hoffen wohl alle, daß noch recht viele nach uns dieses "JA" sprechen können. Wir können nur hoffen und beten, daß dieses JA auch nach fünfzig Jahren und mehr lebendig ist und von uns gelebt werden kann mit allen Höhen und Tiefen, die nun einmal zum Leben gehören. Die Goldene Konfirmation ist ein solch festlicher Höhepunkt - nicht nur im Leben der Jubilare, sondern der ganzen Gemeinde.

Herr,
du bleibst unergründlich und rätselhaft. Aber du läßt das Heil leuchten in der Welt, damit die Hoffnung nicht erlösche und dein Wort seinen Weg findet.
Gib uns Kraft und Mut, als deine Boten auf dieser Welt zu leben. Amen

Kanzelsegen

Ansprache an die Goldkonfirmanden
Liebe Goldkonfirmanden,
im Jahre 1943 - mitten in den Kriegswirren - wurden Sie konfirmiert, im Glauben "gefestigt", wie das lateinische Wort im Deutschen heißen würde.
Ich bin sicher, daß Ihnen das Leben manche Mühsal bereitet, Last auferlegt und auch im Glauben nicht nur gerade Wege gewiesen hat. Und doch meint Gott es gut mit uns Menschen und er möchte schon, daß wir wissen, daß er in unserer Nähe ist, ja, daß er zu uns gehört und in uns wohnt. Als Zeichen dafür sind uns gegeben
- das Sakrament der Taufe für den Beginn des guten Werkes Gottes an uns,
- die Konfirmation, als unsere Zustimmung und Antwort auf Gottes Werk: Ja, Gott, du hast gut angefangen - arbeite weiter mit mir!
- das Sakrament des Heiligen Abendmahls als Gottes Zustimmung und innigste Zuwendung zu uns Menschen, daß nichts uns von ihm trennen kann.
Ich hoffe, daß Sie Gott erfahren haben in dieser langen Zeit durch
- Glück und Freude,
- Gelingen und Vertrauen ebenso wie
- in Verzweiflung, Gleichgültigkeit und Verzagen!
Wir wollen uns nun gemeinsam tragen durch das Glaubensbekenntnis von Geschwistern aus uralten Zeiten, das uns mit Christen über die Konfessionen hinweg verbindet: eg S.1646

L i e d e r

EKG 112 Brunn alles Heils ... eg 140
EKG 111 Gelobet sei der Herr ... eg 139
EKG 254 Ich will dich lieben ... eg 400
EKG 236 Bis hierher hat mich Gott ... eg 329
EKG 160 Kommt her, Ihr seid geladen ... eg 213

Dokumentation (aktualisiert 2009)
1. "... Das dritte Mal war am 29. Mai 1993, .als ich morgens um acht vor dem Haus in Solingen stand, in dem fünf türkische Frauen und Mädchen verbrannt worden waren. Da habe ich gedacht, es lohnt sich alles nicht. Du kannst die Welt nicht ändern. ... Ich habe alle drei Male die Kraft gefunden, weiterzumachen ..." Johannes Rau, damals Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, auf die Frage, ob er in seinem Politikerleben jemals daran gedacht habe, aufzugeben. Zitiert nach
Rüdiger Reitz und Manfred Zabel (Hrsg.) "Johannes Rau. Stationen und Begegnungen", Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus. 1999, S. 198
2. KÖLNER STADT-ANZEIGER 81 - 2009 - 04 - 06
- Rita Neubauer "Wie die Krise Killer formt",
Fachleute nennen die Taten frustrierter Arbeitsloser "Ökonozid" (= Ökonomie + Suizid), oft mit Amok-Vorspiel
- dpa-Meldung: "Vater schlägt Kinder mit Hammer". Berndorf/Korbach
Zwei Mädchen in Lebensgefahr - Sein Motiv: Perspektivlosigkeit
- dpa-Meldung: "Polizei muß Tatablauf korrigieren"
Bei der Verfolgung des Amokläufers von Winnenden gab es eine folgenschwere Panne.
München/Stuttgart
3. KÖLNER STADT-ANZEIGER 83 - 2009-04-08, S.83
- Iris Hilberth "Tod auf dem Gerichtsflur“
60-Jähriger erschießt wegen Erbschaftsstreit Schwägerin und sich selbst
Landshut
KÖLNER STADT-ANZEIGER 83, 2009-04-08: "Kinder wegen versuchten Mordes angeklagt - Die zehn und elf Jahre alten britischen Brüder quälten Gleichaltrige." (dpa)
Neben versuchtem Mord wird den beiden Kindern euch Raub zur Last gelegt. In England sind Kinder schon mit zehn Jahren strafmündig.
London

Materialien

Kaiser, Otto
"Das Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 1 - 12"
- Übersetzung und Kommentar -
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 5.A.1981, S. 120 - 134 in der Reihe "Altes Testament Deutsch - ATD -", Band 17
Voigt, Gottfried. Die geliebte Welt. Homiletische Auslegung der Predigttexte. Neue Reihe III. 2. Aufl. Goettingen: Vandenhoek & Ruprecht, 1986. S. 271-278.
Westermann, Claus "Ausgewählte Psalmen"
- Übersetzung und Kommentar -
Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht. 1984, S. 53 - 62 ( zu Psalm 13)
Albrecht-Heide, Astrid und Albrecht, Ulrich. [Assoziation zu Tag der heiligen Dreifaltigkeit (Trinitatis): Jes 6, 1-13]. In:
Jens, Walter (Hrsg.). "Assoziationen. Band 3 - Gedanken zu biblischen Texten". Stuttgart. Radius Verlag, 1980, S. 140 – 142
Daewel, Hartwig (Hrsg.) "Ihr seid teuer erkauft". (Predigtgedanken aus Vergangenheit und Gegenwart , Reihe D, Bd. 3). 1. Aufl. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1975. S. 7 - 17


