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Sonntag, 25. Januar 2009

Ämter in der Kirche

Gottesdienst 23.05.1994 Leverkusen-Manfort (Pfingstmontag)

EKG 105, 1,5-8 Zeuch ein zu deinen Toren
EKG 102, l -4 Freut euch ihr Christen alle ...
EKG 206, 1+2, 4+5 Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herrn
EKG 208, 1-4 Ach bleib mit deiner Gnade

Jauchzet dem Herrn alle Welt!
Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!
Erkennt, daß der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für.
PS. 100

Kollektengebet
Allmächtiger Gott,
du hast deine Jünger mit dem Geist des Friedens beschenkt, den die Welt nicht geben kann. Wir bitten dich: erfülle alle, die an dich glauben, mit demselben Geist, daß sie Boten und Bringer des Friedens werden, - durch Jesus Christus, unsern Herrn.
nach Hintze "Kollektengebete" Berlin 1977S. 64 Nr. 3
Lesung
Wir hören das Evangelium zum heutigen Pfingstmontag nach Matthäus im 16. Kapitel
Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß der Menschensohn sei?
Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.
Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, daß ich sei?
Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!
Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.
Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.
Mt. 16, 13-19
Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren Halleluja!
Predigt
Der Predigttext für Pfingstmontag steht in diesem Jahr im Brief an die Christen in Ephesus.
Man weiß nicht genau, wer ihn geschrieben hat - aber er ist im Gefängnis geschrieben worden. Der Verfasser will die Christen draußen in der Welt begleiten und ihnen helfen, den Weg zu Gott nicht zu verlieren.
Im ersten Teil des Briefes berichtet er über die Grundtatsachen des christlichen Glaubens. Im vierten Kapitel spricht er dann von der Einheit im Geist und der Vielfalt der Gaben. Er ermahnt die Christen, die Einigkeit im Geist zu wahren durch das Band des Friedens - ein Leib, ein Geist verbindet uns und ein Gott und Vater aller.
Dann fährt der Schreiber des Briefes mit den Versen des heutigen Predigttextes fort.
Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. (Eph. 4, 11-15) »
Lieber himmlischer Vater,
wie ist das möglich - wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen zu dem hin, der das Haupt ist -
dein Sohn Christus?
Wir erleben auf dieser Erde und unter uns immer wieder von neuem, dass das daneben geht.
Hilf du uns.
Amen
„Gott hat Menschen verschiedene Aufgaben gegeben, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.“ (Eph. 4,11 f)
Damit wir, die Christen, die Menschen, die an Gott glauben, für den Dienst zugerüstet, das heißt vorbereitet werden, deshalb hat Gott bestimmte Aufgaben unter uns verteilt. Je nach unseren Gaben und Möglichkeiten können wir uns gegenseitig helfen auf dem Weg zu Gott.
Nichts anderes nämlich ist gemeint, wenn der Schreiber davon spricht, daß "der Leib Christi erbaut werde". Die Menschen, die in der Nachfolge Christi leben, erfüllen diese Erde bereits mit dem Geist der Liebe und Versöhnung. Niemand soll überfordert werden - und doch sollen wir in aller Vielfalt unserer Möglichkeiten den einen Weg zu Gott, die lebendige Liebe zwischen ihm und uns und deshalb untereinander hier in der Welt nicht verfehlen.
Wir alle gelangen dann zur Einheit des Glaubens und zur "Fülle Christi", das heißt, zur umfassenden Liebe, die niemanden und nichts ausschließt und sich ganz auf den einen Gott verläßt.
Das alles geschieht, damit wir nicht vom Winde hin und her bewegt werden, willenlos jedem Windhauch folgend und ausgeliefert jedem Wetterwechsel - oder schlimmer noch, damit wir nicht Teil des trügerischen Spiels der Menschen werden, die einander betrügen, um ihre Ziele zu erreichen. Teil dieses Spieles werden wir dann, wenn wir Opfer der Betrügereien, aktive Mitspieler oder auch nur ahnungslose Akteure sind.
Ein großer deutscher Philosoph, Immanuel Kant hat einmal aufgeschrieben, was er unter Unmündigkeit versteht. "Unmündigkeit", so schreibt er, "ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen" (1793). Ich wiederhole den Satz so, wie er ihn formuliert hat, weil die Überwindung der Unmündigkeit in unserer Zeit von besonderer Wichtigkeit ist. Wir müssen alle lernen, uns unseres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Vieles von dem, was an Gewalt, Terror und Lieblosigkeit in der Welt herrscht, hat damit zu tun, daß die Menschen unmündig sind - auf den verschiedensten Gebieten, in verschiedener Weise.
Ich will - auf unseren Text bezogen - den Satz so umformulieren: Wir alle müssen lernen, selbständig die Liebe Gottes in der Welt zu leben.
Das ist nicht einfach. Das kann keiner für sich. Das gelingt nur in der Gemeinschaft derer, die auf diesem Weg sind.
Solange wir das aber nicht selbständig erkennen und erfahren können, solange uns die Kraft fehlt, selbständig zu handeln - so lange sind wir angewiesen auf die verschiedenen Dienste unter uns. Später dann haben wir selbst Teil an diesem Dienst, den wir gemeinsam in dieser Welt tun.
„Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu. dem hin, der das Haupt ist, Christus.“ (Eph. 4, 15)
Das ist das Ziel unserer Mühen als Christen in dieser Welt - wahrhaftig sein in der Liebe und dadurch in allen Stücken auf Christus hin wachsen. Auf der Grundlage wahrhaftiger Liebe können wir wachsen - nicht als Experten auf diesem oder jenem Gebiet, so wie uns die Aufgaben zugeteilt werden, nein, "in allen Stücken", als ganze Menschen Christus näher kommen.
Das Ziel des Christenlebens ist nicht ein Zustand sondern Bewegung: Wachstum. Christsein - das heißt nicht, am Ziel sein, sondern ständig auf dem Weg, immer von neuem bedroht - wie jedes Leben auf dieser Erde - und dennoch auf sicherem Boden stehend und Christus vor uns, der nicht von dieser Welt ist, sondern das Haupt.
Wissen wir jetzt mehr?
Sie wissen, daß wir im vergangenen Jahr Pfarrer Berghaus gewählt und in sein Amt eingeführt haben. Das Presbyterium hat in diesen Tagen beschlossen, einen nebenberuflichen Kirchenmusiker einzustellen. Näheres erfahren Sie noch, teils über Abkündigungen, teils über den nächsten Gemeindebrief im Herbst.

