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Samstag, 9. Januar 2010

Ruf des Predigers - Mitte unseres Lebens

Sonntag Reminiscere 23.02.1986

Ordination Böhme in der Johannes-Kirche in Leverkusen-Manfort durch Superintendent Herrn Dr. R. Witschke/Monheim

PREDIGT
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Als Predigttext hören wir aus dem Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel die Verse 6 bis 8 in der Luther-Übersetzung, und zwar in der revidierten Fassung von 1984 (1964):
Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predige? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.
Jes. 40, 6-8

Herr, unser Gott,
Du rufst uns. Nicht immer hören wir Dich. Oft antworten wir nicht, weil wir uns eine Antwort nicht zutrauen oder weil wir uns vor Dir fürchten. Du aber läßt nicht nach. Auch heute hören wir Deinen Ruf, wie ihn uns ein Zeuge vor mehr als 2500 Jahren überliefert hat. Öffne unsere Ohren und Herzen, daß wir Dich hören und Dir zu-hören. Gib uns die innere und äußere Ruhe, die wir dazu brauchen. Laß uns verstehen, was Du uns sagen willst. Amen.

Der Text aus dem Buch des Propheten Jesaja führt uns in die Zeit von etwa 500 v. Chr. Deshalb lade ich Sie ein, sich mit mir die Situation des Propheten vor Augen zu führen, die Worte unseres Textes im Zusammenhang seiner Verkündigung zu sehen und sie schließlich von heute - von der Botschaft Jesu Christi her zu durchdenken.

1. Juden in Babylon (587 - 539)
2. Die Botschaft des Propheten (Deuterojesaja, Wirkungszeit 587 - 553)
3. Jesus Christus - unter uns


1. Juden in Babylon (587 - 539)

Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Die Mitte des Glaubenslebens der Juden ist vernichtet. Dabei kannten die Juden nur den einen Gott, von dem sie sich nicht einmal Bilder machen durften. Ihr Tempel enthielt die Bundeslade und war das einzige
Heiligtum, das sie kannten. Umso wichtiger war dieses Heiligtum für ihr Glaubensleben. Doch nun war es zerstört.
Mehr noch: Tausende von Juden wurden hinweggeführt
Sie kamen nach Babylon, in das Exil. Es waren die wirtschaftlich, geistlich und geistig führenden Schichten des Volkes, die man auf diese Weise ihrer Heimat beraubte. Dabei hat für den Juden die Heimat auch eine wichtige religiöse Bedeutung. Sie ist ihm von Gott zugewiesen worden. In vierzigjähriger Wanderschaft hat Gott sein Volk in dieses Land geführt (2. Mos. 12, 41 - 5. Mos. 1,3; 5. Mos. 34). Und nun - wird es ihm genommen. Wir verstehen, daß die Juden dies alles als eine Strafe Gottes ansehen mußten und viele, besonders von denen, die im Exil leben mußten, waren der Auffassung, Gott habe sie verlassen. Sie seien nun nicht mehr das auserwählte Volk Gottes.
