Posts mit dem Label Kirchengebäude werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kirchengebäude werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 5. April 2009

Frieden und Gerechtigkeit in der Kirche

Predigt zum 18.10.1992 (18.S.n.Tr.)

Kanzelgruß:
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.

Als Predigttext hören wir aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom aus dem 14. Kapitel:
(17) Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern
Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
(18) Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei
den Menschen geachtet.
(19) darum laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur
Erbauung untereinander.
Rom. 14, 17 - 19
Lieber himmlischer Vater,
wie gern würden wir in Gerechtigkeit, Friede und Freude leben -
vor allem dann, wenn wir dir damit folgen und bei den Menschen geachtet werden. Aber das alles geschieht so nicht. Warum? Kannst du das ändern - können wir das? - Zeig du uns den Weg!
Amen
Der Textabschnitt heute gehört in einen größeren Zusammenhang. Paulus erklärt den Christen in Rom, daß sie sich nicht mit Äußerlichkeiten aufhalten sollen. Wenn einem Christen noch die alten Speisegebote des mosaischen Gesetzes wichtig sind, der soll sie beachten - auch weiterhin und nicht gestört werden dabei durch diejenigen, die ihr Glaubensleben von diesen Dingen Weg und hingewendet haben zum Kern der Botschaft Jesu. Er soll den, der die Speisegebote achtet, nicht stören, ihn in Ruhe lassen, denn das ist sein Weg, zu dem Kern der Botschaft Jesu zu gelangen.
Das Neue ist nun, daß dieser Kern der Botschaft Jesu, die Mitte des Reiches Gottes Gerechtigkeit, Friede und Freude sind. Vom Altar her hörten wir eine andere Geschichte, in der Jesus selbst spricht. Dort ist die Liebe der Kern seiner Botschaft - Mk. 11,28 - 34-. Das meint Paulus auch - er, der ja selbst an die Christen in Korinth schreibt:
"Nun aber bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1.Kor. 13,13
Doch können wir diese Liebe unter uns nicht einfach einfordern. Sie ist und bleibt Gnade und Geschenk. Für Christen gi1t, daß die Menschen überall auf dieser Welt die Liebe ihres Gottes erleben - auch dann, wenn ihnen das nicht bewußt ist. Wir sind uns sicher, daß als ein Zeichen, als Beweis und Siegel dieser Liebe Jesus Christus als Sohn Gottes auf diese Erde zu uns kam, als Mensch lebte, litt und starb und darüber hinaus uns voranging mit seiner Auferstehung, mit der er uns den Weg zu unser aller Vater, zu unserem Schöpfer weist. Weil uns die Liebe Gottes erreicht und weil wir uns dieser bewußt sind, deshalb haben wir die Kraft, auch unsererseits zu lieben und Liebe weiterzugeben. Das ist der Hintergrund vor dem unser Predigttext sagt, das Reich Gottes sei nicht Essen und Trinken.
Die römischen Christen hatten aus den Speisegesetzen ihrer Zeit vielfach Gewissensfragen gemacht - und so wucherten diese Auseinandersetzungen darüber, welches Gesetz wie wichtig sei, und die entscheidenden Fragen gerieten aus dem Blick. Kommt uns diese Erfahrung der römischen Christen nicht vertraut vor ?
Ich nenne einige Überschriften von Zeitungsüberschriften von Zeitungsartikeln der beiden letzten Jahre:
- "Kirchenaustritte sind immer häufiger. Stadtsuperintendent Kock zog Jahresbilanz" - KStA 278 v. 30.11./01.12.1991 -
- "Sie wollen nicht mehr daran glauben. Rekordzahlen bei Kirchenaustritten. (Stadtdechant) Westhoff sucht die 'wahren' Gründe!"
- KStA 61 v. 12.03.1992 -
- "Warum sich Kirchen leeren. In einem Gesprächskreis werden Gründe für den Austritt erörtert" - KStA 42 v. 19.02. 1992 -
- "Wir haben einen Christenmangel"
Zitat aus einem Gespräch des Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Kardinal Meisner aus Köln - KStA 229 v. 01.10.1992 -
Schließlich fragt der Präses unserer Landeskirche Peter Beier, "Steht die Glaubwürdigkeit Gottes durch die Kirchen auf dem Spiel?" - Er beantwortet diese Frage gleich selbst: „Gottes Glaubwürdigkeit läßt sich durch nichts und niemanden, nicht einmal durch das Versagen der Kirchen aufs Spiel setzen.“ nach KStA 228 v. 30.09.1992.
Was ist geschehen, daß verantwortliche Leiter der beiden großen christlichen Kirchen im Rheinland öffentlich diese Fragen stellen und so reden?
Ich frage Sie, hat sich für Sie die Kirche, unsere Kirche, in den letzten Jahren verändert? Ist sie schwächer geworden - oder stärker? Hat sie Ihnen etwas sagen können - oder blieben die Sätze, die sie sagt, oberflächliche Worte, Formeln aus einer fremden Welt?