Nachmittagsandacht der Goldkonfirmanden

Monatsspruch vom Juni 1993:
Ich aber traue darauf,
daß du, Herr, so gnädig bist,
mein Herz freut sich,
daß du so gerne hilfst.
Ich will dem Herrn singen,
daß er so wohl an mir tut.
PS. 13,6 (Luther, 1912)
Lied: nach Wahl, sonst: EKG 274 "Jesu geh voran ..." eg 391
Der Monatsspruch ist der letzte Vers eines Psalms, der mit den Worten beginnt:
Wie lange, o Herr, vergißt du mich dauernd?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir ?
Wie lange soll ich Schmerzen in meiner Seele tragen,
Kummer in meiner Seele Tag und Nacht? -
PS. 13,2 f
(Claus Westermann, 1984)
Wie oft mögen wir in unserem Leben so oder ähnlich zu Gott gerufen haben? - Daß uns Gott verlassen hat, zieht sich durch die Zeugnisse der Bibel vom Alten Testament bis zu Jesu Tod. Daß wir Schmerzen und Kummer tragen müssen - ist uns selbstverständlich, daß wir nicht weiter fragen, woher das kommt. Aber all diesem ausgesetzt zu sein - Tag und Nacht ohne Unterbrechung, vor allem aber, ohne Aussicht auf ein Ende, das macht uns zu schaffen. Es geht uns an die Nieren. Viele verzweifeln daran.
Der Schlußvers, unser Monatsspruch, setzt ein Gegengewicht zu dieser Klage:
Ich aber,
auf deine Güte traue ich,
es juble mein Herz
über deine Hilfe! PS. 13,6
(Claus Westermann, 1984)

Über das Vertrauen wächst dem Psalmdichter die Hilfe Gottes zu. Und nun findet er Grund und Anlaß zu Jubel und Gesang:
Ich will dem Herrn singen, denn er hat an mir gehandelt.
PS. 13,6 (Claus Westermann, 1984)

Lieder zur Auswahl
EKG 274 Jesu geh voran ... eg 391
EKG 198 Lobe den Herren, o meine Seele eg 303
EKG 234 Lobe den Herren, den mächtigen eg 317

Dienstag, 30. Juni 2009

Wie können wir den Grund legen?

Morgenandacht beim Predigthelferkurs I der Evangelischen Kirche im Rheinland - EKiR - im Joseph-Hromadka-Haus in Stolberg-Zweifall bei Aachen am 06.04.1984

EKG 542, 1 + 2 Er weckt mich alle Morgen eg 452, 1+2

Wir hören zunächst aus dem Buch Esra im dritten Kapitel die Verse 9 bis 11 :

(9) Und Jeschua mit seinen Söhnen und seinen Brüdern Kadmici, Binnui und Hodawja traten einmütig an, um die Arbeiter im Hause Gottes anzuleiten, dazu die Söhne Hanadads mit ihren Söhnen und ihren Brüdern, die Leviten.
(10) Und als die Bauleute den Grund legten zum Tempel des Herrn, stellten sich die Priester auf in ihren Amtskleidern mit Trompeten und die Leviten, die Söhne Asaf, mit Zimbeln, um den Herrn zu loben nach der Ordnung Davids, des Königs von Israel.
(11) Und sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem Herrn:
Denn er ist gütig und seine Barmherzigkeit währt ewiglich über Israel. Und das ganze Volk jauchzte laut bei Lobe des Herrn, weil der Grund zum Hause des Herrn gelegt war.
Esra 3, 9 - 11
Dann hören wir noch ein Wort des Apostels Paulus, das er den Christen in Korinth schrieb:
(9) Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
(10) Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
(11) Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Kor. 3, 9 - 11