Dennoch lebten die Juden in Babylon nicht wie in einem Gefängnis. Wir dürfen annehmen, daß sie in eigenen Siedlungen lebten, Häuser bauen und Land bestellen konnten. Sie haben auch eigene Gottesdienste gehalten, waren aber dabei angewiesen
auf die reine Verkündigung des Wortes Gottes. Hier ist, so meinst man, der Ursprung der Synagogengottesdienste, wie wir sie heute noch kennen. Hier sind auch viele der Psalmen entstanden.
Es ist nicht anzunehmen, daß die Juden unter Druck gesetzt wurden, Götter der Babylonier anzubeten. Gar mancher unter ihnen aber wird sich von einem Gott abgewandt haben, von dem man sich kein Bild machen durfte und der sein Volk ganz offensichtlich verlassen hatte.
Dabei war damals die Welt voll von Göttern und Gottheiten, deren Bildnisse oft sehr prunkvoll ausgestaltet waren.
In diese allgemeine Situation hinein ertönt die Aufforderung: "Rufe!" oder wie Luther hier übersetzt: "Predige!" Unser Text sagt nicht, ob hier Gott selbst oder ein von ihm Beauftragter spricht.
Wir dürfen aber annahmen, daß es eine göttliche Stimme war. Der Auftrag verhallt nicht ungehört.
Aus der Menge des jüdischen Volkes in Babylon kommt Antwort - eine Frage: "Was soll ich rufen, was soll ich predigen?" Der Frager fährt fort und erklärt, weshalb er die Frage stellt: "Alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk."
Ein einziges Klagelied über die Vergänglichkeit irdischer Kreatur. So mag es scheinen. Es könnte aber auch eine sachliche Feststellung sein, wenn der Frage Gott antwortet und dessen Unvergänglichkeit mit der Vergänglichkeit irdischen Wirkens vergleicht. In der Antwort wird diese Feststellung aufgegriffen. "Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort Gottes bleibt ewiglich." Es geht darum, daß das ewige Wort Gottes im vergänglichen Leben hier auf Erden eine Heimat findet. Deshalb, muß es gerufen, deshalb muß es gepredigt werden.
Ob es uns gelingt, Gottes Ruf zu hören? Das Getöse in unserer Welt ist so laut, da wird der Ruf unseres Gottes allzu leicht überhört. Nicht selten aber sind auch wir selbst schwerhörig und hartherzig. Wir sind es dann, die unsere Ohren und Herzen vor dem verschließen, was Gott uns sagen will. Das wird in den Büchern des alten wie des
neuen Testaments bezeugt. Bis in unsere Tage hinein können wir diese Erfahrung machen. - Heute nun ergeht die Frage an uns: Hören wir Gottes Stimme? - Und wenn wir sie hören, wollen wir ihr folgen, wollen wir dem folgen, der uns anspricht? Öffnen wir also nicht nur die Ohren, sondern auch unsere Herzen!

