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Dienstag, 30. Juni 2009

Wie können wir den Grund legen?

Morgenandacht beim Predigthelferkurs I der Evangelischen Kirche im Rheinland - EKiR - im Joseph-Hromadka-Haus in Stolberg-Zweifall bei Aachen am 06.04.1984

EKG 542, 1 + 2 Er weckt mich alle Morgen eg 452, 1+2

Wir hören zunächst aus dem Buch Esra im dritten Kapitel die Verse 9 bis 11 :

(9) Und Jeschua mit seinen Söhnen und seinen Brüdern Kadmici, Binnui und Hodawja traten einmütig an, um die Arbeiter im Hause Gottes anzuleiten, dazu die Söhne Hanadads mit ihren Söhnen und ihren Brüdern, die Leviten.
(10) Und als die Bauleute den Grund legten zum Tempel des Herrn, stellten sich die Priester auf in ihren Amtskleidern mit Trompeten und die Leviten, die Söhne Asaf, mit Zimbeln, um den Herrn zu loben nach der Ordnung Davids, des Königs von Israel.
(11) Und sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem Herrn:
Denn er ist gütig und seine Barmherzigkeit währt ewiglich über Israel. Und das ganze Volk jauchzte laut bei Lobe des Herrn, weil der Grund zum Hause des Herrn gelegt war.
Esra 3, 9 - 11
Dann hören wir noch ein Wort des Apostels Paulus, das er den Christen in Korinth schrieb:
(9) Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
(10) Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
(11) Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Kor. 3, 9 - 11

Die Berichte im Alten und Neuen Testament beschreiben einen Hausbau.
Bei Esra ist es der Bau des Tempels in Jerusalem, der durch Spenden einzelner Stämme des Volkes Israel auf Befehl Gottes möglich wird. Die Bauleute legen das Fundament. Priester und Leviten stimmen den Lobgesang an - das Volk jubelt.
Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth, daß sich alle Arbeit - auch die Arbeit unter dem Worte Gottes - im letzten Gericht bewährt. Dies ist der letzte Maßstab - und nicht menschliches Tun und Denken. Er selbst, Paulus, habe nach Gottes Gnade den Grund gelegt als weiser Baumeister, ein anderer baue nun darauf. Jeder solle nun darauf achten, wie er darauf baue. Es gebe keinen anderen Grund, kein anderes Fundament als jenes, das in Jesus Christus, in seinem Kreuz und in seiner Auferstehung gegeben ist.
Wir sind hier in Zweifall versammelt - nicht, weil es uns hier besonders gut gefällt, sondern weil wir gerufen wurden, weil wir einen Auftrag erhalten haben. Am ersten Tag haben wir es schon ausgesprochen: Diesen Auftrag können wir nur erfüllen, wenn wir ein tragfähiges Fundament für diese Arbeit gelegt haben.
Weise Baumeister haben sich bemüht, damit wir gemeinsam mit ihnen ein solches Fundament zuwege brachten - heute und morgen sind weitere bei uns.
Doch schon am ersten Tage, bei unserer Arbeit am Alten Testament, wurde uns deutlich, wie gefährlich eine solche Arbeit sein kann. Einige erfaßte leichter Schwindel - und vielleicht ging es nicht nur einigen, wenigen so. Mancher hat sich dabei gefragt, ob diese Baumeister so weise wohl sein mögen, wie wir es um unserer Arbeit willen erhofften. Der eine oder andere fragte sich vielleicht, ob die Gnade Gottes wohl das alles auffangen kann, was uns als möglicher Mangel erschien.
Ja, wie ist das mit der historisch-kritischen Forschung, wie ist das mit unserem Kinderglauben und wie ist das mit unserem Unvermögen, das wir oft besser kennen als unser Können? Wir haben uns selbst, uns gegenseitig und unseren Bauleuten nichts geschenkt.
Anstrengend war es und keineswegs eine Frei-Zeit oder ein "Kursus", wie es offiziell heißt. Wir haben eine Rüstzeit, eine Zu-Rüstung erfahren für unsere Arbeit am großen Bau der Gemeinde Jesu Christi. Uns ist deutlich geworden, daß wir ganz kleine Bauleute sind, die mit begrenzten Mitteln an einer bestimmten Stelle an diesen Bau mitbauen.
Paulus nimmt uns mit seinen Wort die Zweifel, ob wir diese Arbeit auch bewältigen können. Er nimmt die innere Not hinweg, die uns fürchten ließ, die Grundfesten unseres Glaubens gerieten in Gefahr. Es gibt nur einen Grund, ein einziges wirklich tragfähiges Fundament - und das ist Jesus Christus. Paulus selbst hat in der Gnade Gottes dieses Fundament legen helfen.
Was immer wir also tun, wo immer wir mit unserer nicht immer schulgerechten und deshalb wilden Bauerei hingeraten, wir müssen - und wir können das auch - immer von neuem den Grund suchen, auf dem wir stehen. Die Instrumente dazu, Wasserwaage und Lot, haben uns die Baumeister gezeigt. Sie haben uns in der Anwendung an - geleitet. Wir sind jetzt zwar keine gelernten - aber an-gelernte Bauleute. In diese Anlernzeit gehören auch die Abende, an denen wir vom Kirchenkampf hörten. Was wir hörten, ist mahnendes Warnzeichen dafür, wohin es führen kann, wenn Baumeister und Bauleute, ob gelernt, angelernt oder ungelernt, weder Wasserwaage noch Lot benutzen oder beides falsch anwenden.
Wir haben in dieser Zeit aber auch erfahren, daß unsere Bauleute tatsächlich etwas von der Weisheit des Paulus gezeigt haben - jeder auf seine Weise - und daß wir alle gehalten sind in der Gnade Gottes.
Wir sind dankbar für diese Erfahrung und für diese Rüstzeit in Zweifall.
- Wie das Volk Israel bei der Grundsteinlegung des Tempels in Jerusalem so können auch wir Gott danken - dafür, daß er uns gerufen hat und dafür, daß er uns hilft. Amen.

