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Donnerstag, 26. Februar 2009

Fremde unter uns - Leben und Tod

1. Sonntag nach Trinitatis - 28.5.1989
Predigtext: Matthäus 9,35-38 u. 10, 1-7

Dem Bericht des Evangelisten - etwa 70 Jahre nach Christi Geburt - stelle ich zwei Ereignisse aus der Stadt Leverkusen im Jahre 1989 gegenüber :
- An den Tagen um Pfingsten werden Aussiedler, die in den Wohncontainer auf dem Parkplatz vor dem Freibad Auermühle leben, von verschiedenen Gruppen bedroht auf eine Weise, daß Polizei eingreifen muß, um Leib und Leben der Aussiedler zu schützen.
- Auf der Tagung der Kreissynode vor vierzehn Tagen berichtet Pfarrer Szyska, die Aussiedlerfamilien, die in den letzten Monaten in die Häuser an der Gustav-Heinemann-Straße hier in Manfort eingewiesen wurden, müßten kurzfristig ihre Wohnungen wieder verlassen, damit sogenannte "Schwarze" einziehen könnten.

Die Predigt heute spricht weniger über Jesu Worte. Sie zeigt vielmehr in Bildern, wie Menschen heute versuchen, auf ihre Weise Jesu Auftrag zu erfüllen,
- mit offenen Herzen das Leben der Menschen um uns zu begleiten,
- um Kraft für die Hilfe zu bitten,
- vor Gott und den Menschen einzutreten für die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen,
- etwas vom Reich Gottes unter uns lebendige Wirklichkeit werden zu lassen.

Diese Predigt wird an uns vorbeigehen, wenn wir sie nur anhören - wir müssen schon in sie hineinhören, wenn wir hinter den Bildern, die uns beschrieben werden, Jesu Auftrag auch an uns erkennen sollen. Wir müssen auch hinter den Menschen, von denen wir hören, uns selbst erkennen - uns, die wir anders leben, fühlen und handeln.

In ihrem "Rundbrief", der einmal im Jahr - in der Vorweihnachtszeit - alle Verwandten und Bekannten ihrer Familie erreicht, schreibt meine Schwester im Jahre 1987, es habe sich soviel Belastendes und Bedrückendes ergeben, daß Albrecht, ihr Mann, am liebsten überhaupt nicht schreiben würde. Sie fährt dann fort: "...was wären das für Freunde, bei denen man sich nur melden darf, wenn man etwas Vergnügliches zu berichten weiß?" Und es finden sich neben dem Betrüblichen noch manche vergnügliche Mitteilungen. Danach aber berichtet sie vom Heiligabend 1986:

"... Mitten in die schönste Heilig-Abend-Hektik: In einer halben Stunde beginnt die Chorprobe, die Kartoffeln für den Salat sind noch nicht fertig geschält - wo bleibt mein Mann? Was muß er jetzt so lange telefonieren, er weiß doch, daß ich ihn jetzt brauche! – platzt die Nachricht: K.s, eine befreundete Kurdenfamilie aus dem Libanon und Asylbewerber, haben angerufen. Eine deutsche Hausmitbewohnerin hat von draußen durch die Fensterscheibe ins Wohnzimmer geschossen. Sie und ihr Freund, beide wohl angetrunken, haben K.s bedroht. Die sind zu einer türkischen Nachbarfamilie geflüchtet. Jetzt stehen die beiden Deutschen mit Waffen dort vor Tür und Fenster und stoßen Drohungen aus. Frau K. weint und hat Angst - sie ist von den ständigen Bombenangriffen in Beirut, bei denen sie ihr jüngstes Kind verloren hat, ohnehin sehr mitgenommen.
Mein Mann telefoniert mit der Polizei. Ich bin entsetzt und froh zugleich; froh, daß K.s uns kennen und daß sie sich getraut haben uns anzurufen, froh, daß mein Mann weiß, was man tun kann und daß er es tut. Der Kartoffelsalat wird unwichtig, irgendwie wird er doch noch fertig. Mein Mann soll zum Haus der Türken kommen um die Polizei zu leiten, weil zwar das Haus kennt, aber die Hausnummer nicht weiß. Ich eile zur Probe, bin aufgeregt. Es wurde geschossen und mein Mann geht dahin.
Als der Gottesdienst beginnt, sind die Kinder da, voller Spannung: „Ist der Papa da?" - "Nein!" - Wir sind unruhig, halten den Platz in der überfüllten Kirche mit zwiespältigen Gefühlen frei. Wird er kommen? Das Orgelvorspiel hat begonnen, da kommt er. Schnell flüstert er uns. zu: "Die Frau ist vorläufig festgenommen worden, gegen den Mann hatte man keine Handhabe. K.s können in ihre Wohnung zurück.“ Die Kinder sind beruhigt. Ich fange an, mir Gedanken zu machen über diese Frau, die nun in einer Zelle sitzt am Heiligen Abend. "Ich steh an deiner Krippen hier ..." Die Weihnachtslieder sind trotzdem schön, aber was heißt da "trotzdem"? ... "Ich lag in tiefer Todesnacht, du warest meine Sonne ..." Ob K.s das überhaupt empfinden, daß es gerade am Heiligen Abend passiert ist ? Sie sind Moslems. -
Für die Frau, die geschossen hat, hat der Tag sicher eine Rolle gespielt: „Die K.s sind Ausländer, gehören gar nicht hierher. Die können miteinander in der warmen Stube sitzen und fröhlich sein – K.s haben sechs Kinder und gehen sehr nett miteinander um - und wir, wir gehören nicht dazu, hier nicht, woanders nicht, uns bleibt nur der Alkohol, wenn wir mal die Sorgen vergessen wollen und das am Heiligen Abend ..."