2. Die Botschaft des Propheten Deuterojesaja, Wirkungszeit 587 - 539 v.Chr.
Unsere Textstelle ist die einzige, in der unser Prophet sich selbst nennt: "... und ich sprach: "Was soll ich predigen?... "
Er ist der mittlere der drei Propheten, denen man den Kernbestand des Prophetenbuches des Jesaja zuspricht: Deuterojesaja (Wirkungszeit von 587 - 5 539 v. Chr.). Ihm spricht man die Kapitel 40 bis 55 zu. Seine Botschaft, hinter der er selbst dann ganz zurücktritt, ist an wenigen weiteren Sätzen zu verdeutlichen:
"Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott ... Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserem Gott!...“ Jes. 40, 1+3
Der Prophet soll trösten. Das ist eine ungewohnte Aufforderung. Sie zeigt an, daß eine Wende bevorsteht. Gott wendet sich seinem Volk wieder zu. Anders als viele angenommen haben, hat er sein Volk nicht fallen lassen, er hat es nicht vergessen und es ist nicht verloren. Später, am Ende des Prophetenzeugnisses heißt es dann:
"... meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr ... gleichwie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und läßt wachsen, daß sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Mund geht auch sein! Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkehren, sondern wird tun, was mir gefällt und ihm wird gelingen, wozu ich es sende."
Jes. 55, 8, 10 f
Hier wird nun ganz souverän klargestellt, daß Menschenwerk und Gotteswerk nicht miteinander verglichen werden können. Das Wort Gottes wirkt - auch ohne uns. Gott ist nicht auf uns angewiesen, damit sein Wort unter uns wirkt. Es erfüllt seinen Auftrag auf mancherlei Weise und verändert die Welt, in der wir leben.
Das sind eigenartige - und ich meine, auch etwas ungewohnte Worte, die der Prophet hier findet.
Trost als ein Kern göttlicher Botschaft an die Menschen - das ist heute nicht immer selbstverständlich. Gelegentlich haben manche von uns den Eindruck, daß Mahnungen, Vorwürfe und Schuldzuweisungen diesen göttlichen Auftrag überwuchern. ja, im seelsorgerlichen Gespräch geschieht wohl Trost - weit über das Maß hinaus, von dem wir wissen können. Aber in der Verkündigung des Wortes, in der Predigt da geschieht nicht selten ganz anderes. Unter Bezug auf das Wort Gottes mahnen christliche Verbände, Parteien, Kirchen und Privatleute den Raubbau der Menschen an der göttlichen Schöpfung an und verurteilen die Gewalt, die sich unter den Menschen wie eine Seuche ausbreitet. Sie analysieren die Welt, in der wir leben. Sie suchen und sie finden Ursachen und Verantwortliche - und die Welt ertönt von ihren Rufen. Das gehört zu ihrem Auftrag - der Kern, der christlichen Botschaft aber ist das nicht.
Schon der Prophet des Alten Testaments hatte den Auftrag, zu trösten. Die Analyse ist erst der Anfang. Von ihm aber kommen wir oft nicht weg. Wir bleiben stecken in dem Bemühen, die Ursachen der Übel in dieser Welt herauszufinden - aber wir finden nicht den Weg, der weiterführt. Aus der Ferne von 2500 Jahren und aus der Welt des Exils der Juden in Babylon ruft uns das Wort des Propheten: "Tröstet, tröstet mein Volk!"
Vielleicht gelingt es uns, über den Trost den Weg zu jenen Menschen zu finden, die in der Wüste ihre Isolation und Enttäuschung, in der Wüste ihrer Gottesferne jeden Zugang zum Worte Gottes verloren haben und keine Hoffung mehr auf Gott setzen können. Vielleicht gelingt es uns, in der Wüste dem Herrn einen Weg zu bahnen. Aber Trost brauchen wir alle - nicht nur jene, die am Rande der Gesellschaft oder ihrer Existenz leben. Deshalb sind wir auch alle aufgerufen, zu trösten. Aber dies Trösten ist kein menschliches Wirken aus uns heraus. Bischof Schönherr hat einmal gesagt zu dieser Stelle: "Wie tröstet Gott? Er tröstet, indem er uns Weg schafft, auf dem wir gehen können. Er tröstet, indem er uns sein Wort gibt." Dieser wirksame Trost also ist ein Trost, den nur Gott geben kann.
Er bleibt schwach, wenn wir es nicht fertigbringen, auf die Kraft des Wortes Gottes zu vertrauen. Wie zaghaft gehen wir doch oft mit Gottes Wort um! Es fällt richtig auf, wenn wir einem Menschen begegnen, von dem wir erfahren, daß er mit dem Worte Gottes lebt. Und wir Prediger? Beim besten Willen sind viele von uns immer wieder in Gefahr, das Wort unseres Gottes zuzudecken mit ihren eigenen. Haben sie dann Gottes Ruf nicht gehört? Hatten sie Angst vor Gottes Wort, war es ihnen zu unbequem? Oder ist ihre Verzweiflung so groß, daß sie nur sich selbst und ihre Angst sehen, die sie wortreich ausbreiten?
Es gibt mancherlei Ursachen für uns Menschen, das Wort Gottes zuzudecken mit unseren eigenen Äußerungen. Aber denken wir doch daran - "alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein."
Das gilt auch für diese Predigt. Meine Worte vergehen - sie sind für den Tag und für die Stunde gesagt. Aber das ewige Wort unseres Gottes bleibt
- es verläßt uns nicht, Sie nicht, mich nicht - es bleibt ewig.


