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Sonntag, 5. April 2009

Frieden und Gerechtigkeit in der Kirche

Predigt zum 18.10.1992 (18.S.n.Tr.)

Kanzelgruß:
Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.

Als Predigttext hören wir aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom aus dem 14. Kapitel:
(17) Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern
Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.
(18) Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei
den Menschen geachtet.
(19) darum laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur
Erbauung untereinander.
Rom. 14, 17 - 19
Lieber himmlischer Vater,
wie gern würden wir in Gerechtigkeit, Friede und Freude leben -
vor allem dann, wenn wir dir damit folgen und bei den Menschen geachtet werden. Aber das alles geschieht so nicht. Warum? Kannst du das ändern - können wir das? - Zeig du uns den Weg!
Amen
Der Textabschnitt heute gehört in einen größeren Zusammenhang. Paulus erklärt den Christen in Rom, daß sie sich nicht mit Äußerlichkeiten aufhalten sollen. Wenn einem Christen noch die alten Speisegebote des mosaischen Gesetzes wichtig sind, der soll sie beachten - auch weiterhin und nicht gestört werden dabei durch diejenigen, die ihr Glaubensleben von diesen Dingen Weg und hingewendet haben zum Kern der Botschaft Jesu. Er soll den, der die Speisegebote achtet, nicht stören, ihn in Ruhe lassen, denn das ist sein Weg, zu dem Kern der Botschaft Jesu zu gelangen.
Das Neue ist nun, daß dieser Kern der Botschaft Jesu, die Mitte des Reiches Gottes Gerechtigkeit, Friede und Freude sind. Vom Altar her hörten wir eine andere Geschichte, in der Jesus selbst spricht. Dort ist die Liebe der Kern seiner Botschaft - Mk. 11,28 - 34-. Das meint Paulus auch - er, der ja selbst an die Christen in Korinth schreibt:
"Nun aber bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
1.Kor. 13,13
Doch können wir diese Liebe unter uns nicht einfach einfordern. Sie ist und bleibt Gnade und Geschenk. Für Christen gi1t, daß die Menschen überall auf dieser Welt die Liebe ihres Gottes erleben - auch dann, wenn ihnen das nicht bewußt ist. Wir sind uns sicher, daß als ein Zeichen, als Beweis und Siegel dieser Liebe Jesus Christus als Sohn Gottes auf diese Erde zu uns kam, als Mensch lebte, litt und starb und darüber hinaus uns voranging mit seiner Auferstehung, mit der er uns den Weg zu unser aller Vater, zu unserem Schöpfer weist. Weil uns die Liebe Gottes erreicht und weil wir uns dieser bewußt sind, deshalb haben wir die Kraft, auch unsererseits zu lieben und Liebe weiterzugeben. Das ist der Hintergrund vor dem unser Predigttext sagt, das Reich Gottes sei nicht Essen und Trinken.
Die römischen Christen hatten aus den Speisegesetzen ihrer Zeit vielfach Gewissensfragen gemacht - und so wucherten diese Auseinandersetzungen darüber, welches Gesetz wie wichtig sei, und die entscheidenden Fragen gerieten aus dem Blick. Kommt uns diese Erfahrung der römischen Christen nicht vertraut vor ?
Ich nenne einige Überschriften von Zeitungsüberschriften von Zeitungsartikeln der beiden letzten Jahre:
- "Kirchenaustritte sind immer häufiger. Stadtsuperintendent Kock zog Jahresbilanz" - KStA 278 v. 30.11./01.12.1991 -
- "Sie wollen nicht mehr daran glauben. Rekordzahlen bei Kirchenaustritten. (Stadtdechant) Westhoff sucht die 'wahren' Gründe!"
- KStA 61 v. 12.03.1992 -
- "Warum sich Kirchen leeren. In einem Gesprächskreis werden Gründe für den Austritt erörtert" - KStA 42 v. 19.02. 1992 -
- "Wir haben einen Christenmangel"
Zitat aus einem Gespräch des Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Kardinal Meisner aus Köln - KStA 229 v. 01.10.1992 -
Schließlich fragt der Präses unserer Landeskirche Peter Beier, "Steht die Glaubwürdigkeit Gottes durch die Kirchen auf dem Spiel?" - Er beantwortet diese Frage gleich selbst: „Gottes Glaubwürdigkeit läßt sich durch nichts und niemanden, nicht einmal durch das Versagen der Kirchen aufs Spiel setzen.“ nach KStA 228 v. 30.09.1992.
Was ist geschehen, daß verantwortliche Leiter der beiden großen christlichen Kirchen im Rheinland öffentlich diese Fragen stellen und so reden?
Ich frage Sie, hat sich für Sie die Kirche, unsere Kirche, in den letzten Jahren verändert? Ist sie schwächer geworden - oder stärker? Hat sie Ihnen etwas sagen können - oder blieben die Sätze, die sie sagt, oberflächliche Worte, Formeln aus einer fremden Welt?