Die Berichte im Alten und Neuen Testament beschreiben einen Hausbau.
Bei Esra ist es der Bau des Tempels in Jerusalem, der durch Spenden einzelner Stämme des Volkes Israel auf Befehl Gottes möglich wird. Die Bauleute legen das Fundament. Priester und Leviten stimmen den Lobgesang an - das Volk jubelt.
Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth, daß sich alle Arbeit - auch die Arbeit unter dem Worte Gottes - im letzten Gericht bewährt. Dies ist der letzte Maßstab - und nicht menschliches Tun und Denken. Er selbst, Paulus, habe nach Gottes Gnade den Grund gelegt als weiser Baumeister, ein anderer baue nun darauf. Jeder solle nun darauf achten, wie er darauf baue. Es gebe keinen anderen Grund, kein anderes Fundament als jenes, das in Jesus Christus, in seinem Kreuz und in seiner Auferstehung gegeben ist.
Wir sind hier in Zweifall versammelt - nicht, weil es uns hier besonders gut gefällt, sondern weil wir gerufen wurden, weil wir einen Auftrag erhalten haben. Am ersten Tag haben wir es schon ausgesprochen: Diesen Auftrag können wir nur erfüllen, wenn wir ein tragfähiges Fundament für diese Arbeit gelegt haben.
Weise Baumeister haben sich bemüht, damit wir gemeinsam mit ihnen ein solches Fundament zuwege brachten - heute und morgen sind weitere bei uns.
Doch schon am ersten Tage, bei unserer Arbeit am Alten Testament, wurde uns deutlich, wie gefährlich eine solche Arbeit sein kann. Einige erfaßte leichter Schwindel - und vielleicht ging es nicht nur einigen, wenigen so. Mancher hat sich dabei gefragt, ob diese Baumeister so weise wohl sein mögen, wie wir es um unserer Arbeit willen erhofften. Der eine oder andere fragte sich vielleicht, ob die Gnade Gottes wohl das alles auffangen kann, was uns als möglicher Mangel erschien.
Ja, wie ist das mit der historisch-kritischen Forschung, wie ist das mit unserem Kinderglauben und wie ist das mit unserem Unvermögen, das wir oft besser kennen als unser Können? Wir haben uns selbst, uns gegenseitig und unseren Bauleuten nichts geschenkt.
Anstrengend war es und keineswegs eine Frei-Zeit oder ein "Kursus", wie es offiziell heißt. Wir haben eine Rüstzeit, eine Zu-Rüstung erfahren für unsere Arbeit am großen Bau der Gemeinde Jesu Christi. Uns ist deutlich geworden, daß wir ganz kleine Bauleute sind, die mit begrenzten Mitteln an einer bestimmten Stelle an diesen Bau mitbauen.
Paulus nimmt uns mit seinen Wort die Zweifel, ob wir diese Arbeit auch bewältigen können. Er nimmt die innere Not hinweg, die uns fürchten ließ, die Grundfesten unseres Glaubens gerieten in Gefahr. Es gibt nur einen Grund, ein einziges wirklich tragfähiges Fundament - und das ist Jesus Christus. Paulus selbst hat in der Gnade Gottes dieses Fundament legen helfen.
Was immer wir also tun, wo immer wir mit unserer nicht immer schulgerechten und deshalb wilden Bauerei hingeraten, wir müssen - und wir können das auch - immer von neuem den Grund suchen, auf dem wir stehen. Die Instrumente dazu, Wasserwaage und Lot, haben uns die Baumeister gezeigt. Sie haben uns in der Anwendung an - geleitet. Wir sind jetzt zwar keine gelernten - aber an-gelernte Bauleute. In diese Anlernzeit gehören auch die Abende, an denen wir vom Kirchenkampf hörten. Was wir hörten, ist mahnendes Warnzeichen dafür, wohin es führen kann, wenn Baumeister und Bauleute, ob gelernt, angelernt oder ungelernt, weder Wasserwaage noch Lot benutzen oder beides falsch anwenden.
Wir haben in dieser Zeit aber auch erfahren, daß unsere Bauleute tatsächlich etwas von der Weisheit des Paulus gezeigt haben - jeder auf seine Weise - und daß wir alle gehalten sind in der Gnade Gottes.
Wir sind dankbar für diese Erfahrung und für diese Rüstzeit in Zweifall.
- Wie das Volk Israel bei der Grundsteinlegung des Tempels in Jerusalem so können auch wir Gott danken - dafür, daß er uns gerufen hat und dafür, daß er uns hilft. Amen.

EKG 503, 1+2 Danket dem Herrn! Wir danken dem Herrn ... eg 333, 1 + 2

Herr Jesus Christus,
der du unsere Sünde am Kreuz getragen und uns zu deinem Eigentum erworben hast, verleihe uns, daß wir durch das Opfer deiner Liebe getröstet und zu einem Leben in deinem Dienst geheiligt werden, um deines bitteren Leidens und Sterbens willen. Amen.
EKG S. 1044, Ziff. 3


Materialien

- "Stuttgarter Erklärungsbibel" - Lutherübersetzung mit Einführung und Erklärungen - Stuttgart. 2.A.1992, S. 584, 587 f; S. 1464
- "Neue Jerusalemer Bibel" - Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel, neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes M. Nützel Freiburg. Herder. 12.A. 1985.2001, S. 563, 566 f;S.1651, 1654
- Wendland, Heinz-Dietrich
"Die Briefe an die Korinther", übersetzt und kommentiert Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 15.A. 1980, S. 1 - 5, 33 f - NTD 7 -
- Voigt, Gottfried
"Homiletische Auslegung der Predigttexte" Neue Folge. Reihe VI: "Die lebendigen Steine" Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht.2.A. 1989, S. 337 - 343
- Gunneweg, Antoniua H. J.
"Geschichte Israels. Von den Anfängen bis Bar Kochba und von Theodor Herzl bis zur Gegenwart" Stuttgart. Berlin. Köln. W. Kohlhammer 6.a. 1989, S.135 - 140
- EKG "Evangelisches Kirchengesangbuch". Ausgabe für die Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe" Dieses Gesangbuch war bis zum Jahre 1996 in Gebrauch.
- eg "Evangelisches Gesangbuch". Ausgabe für die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche in Gemeinschaft mit der Evangelisch-reformierten Kirche (Synode evangelisch-reformierter Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland)". 1.A. 1996. 2. A. 1998


Anmerkung

Die Morgenandacht wurde anhand des Bibeltextes und des EKG verfaßt.
Das Gebet war für den Freitagmorgen im EKG angeboten. Ein Gebet in dieser Form findet sich nicht im eg, dafür die Freitagsgebete unter Nummern 932 bis 937. Die Angaben zu den Materialien sollen aktualisierende und weiterführende Hinweise bieten.
Da die Zeit viele Veränderungen gebracht hat, sei noch angefügt: Predigthelfer waren in der EKiR die Laienprediger, die nach zwei Kursen zum Dienst an Gottes Wort und zur Verwaltung der Sakramente ordiniert wurden. Seit 2005 gilt das Predigthelfergesetz nicht mehr, sondern wurde abgelöst durch das Prädikantinnen- und Prädikantengesetz. Vom gleichen Jahr an gilt das Ordinationsgesetz in der EKiR.

Helmut Böhme

Goldhochzeit - Bewährung im Glauben

ANSPRACHE aus Anlaß einer Goldhochzeit am 17.07.1993

Fürchte dich vor keinem, was du leiden wirst!
Siehe der Teufel wird
etliche von euch ins Gefängnis werfen,
auf daß ihr versucht werdet
und werdet Trübsal haben zehn Tage.