EKG 503, 1+2 Danket dem Herrn! Wir danken dem Herrn ... eg 333, 1 + 2

Herr Jesus Christus,
der du unsere Sünde am Kreuz getragen und uns zu deinem Eigentum erworben hast, verleihe uns, daß wir durch das Opfer deiner Liebe getröstet und zu einem Leben in deinem Dienst geheiligt werden, um deines bitteren Leidens und Sterbens willen. Amen.
EKG S. 1044, Ziff. 3


Materialien

- "Stuttgarter Erklärungsbibel" - Lutherübersetzung mit Einführung und Erklärungen - Stuttgart. 2.A.1992, S. 584, 587 f; S. 1464
- "Neue Jerusalemer Bibel" - Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel, neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes M. Nützel Freiburg. Herder. 12.A. 1985.2001, S. 563, 566 f;S.1651, 1654
- Wendland, Heinz-Dietrich
"Die Briefe an die Korinther", übersetzt und kommentiert Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 15.A. 1980, S. 1 - 5, 33 f - NTD 7 -
- Voigt, Gottfried
"Homiletische Auslegung der Predigttexte" Neue Folge. Reihe VI: "Die lebendigen Steine" Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht.2.A. 1989, S. 337 - 343
- Gunneweg, Antoniua H. J.
"Geschichte Israels. Von den Anfängen bis Bar Kochba und von Theodor Herzl bis zur Gegenwart" Stuttgart. Berlin. Köln. W. Kohlhammer 6.a. 1989, S.135 - 140
- EKG "Evangelisches Kirchengesangbuch". Ausgabe für die Landeskirchen Rheinland, Westfalen und Lippe" Dieses Gesangbuch war bis zum Jahre 1996 in Gebrauch.
- eg "Evangelisches Gesangbuch". Ausgabe für die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Lippische Landeskirche in Gemeinschaft mit der Evangelisch-reformierten Kirche (Synode evangelisch-reformierter Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland)". 1.A. 1996. 2. A. 1998