Für meine Person erlebe ich die Kirche auf recht unterschiedliche Weise. Im Kern ist sie solide, stark und geht den rechten Weg. Sie wird getragen von der Liebe Gottes und gibt diese Liebe auf vielfältige Weise weiter. Ein Beispiel dafür haben wir erlebt, als Pfarrer Baumann aus der Einrichtung "Hephata" in Mönchengladbach am 27. August 1992 bei uns zu Besuch war. Zugleich erlebe ich aber auch, daß sich die Kirche in den vielfältigen Aktionen in der Welt verliert. Sie produziert immer mehr Papier - häufig werden die Aussagen der Texte dadurch immer flacher und nichtssagender. Auf unserer Kreissynode melden sich immer weniger Laien zu Wort - und wenn das einmal geschieht, dann stellen sie nur eine Frage - sie bewegen dort wenig, sie werden bewegt.
Unsere Kirche wird immer mehr zu einer verwaltenden Kirche, zu einer Kirche, die re-agiert auf das, was in der Welt geschieht, ohne von sich aus ihre Botschaft wirksam und gezielt den Menschen so zu sagen, daß sie Halt-bekommen und ihren Weg in der Welt erkennen. Damit wir uns recht verstehen: Ich sage nicht, daß unsere Kirche so ist, sondern, daß sie auf dem Weg ist, so zu werden. Der Kirche geht es aber nicht allein so. Vereine und Verbände, die politischen Parteien und die Gewerkschaften stellen alle fest, daß ihnen die Mitglieder abhanden kommen.
Der Präses hat schon recht, wenn er sagt, das hätte mit der Glaubwürdigkeit zu tun. Noch am Freitag sagte mir jemand, er habe die Kirche verlassen. Das hätte aber nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit der Institution Kirche. Er sei zu oft und zu stark enttäuscht worden von Menschen, die in der Kirche das Sagen haben. Das alles hat mit dem zu tun, was der Apostel "Essen und Trinken" nennt.
Nun hat sich der Apostel nicht an eine Institution, an eine Kirche gewandt, sondern er schreibt an die Christen in Rom. Wir können uns heute auch als Adressaten verstehen "die Christen in Leverkusen-Manfort". "Laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander"!
Wie gehen wir damit um?
Ich versuche, in dieser Kirche so zu wirken, daß sie offen ist für viele Menschen, daß sie zur Heimat aller Menschen werden kann -und doch erlebe ich immer wieder, daß meine Kräfte nicht ausreichen und ich sogar jene verletze, mit denen ich zusammen bin. Dann störe ich den Frieden und kann überhaupt nicht zur gegenseitigen Unterstützung beitragen - mit diesen Worten könnte man "Erbauung" übersetzen. Und doch ist da ein Weg, der weiterführt. Es sind andere da, die mir sagen: "So nicht!" Sie zeigen den Weg, sie gehen dann voran - und wir finden wieder zueinander.
Sehr lebhaft habe ich das am letzten Wochenende erlebt, als sich das Presbyterium das erste Mal ganz konkret mit der Nachfolge von Pfarrer Szyska beschäftigte.
Was aber hilft das Ihnen?
Lassen Sie mich noch einmal zur Kirche kommen und zu der erhöhten Zahl der Kirchenaustritte. Viele Menschen sind unzufrieden, weil sie von der Kirche mehr erwarten, als diese leisten kann, und oft mehr, als sie selbst bereit sind, zu tun. Die Kirche lebt aber davon, daß in ihr Menschen tätig sind, die den Glauben lebendig halten. Andere sind von der Kirche enttäuscht, weil Menschen in dieser Kirche sie verletzt haben. Schließlich gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht wissen, weshalb sie in der Kirche sind oder die Aufgabe der Kirche mißverstehen als eine Dienstleistungseinrichtung für Taufen, Trauungen und Beerdigungen.
Es muß in Zukunft dahin kommen, daß wir alle miteinander zur Kirche kommen, zur Kirche gehören und in ihr leben, weil wir die Liebe Gottes erfahren haben und in der Gemeinschaft anderer diese Liebe in der Welt weitergeben wollen.
Damit bin ich nun bei uns - bei jedem einzelnen. Zunächst sollen wir was mit Vergebung, mit Frieden, mit Gerechtigkeit zu tun hat, unterscheiden vom weniger wichtigen - von allem, was mit Formvorschriften, mit Äußerlichkeiten und auch mit menschlicher Schwäche zu tun hat. Dann sollten wir uns nicht wichtiger nehmen, als wir sind. Schließlich aber sollten wir alles tun, was in unserer Kraft steht, damit in unserer Kirche die Liebe Gottes lebendig, wirksam und unter uns Menschen auch sichtbar wird. Dazu wird jeder gebraucht. Als einzelne wissen wir oft nicht recht, wie wir das tun können. Und in der Kirche wissen die Verantwortlichen gelegentlich auch nicht immer, was einem derart Suchenden helfen könnte. Dann bleiben diese enttäuscht draußen vor der Tür.
Der Apostel schreibt:
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.