Sei getreu bis in den Tod,
so will ich dir die Krone
des Lebens geben.
Offb. 2,10 Luthertext, 1912

Liebes Ehepaar,
fünfzig Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines Menschen. Sie umfassen Höhen und Tiefen - Freud und Leid. Noch viel mehr aber gilt diese Erfahrung für gemeinsam verlebte Jahre.
Lassen Sie uns einen Blick in die Vergangenheit werfen - damals, im Jahre 1943, als Sie von Pfarrer A. in L. getraut wurden, war Krieg. Ihr Trauspruch aus dem Buch der Offenbarung des Johannes hatte einen ganz konkreten Bezug auf die Zeit:
Fürchte dich nicht vor dem, was du wirst leiden müssen.
Ihr Lebensweg war von Leiden begleitet.
... ihr werdet Trübsal haben ...
0 ja - Not und Leid haben Sie nicht verschont. Der Krieg hat Sie voneinander getrennt. Als Soldat und als Hilfsschwester im Lazarett begegneten Sie beide dem Leiden der anderen und dem Tod. Und Sie blieben auch selbst nicht verschont - von Krankheit und Verwundung.
Aber der Seher hat das Leiden begrenzt:
... ihr werdet in Bedrängnis (Luther 1984)/ in Trübsal (Luther 1 12) sein zehn Tage ...
So einfach war das bei Ihnen nicht. Aber es stimmt am Ende doch: Nach allem Leid ging es doch immer wieder weiter - und es ging aufwärts.
Im Rückblick auf das Leben Ihrer Eltern und Großeltern stellen Sie dankbar fest, daß Sie vieles von dem, was Sie erarbeitet haben, be-wahren konnten und jetzt im Alter auskosten.
Wie vielen Menschen wird - auch heute noch - im Alter die letzte Zuflucht, die letzte Habe genommen! Wo immer Krieg herrscht, da geschieht das - auch heute noch, so in Jugoslawien bei uns in Europa oder in Afrika, etwa im Somalia.
Und schließlich sagt der Seher im Namen Gottes uns zu:
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone . des Lebens geben.
Sei getreu bis in den Tod ..., das heißt hier, nicht nachzulassen in der Nachfolge des Gottes, der uns liebt. Das ist nicht leicht in einer Welt des Hasses, des Krieges, in einer Welt, in der es um Tod oder Leben geht. Und doch haben Sie sich auf diese Nachfolge eingelassen - und Sie haben überlebt.
Im Rückblick mögen Sie schon die gnädige Hand unseres Gottes darin sehen, daß er sie füreinander erhalten hat und daß Sie überlebten. Eine weitere Fügung Gottes kann es gewesen sein, daß Sie in den letzten Kriegstagen im gleichen Lazarett sein konnten.
Und alles, was danach folgte - es war bei aller Mühsal zugleich auch eine gnädige Führung unseres Gottes: Daß Sie, Herr NN, trotz der vielen Verwundungen arbeiten konnten, daß Sie hier in Leverkusen Arbeit fanden und daß Sie darüber hinaus in mühevoller Arbeit nach Feierabend ihr eigenes Haus bauen konnten.
Dankbar sind Sie beide auch für Ihre Tochter und die Enkelkinder.
Es fällt Ihnen nicht leicht, die jungen Menschen von heute zu
verstehen. Denen fällt vieles so einfach in den Schoß. Oft wissen die Leute heute nicht, was es heißt, zu arbeiten - und was es bedeutet, sich selbst sein Leben mühevoll unter Entbehrungen zu erarbeiten.
Trotz alledem sind Sie nicht verbittert und schließen sich nicht aus. Dennoch haben 'Sie sich die Kraft bewahrt, dankbar und fröhlich zu sein.
Das ist etwas von dem, was der Seher Johannes den "Kranz des Lebens" mit dem Gott diejenigen belohnt, die ihm die Treue halten.
"Ich möchte es nicht so ernst haben" - so oder so ähnlich sagten Sie, Frau NN, als Sie mir die Lieder angaben, die wir jetzt im Anschluß singen.
Deshalb schließe ich jetzt mit einem Wort des Apostels Paulus, das er den Christen in Thessaloniki schrieb:
Seid allesamt fröhlich, betet ohne Unterlaß, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
1. Thess. 5,16
Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
1. Thess. 5,23
Amen.
Lieder
EKG 347 Lobet den Herren, alle, die ihn ehren ... eg 447
EKG 236 Bis hierher hat mich Gott gebracht ... eg 329
EKG 371 Geh aus, mein Herz und suche Freud ... eg 503

Materialien
Lohse, Eduard
"Die Offenbarung des Johannes" - Übersetzung und Kommentar -
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 12.A. 1979, S.26 - 27
erschienen in der Reihe
"Neues Testament Deutsch" - NTD - Band 11
Müller, Ulrich B.
"Die Offenbarung des Johannes" - Kommentar -
Gütersloh, Gütersloher Verlagshaus.2.A.1995, S. 104 - 109
Ökumenischer Taschenbuchkommentar zum Neuen Testament, Band 19
Jens, Walter in
"Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten", Band 4, S.192 f
Stuttgart, Radius Verlag.1981.

Dokumentation

02.02.1943 Die 6. deutsche Armee unter Generalfeldmarschall Paulus kapituliert und geht in russische Gefangenschaft. Damit haben die Truppen der UdSSR Stalingrad zurückerobert .
24.07. - 03.08. 1943
Große Teile Hamburgs werden durch Fliegerangriffe zerstört. Die Menschenverluste sind erheblich.
19.04. - 16.05.1943
Der Aufstand von 60.000 Juden im Ghetto von Warschau wird durch brutalen "Polizeieinsatz" niedergeschlagen, fast alle Juden getötet. '.
Nach 17 Monaten Belagerung eröffnen sowjetische Truppen Zugang zu Leningrad
17.07.1943 Heirat des Jubelpaares
Ehemann hat drei Tage Heiratsurlaub bekommen, danach im Nordteil der Ostfront eingesetzt, Leningrad
Quellen
"Der große Ploetz. Die Daten-Enzyklopädie der Weltgeschichte. Daten, Fakten, Zusammenhänge"
Lizenzausgabe von PLOETZ im Verlag Herder in Freiburg/Breisgau erschienen bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt, 32.A.2000, S. 782 f
Stein, Werner
"Kulturfahrplan. Die wichtigsten Daten der Kulturgeschichte von Anbeginn bis 1963"
Frankfurt/Main, Büchergilde Gutenberg.1968, S. 1150 ff Lizenzausgabe des Verlags F.A.Herbig, Berlin und Wünschen. 1946 ff
Persönliche Mitteilung des Jubilars aus dem Vorgespräch am 15.07.1993