3. Jesus Christus - unter uns

Unser Verhältnis zu Gott - und darum geht es, wenn er uns tröstet, wenn wir seinem Wort den Weg zu den Menschen bereiten sollen, wenn wir predigen sollen und wenn wir der Kraft seines Wortes vertrauen sollen - unser Verhältnis zu Gott und unser Handeln in der Welt wird bestimmt durch Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi. In ihm ist die Liebe Gottes zu den Menschen besiegelt und als Mensch in dieser Welt lebendig geworden: "Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Joh. 3,16

Der Trost, den Gott uns zuspricht, wird in Jesus Christus lebendige Wirklichkeit und reicht über den Tod hinaus: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Joh. 16,33 )

Wir erfahren auch den Grund für diese Zuversicht. Jesus hat ihn genannt auf die Frage nach dem Gebot das vor allem anderen zu beachten sei: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten." Mt. 22, 37-40.
Wenn die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen zum Mittelpunkt unseres Lebens wird, dann ist alles andere nachrangig. Wer von uns aber kann dieser Aufforderung vorbehaltlos und ohne Einschränkung folgen? Wir bleiben wohl alle den üblichen Kompromissen unserer Natur unterworfen.
Von dieser Mitte unseres Lebens aber - ob sie nun ausschließlich unser Leben beherrscht oder nur dazu dient, allzu große Kursabweichungen im Alltagsleben zu korrigieren - von dieser Mitte her gewinnt das Predigtwort neue Eindringlichkeit. In der historischen Situation an einen Rufer gerichtet, der das im Exil lebende Volk Gottes trösten und ihm die Rückkehr in das Land seiner Väter ankündigen soll, wird es durch das Zeugnis Jesu Christi über Zeit und Raum erhoben und richtet sich an jeden einzelnen von uns:

- Hörst du Gottes Ruf?
- Antwortest du auf Gottes Ruf?
- Bezeugst du das Wort Gottes, damit es lebendig bleibe in den Herzen der Menschen - in dir selbst und um dich her?
- Vertraust du auf die Kraft des ewigen Wortes Gottes?

Wenn wir hier antworten wollen, werden wir wohl zunächst mit den Worten des Psalmdichters Gott bitten:
Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit
und an deine Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind. PS. 25,6
die in der mittelalterlichen Kirche den Eingangspsalm bildeten und damit dem heutigen Sonntag den Namen gaben: "Reminiscere" , "Gedenke, Herr ...“
Vielleicht können wir dann auf die Fragen antworten: "Ja, Herr, ich höre. Die Antwort fällt mir oft schwer. Das Zeugnis ist sehr häufig schwach. Mein Vertrauen schwankt."
Das ist jetzt nicht Ihre Antwort, die ich etwa voreilig vorweg genommen habe. Das ist aber eine mögliche Antwort, die die Situation unserer Zeit berücksichtigt. Ihre Antwort müssen Sie selbst geben. Wichtig ist, daß Sie den Mut und die Kraft finden, wie der Prophet die eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und zu benennen, dennoch aber einer Antwort nicht auszuweichen.
Das Predigtwort hat aber nicht nur Fragen an uns. Es enthält eine Zusage unseres Gottes, die uns begleitet und Kraft gibt für den heutigen Tag und für alle, die ihm folgen.
Gottes Ruf hört nicht auf. Er geht uns nach über Tausende von Jahren hinweg* Er sucht nicht einzelne; sondern jeden einzelnen von uns. Unsere Antwort ist aber notwendig, wenn unser Glaube lebendig werden soll für uns und für andere.

Herr, unser Gott, lieber himmlischer Vater, Du rufst uns. Es fällt uns schwer, Dir zu antworten. Wir erkennen aber, daß wir Dein ewiges Wort brauchen für unser Leben auf dieser Welt und für das Leben der Menschen um uns. Wir bitten Dich deshalb, gib uns offene Ohren, öffne unsere Herzen und gib uns Kraft, Mut und Zuversicht, damit wir uns Dir zuwenden, Dir antworten und deine Liebe leben - in dieser Deiner Welt. Amen.