Lieber himmlischer Vater,
wir bitten dich um den heiligen. Geist, damit er uns erfülle und Kraft gebe, Gerechtigkeit, Friede und Freude in unserem Lebens und Wirkungskreis lebendig zu erhalten. Amen

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als. all unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.


Lieder:

eg 443 Aus meines Herzens Grunde ... eg 397 Herzlich lieb hab ich dich ... eg 401 Liebe, die du ...
eg 213 Kommt her, ihr seid geladen ... eg 170 Komm, Herr, segne uns ...

Materialien:
-Althaus, Paul
"Der Brief an die Römer" - Kommentar -
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 13.A.1978. S. 139 - 141
"Das Neue Testament Deutsch" - NTD Bd. 6
- Barth, Karl
"Der Römerbrief" (1922)
Zürich. Theologischer Verlag. 15.A.1989, S. 147 f
- Krause, Christian in "Assoziationen. Gedanken zu biblischen
Texten", Band 2, herausgegeben von Walter Jens
Stuttgart, Radius Verlag, 1979, 5. 169 f

vgl. Dieter Stork
Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt,
wo niemand einen andern in falscher Hoffnung wiegt.
Ich träume eine Kirche, die wahr ist und gerecht,
wir alle sind nun Freie und niemand Herr und Knecht. (Text und Melodie)

Samstag, 7. Februar 2009

Wenn die Kirchenglocken das letzte Mal läuten ...

18.12.1983

4.Sonntag im Advent

Kanzelgruß
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Als Predigt hören wir heute aus dem Buch des Propheten Jesaja Kapitel 52, die Verse 7 bis 10 in Luthers Übersetzung:
(7) Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten,
die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen,
die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
(8) Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander;
denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion
zurückkehrt.
(9) Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems;
denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
(10) Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, daß aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.