Anmerkung

Die Morgenandacht wurde anhand des Bibeltextes und des EKG verfaßt.
Das Gebet war für den Freitagmorgen im EKG angeboten. Ein Gebet in dieser Form findet sich nicht im eg, dafür die Freitagsgebete unter Nummern 932 bis 937. Die Angaben zu den Materialien sollen aktualisierende und weiterführende Hinweise bieten.
Da die Zeit viele Veränderungen gebracht hat, sei noch angefügt: Predigthelfer waren in der EKiR die Laienprediger, die nach zwei Kursen zum Dienst an Gottes Wort und zur Verwaltung der Sakramente ordiniert wurden. Seit 2005 gilt das Predigthelfergesetz nicht mehr, sondern wurde abgelöst durch das Prädikantinnen- und Prädikantengesetz. Vom gleichen Jahr an gilt das Ordinationsgesetz in der EKiR.

Helmut Böhme

Sonntag, 5. April 2009

Frieden und Gerechtigkeit in der Kirche

Predigt zum 18.10.1992 (18.S.n.Tr.)

Kanzelgruß:
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.

Als Predigttext hören wir aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom aus dem 14. Kapitel:
(17) Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern
Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
(18) Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei
den Menschen geachtet.
(19) darum laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur
Erbauung untereinander.
Rom. 14, 17 - 19
Lieber himmlischer Vater,
wie gern würden wir in Gerechtigkeit, Friede und Freude leben -
vor allem dann, wenn wir dir damit folgen und bei den Menschen geachtet werden. Aber das alles geschieht so nicht. Warum? Kannst du das ändern - können wir das? - Zeig du uns den Weg!
Amen
Der Textabschnitt heute gehört in einen größeren Zusammenhang. Paulus erklärt den Christen in Rom, daß sie sich nicht mit Äußerlichkeiten aufhalten sollen. Wenn einem Christen noch die alten Speisegebote des mosaischen Gesetzes wichtig sind, der soll sie beachten - auch weiterhin und nicht gestört werden dabei durch diejenigen, die ihr Glaubensleben von diesen Dingen Weg und hingewendet haben zum Kern der Botschaft Jesu. Er soll den, der die Speisegebote achtet, nicht stören, ihn in Ruhe lassen, denn das ist sein Weg, zu dem Kern der Botschaft Jesu zu gelangen.
Das Neue ist nun, daß dieser Kern der Botschaft Jesu, die Mitte des Reiches Gottes Gerechtigkeit, Friede und Freude sind. Vom Altar her hörten wir eine andere Geschichte, in der Jesus selbst spricht. Dort ist die Liebe der Kern seiner Botschaft - Mk. 11,28 - 34-. Das meint Paulus auch - er, der ja selbst an die Christen in Korinth schreibt:
"Nun aber bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1.Kor. 13,13
Doch können wir diese Liebe unter uns nicht einfach einfordern. Sie ist und bleibt Gnade und Geschenk. Für Christen gi1t, daß die Menschen überall auf dieser Welt die Liebe ihres Gottes erleben - auch dann, wenn ihnen das nicht bewußt ist. Wir sind uns sicher, daß als ein Zeichen, als Beweis und Siegel dieser Liebe Jesus Christus als Sohn Gottes auf diese Erde zu uns kam, als Mensch lebte, litt und starb und darüber hinaus uns voranging mit seiner Auferstehung, mit der er uns den Weg zu unser aller Vater, zu unserem Schöpfer weist. Weil uns die Liebe Gottes erreicht und weil wir uns dieser bewußt sind, deshalb haben wir die Kraft, auch unsererseits zu lieben und Liebe weiterzugeben. Das ist der Hintergrund vor dem unser Predigttext sagt, das Reich Gottes sei nicht Essen und Trinken.
Die römischen Christen hatten aus den Speisegesetzen ihrer Zeit vielfach Gewissensfragen gemacht - und so wucherten diese Auseinandersetzungen darüber, welches Gesetz wie wichtig sei, und die entscheidenden Fragen gerieten aus dem Blick. Kommt uns diese Erfahrung der römischen Christen nicht vertraut vor ?
Ich nenne einige Überschriften von Zeitungsüberschriften von Zeitungsartikeln der beiden letzten Jahre:
- "Kirchenaustritte sind immer häufiger. Stadtsuperintendent Kock zog Jahresbilanz" - KStA 278 v. 30.11./01.12.1991 -
- "Sie wollen nicht mehr daran glauben. Rekordzahlen bei Kirchenaustritten. (Stadtdechant) Westhoff sucht die 'wahren' Gründe!"
- KStA 61 v. 12.03.1992 -
- "Warum sich Kirchen leeren. In einem Gesprächskreis werden Gründe für den Austritt erörtert" - KStA 42 v. 19.02. 1992 -
- "Wir haben einen Christenmangel"
Zitat aus einem Gespräch des Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Kardinal Meisner aus Köln - KStA 229 v. 01.10.1992 -
Schließlich fragt der Präses unserer Landeskirche Peter Beier, "Steht die Glaubwürdigkeit Gottes durch die Kirchen auf dem Spiel?" - Er beantwortet diese Frage gleich selbst: „Gottes Glaubwürdigkeit läßt sich durch nichts und niemanden, nicht einmal durch das Versagen der Kirchen aufs Spiel setzen.“ nach KStA 228 v. 30.09.1992.
Was ist geschehen, daß verantwortliche Leiter der beiden großen christlichen Kirchen im Rheinland öffentlich diese Fragen stellen und so reden?