Neben diesen beiden für diese Aufgabe ausgebildeten Kräften arbeiten seit Jahren Gemeindeglieder, die predigen, die Sakramente verwalten und die Orgel spielen, ohne dazu ausgebildet zu sein. Sie wurden für einen bestimmten Teildienst zugerüstet. Sind sie jetzt überflüssig oder sollten wir das Geld für die ausgebildeten Kräfte sparen?

Hier werden leicht die unterschiedlichen Aufgaben miteinander verwechselt. Die hauptamt-
lichen Kräfte sind eingeführt in die Geschichte und Vielfalt der Glaubenszeugnisse unserer
Kirche und im Umgang mit uns, den Gemeindegliedern. Sie haben die Schlüssel, um uns diese
reiche Vielfalt aufzuschließen und erfahren zu lassen, wie Gott sich uns gegenüber in seiner
Liebe gezeigt hat. Das gilt auch für die Reichhaltigkeit der Kirchenmusik. Die ausgebildeten
Kräfte in unserer Gemeinde helfen uns auf dem Weg, unsere ganz persönliche Unmündigkeit
zu überwinden.
Die ehrenamtlichen Kräfte, die andere Berufe erlernt haben, zeigen uns, wie wir als Laien mit den Zeugnissen des Glaubens umgehen können, ganz sicher unvollkommen, aber auf die eigene Weise geprägt von Beruf und Lebenserfahrung, von Welterkenntnis und Glaubensleben. Das sind ihre Schlüssel. Sie sind ein eigener Akzent des lebendigen Wortes unseres Gottes in dieser Welt - ein Akzent, der von der Vergangenheit geprägt, in der Gegenwart gelebt und in der Hoffnung auf die Zukunft hin verkündet wird.
Wir brauchen beide - die ausgebildeten Mitarbeiter und diejenigen, die unsere Kirche mit einer Aufgabe betraut, gerade weil sie einen anderen Beruf erlernt haben, aber für diese kirchliche Aufgabe besonders geeignet sind.

Wahrhaftig in der Liebe, so sollen wir sein. Um dieser Wahrhaftigkeit willen will ich einen Satz aufgreifen, den ich in der vergangenen Woche gehört habe "Pfarrer Szyska hat das Geld zusammengetragen und beisammengehalten. Pfarrer Berghaus gibt es aus." Das stimmt nicht. Die wichtigsten Ausgabenposten dieses Jahres waren bereits festgelegt, bevor Pfarrer Berghaus seinen Dienst antrat.
Das Presbyterium hat die Geldausgaben der, Jahre 1993 und 1994 beschlossen und die meisten davon habe ich ihm vorgeschlagen. Wenn jemand Namen sucht, dann ist das in diesem Zusammenhang Pfarrer Szyska - Böhme.