Lieber himmlischer Vater,
dein Prophet hat zu uns gesprochen und wir wissen, daß sein Ruf die Wahrheit verkündet. Ja, du bist König, du hast uns getröstet, du hast dich in Jesus Christus den Menschen überall in der Welt offenbart. In dieser Zeit des Advent, in der wir in der Erwartung deines Sohnes leben, treten wir vor dich hin, um dein Wort der Verkündigung zu hören. Öffne unsere Ohren und Herzen, damit wir verstehen und annehmen was du uns sagst. Amen.

Vor knapp einer halben Stunden verhallten die letzten Glockenschläge, mit denen wir aufgerufen wurden, uns hier zu versammeln. Nicht nur zur Versammlung rufen die Glocken, sondern auch zur Sammlung. Wissen wir, wie viele Menschen, die den Weg zur Kirche nicht gefunden haben – vielleicht, weil sie die Gemeinschaft der anderen fürchten, also, weil sie einsam sind, oder weil sie krank und gebrechlich ans Bett oder an die Wohnung gefesselt sind - wissen wir, wie viele Menschen beim Klang der Glocken still werden?
Ich weiß es nicht, müßte mich aber sehr wundern, wenn es nicht eine ganze Reihe von Menschen gäbe, die das tun. Vielleicht lesen oder singen sie ein Lied aus dem Gesangbuch, lesen einen Text aus der Bibel und wenden sich im Gebet an Gott.
Der Klang der Glocken ist nicht nur ein Aufruf und ein Anruf, er ist auch ein Zeugnis: Seht, hier ist Gottes Haus und es behauptet sich gegen alle Versuche, der Verbindlichkeit seines Wortes zu entgehen und in die Welt hinein zu entfliehen!
Die Kirchenglocken, unsere Kirchenglocken, sind also
- ein Anruf an uns alle, Gott zu hören,
- ein Aufruf, seinem Wort zu folgen, sich unter seinem Wort zu versammeln, zu ihm zu beten, ihm zu danken
- das Leben unter sein Wort zu stellen,
- eine Einladung an alle, teilzuhaben an der Gnade seiner Vergebung, indem wir ihm nachfolgen und
- ein Zeugnis für Gottes Wirken in der Welt. -