Ich frage Sie, hat sich für Sie die Kirche, unsere Kirche, in den letzten Jahren verändert? Ist sie schwächer geworden - oder stärker? Hat sie Ihnen etwas sagen können - oder blieben die Sätze, die sie sagt, oberflächliche Worte, Formeln aus einer fremden Welt?
Für meine Person erlebe ich die Kirche auf recht unterschiedliche Weise. Im Kern ist sie solide, stark und geht den rechten Weg. Sie wird getragen von der Liebe Gottes und gibt diese Liebe auf vielfältige Weise weiter. Ein Beispiel dafür haben wir erlebt, als Pfarrer Baumann aus der Einrichtung "Hephata" in Mönchengladbach am 27. August 1992 bei uns zu Besuch war. Zugleich erlebe ich aber auch, daß sich die Kirche in den vielfältigen Aktionen in der Welt verliert. Sie produziert immer mehr Papier - häufig werden die Aussagen der Texte dadurch immer flacher und nichtssagender. Auf unserer Kreissynode melden sich immer weniger Laien zu Wort - und wenn das einmal geschieht, dann stellen sie nur eine Frage - sie bewegen dort wenig, sie werden bewegt.
Unsere Kirche wird immer mehr zu einer verwaltenden Kirche, zu einer Kirche, die re-agiert auf das, was in der Welt geschieht, ohne von sich aus ihre Botschaft wirksam und gezielt den Menschen so zu sagen, daß sie Halt-bekommen und ihren Weg in der Welt erkennen. Damit wir uns recht verstehen: Ich sage nicht, daß unsere Kirche so ist, sondern, daß sie auf dem Weg ist, so zu werden. Der Kirche geht es aber nicht allein so. Vereine und Verbände, die politischen Parteien und die Gewerkschaften stellen alle fest, daß ihnen die Mitglieder abhanden kommen.
Der Präses hat schon recht, wenn er sagt, das hätte mit der Glaubwürdigkeit zu tun. Noch am Freitag sagte mir jemand, er habe die Kirche verlassen. Das hätte aber nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit der Institution Kirche. Er sei zu oft und zu stark enttäuscht worden von Menschen, die in der Kirche das Sagen haben. Das alles hat mit dem zu tun, was der Apostel "Essen und Trinken" nennt.
Nun hat sich der Apostel nicht an eine Institution, an eine Kirche gewandt, sondern er schreibt an die Christen in Rom. Wir können uns heute auch als Adressaten verstehen "die Christen in Leverkusen-Manfort". "Laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander"!
Wie gehen wir damit um?
Ich versuche, in dieser Kirche so zu wirken, daß sie offen ist für viele Menschen, daß sie zur Heimat aller Menschen werden kann -und doch erlebe ich immer wieder, daß meine Kräfte nicht ausreichen und ich sogar jene verletze, mit denen ich zusammen bin. Dann störe ich den Frieden und kann überhaupt nicht zur gegenseitigen Unterstützung beitragen - mit diesen Worten könnte man "Erbauung" übersetzen. Und doch ist da ein Weg, der weiterführt. Es sind andere da, die mir sagen: "So nicht!" Sie zeigen den Weg, sie gehen dann voran - und wir finden wieder zueinander.
Sehr lebhaft habe ich das am letzten Wochenende erlebt, als sich das Presbyterium das erste Mal ganz konkret mit der Nachfolge von Pfarrer Szyska beschäftigte.
Was aber hilft das Ihnen?
Lassen Sie mich noch einmal zur Kirche kommen und zu der erhöhten Zahl der Kirchenaustritte. Viele Menschen sind unzufrieden, weil sie von der Kirche mehr erwarten, als diese leisten kann, und oft mehr, als sie selbst bereit sind, zu tun. Die Kirche lebt aber davon, daß in ihr Menschen tätig sind, die den Glauben lebendig halten. Andere sind von der Kirche enttäuscht, weil Menschen in dieser Kirche sie verletzt haben. Schließlich gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht wissen, weshalb sie in der Kirche sind oder die Aufgabe der Kirche mißverstehen als eine Dienstleistungseinrichtung für Taufen, Trauungen und Beerdigungen.
Es muß in Zukunft dahin kommen, daß wir alle miteinander zur Kirche kommen, zur Kirche gehören und in ihr leben, weil wir die Liebe Gottes erfahren haben und in der Gemeinschaft anderer diese Liebe in der Welt weitergeben wollen.
Damit bin ich nun bei uns - bei jedem einzelnen. Zunächst sollen wir was mit Vergebung, mit Frieden, mit Gerechtigkeit zu tun hat, unterscheiden vom weniger wichtigen - von allem, was mit Formvorschriften, mit Äußerlichkeiten und auch mit menschlicher Schwäche zu tun hat. Dann sollten wir uns nicht wichtiger nehmen, als wir sind. Schließlich aber sollten wir alles tun, was in unserer Kraft steht, damit in unserer Kirche die Liebe Gottes lebendig, wirksam und unter uns Menschen auch sichtbar wird. Dazu wird jeder gebraucht. Als einzelne wissen wir oft nicht recht, wie wir das tun können. Und in der Kirche wissen die Verantwortlichen gelegentlich auch nicht immer, was einem derart Suchenden helfen könnte. Dann bleiben diese enttäuscht draußen vor der Tür.
Der Apostel schreibt:
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.