Lied:
EKG 230, 1 + 2 Ich singe dir mit Herz und Mund


Materialien

- „Stuttgarter Erklärungsbibel“ Luthertext mit Einführung und Erklärungen Stuttgart. Deutsche Bibelgesellschaft. 2.A. 1992, S. 878f 3.A. 2007 mit Apokryphen, 2008 S.

"Neue Jerusalemer Bibel". Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel. Neu herausgegebene und erweiterte Ausgabe.Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vögtle in Verbindung mit Johannes M. Nützel Freiburg. Herder. 12. A. 1985. 2001. S. 1077

Claus Westermann, "Das Buch Jesaja. Kapitel 40 - 66" übersetzt und erklärt Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 4.A.1981, S. 29 – 41

"Assoziationen" Gedanken zu biblischen Texten. Herausgegeben von Walter Jens Stuttgart. Radius. 1982. Hans von Keler, S. 14f Christian Krause, S. 15f

"Verborgene Weisheit Gottes", Predigtgedanken aus Vergangenheit und Gegenwart, ausgewählt von Hartwig Daewel, Reihe D Band 1, S. 30-43 Berlin. Evangelische Verlagsanstalt. 1.A. 1975

Sonntag, 5. April 2009

Wirken des lebendigen Wortes

Gottesdienst am 23.2.1992 in Rheindorf und am 26.4.1992, Sonntag Quasimodogeniti, in Leverkusen-Manfort

Kanzelgruß

Wir finden den Predigttext im 4. Kapitel des Hebräerbriefes. Dort heißt es in den Versen 12 und 13:
(12) ... das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Hebr 4, 12+11

Herr,
hilf uns, das Leben durch dein Wort und in deinem Wort zu erfahren. Uns erschreckt der Gedanke, daß es uns trennen und zerteilen könnte wie ein Schwert. Wir können nicht glauben, daß du Wunden schlägst und hoffen auf die h eilen de Kraft deines Wortes. Amen.

Heute möchte ich mit einer Geschichte beginnen. Sie hat sich vor gut 100 Jahren in Rußlands feiner Gesellschaft zugetragen. Ein junger Mann verliebt sich unsterblich in eine reiche Witwe, die ihrerseits mit einem anderen verlobt ist. Sie weist seine Bewerbungen ab. Da bricht er des nachts in ihr Haus eins - und während er vor ihrem Bett steht und auf die Schlafende hinuntersieht überkommt ihn eine gewaltige Wut, und er stößt ihr einen Dolch ins Herz. Es gelingt ihm, unerkannt zu fliehen. Man verdächtigt ihren Diener, setzt ihn gefangen - und noch ehe man ihn verurteilen kann, erfaßt ihn ein Nervenfieber, innerhalb einer Woche ist er tot.
Den Mörder erfaßt bald die Reue - nicht, daß ein anderer unschuldig an seiner Stelle in Verdacht geriet und starb - auch nicht, daß er ein Menschenleben ausgelöscht hat - , nein er bereut bitterlich, daß die von ihm geliebte Frau nicht mehr lebt. In seinem Wahn glaubt er, er habe nicht anders handeln können, denn sonst hätte sie ja den anderen geheiratet. -
Schließlich stürzt er sich in die Arbeit. Er hat Erfolg. Er beginnt, das Ausmaß seines Verbrechens zu erkennen. Grauen vor sich selbst erfaßt ihn. Er versucht mit vielen Wohltaten anderen gegenüber sein Gewissen zu beruhigen. Da begegnet ihm ein junges Mädchen, das ihn zu lieben beginnt. Sie heiraten und sie bekommen Kinder. Hatte er anfangs noch gehofft, die Liebe, die unschuldige, reine Liebe der Frau könne sein Grauen verdrängen, so erkennt er bald, daß alles nur noch schlimmer wird. Denn er in die klaren und liebevollen Augen seiner Frau blickt, fragt er sich verzweifelt, was sie wohl tun werden, wenn sie erfahren, was er getan hat. So lebt er, ein würdiges Mitglied der russischen Gesellschaft, angesehen, wohlhabend - wohl etwas schwermütig, wie man meint, vierzehn Jahre. In dieser Zeit quälen ihn Träume, verfolgen ihn Gedanken an seine Tat und ihre Folgen.
Da begegnet ihm ein junger Mann, der etwas ganz Ungewöhnliches getan hat. In einem Ehrenhandel zu einem Zweikampf mit Pistolen herausgefordert, hat er dem ersten Schuß standgehalten, dann hat er seine geladene Pistole in den Wald geworfen und sich bei seinem Gegner entschuldigt.
Diesen Mann sucht er nun auf. In langen qualvollen Gesprächen mit ihm sucht er nach einem Ausweg für sein Leben. Im Verlauf eines dieser Gespräche schlägt der junge Mann die Bibel auf und bittet ihn, eine bestimmte Stelle zu lesen. Dort heißt es dann:
Schrecklich ist es,
in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen. Hebr. 10,31