Nachbemerkung
Für die Beteiligten war der geschichtliche Hintergrund immer präsent. Sie brauchten und wollten auch keine Hinweise darauf oder Erklärungen dazu. Jetzt, im Internet, sollten für nachwachsendes Generationen die zeitgeschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge aufgezeigt werden. Es ist heute kaum nachzuvollziehen, wie bedroht die menschliche Existenz war, wenn nach drei Tagen Heiratsurlaub die Versetzung auf einen gefährlichen Frontabschnitt zu erwarten war und in der Heimat vernichtende Angriffe feindlicher Bombergeschwader die Städte in Schutt und Asche legten.

Montag, 29. Juni 2009

Das Lied der Geretteten

28.04.2002 Sonntag Kantate

Kanzelgruß
Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist, der da war und der da kommt:
Jesus Christus, der uns lieb hat. Amen.
nach Offb. 1,4+5

Der für den Sonntag Kantate vorgeschlagene Predigttext steht in der Offenbarung des Johannes. Der Seher Johannes hat Erscheinungen. Er sieht Bilder, die andere nicht sehen. Er hat Visionen. Hören wir ihm zu:

(2) "Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen
(3) und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
(4) Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Da, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden."
Offb. 15, 2-4

Lieber himmlischer Vater,
hilf uns, diese Bilder als deine Botschaft zu verstehen. Amen.

Der Seher Johannes hört (Audition) und sieht (Vision), was in der Zukunft geschieht. Keiner von uns weiß, wann und wie das sein wird. Der Seher berichtet von Bildern, die offensichtlich verschlüsselte Botschaften enthalten.
Das Lamm (= Christus) kämpft und besiegt (mit der Hilfe des Erzengels Michael) den Drachen (= das Böse, Satan, den Teufel). Dieser "Kampf“ findet im Himmel statt. Das gläserne Meer soll den durchsichtigen Himmelskörper darstellen.
Doch der Drache gibt nicht auf - und große Erschütterungen müssen die Erde treffen, ehe endgültig der Sieg des Lammes errungen und das Ende der Welt, der jüngste Tag, - und der Sieg der Geretteten gekommen ist.

Ein dramatische Gemälde stellt uns der Seher Johannes vor - ein audiovisuelles Drama läuft da ab. Und vor diesem letzten Akt halten die Kämpfer inne. Der Drache ist besiegt - der Himmel ist Sieger geblieben, die Geretteten jubeln und loben Gottes Stärke, Allmacht, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und seine Schöpfung. Das Lied der Sieger kann man es nennen, Meine Bibelausgabe überschreibt es "das Lied der „Überwinder". Ich möchte es das Lied der Geretteten nennen- - wie Mose Gott lobt, nachdem er das Volk der Juden durch das Schilfmeer geleitet hat (2. Mose, 15,11). Hier sind es die geretteten Seelen der Menschen, die nun im Himmel sind.

Paul Gerhardt greift diese Situation auf in seinem Liede

Ist Gott für mich, so trete
gleich alles wider mich,
so oft ich ruf und bete,
weicht alles hinter sich.
Hab ich das Haupt zum Freunde
und bin geliebt bei Gott,
was kann mir tun der Feinde
und Widersacher Rott (eg 351,1).

Aber er ist noch auf dieser unerlösten Erde. Er muß sich mit Krieg, Pest, Hungersnot und Tod auseinandersetzen, den vier apokalyptischen Reitern, die die Erde verwüsten (Offb. 6, 2-9). Aber er sagt uns, was es bedeutet, sich der Liebe Gottes sicher zu sein, seinem Wort vertrauen zu können. Und er schließt mit einem Jubel, den wir uns heute kaum vorstellen können von einem leidgeprüften Mann, der dies Lied im Nachklang des 30jährigen Kriegs (1618 - 1648) schrieb.

Mein Herze geht in Sprüngen
und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen,
sieht lauter Freudenschein!
Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesus Christ,
das was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.
eg 351, 13

Christen singen, sie jubeln und sie danken für Gottes Liebe und Zuverlässigkeit. Jesus Christus kam auf die Erde, wirkte hier, litt und starb - aber er ist auferstanden von den Toten und aufgefahren in den Himmel. Das ist das Geheimnis des Widerspruchs, den manche Menschen sehen, wenn sie leidende Christen Gott loben hören.
Wenn wir an die Nachrichten denken - an die Kriegsherde in der Welt, vor allem in Israel und Umgebung, an die Gewalt rund um die Erde – und nicht zuletzt an das schreckliche Geschehen in Erfurt - dann fragen uns andere und wir selbst uns wohl auch, ob wir noch, jubeln und Gott loben können.
Sie wissen davon, daß am Freitag, 26.04.2002, also vorgestern, ein 19-jähriger in einem Erfurter Gymnasium 16 Menschen tötet und anschließend Selbstmord begeht (9 Lehrer, 3 Lehrerinnen = 12 Lehrkräfte; 1 Sekretärin, 2 Schülerinnen). Erschüttert stehen wir vor diesem grauenvollen Geschehen. Wir denken an die Opfer, die Angehörigen. - Noch ist es zu früh, Ursachen zu analysieren.
Aber eines können wir wohl sagen: Der Täter kannte nicht die Sonne, die auch für ihn schien. Er kannte nicht, was im Himmel ist und Paul Gerhardt zum Singen bringt.
Jetzt müssen wir unsere Klage vor Gott bringen! Laut schreien:

HERR, warum stehst du so ferne,
verbirgst dich zur Zeit der Not?
Weil der Gottlose Übermut treibt,
müssen die Elenden leiden;
sie werden gefangen in den Ränken, die er ersann. ...
Steh auf! HERR! Gott, erhebe deine Hand!
Vergiß die Elenden nicht! ...