Für meine Person erlebe ich die Kirche auf recht unterschiedliche Weise. Im Kern ist sie solide, stark und geht den rechten Weg. Sie wird getragen von der Liebe Gottes und gibt diese Liebe auf vielfältige Weise weiter. Ein Beispiel dafür haben wir erlebt, als Pfarrer Baumann aus der Einrichtung "Hephata" in Mönchengladbach am 27. August 1992 bei uns zu Besuch war. Zugleich erlebe ich aber auch, daß sich die Kirche in den vielfältigen Aktionen in der Welt verliert. Sie produziert immer mehr Papier - häufig werden die Aussagen der Texte dadurch immer flacher und nichtssagender. Auf unserer Kreissynode melden sich immer weniger Laien zu Wort - und wenn das einmal geschieht, dann stellen sie nur eine Frage - sie bewegen dort wenig, sie werden bewegt.
Unsere Kirche wird immer mehr zu einer verwaltenden Kirche, zu einer Kirche, die re-agiert auf das, was in der Welt geschieht, ohne von sich aus ihre Botschaft wirksam und gezielt den Menschen so zu sagen, daß sie Halt-bekommen und ihren Weg in der Welt erkennen. Damit wir uns recht verstehen: Ich sage nicht, daß unsere Kirche so ist, sondern, daß sie auf dem Weg ist, so zu werden. Der Kirche geht es aber nicht allein so. Vereine und Verbände, die politischen Parteien und die Gewerkschaften stellen alle fest, daß ihnen die Mitglieder abhanden kommen.
Der Präses hat schon recht, wenn er sagt, das hätte mit der Glaubwürdigkeit zu tun. Noch am Freitag sagte mir jemand, er habe die Kirche verlassen. Das hätte aber nichts mit dem Glauben zu tun, sondern mit der Institution Kirche. Er sei zu oft und zu stark enttäuscht worden von Menschen, die in der Kirche das Sagen haben. Das alles hat mit dem zu tun, was der Apostel "Essen und Trinken" nennt.
Nun hat sich der Apostel nicht an eine Institution, an eine Kirche gewandt, sondern er schreibt an die Christen in Rom. Wir können uns heute auch als Adressaten verstehen "die Christen in Leverkusen-Manfort". "Laßt uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander"!
Wie gehen wir damit um?
Ich versuche, in dieser Kirche so zu wirken, daß sie offen ist für viele Menschen, daß sie zur Heimat aller Menschen werden kann -und doch erlebe ich immer wieder, daß meine Kräfte nicht ausreichen und ich sogar jene verletze, mit denen ich zusammen bin. Dann störe ich den Frieden und kann überhaupt nicht zur gegenseitigen Unterstützung beitragen - mit diesen Worten könnte man "Erbauung" übersetzen. Und doch ist da ein Weg, der weiterführt. Es sind andere da, die mir sagen: "So nicht!" Sie zeigen den Weg, sie gehen dann voran - und wir finden wieder zueinander.
Sehr lebhaft habe ich das am letzten Wochenende erlebt, als sich das Presbyterium das erste Mal ganz konkret mit der Nachfolge von Pfarrer Szyska beschäftigte.
Was aber hilft das Ihnen?
Lassen Sie mich noch einmal zur Kirche kommen und zu der erhöhten Zahl der Kirchenaustritte. Viele Menschen sind unzufrieden, weil sie von der Kirche mehr erwarten, als diese leisten kann, und oft mehr, als sie selbst bereit sind, zu tun. Die Kirche lebt aber davon, daß in ihr Menschen tätig sind, die den Glauben lebendig halten. Andere sind von der Kirche enttäuscht, weil Menschen in dieser Kirche sie verletzt haben. Schließlich gibt es auch Menschen, die überhaupt nicht wissen, weshalb sie in der Kirche sind oder die Aufgabe der Kirche mißverstehen als eine Dienstleistungseinrichtung für Taufen, Trauungen und Beerdigungen.
Es muß in Zukunft dahin kommen, daß wir alle miteinander zur Kirche kommen, zur Kirche gehören und in ihr leben, weil wir die Liebe Gottes erfahren haben und in der Gemeinschaft anderer diese Liebe in der Welt weitergeben wollen.
Damit bin ich nun bei uns - bei jedem einzelnen. Zunächst sollen wir was mit Vergebung, mit Frieden, mit Gerechtigkeit zu tun hat, unterscheiden vom weniger wichtigen - von allem, was mit Formvorschriften, mit Äußerlichkeiten und auch mit menschlicher Schwäche zu tun hat. Dann sollten wir uns nicht wichtiger nehmen, als wir sind. Schließlich aber sollten wir alles tun, was in unserer Kraft steht, damit in unserer Kirche die Liebe Gottes lebendig, wirksam und unter uns Menschen auch sichtbar wird. Dazu wird jeder gebraucht. Als einzelne wissen wir oft nicht recht, wie wir das tun können. Und in der Kirche wissen die Verantwortlichen gelegentlich auch nicht immer, was einem derart Suchenden helfen könnte. Dann bleiben diese enttäuscht draußen vor der Tür.
Der Apostel schreibt:
Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,
sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist.