Wir können im Nachgespräch vielleicht darauf zurückkommen.
Wir finden zurück zu unserem Text. Der Schreiber des Briefes an die Christen in Ephesus weist hin auf die Vielfalt der Gaben.
Auch unsere Kirchengemeinde ist auf diese Vielfalt angewiesen - unter einfachen Gemeindegliedern oder auch jenen, die sich zu bestimmten Aufgaben bereitfinden.
Wer immer auch etwas tut - wir bleiben alle gemeinsam angewiesen auf den einen Gott der Liebe, der uns trägt und auf seinen Geist, der uns beseelt:
Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist: Christus. (Eph. 4,15)
Amen

Prediger: Böhme, Leverkusen-Manfort

Materialien
Conzelmann, Hans
"Der Brief an die Epheser" in "Die Briefe an die Golater, Epheser, Philipper, Kolosser,
Thessalonicher und Philemon"
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 15. A. 1981, S. 106-111, NTD Bd. 8
Kant, Immanuel
"Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (1973)
Darmstadt, 2. A. 1968, Band. 9 der "Werke", S. 53

Montag, 5. Januar 2009

Aufgaben und Gaben in der Gemeinde

Gottesdienst am 8.6.1992
Wir hören den Predigttext für den Pfingstmontag des Jahres 1992, und zwar die Worte des Apostels Paulus an die Korinther über die Gnadengaben im l. Kor, 12. 4-11
Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein Herr. Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen.
In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist, einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede, einem andern die Gabe, sie auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.
Herr, unser Gott,
das klingt so gut und einleuchtend - jede Begabung kommt von dir allein und ist kein Verdienst des Menschen, jeder Dienst ist in gleicher Weise ein Dienst der Liebe. Die Welt aber, in der wir leben, sieht anders aus. Wir wissen oft nicht, mit welcher Begabung du uns beschenkt hast, manches Mal versagen wir in allem. Die Dienste der Kirche richten sich nach der Nähe zu deinem Wort - und so auch die Hierarchie. Von deiner Gnade spüren wir oft wenig!
Herr, hilf du uns in dieser Welt und in unserer Not
Amen
"Die Presbyter werden immer nachlässiger"
Das ist nicht ein gedruckter Satz - vielleicht aus einem Visitationsbericht. Das ist ein Wort, das so oder so ähnlich in der vergangenen Presbyteriumssitzung gesprochen wurde und die Erfahrung vieler Gemeindemitglieder unserer Gemeinde mit den Presbytern der letzten Amtsperiode beschreibt.
Als Beleg für diese Behauptung wird darauf hingewiesen, daß immer seltener alle Presbyter gemeinsam im Gottesdienst sind und es immer öfter vorkommt, daß überhaupt keiner im Gottesdienst ist.
Wir waren das erste Mal mit den neu gewählten Presbytern zusammen und sprachen über die Aufgaben, die zu tun sind, wie wir sie verteilen untereinander und worauf wir achten müssen. Eine junge Mutter meinte nach dieser Kritik: "Hätte ich gewußt, daß ich jeden Sonntag im Gottesdienst sein müßte, dann hätte ich mich nicht zur Wahl gestellt, denn das kann ich nicht versprechen."
Ja, mit den kirchlichen Ämtern ist das so eine Sache. Anders als bei den Christen in Korinth gibt es in der Evangelischen Kirche im Rheinland Gesetze. Eines davon ist die Kirchenordnung. Dort heißt es, daß nur Presbyter werden kann, wer sich durch gewissenhafte Erfüllung der Pflichten evangelischer Gemeindeglieder als treues Glied der Gemeinde bewährt hat (Art. 84, Abs. l KO).
Wer aber sagt, was diese Pflichten sind und wann sich der einzelne bewährt hat? In der Lebenspraxis unserer Kirche ist das nicht anders als in anderen gesellschaftlichen Gruppen - die Leute, die das Sagen haben, die den Überblick und die Einfluß haben, die wissen, wo es lang geht - in der Kirche und mit der Kirche.
In der Regel also ist es bei uns klar, was Sache ist;
Immer wieder geschieht es aber, daß ein Gemeindeglied nicht so sein will oder leben will, wie es dieser allgemeine Anspruch erwartet. Oft auch fühlt sich der einzelne von den Pflichten, die ihm auferlegt werden, überfordert und er zweifelt daran, ob er sie erfüllen kann - und wenn, wie lange seine Kraft reicht.