So ruft der Psalmdichter zu Gott in seiner Verzweiflung (Ps 10). Am Ende findet er sich geborgen in der Gewißheit:

Das Verlangen der Elenden hörst du, HERR;
du machst ihr Herz gewiß,
dein Ohr merkt darauf,
daß du Recht schaffest den Waisen und Armen,
daß der Mensch nicht trotze auf Erden.

Für uns ist das Geschehen ein erneuter Anruf: Bist du mit dem, was dir anvertraut ist, hier auf dieser Erde, liebevoll, achtsam und dankbar umgegangen? Haben die Menschen, mit denen wir zusammenkommen, etwas von dieser Liebe spüren können? - Wer von uns kann sagen: So bin ich immer gewesen. Das habe ich immer getan!
Und mehr noch: Den Opfern und den Angehörigen in Erfurt können wir hier nicht viel helfen - außer, für sie zu beten. Aber wir können uns darum mühen, nicht selbst Gewalt anzuwenden und - vor allem - nicht gewalttätig zu denken und zu reden. So bereiten sich Gewalttaten vor.
Das alles kann nur in unseren menschlichen Grenzen gelingen, wenn wir - altmodisch gesagt "Gott die Ehre geben" - uns dankbar Gott zuwenden und sehen, hören und annehmen, was er in seiner Schöpfung und mit all seiner Liebe gibt. Wir erkennen nicht alles. Vieles wissen wir nicht. Aber wir können uns bemühen, aufmerksam zu sein. Wir können die Sonne, den Regen, schmerzfreie Tage, streitfreie Stunden - dankbar annehmen und mit Paul Gerhardt einstimmen:
Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.
Dazu möge uns Gott verhelfen! Amen.

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem HERRN!
Amen.

Lieder:
eg 302 Du meine Seele singe
eg 243 Lob Gott getrost mit Singen
eg 351 Ist Gott für mich, so trete
eg 640 Die Herrlichkeit des Herrn

Materialien:
- "Stuttgarter Erklärungsbibel" Luthertext 1984 - ohne Apokryphen -
mit Einführungen und Erklärungen. Stuttgart. 2.A. 1992
- "Neue Jerusalemer Bibel "Einheitsübersetzung mit Kommentar der
Jerusalemer Bibel. Freiburg.Herder.12.A.1985
- Müller, Ulrich B.
"Die Offenbarung des Johannes", Gütersloh. Gütersloher Verlagshaus.
12. A. 1995, S. 163 - 170, S. 260 - 264
Ökumenischer Taschenkommentar zum Neuen Testament, Band 16, GTB 510
- Lohse, Eduard
"Die Offenbarung des Johannes" Neues Testament Deutsch - NTD 11 -Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 12. A. 1979, S. 88f
- Voigt, Gottfried
"Die lebendigen Steine" Homiletische Auslegung der Predigttexte, Reihe VI, Göttingen, V&R, 2.A. 1989, S. 228 - 234
- KÖLNER STADT- ANZEIGER 98 - 2002 - 04 - 27/28-
Titelseite, S. 2 und 3
"Entsetzen nach Blutbad in Erfurter Gymnasium"
"Die Frage nach den Ursachen"
"Wir sind nur gerannt, um da herauszukommen"


Aus der Liturgie


Kollektengebet:
Herr,
du hast alles überwunden,
was uns voneinander trennt
zur Gemeinde uns verbunden,
die den Nächsten anerkennt.
Hilf die Liebe zu erwidern,
die du uns erwiesen hast,
in der Welt an unsern Brüdern,
ihrem Elend, ihrer Last.
Detlev Block nach eg 609

Fürbittengebet:

Gott,
so viele leben in unserer Stadt,
die ihren täglichen Kampf
mit dem Tod allein ausmachen.
Für die keine lebendige Hoffnung mehr ist.
So viele - die wir kennen,
aber deren Sorgen wir
nie ernst genommen haben.

Für die alle bitten wir heute:
Gib ihnen Menschen,
die ihnen deine Liebe vorleben
und sie auf den Weg mitnehmen
vom Dunkel ins Licht.

Wir bitten für alle,
die an einem Verlust tragen.
Wir bitten auch für die Angehörigen der Toten
des Anschlags in Erfurt,
für alle, die im Tod oder Leben
einen Geliebten verloren.
Zeig ihnen, daß nichts das letzte Wort hat,
wenn nicht du;
du schenkst Leben ohne Ende.

Wir bitten dich für alle,
die keinen Sinn mehr sehen,
die süchtig sind nach Alkohol, Erfolg, Liebe,
die bei der verzweifelten Anstrengung zu überleben
sich zu Außenseitern machen oder dazu gemacht werden.

Laß sie Gesprächspartner finden,
zur Ruhe kommen in dir.

Wir bitten für alle nah und fern,
die unter anderen Menschen leiden müssen.
Wir bitten
für die Opfer des Anschlags in Erfurt,
- die Kinder, die ansehen mußten, wie Mitschülerinnen, Mitschüler, Lehrerinnen und Lehrer getötet wurden,
- die Lehrerinnen und Lehrer, die nicht helfen konnten,
- die Polizistinnen und Polizisten, die Helferinnen und Helfer, die das Grauen dieses Einsatzes lange Zeit nicht vergessen können.

Wir bitten für die,
die dich in Krieg und Hunger vergessen,
und für die, die in allem Elend dir noch vertrauen.
Laß sie alle in uns ihre Geschwister finden, die Vertrauen schenken und stärken.
Gott,
du bist ein Gott des Lebens, nicht des Todes.
Mache uns mutig und bereit,
für dies Leben zu kämpfen,
wo der Tod regiert.
Das bitten wir im Namen Jesu.
nach eg 928, S.1428

Wer ist Jesus?