Lieber himmlischer Vater,
wir bitten dich um den heiligen. Geist, damit er uns erfülle und Kraft gebe, Gerechtigkeit, Friede und Freude in unserem Lebens und Wirkungskreis lebendig zu erhalten. Amen

Kanzelsegen
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als. all unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.


Lieder:

eg 443 Aus meines Herzens Grunde ... eg 397 Herzlich lieb hab ich dich ... eg 401 Liebe, die du ...
eg 213 Kommt her, ihr seid geladen ... eg 170 Komm, Herr, segne uns ...

Materialien:
-Althaus, Paul
"Der Brief an die Römer" - Kommentar -
Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht. 13.A.1978. S. 139 - 141
"Das Neue Testament Deutsch" - NTD Bd. 6
- Barth, Karl
"Der Römerbrief" (1922)
Zürich. Theologischer Verlag. 15.A.1989, S. 147 f
- Krause, Christian in "Assoziationen. Gedanken zu biblischen
Texten", Band 2, herausgegeben von Walter Jens
Stuttgart, Radius Verlag, 1979, 5. 169 f

vgl. Dieter Stork
Ich träume eine Kirche, in der kein Mensch mehr lügt,
wo niemand einen andern in falscher Hoffnung wiegt.
Ich träume eine Kirche, die wahr ist und gerecht,
wir alle sind nun Freie und niemand Herr und Knecht. (Text und Melodie)

Donnerstag, 26. Februar 2009

Fremde unter uns - Leben und Tod

1. Sonntag nach Trinitatis - 28.5.1989
Predigtext: Matthäus 9,35-38 u. 10, 1-7

Dem Bericht des Evangelisten - etwa 70 Jahre nach Christi Geburt - stelle ich zwei Ereignisse aus der Stadt Leverkusen im Jahre 1989 gegenüber :
- An den Tagen um Pfingsten werden Aussiedler, die in den Wohncontainer auf dem Parkplatz vor dem Freibad Auermühle leben, von verschiedenen Gruppen bedroht auf eine Weise, daß Polizei eingreifen muß, um Leib und Leben der Aussiedler zu schützen.
- Auf der Tagung der Kreissynode vor vierzehn Tagen berichtet Pfarrer Szyska, die Aussiedlerfamilien, die in den letzten Monaten in die Häuser an der Gustav-Heinemann-Straße hier in Manfort eingewiesen wurden, müßten kurzfristig ihre Wohnungen wieder verlassen, damit sogenannte "Schwarze" einziehen könnten.

Die Predigt heute spricht weniger über Jesu Worte. Sie zeigt vielmehr in Bildern, wie Menschen heute versuchen, auf ihre Weise Jesu Auftrag zu erfüllen,
- mit offenen Herzen das Leben der Menschen um uns zu begleiten,
- um Kraft für die Hilfe zu bitten,
- vor Gott und den Menschen einzutreten für die Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen,
- etwas vom Reich Gottes unter uns lebendige Wirklichkeit werden zu lassen.

Diese Predigt wird an uns vorbeigehen, wenn wir sie nur anhören - wir müssen schon in sie hineinhören, wenn wir hinter den Bildern, die uns beschrieben werden, Jesu Auftrag auch an uns erkennen sollen. Wir müssen auch hinter den Menschen, von denen wir hören, uns selbst erkennen - uns, die wir anders leben, fühlen und handeln.