Er liest und wirft das Buch fort. Er bebt am ganzen Körper.
"Ein furchtbarer Vers ist es," sagt er, "dazu ist nichts mehr zu sagen, Sie haben das Richtige gefunden." Er verabschiedet sich von seinem Gastgeber: "... Im Paradies sehen wir uns wieder. Das heißt, seit vierzehn Jahren bin ich in die Hände des lebendigen Gottes gefallen - ja, so kann ich von diesen vierzehn Jahren sagen. Morgen will ich diese Hände bitten, daß sie mich lassen."

Wie jedes Jahr, so versammelt sich auch in diesem Jahr die Gesellschaft der Stadt an seinem Geburtstage, um ihm zu gratulieren und mit ihm zu feiern. Dieses Mal ist es der Tag nach dem entscheidenden Gespräch.
Er tritt unter die Versammelten und eröffnet ihnen mit allem Ernst seine Bluttat. Er legt Beweise vor und bittet um eine gerechte Strafe. Niemand aber glaubt ihm. Man halt ihn für krank, für geistig verwirrt. Seinen Gesprächspartner, den jungen Rann, hält man für den Schuldigen. Kurz vor dem Tode des Mörders, der inzwischen tatsächlich krank darniederliegt, können die beiden noch ein letztes Mal miteinander reden. Der Mörder dankt dem jungen Mann für seine Hilfe und sieht darin, daß niemand in der Stadt und auch seine Familie nicht sein Geständnis angenommen hat, eine große Gnade Gottes, der seiner Familie vor allem das Andenken an einen liebevollen, gerechten und wohltätigen Ehemann und Vater erhalten habe. -
Ob es diesen Mörder wirklich gab, weiß ich nicht. Ob sich die Geschichte genauso zugetragen hat, wie ich sie erzählt habe, kann ich auch nicht sagen. Nach allem aber, was wir von den Menschen wissen und an Zeugnissen über diese Zeit kennen, hätte sich diese Geschichte so zutragen können. Der große russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski erzählt sie in seinem Roman "Die Brüder Karamasow" im Jahre 1880 (Zürich, Manesse Bibliothek. 2. A. 1987, S.467-485).