Nach dem Gottesdienst ist die Familie bei den Schwiegereltern meiner Schwester. Der Schwiegervater ist seit Jahren bettlägerig und ein schwerer Pflegefall. Meine Schwester fährt fort:
"Es werden friedliche Stunden. Ob die Kinder - so wie ich - das vom Kerzenschein erhellte Zimmer, wo der Opa liegt, vergleichen mit einem Wohnzimmer mit durchschossener Scheibe, wo Frau K. weint, weil sie Angst hat? Es gibt keinen Streit, es gibt keine Nörgelei - wir sind froh, daß wir sicher beieinander sein können in unserem eigenen Land, auch wenn der Opa schon so lange krank ist, auch wenn die Oma morgens oft nicht weiß, wo sie die Kraft für den Tag hernehmen soll.
Nach dem Abendessen wollen wir nach Hause zur eigenen Bescherung, danach zur Christmette. Auf dem Rückweg setzt sich mein Mann ab: "Ich will nur noch sehen, wie es bei K.s aussieht." Wir anderen gehen heim, warten in der Küche, daß er kommt, damit wir zur Bescherung ins Wohnzimmer gehen können. Um 23:00 Uhr beginnt die Christmette. Es ist 22:00 Uhr - keine Zeit mehr für Bescherung und Christmette, wir halten einen kurzen Rat ab. Wir wollen zur Christmette. Wir hatten uns so darauf gefreut. ... Als mein Mann endlich kommt, ist es 23:45 Uhr vorbei, er ist überrascht, daß wir noch zur Christmette wollen, aber sehr einverstanden. Bei K.s ist alles in Ordnung. Vergnügt ziehen wir los.
Die Kirche ist dunkel, nur von Kerzen erhellt. Viele Jugendliche sind da, auch manche, die wir kennen. Es wird viel gesungen, Jugendliche sprechen Gebete, Vikar R. predigt. Er vergleicht unsere idyllischen Weihnachtsstuben mit der Situation von Maria und Joseph in Bethlehem. Unser älterer Sohn (14 J.) stupst mich an und tauscht verständnisinnige Blicke. Der Vikar spricht davon, daß die Lage von Joseph und Maria wohl eher mit der von Asylanten zu vergleichen sei. Unser jüngerer Sohn (12 J.) flüstert mir zu: "Wie K.s“. Der Schluß der Predigt bringt es auf den Punkt:
Die Weihnachtsgeschichte will nicht Zuckerguß über eine unheile Welt gießen, sie will nicht Frieden vortäuschen wo keiner ist; das aber tun wir, wenn wir die eine Seite, die Friedensbotschaft der Engel, für uns übernehmen - die andere Seite, das Fremdsein, die Ungeborgenheit und Hilflosigkeit anderen überlassen oder sogar zuschieben .
Die Weihnachtsbotschaft heißt: In unsere Angst, Hilflosigkeit, Verlassenheit hinein kommt Gott, um sie mit uns zu teilen, damit wir nicht zurückschlagen müssen, wenn wir geschlagen werden, sondern Frieden schließen können.
Wir alle vier haben das Gefühl, heute wäre die Predigt genau für uns gewesen.
Die Bescherung ist dann irgendwann zwischen 0:l0 und 1:00 sehr friedlich, sehr schön, nicht mehr wichtig - genau richtig."
- Soweit der Bericht meiner Schwester vom Heiligen Abend 1986 aus E.
In unserem Predigttext heißt es: Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. In dem Bericht meiner Schwester wird diese Lage an den beiden fremden Familien deutlich: Da ist die libanesische Familie, die in Deutschland das rettende Asyl sucht - und da ist die Frau aus Deutschland, die am Heiligen Abend den fremden Nachbarn in das Zimmer schießt, da ist der Mann, der mit dieser Frau die Fremden bedroht. Fast scheint es, als sei die Familie meiner Schwester die ruhige, die hilfreiche - vielleicht die rettende Kraft. Wer aber genau hingehört hat, der konnte auch da die Angst und Not in diesen Stunden spüren. Wenn es eine Kraftquelle gibt in diesem Bericht, dann ist es Jesu Botschaft, die ausstrahlt durch alle Ängstlichkeit und Sorge, durch innere und äußere Not hindurch.
Als ich den Bericht zum ersten Mal las, fragte ich mich, ob ich selbst wohl auch so konsequent gehandelt hätte wie mein Schwager. Ich weiß es nicht - ich bin mir dessen durchaus nicht sicher. Es kommt, so meine ich, auch nicht darauf an, ob wir so handeln wie andere handeln. Wichtig ist, daß wir auf Jesu Ruf hören, daß wir die Welt um uns her mit offenen Augen und aufnahmebereitem Herzen in uns aufnehmen und dann mit unseren Kräften, auf unsere Weise dort handeln, wo wir handeln können .