Lieber himmlischer Vater,
wir bitten dich um den heiligen. Geist, damit er uns erfülle und Kraft gebe, Gerechtigkeit, Friede und Freude in unserem Lebens und Wirkungskreis lebendig zu erhalten. Amen

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als. all unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.


Lieder:

eg 443 Aus meines Herzens Grunde ... eg 397 Herzlich lieb hab ich dich ... eg 401 Liebe, die du ...
eg 213 Kommt her, ihr seid geladen ... eg 170 Komm, Herr, segne uns ...

Materialien:
-Althaus, Paul
"Der Brief an die Römer" - Kommentar -
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 13.A.1978. S. 139 - 141
"Das Neue Testament Deutsch" - NTD Bd. 6
- Barth, Karl
"Der Römerbrief" (1922)
Zürich. Theologischer Verlag. 15.A.1989, S. 147 f
- Krause, Christian in "Assoziationen. Gedanken zu biblischen
Texten", Band 2, herausgegeben von Walter Jens
Stuttgart, Radius Verlag, 1979, 5. 169 f

vgl. Dieter Stork
Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt,
wo niemand einen andern in falscher Hoffnung wiegt.
Ich träume eine Kirche, die wahr ist und gerecht,
wir alle sind nun Freie und niemand Herr und Knecht. (Text und Melodie)