In ihrem "Rundbrief", der einmal im Jahr - in der Vorweihnachtszeit - alle Verwandten und Bekannten ihrer Familie erreicht, schreibt meine Schwester im Jahre 1987, es habe sich soviel Belastendes und Bedrückendes ergeben, daß Albrecht, ihr Mann, am liebsten überhaupt nicht schreiben würde. Sie fährt dann fort: "...was wären das für Freunde, bei denen man sich nur melden darf, wenn man etwas Vergnügliches zu berichten weiß?" Und es finden sich neben dem Betrüblichen noch manche vergnügliche Mitteilungen. Danach aber berichtet sie vom Heiligabend 1986:

"... Mitten in die schönste Heilig-Abend-Hektik: In einer halben Stunde beginnt die Chorprobe, die Kartoffeln für den Salat sind noch nicht fertig geschält - wo bleibt mein Mann? Was muß er jetzt so lange telefonieren, er weiß doch, daß ich ihn jetzt brauche! – platzt die Nachricht: K.s, eine befreundete Kurdenfamilie aus dem Libanon und Asylbewerber, haben angerufen. Eine deutsche Hausmitbewohnerin hat von draußen durch die Fensterscheibe ins Wohnzimmer geschossen. Sie und ihr Freund, beide wohl angetrunken, haben K.s bedroht. Die sind zu einer türkischen Nachbarfamilie geflüchtet. Jetzt stehen die beiden Deutschen mit Waffen dort vor Tür und Fenster und stoßen Drohungen aus. Frau K. weint und hat Angst - sie ist von den ständigen Bombenangriffen in Beirut, bei denen sie ihr jüngstes Kind verloren hat, ohnehin sehr mitgenommen.
Mein Mann telefoniert mit der Polizei. Ich bin entsetzt und froh zugleich; froh, daß K.s uns kennen und daß sie sich getraut haben uns anzurufen, froh, daß mein Mann weiß, was man tun kann und daß er es tut. Der Kartoffelsalat wird unwichtig, irgendwie wird er doch noch fertig. Mein Mann soll zum Haus der Türken kommen um die Polizei zu leiten, weil zwar das Haus kennt, aber die Hausnummer nicht weiß. Ich eile zur Probe, bin aufgeregt. Es wurde geschossen und mein Mann geht dahin.
Als der Gottesdienst beginnt, sind die Kinder da, voller Spannung: „Ist der Papa da?" - "Nein!" - Wir sind unruhig, halten den Platz in der überfüllten Kirche mit zwiespältigen Gefühlen frei. Wird er kommen? Das Orgelvorspiel hat begonnen, da kommt er. Schnell flüstert er uns. zu: "Die Frau ist vorläufig festgenommen worden, gegen den Mann hatte man keine Handhabe. K.s können in ihre Wohnung zurück.“ Die Kinder sind beruhigt. Ich fange an, mir Gedanken zu machen über diese Frau, die nun in einer Zelle sitzt am Heiligen Abend. "Ich steh an deiner Krippen hier ..." Die Weihnachtslieder sind trotzdem schön, aber was heißt da "trotzdem"? ... "Ich lag in tiefer Todesnacht, du warest meine Sonne ..." Ob K.s das überhaupt empfinden, daß es gerade am Heiligen Abend passiert ist ? Sie sind Moslems. -
Für die Frau, die geschossen hat, hat der Tag sicher eine Rolle gespielt: „Die K.s sind Ausländer, gehören gar nicht hierher. Die können miteinander in der warmen Stube sitzen und fröhlich sein – K.s haben sechs Kinder und gehen sehr nett miteinander um - und wir, wir gehören nicht dazu, hier nicht, woanders nicht, uns bleibt nur der Alkohol, wenn wir mal die Sorgen vergessen wollen und das am Heiligen Abend ..."