Die Geschichte meiner Schwester hat eine Fortsetzung. In ihrem Weihnachtsbrief 1988 berichtet sie von ihrer Kur, mit der ihr Herz gestärkt werden sollte, von dem Aufbruch von meinem Schwager, und den beiden Söhnen, die während die Mutter zur Kur ist mit dem Autoreisezug nach Salzburg fahren, um von dort den Urlaubsort in Kärnten mit dem Auto zu erreichen. Auf der Fahrt geraten sie auf die falsche Fahrbahn, ein Lkw kommt ihnen entgegen - Frontalzusammenstoß. Alle drei sind sofort tot. Meine Schwester schreibt: "Einer meiner dringendsten Wünsche, kurz nachdem ich die Nachricht von dem Unfall erhalten hatte, war, daß ich trotzdem lebendig bleibe, d.h. Schmerz, Trauer und Freude bei mir und anderen weiterhin wahrnehmen und erleben kann, ihnen weder ausweiche noch sie verdränge. In der ersten Zeit nach der Beerdigung habe ich es manchmal so erlebt, als sei etwas von der Neugier unseres älteren Sohnes, etwas von der Bereitschaft meines Mannes zuzuhören auf mich übergegangen. Diese beglückende Erfahrung ist einstweilen durch die ganz ernüchternde Erkenntnis abgelöst worden, daß ich im großen und ganzen schon noch die alte bin - oft zu schnell im Reden und zu schwerfällig im Spüren, was für den anderen wichtig ist. Aber ich merke es immerhin selbst; Mein Mann braucht mir nicht heimlich auf den Fuß zu treten. Manchmal empfinde ich schon so, als sei eine Folie zwischen mir und allem anderen, aber häufiger sind eigentlich die Zeiten, in denen ich deutlich spüre: ich lebe und gehöre dazu."
Das schrieb meine Schwester im Weihnachtsbrief des vergangenen Jahres (1988).
Ich habe an der Beerdigung teilgenommen. Es kamen viele Menschen. Besonders berührt hat mich die Gruppe der Ausländer, darunter sicher viele Asylbewerber, die sich zurückhielten und sich mit ihrer fremdländischen Tracht, mit ihrer dunklen Hautfarbe deutlich von den anderen unterschieden. Dann aber traten sie als letzte an meine Schwester heran und umarmten sie - diese fremdartigen und rätselhaften Menschen taten das auf eine eindringliche, innige und zugleich scheue, ganz zarte Art. Auch das war ein Gegensatz zu den anderen, die hier versammelt waren - nicht wenige erschüttert, verzweifelt, verkrampft, stumm - - -
Ich sehe seither die fremdartigen Gestalten auch hier in Leverkusen mit anderen Augen als zuvor. In der Danksagung schreibt meine Schwester: "... Viele haben uns gesagt und geschrieben, daß sie keine Worte des Trostes finden können. Vielleicht nehmen wir alle aus diesen Tagen die Erfahrung in unseres weiteres Leben mit, daß auch eingestandene Hilflosigkeit hilfreich sein kann, weil sie uns miteinander verbindet und auf den verweist, der uns Trost und Hilfe geben kann . "