Vielleicht wissen Sie jetzt, weshalb ich heute mit diesem Gedanken an die Kirchenglocken begonnen habe. In der Leverkusener Ausgabe ein Kölner Tageszeitung hat man in der vergangenen Woche öffentlich darüber nachgedacht, ob dies das letzte Weihnachtsfest ist, zu dem die Glocken der Paulus-Kirche in Leverkusen-Wiesdorf läuten (Kölnische Rundschau vom 13.12.1983).
Sie wissen, weshalb das Presbyterium Ihrer Gemeinde darüber nachdenkt, wie die beiden Kirchenzentren Ihres Pfarrbezirks langfristig genutzt werden sollen. Die sinkende Zahl der Gemeindeglieder und sinkende Steuereinnahmen führen in Verbindung mit steigenden Kosten dazu, daß auch ungewohnte und schmerzliche Entscheidungen in Erwägung gezogen werden müssen.
Wenn wir uns heute hier zusammenfinden, dann beschäftigt uns die Frage nach dem Schicksal des Gemeindezentrums sehr. Der Kirchenraum ist so warm und anheimelnd, Pfarrwohnung und Gemeinderäume liegen dicht bei einander. Und die Glocken dieser Kirche sagen ja noch etwas mehr. Sie künden von dem Standort einer Kirche direkt am Rhein in unmittelbarer Umgebung eines expansiven Industrieunternehmens. Wer von uns Pfarrer Wamsers Einsatz für ein menschengerechtes Wohnen in seinem Pfarrbezirk in Wiesdorf miterlebt hat, der weiß, daß mit dem Standort dieser Kirche mehr verbunden ist als ein beliebig austauschbarer Treffpunkt, ein Haus Gottes, das auch an anderer Stelle ebenso stehen könnte wie hier. In der Paulus-Gemeinde ist in den vergangenen Jahren einiges geschehen, das wichtig war - wichtig für die Menschen, die hier wohnen, wichtig für den Stadtteil Wiesdorf, wichtig für die ganze Stadt Leverkusen - und die Paulus-Kirche, das Gemeindezentrum der Paulus-Gemeinde, war ein Kristallisationspunkt, an dem sich die Verantwortung der Christen erweisen sollte, Verantwortung vor Gott für seine Umwelt, für die Welt, in der er lebt, zu übernehmen.
Wo ist in dieser Lage nun der Bote, der Frieden und Heil verkündet, der hier Gutes predigen könnte?
Machen wir uns klar, in welcher Lage das Volk Israel war, als der Prophet ihm diese Worte zurief. Jerusalem war von seinen Feinden zerstört worden. 4.600 Menschen wurden in die Gefangenschaft nach Babylon gebracht. Heute schätzt man, daß es insgesamt 12.000 bis 15.000 waren. In der Fremde konnten sie sich ein eigenes Leben, eine eigene Existenz aufbauen. Ihr Glaube an die Allmacht JAHWES, ihres Gottes, war erschüttert. Viele nahmen aufmerksam zur Kenntnis, welcher Art die vielen anderen Gottheiten waren, die in Babylon verehrt wurden. Viele - vielleicht fast alle - hatten die Hoffnung aufgegeben nach Palästina zurückzukehren.
Da tritt der Prophet auf und öffnet ein Fenster, das den Blick auf die freie Heimatstadt Jerusalem freigibt. Er spricht von der Allmacht Gott und davon, daß Gott sein Volk nicht aufgegeben habe. Ja, er verkündet die Rückkehr der in der Verbannung lebenden Juden und ein neues Reich. Der Prophet spricht zu Juden, denen es materiell erträglich bis gut geht, deren Glaube aber an Kraft rapide verloren hat. Ihnen ruft er zu daß Gott der Juden König sei, daß er nach Jerusalem zurückkehren wird, daß er sein Volk tröstet, Jerusalem erlöst und vor aller Welt sichtbar werden läßt, daß er dieses Volk zum Heil führt. In großer Glaubensschwäche, Nachlässigkeit in Glaubensfragen und bei wachsender Neigung zur Abkehr vom alten Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, wird dem Volk ein Prophet gegeben, der mit bezwingender Kraft den Sieg Gottes verkündet.
Hier wird deutlich, daß die verdunkelte Gegenwart durchdringend erhellt werden kann durch die Gewißheit, daß die Zukunft den Sieg des Lichtes bringen wird. Dein Gott ist König. Was bedeutet das für die Juden, die in der Zeit des Propheten lebten? Sie werden erinnert an die Einmaligkeit ihres Väterglaubens, in dem es nur einen Gott gibt - andere Religionen kannten ganze Götterfamilien oder gar Göttervölker.
Dein Gott ist König. Das bezeugt aber nicht nur die Einmaligkeit, sondern auch die Allmacht Gottes. Der Juden König steht über allem - er beherrscht die Welt als eine Schöpfung. Dein Gott ist König. Mit diesem Wort wird gleichzeitig gesagt, daß alle Welt diesem Gott, diesen König untertan ist: Alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, daß aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.
Der Prophet nimmt die Zukunft vorweg und stellt fest, daß der Gott der Juden seine Macht, sein Heil vor der ganzen Welt erwiesen hat. Das Exil der Juden war beendet, der von Nebukadnezar zerstörte Tempel wurde wieder aufgebaut - neu aufgebaut. Vor dieser Zukunftsperspektive kann der Prophet seinem Volk zusichern, daß der Herr sein Volk tröstet und Jerusalem erlöst. Seid fröhlich und rühmt miteinander die Herrlichkeit Gottes! Dies ist nun die Aufforderung, die aus der Gewißheit folgt, daß Gott König ist, daß er sein Volk in die Heimat zurückführt und daß er sein Haus, den Tempel, aufbauen läßt. Jetzt wird erklärlich, daß unsere Textstelle mit dem Bericht über die Freudenboten beginnt, die Frieden verkündigen, Heil verkünden und Gutes predigen.
Für den heutigen Tag sind als Lesung vor dem Altar zwei Textstellen vorgeschlagen worden, von denen wir den Bericht aus dem Evangelium nach Lukas gehört haben. Maria besucht Elisabeth und wird begrüßt mit den Worten: 0 selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist, von dem Herrn - Lukas 1, 41-45. Wenige Verse zuvor ist gesagt, "dein Sohn wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich" - Lk 1, 33 -.
Die zweite Stelle finden wir in dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper. Dort heißt es: "Freut euch in dem Herrn allewege und abermal sage ich euch: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Und der Friede Gottes welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! - Phil.4, 4-7 -.
In allen drei Stellen wird Gottes Kommen angekündigt
- vom Propheten des Alten Bundes im babylonischen Exil der Juden,
- von der Freundin Maria zur Zeit Jesu und
- von Paulus, der nach Jesu Tod und seiner Bekehrung zum Christen
annahm, der jüngste Tag stehe unmittelbar bevor.