Montag, 5. Januar 2009

Aufgaben und Gaben in der Gemeinde

Gottesdienst am 8.6.1992
Wir hören den Predigttext für den Pfingstmontag des Jahres 1992, und zwar die Worte des Apostels Paulus an die Korinther über die Gnadengaben im l. Kor, 12. 4-11
Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist, einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede, einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.
Herr, unser Gott,
das klingt so gut und einleuchtend - jede Begabung kommt von dir allein und ist kein Verdienst des Menschen, jeder Dienst ist in gleicher Weise ein Dienst der Liebe. Die Welt aber, in der wir leben, sieht anders aus. Wir wissen oft nicht, mit welcher Begabung du uns beschenkt hast, manches Mal versagen wir in allem. Die Dienste der Kirche richten sich nach der Nähe zu deinem Wort - und so auch die Hierarchie. Von deiner Gnade spüren wir oft wenig!
Herr, hilf du uns in dieser Welt und in unserer Not
Amen
"Die Presbyter werden immer nachlässiger"
Das ist nicht ein gedruckter Satz - vielleicht aus einem Visitationsbericht. Das ist ein Wort, das so oder so ähnlich in der vergangenen Presbyteriumssitzung gesprochen wurde und die Erfahrung vieler Gemeindemitglieder unserer Gemeinde mit den Presbytern der letzten Amtsperiode beschreibt.
Als Beleg für diese Behauptung wird darauf hingewiesen, daß immer seltener alle Presbyter gemeinsam im Gottesdienst sind und es immer öfter vorkommt, daß überhaupt keiner im Gottesdienst ist.
Wir waren das erste Mal mit den neu gewählten Presbytern zusammen und sprachen über die Aufgaben, die zu tun sind, wie wir sie verteilen untereinander und worauf wir achten müssen. Eine junge Mutter meinte nach dieser Kritik: "Hätte ich gewußt, daß ich jeden Sonntag im Gottesdienst sein müßte, dann hätte ich mich nicht zur Wahl gestellt, denn das kann ich nicht versprechen."
Ja, mit den kirchlichen Ämtern ist das so eine Sache. Anders als bei den Christen in Korinth gibt es in der Evangelischen Kirche im Rheinland Gesetze. Eines davon ist die Kirchenordnung. Dort heißt es, daß nur Presbyter werden kann, wer sich durch gewissenhafte Erfüllung der Pflichten evangelischer Gemeindeglieder als treues Glied der Gemeinde bewährt hat (Art. 84, Abs. l KO).
Wer aber sagt, was diese Pflichten sind und wann sich der einzelne bewährt hat? In der Lebenspraxis unserer Kirche ist das nicht anders als in anderen gesellschaftlichen Gruppen - die Leute, die das Sagen haben, die den Überblick und die Einfluß haben, die wissen, wo es lang geht - in der Kirche und mit der Kirche.
In der Regel also ist es bei uns klar, was Sache ist;
Immer wieder geschieht es aber, daß ein Gemeindeglied nicht so sein will oder leben will, wie es dieser allgemeine Anspruch erwartet. Oft auch fühlt sich der einzelne von den Pflichten, die ihm auferlegt werden, überfordert und er zweifelt daran, ob er sie erfüllen kann - und wenn, wie lange seine Kraft reicht.
Auch das ist in der Kirche nicht anders als in den anderen gesellschaftlichen Gruppen - in Parteien, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden. Wir stehen überall einem Leistungsdruck gegenüber, dem wir oft nicht standhalten können, wir begegnen Erwartungen, die wir enttäuschen müssen - und wir werden selbst enttäuscht, wir werden oft allein gelassen.
In der frühchristlichen Gemeinde von Korinth scheint das anders gewesen zu sein. Noch war eine kirchliche Autorität nicht ausgeprägt, Gesetze gab es in der Kirche auch noch nicht und es scheint sogar, als hätten sich die Menschen zum Dienst gedrängt.