Montag, 29. Dezember 2008

Passionsandacht 16.2.1994

In der Lesung hörten wir zwei ganz unterschiedliche Berichte aus der frohen Botschaft nach Johannes. Beide sind uns sehr vertraut, weil wir sie in jedem Jahr mindestens einmal hören: Die Salbung Jesu in Bethanien durch Maria, die Schwester des Lazarus (Joh. 12, 1-11) und den Einzug Jesu in Jerusalem (Joh. 12, 12-19).
In den Passionsgottesdiensten pflegen die Prediger über einige Verse aus der Bibel zu sprechen. Heute möchte ich Sie einladen, sich auf die Botschaft beider Berichte einzulassen. Damit wir aber einige Anhaltspunkte haben, nenne ich zwei Sätze.
Aus dem Bericht über die Salbung:
"Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls." Joh. 12, 3
Aus den Bericht über den Einzug:
"Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!"
Joh. 12, 13
Als ich das erste Mal über die Salbung in Bethanien predigte, faßte ich das, was uns diese Geschichte zu sagen hat in zwei Sätze zusammen:
Wir sollen Gott lieben - und wir sollen unseren Mitmenschen lieben. Für einen Christen ist das nicht zu trennen. i
Ich fuhr dann fort:
Wir sollen diese Liebe zeigen. Das können wir wortlos tun, wie Maria es in unserer Geschichte tat. Aber wir können es auch in einem Wort sagen, das Gott, das unser Gegenüber hier auf Erden erreicht ... ." (Pass. Andacht am 8.2. 1978)
Das war vor 16 Jahren - in einer Passionsandacht zum gleichen Johannestext wie heute. Im Kern kann ich heute nur das Gleiche sagen. Die Botschaft Gottes ist viel zu einfach und zu wahrhaftig, als daß es vieler Wort bedürfte, um sie auszudrücken. Nicht Gott und nicht Jesus sind das Problem, wir selbst verschließen uns den Zugang zu dem, was Gott uns sagen will.
Am Bibelsonntag (20.01.94) habe ich gesagt, daß wir Schlüssel brauchen, um - jeder für sich - den Zugang zu Gottes Botschaft wieder zu finden. Ich habe gesagt, das könnten Worte der Schrift sein, die auf uns wirken, die uns in unserer aktuellen Lebenslage treffen. Das Wort des Nehemia ist nach meiner Überzeugung ein solches Wort. "Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke!" (Nehemia 8, 10)
Im neuen Gemeindebrief finden Sie es abgedruckt im zweiten Teil nach den Altersjubilaren und vor den Konfirmanden. - Vielleicht ist es tatsächlich eine hilfreiche Verbindung zwischen den Alten und den Jungen?
Es gibt aber noch andere Schlüssel, die uns den Zugang zu Gottes Botschaft aufschließen können. Das könnten z. B. Fragen sein, die uns bewegen und auf Kraftquellen in dem Glaubenszeugnissen der Bibel hinweisen. Von einer solchen Frage sprach ich am Bibelsonntag auch: Was die Freude an Gott aus uns machen könnte - oder als Frage direkt gestellt: Was könnte die Freude an Gott aus uns - aus Ihnen, aus mir, aus uns allen gemeinsam - machen?
Die Freude an Gott kommt aus der Liebe - die er uns bezeugt und die wir ihm wiederum bezeugen.
Aber was geschieht mit uns, wenn diese Freude uns erreicht?
Heute sind es Maria und das Volk in Jerusalem, die uns eine Antwort von vielen auf diese Frage geben können.
Maria handelt still, für andere unerhört verschwenderisch und voller Hingabe an die Person, die sie liebt. Ich weiß nicht, ob wir uns so konzentrieren könnten wie Maria. Sie hört und spürt nichts von der Unruhe um sie her - und wenn, dann nimmt sie diese nicht zur Kenntnis. Ja vielleicht hört sie nicht einmal Jesu Worte, mit denen er den beunruhigt fragenden und drängenden Jünger auf das kommende Geschehen hinweist: Laß sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit. (Joh. 12, 7 + 8)
Vielleicht - ja wahrscheinlich ist ihr auch nicht bewußt, weshalb sie auf diese Weise Jesu Füße salbt. Sie tut es, weil sie es tun muß. Soweit wir es erkennen können, ist es eine Tat der liebenden Hinwendung zu Jesus.
Ist es dies, was die Freude an Gott aus uns machen kann?