Vierter Advent 1983 - sind wir nun diese Freudenboten, von denen der Prophet spricht? Ist das ein Datum, zu dem auch wir das Kommen Gottes ankündigen können? Können wir - wie Jesaja - sagen, daß der Herr zurückkehrt? - Wir wissen, daß Gott Mensch wurde und für uns in den Tod ging. Gott ist zurückgekehrt. Sind wir uns bewußt, daß Gott unter uns ist? Wir dürfen manchmal daran zweifeln. Nicht nur das Verhalten der Menschen, sondern auch der Umgang miteinander und der Umgang mit Gottes Botschaft lassen gelegentlich erkennen, wie schwer wir es damit haben, Gott bei uns eine Heimat zu geben. Wir brauchen nur an die Botschaft der Freudenboten zu denken.
Wird in unserer Zeit Frieden verkündet? - Der Frieden ist unserer Welt nicht näher gekommen. Die Vernichtungskräfte in der Hand des Menschen gewinnen ungeahnte Ausmaße. Doch allmählich haben nicht nur immer mehr Menschen die Einsicht, daß Frieden auf der Welt nur dann auf Dauer möglich sein wird, wenn jeder von uns friedfertig mit dem anderen umgeht, sondern dieses Ziel ist auch an die Spitze der meisten politischen Zielkataloge getreten. Die Friedensbotschaft im Advent 1983 kann nicht verkünden, daß der Friede gesiegt und auch die Welt der Menschen erfaßt habe. Aber sie zeigt den Weg und das große Gewicht des Friedens für jeden von uns auf.
Heil verkündigen und Gutes versprechen - auch das fällt schwer im Jahre 1983. Der Herr ist nahe - nicht nur im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt, sondern auch im Jahre 1983? Das ist doch die Botschaft des Advent! Gott ist Mensch geworden. Was der Prophet nicht aus eigener Anschauung wissen konnte, das ist doch geschehen! Warum fällt es uns Menschen nur so schwer, die Fülle der Gnade, des Friedens und des Heils zu erfahren und weiterzugeben, die dieses Ereignis gebracht hat? Wir wissen zwar - anders als Paulus -, daß wir den jüngsten Tag nicht in irdischen Zeitmaßstäben erwarten können, aber wir dürfen doch gewiß sein: Der Herr ist nahe, Gott ist Mensch geworden! So sind auch wir aufgefordert, Frieden zu verkündigen, Heil und Gutes in der Welt zu verbreiten, wo es uns möglich ist, fröhlich miteinander zu sein und Gottes Gnade zu loben. Auch uns hat Paulus zugerufen, daß wir unsere "Lindigkeit kund sein lassen allen Menschen" - "unsere Lindigkeit", ein anderer Übersetzer spricht von "Güte" - (Gerhard Friedrich, NTD 8, 5.166). Wir sollten uns fragen, ob wir gütig sein können.
Vierter Advent 1983 - wird es der letzte Advent in der Paulus-Kirche sein? Wir wissen es wohl nicht. Es ist gewiß gut, dieses Haus Gottes und seine Bedeutung für die Menschen in Wiesdorf sorgfältig zu prüfen - auch das, was als Alternative für andere mögliche Nutzungen erwogen wird. Sicherlich ist da jeder aufgerufen, mitzusorgen, mitzudenken und auch mitzutragen, was dann entschieden werden muß. Dennoch sollten wir daran denken, daß unsere Häuser und Türme vergänglich sind und äußere Formen, bleiben. Ihrer Sinn und Inhalt gewinnen sie erst durch das, was in ihnen und mit ihnen geschieht. Das galt und gilt auch für die Paulus- und die Christus-Kirche in Leverkusen-Wiesdorf.
Die Adventsbotschaft des vierten Advent 1983 dringt also durch diese äußere Formenwelt hindurch und trifft den Kern unseres Lebens. Hier ist aber wohl jeder Anlaß, sich zu freuen, zu jubeln und zu jauchzen. Sonderbarerweise fällt uns das immer wieder schwer. Unsere eigene Natur belastet uns mit den eigenen Vorbehalten, mit unseren eigenen Fehlern und Nöten ebenso wie mit denen der anderen. Oft scheint es, als gäbe es keine Freude in unserer Welt.
In diese Trübsal und Resignation hinein ruft nun der Prophet: Dein Gott ist König. Das heißt, dein Gott überwindet alle Schwierigkeiten dieser Welt. Vertraue dich ihm an! Er kommt zu dir und tröstet dich in aller Not, er weiß auch einen Weg für dieses Kirchengebäude. Deshalb seid fröhlich und lobet Gott. Der Herr ist nahe!
Mit allen Dingen sollen wir zu ihm kommen. Ist uns das immer deutlich und nutzen wir diese Möglichkeit? Wir dürfen uns frei machen von dem, was uns belastet. Gott hat es in Christus auf sich genommen. Dafür können und wollen wir ihm danken.
Möge uns Gott, der Herr, die Kraft des Glaubens schenken, ihn und seine Gnade anzunehmen, wie Maria es tat! Dann wird für uns zur Erfahrung, was Elisabeth ihrer Freundin voraussagte: "0 selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn."