6. Manforter Predigtreihe 2002 in der Evangelischen Johanneskirche Leverkusen-Manfort, Scharnhorststraße 40
- vom 02. bis 23. Juni 2002 -

16.06.2002 3. Sonntag nach Trinitatis

eg 552, 1-3 + 6 Licht, das in die Welt gekommen
eg 752.3, S. U 82 Psalm 119

Kollektengebet
Lieber himmlischer Vater, wir sind dankbar dafür, dass wir immer wieder aufs Neue vom Wirken und von der Frohen Botschaft deines Sohnes Jesus Christus berichten können.

Am dritten Sonntag der Predigtreihe, in der wir nach dem Auftrag deines Sohnes in der Welt fragen, bitten wir dich:
Sei du bei uns und stärke uns
durch deinen Heiligen Geist,
der du mit dem Sohn lebst
und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Epistel zum 3. Sonntag nach Trinitatis:
l. Tim. 1,12-17

eg 268, 1-5 Strahlen brechen viele aus einem Licht
eg 385, 1-3 Mir nach spricht Christus unser Held
eg 938, S. 1433 Fürbittengebet
eg 136,1 O komm, du Geist der Wahrheit

Predigt

Wer ist Jesus?
Vier Mal hintereinander steht diese Frage als Thema der Gottesdienste im Juni auf dem Plan.
Gilt diese Frage uns - gilt sie anderen?

Herr Theis (9.10.1945 bis 10.2.2002) schlug als Thema für die Predigtreihe in diesem Jahr die „Ich-bin-Worte Jesu im Johannesevangelium" vor und war freudig überrascht zu erleben, dass wir anderen sofort zustimmten.

Ich nenne sie:
02.06. - Ich bin das Brot des Lebens.
Peter Richmann Joh. 6,35

09.06. - Ich bin die Tür. Ich bin der gute Hirte.
Jürgen Berghaus Joh. 10,11, 14+1

16.06. - Ich bin das Licht der Welt.
Helmut Böhme Joh. 8,12
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben
Joh. 14,6

23.06. - Ich bin die Auferstehung und das Leben
Jürgen Berghaus Joh. 11,25

Wir nehmen also Jesus als Zeugen für seine Identität. Die Kritiker fragen: „Du zeugst in eigener Sache. Wer kann dir da glauben?" Die anderen Evangelisten bezeugen Gottes Wort bei der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer: „Dies ist mein lieber Sohn ..." (Mk. 1,15; Mt. 3,17; Lk. 3,22). Für den Evangelisten Johannes ist die Einheit von Vater und Sohn so selbstverständlich, dass der Sohn auch seine eigene Identität bezeugen kann: „Wer mich sieht, der sieht den Vater," sagt Jesus (Joh. 14,9).

Hören wir jetzt noch einmal die Worte Jesu für den heutigen Sonntag:
Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandern in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Joh. 8,12
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater,
denn durch mich. Joh. 14,6

Zunächst: Es geht um Bilder. Wir fragen: Was bedeuten sie?
- Ich bin das Licht der Welt.
Jesus bündelt nicht alles Licht der Welt in sich. Er verkörperte nicht das Licht seiner Zeit - und auch nicht das der Gegenwart mit ihren vielen künstlichen Lichtquellen in der Reklame und anderswo.
Er bringt das Licht der Liebe Gottes in diese Welt hinein - das Licht für diese Welt. In Jesu Leben, Wirken, Leiden und Sterben - ja, auch in Jesu Auferstehung - können wir Gottes Liebe in dieser Welt sehen und spüren. „Licht für diese Welt", das heißt zugleich „Gott wird Mensch in dieser Welt, für diese Welt". Mit dem Lied vor der Predigt haben wir die Wirkung beschrieben, die dieses Licht in der Welt hat. Es überwindet die Nacht - auch in unserem Herzen - und den starren Frost - in unseren Seelen -. Dann brechen Strahlen aus diesem Licht, das Christus ist. Zweige wachsen aus diesem Stamm und vielfältige Gaben werden wirksam, weil wir uns von Gott angenommen und geliebt wissen. Aus den Gaben, die wir haben, entstehen Dienste, für die wir fähig werden - und die ihre Lebenskraft aus dem Geist der Liebe gewinnen. Deshalb ist es wichtig, dass wir diese Dienste auch im Geist der Liebe annehmen. Das gilt für ehrenamtliche Dienste ebenso wie für haupt- und nebenberuflich organisierte Dienste - und für die Vertretungen mancherlei Art: Organisten, Pfarrer, Jugendmitarbeiter und andere mehr.