Im zweiten Bericht geht es ganz anders zu. "Die große Menge", so heißt es (Joh. 12, 12) geht Jesus entgegen, nimmt Palmzweige und die Menschen rufen ihm zu: "Hosianna! Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn, der König von Israel". (Joh. 12,13)
Das sind nicht Worte, die ihnen so einfallen. Auch hier wäre es denkbar, daß die Menschen, die so rufen, nicht wissen, weshalb sie das tun und was dies bedeutet. Die Worte sind fester Bestandteil eines Einholungszeremoniells, mit dem der König begrüßt wird. "Hosianna!" bedeutet eigentlich "Hilf uns doch!" - Es ist bei uns weithin zu einem Jubelruf geworden. Ursprünglich galten diese Worte nur den weltlichen Herrschern, aber die Propheten haben schon verwiesen auf einen Messias, der Friede bringt und den Kriegsbogen (Waffen) zerbricht (vgl. Sach. 9, 9 ff). Unverkennbar bleibt aber die Freude. Und auf sie kommt es an - die laute, jubelnde Freude, die Festesfreude mit schmückenden Zweigen und Festumzügen.
Ist es dies, was die Freude an Gott aus uns machen kann?

Ich denke, Gott kann beides tun - uns still werden lassen zur konzentrierten Hingabe und dann wieder uns jubelnd, laut springend und singend durch die Straßen ziehen lassen, voller ausgelassener Freude.
Ich habe den Eindruck, die auslösenden und prägenden Motive für das Verhalten der Menschen liegen nicht in den handelnden Personen, sondern außerhalb - in beiden Fällen wenden sich die Menschen Jesus zu und konzentrieren sich auf ihn. Sie selbst werden vor ihm unwichtig und treten für sich selbst gern in den Hintergrund. Auch das kann die Freude am Herrn bewirken.

Ich könnte mir denken, daß es manchem von uns ähnlich geht wie mir. Die stille absolute Konzentration der Maria brächte ich ebenso wenig auf, wie die unbefangene jubelnde Freude der Menge, die Jesus entgegenzieht.
In einem Bericht über die Bedeutung der Person Jesu in seinem Leben stellt ein Pfarrer fest. An Jesus wurde zunehmend interessant, was er praktisch bei Christen bewirkt. (Volkmar Deile: "Starb Jesus in Auschwitz" in: Hartmut Weber (Hrsg.): „Was sagen die Leute, wer ich sei?" Stuttgart 1985, S. 85)
So dürfte es uns auch heute, zu Beginn der Reihe von sieben Passionsandachten gehen. Die Freude am Herrn läßt Passivität, läßt fromme Gefühle allein nicht zu. Sie führt zwangsläufig zu Veränderungen und zum Handeln - und sie tut das auf unterschiedliche Weise.
Wir können und wir brauchen uns selbst nun nicht am Handeln und Tun der Zeitgenossen Jesu zu messen. Aber wir können und sollen uns fragen, was das Geschehen der Passion in uns und mit uns in dieser Welt bewirkt.
Für heute ist dies der Sinn und der Auftrag der beiden Geschichten aus dem neuen Testament.
Amen

Prediger: Böhme, Leverkusen-Manfort

Materialien
Schulz,, Siegfried: "Das Evangelium nach Johannes", Göttingen,, Vandenhoeck & Ruprecht, 14. A., S. 163-165, NTD Bd. 4

Freitag, 19. Dezember 2008

Die Freude am Herrn ist eure Stärke

Bibelsonntag 30.1.1994

Predigttext:
Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.
Nehemia 8, 10b

Lieber himmlischer Vater,
unser Kummer bedrückt uns und viele von uns weichen den Kümmernissen ihres Lebens aus, damit sie sich noch freuen können. Freude an dir wird immer seltener. Gesucht wird die Freude an der Welt und in der Welt.
Lass du uns das Wort des Nehemia recht verstehen. Öffne unsere Ohren und Herzen, damit wir den Weg zu dir finden und Kraft gewinnen, ihn zu gehen.
Amen