Lieber himmlischer Vater,
unsere Kraft reicht nicht aus, dir zu folgen und die befreiende Macht der Geburt deines Sohnes hier in unserer Welt in seiner ganzen Fülle zu erfassen. Wir brauchen dazu deine Hilfe und bitten dich, laß uns in den kommenden Weihnachtstagen Mut und Kraft wachsen, dem Frieden in der Welt zu dienen und für das Heil, das du verkündest, mit frohem Herzen einzutreten. Amen

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unsern Herrn! Amen.

Lieder:
- "Macht hoch die Tür ..." EKG 6/EG 1
- "Nun jauchzet all ihr Frommen ..." EKG 7/EG 9
- "Dankt, dankt dem Herrn, jauchzt volle Chöre ..." EKG 466/EG 630
- "Wunderbarer König ..." EKG 235/EG 327

Materialien:
Westermann, Claus: "Das Buch Jesaja. Kapitel 40 bis 66" Göttingen.4.A.1981, S. 201 - 203 - ATD 19 -
Friedrich, Gerhard: "Der Brief an die Philipper" (4,4-7) Göttingen.5.A. 1981. S. 166 - 172 - NTD 8 -
Schweizer, Eduard: "Das Evangelium nach Lukas" (1,39 - 45) Göttingen.18.A. 1982, S. 21 - 23 - NTD 3 -
Mai, Hans: "Läuten Glocken zur Weihnacht letztmals? Es geht um den Verkauf des evangelischen Gotteshauses" in "Kölnische Rundschau" vom 13.12.1983

Helmut Böhme/Leverkusen