Jesus fährt dann fort:
Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Zur Zeit Jesu glaubten viele Menschen, dass die Welt beherrscht würde vom Kampf der Mächte der Finsternis und der Mächte des Lichts. Im Mittelalter vor allem war ganz eindeutig: Der Herrscher im Reich der Finsternis ist der Satan, der Teufel und der Herrscher im Reich des Lichts ist Jesus Christus.
Mich hat erschreckt, dass bis in dieses 21. Jahrhundert hinein dies Muster von Gut und Böse die Auseinandersetzung zwischen den Menschen und zwischen den Staaten beherrscht. Der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika spricht nur aus, was viele Menschen auch heute noch denken: Wir stehen auf der Seite des Lichts und kämpfen gegen die Mächte der Finsternis. Und so kommt es dazu, dass Weltpolitik betrieben wird, um die „Achse des Bösen" zu bekämpfen. Präsident George W. Bush erklärte in seiner diesjährigen „Rede zur Lager der Nation" der „Achse des Bösen" den Krieg und nannte den Irak, den Iran und Nordkorea als Staaten, die diese Achse bilden.
Ich bin im Laufe meines Lebens vorsichtig geworden. Es ist ganz natürlich, dass ein Politiker die Gemütslage seiner Wähler und der Bürger des von ihm vertretenen Staates erkennen muß. Es kommt darauf an, wie er mit dieser Erkenntnis umgeht. Schwierig wird es, wenn er das Schwarz-weiß-Denken, das Denken in Kontrasten auf die Weltpolitik überträgt und damit Politik betreiben will.
Ich habe nur ein Beispiel genannt, das Ihnen wohl allen bekannt ist. Es steht für andere vergleichbare Einstellungen. Für mich ist es wichtig, dass Gut und Böse in uns allen angelegt ist. Christus hat die Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar gemacht und zum Strahlen gebracht. Wir, wir Menschen, sind es, die uns immer wieder von ihm entfernen, denn wir sind unvollkommen. Wer sich der Liebe Gottes öffnet, wie es das Lied beschreibt, der wird am Ende das „Licht des Lebens" haben, wie Jesus sagt. Am Ende siegt die Liebe - in diesem Leben - und in dem, das danach kommt, davon hören wir am kommenden Sonntag mehr.

— Schließlich das letzte Wort Jesu für den heutigen Sonntag.
Ich bin der Weg,
die Wahrheit und das Leben;
niemand kommt zum Vater denn durch mich. Joh. 14,6

Jesus hat eben seinen Jünger Petrus angekündigt, dass dieser ihn drei Mal verleugnen wird, obwohl dieser streitbare Jünger sein Leben für Jesus opfern will.
Da beruhigt Jesus die Jünger und erklärt ihnen, er gehe ihnen voraus in seines Vaters Haus mit vielen Wohnungen, um ihre Aufnahme dort vorzubereiten.
Die Jünger sind unruhig. Thomas fragt nach dem Weg den Jesus ihnen vorausgehen will. Jesus antwortet ihm: „Ich bin der Weg ...." - Vorhin hieß es „Wer mir nachfolgt ...". Mir scheint, beides meint annähernd das gleiche: Wer sich der Liebe Gottes öffnet, der findet einen Weg, der zu Gott führt.
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben ..." Jesus bezeugt hier, dass er der Weg ist, der durch diese Welt - hinaus führt zum Vater, der uns in Liebe aufnimmt.
Im jüdischen Sinne ist „wahr" ein Mensch, der hält, was er verspricht. Wir kennen ein Weihnachtslied, in dessen dritter Strophe es heißt:
... Wahr Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allen Leide,
rettet von Sund und Tod,
eg 30,3 Es ist ein Ros entsprungen ....
Ein „wahrer" Mensch ist „treu" und „verläßlich". Im Johannesevangelium kann Wahrheit auch bedeuten: „Freiheit", „Licht" und „Leben". Ich bin die Wahrheit, könnte dann bedeuten: Ich halte, was ich verspreche; ich bin treu; ich mache euch frei.

„Ich bin .... das Leben" Ein Fremder wird uns zugestehen, dass Jesus lebt, dass er gelebt hat „Er ist das Leben", das versteht er nicht. Für uns Christen dagegen ist eines ganz deutlich. Jesus Christus verkörpert „das Leben in Gottes Liebe hier auf dieser Welt." Wir ahnen vielleicht, dass damit zugleich das „ewige Leben" gemeint sein kann. Doch davon am nächsten Sonntag.
Wir fragen am Ende: „Wer ist Jesus?"
- Er verkörpert die Liebe Gottes in dieser Welt - bis hin zur Selbstaufopferung.
- Als Licht stellt er sich gegen Hoffnungslosigkeit, Zerstörung, Gewalt und auch gegen die schwarze Nacht in unserer Seele und die Finsternis in dieser Welt.
- Als Weg bringt er uns in Bewegung auf ein Ziel hin - jenseits dieser Welt. Das macht uns das Leben leicht - hier ist nicht alles am Ende - aber auch schwer - was kommt danach?
Im folgenden Lied singen und hören wir etwas zu diesem Weg. Es ist weit über 300 Jahre alt (Johann Scheffler, 1668) und gibt die Weltsicht der frommen Christen nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder. Die Sprache ist manchem von uns fremd und ungewohnt.
Das Lied vor der Predigt aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt aus Schweden (Anders Frostenson - 1972 - 1974). Diese Sprache ist uns vertrauter.
Dennoch gibt auch das folgende Lied die Botschaft Christi wieder - in einer anderen Zeit und an andere Christen. Lassen wir uns einladen auf seinen Weg!
Amen

Materialien
- "Stuttgarter Erklärungsbibel - Lutherübersetzung mit Einführung
und Erklärungen -"
Stuttgart. Deutsche Bibelgesellschaft.2.A. 1992, S. 1344; 1357 seit 2007 mit Apokryphen. 3.A.
- "Neue Jerusalemer Bibel. Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der
Jerusalemer Bibel "
Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe. Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vogtle in Verbindung mit Johannes Fl. Nützel Freiburg. Herder. 12.A. 1985. 2001. S. 1526 f, 1538
- Schulz, Siegfried
"Das Evangelium nach Johannes", übersetzt und erklärt
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 14.A. 1978, S. 124 - 131; 184 - 187
Neues Testament Deutsch - NTD - Band 4
- "Assoziationen. Gedanken zu biblischen Texten", herausgegeben von
Walter Jens
Stuttgart. Radius Verlag. Band 3.1980
Fritz Sänger, S. 30 f; Heinrich Albertz, S. 39f
- Voigt, Gottfried
o "Der rechte Weinstock" Homiletische Auslegung der Predigttexte
Reihe III
Berlin. Evangelische Verlangsanstalt. 2.A. 1974, S. 42 - 47 o "Die geliebte Welt" Homiletische Auslegung der Predigttexte .
Neue Folge: Reihe III
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 2.A. 1986, S. 51 - 57; 70 - 76