Wer ist dieser geheimnisvolle Nehemia, von dem wohl die wenigsten unter uns gehört haben? Er ist Jude und nach Beendigung der babylonischen Gefangenschaft in Babylon zurückgeblieben. Dort hat er das Vertrauen des Königs gewonnen und wurde Mundschenk. Eines Tages erhält Nehemia Besuch von seinem Bruder Hanani und lässt sich von der Heimat berichten. Dieser Bericht betrübt ihn sehr und er betet zu Gott. Er hat drei große Bitten. Gott möge dem Volk der Juden die Sünden der Vergangenheit verzeihen und ihnen wieder den Weg zu ihm zeigen, er möge ihm, Nehemia, die Kraft geben, dafür einzutreten und schließlich möge Gott dem König ein offenes Ohr geben, damit er den Nehemia für diese Aufgabe freistellt.
Einige von uns haben in der ökumenischen Woche (17. - 21.01.1994) gemeinsam mit Pfarrer Dr. Froitzhein von St. Joseph das Gebet Abrahams gelesen und besprochen, in dem sich Abraham für die Menschen in Sodom einsetzt. Ähnlich nachhaltig setzt sich Nehemia für das Volk der Juden ein (Nehemia l, 5-11).
Der Herr erhört dies Gebet. Nehemia kann mit Vollmachten des Königs versehen nach Jerusalem reisen und in seinem Auftrag die Stadt wieder aufbauen. Später wird Nehemia sogar des Königs Stadthalter in Jerusalem.
Nehemia hatte viele Feinde und die Juden waren nicht alle begeistert davon, dass nun jemand kam, der die alten Gesetze zu neuer Geltung bringen wollte. Viele hatten sich - durchaus entfernt von Gott - ganz gut eingerichtet. Andere stöhnten - aber fanden nicht die Kraft sich aufzulehnen. Nehemia fand eine Aufgabe, die alle Juden zu einem gemeinsamen Werk vereinte: Die Mauer um die Stadt sollte neu aufgebaut werden. Nehemia beendete die Not der Ausgebeuteten. Schließlich fand Nehemia viel Anklang als er dem Gottesdienst zu seiner zentralen Bedeutung für das Leben der Juden verhalf. Dies alles war erfolgreich. Die Mauer war gebaut, die Ausbeutung unter den Juden weitgehend beseitigt und auch der Gottesdienst hatte seinen Platz bekommen - da versammelt sich das Volk, um das Wort Gottes, in der Bibel heißt es wörtlich "das Gesetz - das Mose, das Gott den Israeliten gegeben hatte", zu hören. Der Schriftgelehrte Esra las den ganzen Tag über aus dem Buch vor und viele Leviten legten das, was darin gesagt war, dem Volke aus, damit sie auch alle verstehen konnten, was Gott gemeint hatte. Da wurden sie alle traurig, denn sie erkannten jetzt, wie weit sie sich von Gott entfernt hatten. Esra, Nehemia und die Leviten trösteten das Volk und forderten sie auf, ein großes Fest zu feiern und sich zu freuen: ... Heute ist ein Festtag zur Ehre "eures Gottes!"
Und erst dann folgt der Satz, der heute unser Predigttext ist: Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.
Jetzt können wir uns vielleicht vorstellen, was mit diesem Satz gemeint ist.
Vergrabt euch nicht in euern Kummer! Zieht euch nicht zurück, verschließt euch nicht der Welt mit ihren Freuden, baut um euch her nicht eine Mauer auf aus Kummer, Sorgen und Angst!
Ich möchte nicht gern den neueren Übersetzungen folgen, in denen es z. B. heißt "Macht euch keine Sorgen ..." - etwa in der "Einheitsübersetzung" und in der "Bibel in heutigem Deutsch". Nehemia und diejenigen, die ihn unterstützen, haben doch gerade zu dieser Versammlung aufgerufen, damit sich das Volk seiner Situation bewusst wird. Das ganze Aufbauwerk des Nehemia ist doch daraufgestützt, dass immer größere Teile des Volkes Israel erkennen, wie weit sie sich von Gott entfernt haben und aus dieser Erkenntnis heraus die Kraft zur Umkehr gewinnen. Das geht nicht ohne Kummer und Angst. Nein, sie verschütten diesen Kraftquell nicht und werfen den Motor nicht weg, der die bisherigen Erfolge ermöglichte.
Nehemia und seine Leute sagen dem Volk nur, dass es seine Kraft nicht nutzlos verbrauchen soll, seinen Motor Zeit zum Auftanken geben soll und - dass sich das Volk darüber freuen und dafür danken soll, dass es den Weg zur Umkehr gefunden hat und sich an seinem Gott freuen kann. -
Das alles geschah etwa in den Jahren um 440 bis 430 vor Christi Geburt, also vor etwa 2.400 Jahren.
Ist dies alles aber wirklich so weit von uns entfernt?
Tatsächlich ist in unserer schnelllebigen Zeit eine Epoche von 2.400 Jahren ein nahezu unvorstellbarer Zeitraum . -
Und doch frage ich mich, weshalb heute ein so großes Interesse an den Dinosauriern besteht, die doch in einer Zeit lebten, die noch viel unvorstellbarer weiter zurückliegt. Vor 208 Mio Jahren entstanden die ersten Dinosaurier und vor 65 Mio Jahren starben die letzten aus. Ein Artikel, der sich beim Gemeindefest am besten verkaufte im letzten Jahr, das waren Nachbildungen von Dinosauriern.
Vor 2 Mio Jahren entstand der erste Mensch. Man hat die Entwicklungsgeschichte einzelner Tiergattungen untersucht. Pferde- und Raubtiergattungen sollen ein Alter von 5 bis 9 Mio Jahren erreichen, ein bestimmter Süßwasserkrebs sogar 190 Mio Jahre. Da ist es verständlich, wenn es über den Menschen heißt, dass er seine Evolution erst vor allerjüngster Zeit begonnen hat.
Warum berichte ich davon?
Ein Zeitraum von 2.400 Jahren ist nicht so weit entfernt oder so langweilig, wie es uns zunächst erscheint. Der erste Eindruck trifft zu auf die Maße, die für das Leben des einzelnen Menschen gelten. Als einzelne braucht es uns nicht zu interessieren, was vor uns war oder nach uns kommt.