Da gibt es Leute, die gut reden können - lebenserfahrene Leute und Wissenschaftler. Da gibt es Heiler, die Menschen gesund machen können und Menschen, die ihren Glauben auf überzeugende Weise leben. Paulus zählt noch viele auf, von deren Fähigkeiten wir heute weniger verstehen als die Empfänger des Paulusbriefs danach.
Anscheinend hat es einen Wettbewerb unter ihnen gegeben, welche dieser Gaben und welches der Ämter nun die wichtigste, die zentrale Gabe ist, von welchem Amt sich die anderen in ihrer Bedeutung ableiten.
Und nun sagt der Apostel etwas völlig Unerwartetes.
Was immer der einzelne in der Christengemeinde tut, es ist der Geist Gottes, der dadurch tätig wird - und er tut es für alle und eben nicht, um den einen vor dem anderen auszuzeichnen, ihn herauszuheben aus der Zahl der vielen anderen. Der Wettbewerb der einzelnen fällt in sich zusammen - tut er das wirklich?
Wir wissen nicht, wie die Korinther in dieser Frage auf die Worte des Apostels reagiert haben.
Ich meine aber, der Wettbewerb der einzelnen wäre nicht überflüssig. Wenn mir viel geschenkt wurde, dann möchte ich schon, daß andere auch etwas davon haben - ich verschenke etwas, ich gebe ab - oder ich nehme jemanden an. Ich helfe - oder ich denke für jemanden anderes mit. Das kann durchaus auch ein Wettstreit sein - die von Gott geschenkten Gaben so wirkungsvoll wie möglich einzusetzen, die Anlagen, die in dem einzelnen von Gott her angelegt sind, so weit, wie es nur geht, zu entwickeln und zu entfalten.
Wenn dies nicht um unsretwillen, sondern um unserer Mitmenschen willen, nicht für das Image unserer so außerordentlich wichtigen und tüchtigen Person, sondern deshalb geschieht, damit die Liebe Gottes durch uns auch andere Menschen erreicht, dann, ja dann ist dies ein Wettbewerb zum Lobe Gottes, den der Apostel nicht verurteilt.
"Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt jedem das Seine zu, wie er will."
(1. Kor: 12.11)
Mit diesem Satz endet unsere Textstelle.
Es ist wichtig zu wissen, was immer wir tun, es kommt von Gott. Sein Geist ist es, der uns bewegt. Alles, was die Menschen tun. hat seinen einen Ursprung in dem einen Gott. Alle menschlichen Begabungen sind ein Geschenk des einen Gottes. Wir können deshalb nicht das eine gegen das andere aufrechnen. Wir können nicht eine Hierarchie aufbauen, ohne gegen Gottes Geist zu handeln.
Dann folgt das andere: Jeder von uns erhält seine eigene Gnadengabe, von Gott - das "Können und Vollbringen", wie es an anderer Stelle heißt. Ich nenne das ganz weltlich "Ja-sagen zu sich selbst, so wie man ist" oder, "sich selbst annehmen". Wenn Gott jedem Menschen seine eigene Begabung geschenkt hat, dann hat es keinen Sinn, darüber zu jammern, daß man nicht so ist wie andere. Wichtiger als der Blick auf andere, der so oft von Neid getrübt wird, ist der Blick in uns hinein. Haben wir denn unsere Begabungen wirklich erkannt und gehen wir pfleglich mit ihnen um?
Von mir muß ich sagen, daß ich das nicht immer tue. Kein Mensch ist vollkommen - aber jeder Mensch darf soviel Verstand haben, das zu wissen.
Gott teilt einem jeden das Seine zu, wie er - Gott - es will.
Niemand kann Gott vorschreiben, wem er welche Gaben und Ämter geben soll - und kein Mensch kann mit Recht die Erwartung haben, daß Gott ihm das eine oder andere schenkt. Gott gibt aus Gnade - und seine Kraft ist die Liebe.
Der Apostel Paulus sagt es im folgenden Kapitel, das mit dem bekannten Satz endet: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung. Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen (l. Kor. 13, 13).
Wenn wir also unsere Gottesgaben voll entfalten wollen, dann brauchen wir die Kraft der Liebe - der Liebe Gottes zu uns Menschen, der Liebe, die aus dieser Quelle in uns lebendig wird und die wir an andere weitergeben können. -