Weshalb habe ich diese Geschichte so ausführlich erzählt? Natürlich auch deshalb, weil es ein Satz aus dem Hebräerbrief ist, der die Wende auslöst. Im Grunde aber deshalb, weil wir am Schicksal dieses Mörders das Wirken des lebendigen Wortes unseres Gottes erspüren können.
Manche sagen, das Gewissen sei dieses Wort Gottes in uns, das uns immer wieder auf den rechten Weg führe - und deshalb müßten wir immer darauf achten. Mit seinem Schuldbekenntnis hat der Mörder sein Gewissen befreit und ist dann dankbar gestorben. Mir scheint, daß auch Dostojewksi diese Geschichte so verstanden hat. Heute, so meine ich, sollten wir mehr in der Geschichte erkennen.
"das Wort Gottes ist lebendig" - das heißt, es ist kein Gerede, das da um Gottes Wort gemacht wird. Natürlich wird das Reden über Gott und von Gott immer wieder auch zu menschlich belanglosem Geplapper - wir sind eben unvollkommen in allem, was wir tun. Aber das Zeugnis vom Handeln Gottes an uns und in der Welt - das ist Leben - und kein Gerede.
Ich weiß nicht, in welcher Weise Sie hier in Rheindorf das "Jahr mit der Bibel“ begehen wollen. Für mich ist es sehr wichtig, daß die in der Bibel überlieferten Glaubenszeugnisse der Menschen über die Jahrtausende hin Lebenszeugnisse sind, Zeugnisse und Belege dafür, daß und wie Gott in dieser Welt und an den Menschen, ja auch durch die Menschen gehandelt hat. Und er tut das immer wieder von neuem - durch sein Wort.
Erinnern wir uns an Jesu Antwort auf die Frage, was das höchste Gebot sei? Er sagt, wir sollten Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte - aber zugleich unseren Nächsten wie uns selbst (Mt. 22,37-39). Nehmen wir dieses Wort als das Zentrum unseres Glaubens und die Mitte von der aus Gott in uns wirkt, dann werden wir die Abgründe dieser Welt - auch dann, wenn wir ihnen in uns selbst begegnen -, mit mehr Kraft überblicken können und jener ausweglosen Verzweiflung des Mörders in Dostojewskis Geschichte nicht anheimfallen.
Das menschliche Gewissen ist die trennende Schärfe, die -in Gottes Wort angelegt ist. - die Liebe zu Gott und zu den Menschen aber ist das Leben in uns und in der Welt. Ja, und dann verstehen wir, daß dieses Wort Seele und Geist ebenso wie Mark und Bein - das Innerste wie das Äußerste - zu trennen vermag. Gott sieht auf den Kern, auf das Zentrum, die letzte Wahrheit - er braucht keine Rücksicht zu nehmen auf die Gesellschaft, auf wirtschaftliche, politische oder sonstige Zusammenhänge.
In der vergangenen Woche (26.03.1992) erreichte uns die Nachricht, daß ein Bundestagsabgeordneter (Gerhard Riege) sich das Leben genommen habe, weil er sicher war, nicht mehr die Kraft zu haben, die er gebraucht hätte, um in den Auseinandersetzungen der kommenden Monate zu bestehen - im Bundestag, in den politischen Gremien, aber auch in den Medien und in der Bevölkerung. - Es ist oft sehr wenig zu spüren von der Liebe, durch die Gottes Wort wirkt. -
In einer ganz anderen Zeit, vor knapp fünfzig Jahren schrieb ein Mann
die letzten Sätze in sein Tagebuch:
Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.
(Jochen Klepper (1903 - 1942) am Donnerstag, 10.12.1942, s. in "Unter dem Schatten deiner Flügel" München, dtv.Bd.1207, 2.A.1983, S. 1133)
Der Mann, der dies schrieb, war Jochen Klepper, der christliche Dichter und Schriftsteller, der am 10. Dezember des Jahres 1942 gemeinsam mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter aus erster Ehe in den Tod ging. Er wollte sich nicht von ihr trennen, um sein Leben zu retten. Aber er hatte wohl auch nicht die Kraft, das Grauen seiner Zeit auf sich zu nehmen. Er wußte sich und die Seinen dennoch geborgen Von ihm stammt auch das Eingangslied, in dem wir gesungen haben:

... Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
daß ich mit seinem Worte
begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist er mir nah und spricht.
... Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage,
nichts gilt mehr als sein Ruf.
... Ich werde nicht zusehenden, wenn ich ihn nur vernehm. ...
Er ist mir täglich nahe ...
Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht ...
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag.
EKG 542; eg 452
Hören wir auf solche Zeugnisse und nehmen wir sie hinein in unser Leben. Wenn uns das gelingt, dann werden wir erleben, daß Gott immer um uns ist und sein Wort - auch dann, wenn es scharf und schneidend ist - dem Leben zum Siege verhilft. Dann verliert das Wort das Schreckliche, das den Mörder in Dostojewskis Geschichte umtrieb.
"Kein Geschöpf ist vor ihm verborgen"...
Das macht für viele den Gott der Juden und Christen so unheimlich.
Man kann ihn nicht sehen, man soll sich kein Bild machen - er aber sieht alles und weiß alles. Und dann entsteht das schlechte Gewissen
- und aus schlechtem Gewissen geschieht viel Übles in der Welt, auch Gewalt, Terror und Totschlag.

Da haben wir seit Dostojewski einiges hinzugelernt. Nicht zuletzt durch Sigmund Freuds Psychoanalyse haben wir von der seelischen Struktur des Menschen soviel erfahren, daß wir heute wissen: Gott läßt niemand allein, erst recht nicht mit einem schlechten Gewissen. Dostojewski hat in seinem Roman sehr ausführlich beschrieben, wie nahe der Mörder daran war, sich selbst umzubringen - oder aber noch weitere Menschen zu morden.
Die Liebe Gottes geht eben weit über Gut und Böse hinaus. Obwohl wir uns seit 2000 Jahren mit der Botschaft Jesu auseinandersetzen, ist es für uns noch immer und immer wieder ein Skandal, wenn wir daran denken, daß heute Jesus auch für Saddam Hussein gelitten hat, starb und auferstand.
Oft wissen wir nicht, wie nahe Gott uns ist und wie stark der Arm, der uns hält. Ihm dürfen wir vertrauen.

Paul Gerhardt, der Liederdichter, der während des Dreißigjährigen Krieges ein schweres Schicksal erlitten hat, wußte dies und schrieb:

Er hört die Seufzer deiner Seelen
und des Herzens stilles Klagen,
und was du keinem darfst erzählen,
magst du Gott gar kühnlich sagen.
Er ist nicht fern,
steht in der Mitten,
hört bald und gern
der Armen Bitten.
Gib dich zufrieden ...
EKG 295,5 eg 371,5

0 Herr,
höre du auch uns - und laß dein Wort eindringen in unser Herz, damit
es uns ganz erfüllt. Amen.

Lieder
EKG 542 Er weckt mich alle Morgen ... eg 452
EKG 190 Wohl denen, die da wandeln ... eg 295
EKG 431 Höchster Gott, wir danken dir ... eg ./.
EKG 336 All Morgen ist ganz frisch und neu ... eg 440

Materialien
- Strobel, August
"Der Brief an die Hebräer"
in Das Neue Testament Deutsch - NTD Band 9
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.12. A. 1981, S. 79 - 256;
hier: S. 118 - 120
- Biskup, Harald
"Abgewickelt in den Tod" in KÖLNER STADT-ANZEIGER 73 vom 26.03.1992
- Dostojewski, Fjodor Michailowitsch
"Die Brüder Karamasow", Zürich.Manesse Verlag, 2.A. 1987, Übertragung von Reinhold von Walter, S. 467 - 485, bes. S. 480
- Klepper, Jochen
"Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den Tagebüchern 1932 - 1942"
herausgegeben von Hildegard Klepper, mit Genehmigung der Deutschen
Verlagsanstalt , Stuttgart (1956) erschienen im
Deutschen Taschenbuchverlag - dtv -, München. 2. A. 1983 als
Band 1207, S. 1133