Unser Leben aber wird erst dann wesentlich und gewinnt einen Inhalt, wenn wir es in den Zusammenhang einer Entwicklung stellen, bei der wir - und zwar jeder einzelne von uns - ein Bindeglied sind zwischen dem, was vor uns war und dem, was nach uns kommt.
Ein Zeugnis solcher Entwicklung ist die Bibel, in der das Glaubensbekenntnis von Menschen über eine Zeitspanne von 2.000 Jahren belegt und überliefert wird. Seit die Bibel besteht, hat sich die Menschheit mit ihr und den in ihr dokumentierten Glaubenszeugnissen auseinandergesetzt. Auch darüber gibt es Belege. So überblicken wir einen Zeitraum von 4.000 Jahre in der Tradition jüdisch-christlichen Glaubens.
Kern dieser Glaubenstradition ist die Erfahrung der Menschen all diese vielen Generationen hindurch, dass Gott sie nicht verlassen hat - und nicht verlassen wird. Seit Jesu Geburt, Leiden, Opfertod und Auferstehung aber wissen wir, dass Gott uns liebt - und in Liebe trägt, auch die Not und den Kummer unseres persönlichen Lebens oder der Menschen überhaupt.
Das ist ein Grund, für uns selbst den Zugang zur Bibel zu suchen und von der Liebe Gottes her zu leben. Wir existieren aber nicht als einzelne - immer sind wir zugleich von anderen umgeben. Für sie sind wir dann die anderen.
Wenn uns Vergangenheit und Zukunft abhanden kommen, wenn bei uns das Leben seinen Sinn verliert, dann hat das Wirkungen auf das Leben auch der anderen Menschen. Zur Zeit erleben wir eine ähnliche Situation im Zusammenhang mit der deutschen Einigung.
Auch die Nähe der Jahrtausendwende lässt uns nach dem Sinn unseres Lebens fragen. Trägt auch in der Zukunft, was uns bisher Kraft gab? -
Ich wende mich wieder Nehemia zu. - Erst in der Vorbereitung zu diesem Gottesdienst las ich dieses Buch der Bibel, das mir bisher nur vom Namen her bekannt war.
Nehemia war kein Theologe, kein Prophet - niemand, mit dem Gott gesprochen hätte, wie er mit Abraham, Mose, Jesaja sprach. Nehemia war ein frommer Jude und er verehrte seinen Gott. Er betete inständig zu ihm. Zugleich aber war Nehemia ein Mann der Welt. Er war ein hoher Würdenträger am Hofe des persischen Königs Artaxerxes (465 - 424) und später wurde er Statthalter des persischen Königs in Jerusalem. Er baute die Stadt auf und organisierte das staatliche und kirchliche Leben neu. Er setzte sich gegen seine Feinde durch.
Ich habe versucht mir vorzustellen, welche Persönlichkeit unserer Tage dem Nehemia wohl
vergleichbar wäre. Vergleiche treffen nie zu - aber sie erhellen manchmal, worauf es im Kern
ankommt. |
Hier im Rheinland, in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Köln könnte man sich vorstellen, dass der Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes eine Art Nehemia-Figur sein könnte. Sein Versuch, die 100-Stundenkilometer-Grenze auf dem Autobahnring um Köln einzuführen, kann man vielleicht - ganz entfernt - mit dem Bau der Stadtmauer um Jerusalem vergleichen.
Dieser Vergleich hat absolute Grenzen.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau ist kein Kaiser Artaxerxes oder einer seiner Nachfolger.
Ich würde dennoch ganz gerne einmal zuhören, wenn der bibelfeste Johannes Rau und sein volkstümlicher Regierungspräsident von Köln Franz-Josef Antwerpes über die Gestalt und das Werk des Nehemia diskutieren sollten.
Sie sehen, was in der Bibel berichtet und bezeugt wird, ist so blutleer und überholt nicht, wie es manchem scheint. Wir brauchen nur die passenden Schlüssel, um den Zugang zum Inhalt der Bibel zu finden. Ein Schlüssel sind die Worte, die uns, z. B. in den Predigten, begegnen. Heute ist es Nehemia. "... denn die Freude am Herrn ist eure Stärke."
In der Jahreshauptversammlung der Frauenhilfe habe ich von der Freude gesprochen, von der Fröhlichkeit, mit der die Frauen die verschiedenen Dienste in der Gemeinde tun - am deutlichsten wird das beim Gemeindefest. Dabei haben sie alle ihre Päckchen zu tragen - das Alter, die Gesundheit, Familienprobleme - wer weiß das alles? - Aber sie sind nicht bekümmert, sondern haben etwas erfahren von der "Freude am Herrn".
In der Arbeitshilfe für den Bibelsonntag wird als Thema vorgeschlagen "Was die Freude an Gott aus uns machen könnte".
Ich habe das Thema so nicht übernommen aus zwei Gründen:
Zum ersten ist es doch wichtig, mehr von der Bibel zu erfahren und von dem Mann, von dem dies Wort berichtet wird. Wenn dies alles für uns nur Vergangenheit bleibt, kann es für unsere Zukunft nicht viel bedeuten.
Zum weiteren hat das Presbyterium im Dezember des vergangenen Jahres beschlossen, das Predigtwort des heutigen Tages zum Jahresthema der Gemeindearbeit zu machen. Deshalb lade ich Sie alle ein - zu Hause für sich, in der Familie, im Beruf und vor allem in den Gruppen unserer Gemeinde herauszufinden, was die Freude am Herrn aus uns machen könnte.
Die Frauenhilfe weiß, dass jüngere Frauen; zu ihr stoßen könnten und neue Anregungen in die Arbeit einbringen. Der Singkreis weiß, dass auch hier noch viele Sängerinnen und Sänger viel Freude bereiten können - vielleicht muss auch er seine bisherige Arbeit in manchen Dingen umstellen. Die Gemeindebibliothek verändert ihr Gesicht und viele Mitarbeiter werden gebraucht, damit Menschen neu an die Bücher herangeführt werden können. ... Es wäre noch viel zu sagen. Versuchen wir anzufangen!
Die Bibelausstellung im Gemeindesaal ist ein Anfang, meine Einladung zum Nachgespräch ein weiterer. Erfüllen wir das Wort der Schrift mit neuem Leben:
Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.
Amen