Auch das ist in der Kirche nicht anders als in den anderen gesellschaftlichen Gruppen - in Parteien, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden. Wir stehen überall einem Leistungsdruck gegenüber, dem wir oft nicht standhalten können, wir begegnen Erwartungen, die wir enttäuschen müssen - und wir werden selbst enttäuscht, wir werden oft allein gelassen.
In der frühchristlichen Gemeinde von Korinth scheint das anders gewesen zu sein. Noch war eine kirchliche Autorität nicht ausgeprägt, Gesetze gab es in der Kirche auch noch nicht und es scheint sogar, als hätten sich die Menschen zum Dienst gedrängt.
Da gibt es Leute, die gut reden können - lebenserfahrene Leute und Wissenschaftler. Da gibt es Heiler, die Menschen gesund machen können und Menschen, die ihren Glauben auf überzeugende Weise leben. Paulus zählt noch viele auf, von deren Fähigkeiten wir heute weniger verstehen als die Empfänger des Paulusbriefs danach.
Anscheinend hat es einen Wettbewerb unter ihnen gegeben, welche dieser Gaben und welches der Ämter nun die wichtigste, die zentrale Gabe ist, von welchem Amt sich die anderen in ihrer Bedeutung ableiten.
Und nun sagt der Apostel etwas völlig Unerwartetes.
Was immer der einzelne in der Christengemeinde tut, es ist der Geist Gottes, der dadurch tätig wird - und er tut es für alle und eben nicht, um den einen vor dem anderen auszuzeichnen, ihn herauszuheben aus der Zahl der vielen anderen. Der Wettbewerb der einzelnen fällt in sich zusammen - tut er das wirklich?
Wir wissen nicht, wie die Korinther in dieser Frage auf die Worte des Apostels reagiert haben.
Ich meine aber, der Wettbewerb der einzelnen wäre nicht überflüssig. Wenn mir viel geschenkt wurde, dann möchte ich schon, daß andere auch etwas davon haben - ich verschenke etwas, ich gebe ab - oder ich nehme jemanden an. Ich helfe - oder ich denke für jemanden anderes mit. Das kann durchaus auch ein Wettstreit sein - die von Gott geschenkten Gaben so wirkungsvoll wie möglich einzusetzen, die Anlagen, die in dem einzelnen von Gott her angelegt sind, so weit, wie es nur geht, zu entwickeln und zu entfalten.
Wenn dies nicht um unsretwillen, sondern um unserer Mitmenschen willen, nicht für das Image unserer so außerordentlich wichtigen und tüchtigen Person, sondern deshalb geschieht, damit die Liebe Gottes durch uns auch andere Menschen erreicht, dann, ja dann ist dies ein Wettbewerb zum Lobe Gottes, den der Apostel nicht verurteilt.
"Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt jedem das Seine zu, wie er will."
(1. Kor: 12.11)
Mit diesem Satz endet unsere Textstelle.
Es ist wichtig zu wissen, was immer wir tun, es kommt von Gott. Sein Geist ist es, der uns bewegt. Alles, was die Menschen tun. hat seinen einen Ursprung in dem einen Gott. Alle menschlichen Begabungen sind ein Geschenk des einen Gottes. Wir können deshalb nicht das eine gegen das andere aufrechnen. Wir können nicht eine Hierarchie aufbauen, ohne gegen Gottes Geist zu handeln.
Dann folgt das andere: Jeder von uns erhält seine eigene Gnadengabe, von Gott - das "Können und Vollbringen", wie es an anderer Stelle heißt. Ich nenne das ganz weltlich "Ja-sagen zu sich selbst, so wie man ist" oder, "sich selbst annehmen". Wenn Gott jedem Menschen seine eigene Begabung geschenkt hat, dann hat es keinen Sinn, darüber zu jammern, daß man nicht so ist wie andere. Wichtiger als der Blick auf andere, der so oft von Neid getrübt wird, ist der Blick in uns hinein. Haben wir denn unsere Begabungen wirklich erkannt und gehen wir pfleglich mit ihnen um?
Von mir muß ich sagen, daß ich das nicht immer tue. Kein Mensch ist vollkommen - aber jeder Mensch darf soviel Verstand haben, das zu wissen.
Gott teilt einem jeden das Seine zu, wie er - Gott - es will.
Niemand kann Gott vorschreiben, wem er welche Gaben und Ämter geben soll - und kein Mensch kann mit Recht die Erwartung haben, daß Gott ihm das eine oder andere schenkt. Gott gibt aus Gnade - und seine Kraft ist die Liebe.