Das, so glaube ich, können wir nun verstehen.
Warum aber, so werden Sie jetzt fragen, ist die Kirche so, wie sie ist? Warum können wir selbst, die einzelnen Menschen nicht so ganz aus dieser Liebe leben? Die Kirche ist nicht nur eine Einrichtung Gottes, sie ist auch eine ganz irdische, eine weltliche, eine organisatorische Einrichtung der Menschen mit Machtansprüchen und dem Streben nach Einfluß auf das Geschehen in dieser Welt wie jede andere auch. Für diese Welt sind die Hierarchien auch in den christlichen Kirchen geschaffen. Für diese Welt und ihre Macht sind die Gesetze der Kirchen da.
vor Gott gilt das alles nicht!
Das sollen, das müssen wir wissen, wenn wir verantwortlich von Gott und von den Menschen reden wollen!
Vor Gott gilt, was Paulus zu Recht von den Gnadengaben und den Ämtern sagte.
Ich komme zurück auf die Frage nach den Aufgaben des Presbyters. Ob jemand als Christ verantwortungsbewußt handelt, kann man nicht an der Zahl seiner Gottesdienstbesuche messen. Sie kann höchstens ein Anzeichen dafür sein, ob er es mit Gott ernst oder weniger ernst meint.
Viel eher wäre es ein Zeichen für fehlende Eignung oder mangelnde Verantwortung, wenn ein Presbyter lieblos handelte, wenn er Menschen verachten würde oder seinen eigenen Vorteil zum Schaden anderer durchsetzt.
Wichtig scheint mir noch, daß Frage der Gaben der Christen ja alle Christen, alle Menschen gleichermaßen betrifft. Gott hat jedem Menschen seine eigenen Begabungen gegeben. Was also Kritiker der einen äußern, das müßten sie von sich selbst in erster Linie fordern. Wir kennen das Sprichwort vom Glashaus, in dem man sitzt, und von dem aus man nicht andere mit Steinen bewerfen kann, ohne das eigene Haus zu beschädigen.
Nichtsdestotrotz bleibt der Hinweis für die Betroffenen wichtig: Haben wir wirklich alles in unserer Kraft stehende getan, um nach unseren Kräften zu tun. wozu wir berufen wurden?
Am kommenden Freitag tritt die Synode des Kirchenkreises Leverkusen zu ihrer diesjährigen Tagung zusammen. Am Samstag beschäftigt sie sich mit dem Thema "Kirche gemeinsam leben".
In seinem Bericht zur Eröffnung schreibt der Superintendent u. a,
"Nicht Einzelpersonen – Präses, Superintendent, Vorsitzender des Presbyteriums – bestimmen den Weg der Kirche. Es sind die verantwortlichen Gremien von Presbyterium und Synode, die gemeinsam nach dem Weg der Kirche fragen sollen." .
Er spricht später von der steigenden Zahl von Kirchenaustritten und stellt die Frage nach den Ursachen. Eine findet er in den unterschiedlichen Erwartungen der Christen gegenüber ihrer Kirche: Die einen wollen die guten alten Zeiten wieder haben, in denen alles seine Ordnung hatte, die von Gott war. Die anderen wollen eine offene Kirche, die sich verändert und den ganz schwierigen Herausforderungen unserer Zeit - auch in der Zukunft - auf neue Weise antwortet, beweglich, aufmerksam, offen für jede Not der Menschen.
Der Superintendent meint, wir sollten uns gemeinsam mit geistlichen Themen beschäftigen.
Mir scheint das zu wenig - und seine Analyse zu vordergründig zu sein. Er fragt nach der Gestalt, der Ordnung der Kirche.
Ich bin überzeugt, die Menschen fragen nach dem Kern der Botschaft unseres Gottes, der von alter Zeit her die Menschen getragen hat und auch in Zukunft trägt.
Wir alle kennen diesen Kern - aber begegnen ihm so selten mit offenen Herzen und dankbarer Seele. Es ist die Liebe Gottes, die in uns wirkt auch mit dem, was wir an Gaben empfangen haben, und mit dem, was uns an Aufgaben im Leben zuwächst.
Wenn wir doch darauf achten würden - wenn doch unsere Kirche dafür empfänglich bliebe!
Dazu möge uns Gott verhelfen!
Amen