Zu den Personen und zur Zeit:
Nehemia
Esra
Ataxerxes
Babylonisches Exil der Juden
Antwerpes
Johannes Rau


Materialien

Deutsche Bibelgesellschaft (Evangelisches Bibelwerk) und Katholisches Bibelwerk (Hrsg.)
"Was die Freude an Gott aus uns machen könnte. Materialheft für Gottesdienst und Gemeindearbeit" Stuttgart 1993, 95 S.
Bibeltexte:
Luther '84, Einheitsübersetzung '80,
Bibel in heutigem Deutsch (BHD) = Die gute Nachricht '82,
Zürcher Bibel (1931), Bruns (1964)
"Die Welt der Bibel", Wuppertal 1980, 328 S.
Die evangelischen Bibelgesellschaften und die katholischen Bibelwerke in Deutschland (Hrsg.) "Riskanter Glaube. Geschichten um Sara und Abraham" aus Mos/Gen. Ziff. 5„ S. 20-23 (Ökumenische Woche Manfort: "Wege wagen - Gottes Geschichte mit Sara und Abraham")
Lambert; David: "Der große Bildatlas der Dinosaurier", München, Mosaik-Verlag 1993, S. 12
Probst, Ernst und Raymund Windolf : "Dinosaurier in Deutschland", München, Berteismann 1993
Ploetz, Karl: "Auszug aus der Geschichte", Würzburg, 27. A 1968, S. 6„ 12, 92-98
Keller, Werner: "Und die Bibel hat doch recht", Düsseldorf, Econ 1955, Ausgabe Europäischer Buch- und Phonoklub Reinland Mohn, Stuttgart, o. J. S. 26-41, 95, 126 ff.
Neher, Andre: "Moses" mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten Reinbeck Rowohlt 1964
rowohlts monographien 94
Gunneweg, Antonius H. J.: "Geschichte Israels. Von den Anfängen bis Bar Kochba und von Theodor Herzl bis zur Gegenwart", Stuttgart, Kohlhammer 6. A. 1989, S. 18-39, 234 ff