Der Apostel Paulus sagt es im folgenden Kapitel, das mit dem bekannten Satz endet: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung. Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die größte unter ihnen (l. Kor. 13, 13).
Wenn wir also unsere Gottesgaben voll entfalten wollen, dann brauchen wir die Kraft der Liebe - der Liebe Gottes zu uns Menschen, der Liebe, die aus dieser Quelle in uns lebendig wird und die wir an andere weitergeben können. -
Das, so glaube ich, können wir nun verstehen.
Warum aber, so werden Sie jetzt fragen, ist die Kirche so, wie sie ist? Warum können wir selbst, die einzelnen Menschen nicht so ganz aus dieser Liebe leben? Die Kirche ist nicht nur eine Einrichtung Gottes, sie ist auch eine ganz irdische, eine weltliche, eine organisatorische Einrichtung der Menschen mit Machtansprüchen und dem Streben nach Einfluß auf das Geschehen in dieser Welt wie jede andere auch. Für diese Welt sind die Hierarchien auch in den christlichen Kirchen geschaffen. Für diese Welt und ihre Macht sind die Gesetze der Kirchen da.
vor Gott gilt das alles nicht!
Das sollen, das müssen wir wissen, wenn wir verantwortlich von Gott und von den Menschen reden wollen!
Vor Gott gilt, was Paulus zu Recht von den Gnadengaben und den Ämtern sagte.
Ich komme zurück auf die Frage nach den Aufgaben des Presbyters. Ob jemand als Christ verantwortungsbewußt handelt, kann man nicht an der Zahl seiner Gottesdienstbesuche messen. Sie kann höchstens ein Anzeichen dafür sein, ob er es mit Gott ernst oder weniger ernst meint.
Viel eher wäre es ein Zeichen für fehlende Eignung oder mangelnde Verantwortung, wenn ein Presbyter lieblos handelte, wenn er Menschen verachten würde oder seinen eigenen Vorteil zum Schaden anderer durchsetzt.
Wichtig scheint mir noch, daß Frage der Gaben der Christen ja alle Christen, alle Menschen gleichermaßen betrifft. Gott hat jedem Menschen seine eigenen Begabungen gegeben. Was also Kritiker der einen äußern, das müßten sie von sich selbst in erster Linie fordern. Wir kennen das Sprichwort vom Glashaus, in dem man sitzt, und von dem aus man nicht andere mit Steinen bewerfen kann, ohne das eigene Haus zu beschädigen.
Nichtsdestotrotz bleibt der Hinweis für die Betroffenen wichtig: Haben wir wirklich alles in unserer Kraft stehende getan, um nach unseren Kräften zu tun. wozu wir berufen wurden?
Am kommenden Freitag tritt die Synode des Kirchenkreises Leverkusen zu ihrer diesjährigen Tagung zusammen. Am Samstag beschäftigt sie sich mit dem Thema "Kirche gemeinsam leben".
In seinem Bericht zur Eröffnung schreibt der Superintendent u. a,
"Nicht Einzelpersonen – Präses, Superintendent, Vorsitzender des Presbyteriums – bestimmen den Weg der Kirche. Es sind die verantwortlichen Gremien von Presbyterium und Synode, die gemeinsam nach dem Weg der Kirche fragen sollen." .
Er spricht später von der steigenden Zahl von Kirchenaustritten und stellt die Frage nach den Ursachen. Eine findet er in den unterschiedlichen Erwartungen der Christen gegenüber ihrer Kirche: Die einen wollen die guten alten Zeiten wieder haben, in denen alles seine Ordnung hatte, die von Gott war. Die anderen wollen eine offene Kirche, die sich verändert und den ganz schwierigen Herausforderungen unserer Zeit - auch in der Zukunft - auf neue Weise antwortet, beweglich, aufmerksam, offen für jede Not der Menschen.
Der Superintendent meint, wir sollten uns gemeinsam mit geistlichen Themen beschäftigen.
Mir scheint das zu wenig - und seine Analyse zu vordergründig zu sein. Er fragt nach der Gestalt, der Ordnung der Kirche.
Ich bin überzeugt, die Menschen fragen nach dem Kern der Botschaft unseres Gottes, der von alter Zeit her die Menschen getragen hat und auch in Zukunft trägt.
Wir alle kennen diesen Kern - aber begegnen ihm so selten mit offenen Herzen und dankbarer Seele. Es ist die Liebe Gottes, die in uns wirkt auch mit dem, was wir an Gaben empfangen haben, und mit dem, was uns an Aufgaben im Leben zuwächst.
Wenn wir doch darauf achten würden - wenn doch unsere Kirche dafür empfänglich bliebe!
Dazu möge uns Gott verhelfen!
Amen