Nach dem Gottesdienst ist die Familie bei den Schwiegereltern meiner Schwester. Der Schwiegervater ist seit Jahren bettlägerig und ein schwerer Pflegefall. Meine Schwester fährt fort:
"Es werden friedliche Stunden. Ob die Kinder - so wie ich - das vom Kerzenschein erhellte Zimmer, wo der Opa liegt, vergleichen mit einem Wohnzimmer mit durchschossener Scheibe, wo Frau K. weint, weil sie Angst hat? Es gibt keinen Streit, es gibt keine Nörgelei - wir sind froh, daß wir sicher beieinander sein können in unserem eigenen Land, auch wenn der Opa schon so lange krank ist, auch wenn die Oma morgens oft nicht weiß, wo sie die Kraft für den Tag hernehmen soll.
Nach dem Abendessen wollen wir nach Hause zur eigenen Bescherung, danach zur Christmette. Auf dem Rückweg setzt sich mein Mann ab: "Ich will nur noch sehen, wie es bei K.s aussieht." Wir anderen gehen heim, warten in der Küche, daß er kommt, damit wir zur Bescherung ins Wohnzimmer gehen können. Um 23:00 Uhr beginnt die Christmette. Es ist 22:00 Uhr - keine Zeit mehr für Bescherung und Christmette, wir halten einen kurzen Rat ab. Wir wollen zur Christmette. Wir hatten uns so darauf gefreut. ... Als mein Mann endlich kommt, ist es 23:45 Uhr vorbei, er ist überrascht, daß wir noch zur Christmette wollen, aber sehr einverstanden. Bei K.s ist alles in Ordnung. Vergnügt ziehen wir los.
Die Kirche ist dunkel, nur von Kerzen erhellt. Viele Jugendliche sind da, auch manche, die wir kennen. Es wird viel gesungen, Jugendliche sprechen Gebete, Vikar R. predigt. Er vergleicht unsere idyllischen Weihnachtsstuben mit der Situation von Maria und Joseph in Bethlehem. Unser älterer Sohn (14 J.) stupst mich an und tauscht verständnisinnige Blicke. Der Vikar spricht davon, daß die Lage von Joseph und Maria wohl eher mit der von Asylanten zu vergleichen sei. Unser jüngerer Sohn (12 J.) flüstert mir zu: "Wie K.s“. Der Schluß der Predigt bringt es auf den Punkt:
Die Weihnachtsgeschichte will nicht Zuckerguß über eine unheile Welt gießen, sie will nicht Frieden vortäuschen wo keiner ist; das aber tun wir, wenn wir die eine Seite, die Friedensbotschaft der Engel, für uns übernehmen - die andere Seite, das Fremdsein, die Ungeborgenheit und Hilflosigkeit anderen überlassen oder sogar zuschieben .
Die Weihnachtsbotschaft heißt: In unsere Angst, Hilflosigkeit, Verlassenheit hinein kommt Gott, um sie mit uns zu teilen, damit wir nicht zurückschlagen müssen, wenn wir geschlagen werden, sondern Frieden schließen können.
Wir alle vier haben das Gefühl, heute wäre die Predigt genau für uns gewesen.
Die Bescherung ist dann irgendwann zwischen 0:l0 und 1:00 sehr friedlich, sehr schön, nicht mehr wichtig - genau richtig."
- Soweit der Bericht meiner Schwester vom Heiligen Abend 1986 aus E.
In unserem Predigttext heißt es: Als Jesus das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. In dem Bericht meiner Schwester wird diese Lage an den beiden fremden Familien deutlich: Da ist die libanesische Familie, die in Deutschland das rettende Asyl sucht - und da ist die Frau aus Deutschland, die am Heiligen Abend den fremden Nachbarn in das Zimmer schießt, da ist der Mann, der mit dieser Frau die Fremden bedroht. Fast scheint es, als sei die Familie meiner Schwester die ruhige, die hilfreiche - vielleicht die rettende Kraft. Wer aber genau hingehört hat, der konnte auch da die Angst und Not in diesen Stunden spüren. Wenn es eine Kraftquelle gibt in diesem Bericht, dann ist es Jesu Botschaft, die ausstrahlt durch alle Ängstlichkeit und Sorge, durch innere und äußere Not hindurch.
Als ich den Bericht zum ersten Mal las, fragte ich mich, ob ich selbst wohl auch so konsequent gehandelt hätte wie mein Schwager. Ich weiß es nicht - ich bin mir dessen durchaus nicht sicher. Es kommt, so meine ich, auch nicht darauf an, ob wir so handeln wie andere handeln. Wichtig ist, daß wir auf Jesu Ruf hören, daß wir die Welt um uns her mit offenen Augen und aufnahmebereitem Herzen in uns aufnehmen und dann mit unseren Kräften, auf unsere Weise dort handeln, wo wir handeln können .

Die Geschichte meiner Schwester hat eine Fortsetzung. In ihrem Weihnachtsbrief 1988 berichtet sie von ihrer Kur, mit der ihr Herz gestärkt werden sollte, von dem Aufbruch von meinem Schwager, und den beiden Söhnen, die während die Mutter zur Kur ist mit dem Autoreisezug nach Salzburg fahren, um von dort den Urlaubsort in Kärnten mit dem Auto zu erreichen. Auf der Fahrt geraten sie auf die falsche Fahrbahn, ein Lkw kommt ihnen entgegen - Frontalzusammenstoß. Alle drei sind sofort tot. Meine Schwester schreibt: "Einer meiner dringendsten Wünsche, kurz nachdem ich die Nachricht von dem Unfall erhalten hatte, war, daß ich trotzdem lebendig bleibe, d.h. Schmerz, Trauer und Freude bei mir und anderen weiterhin wahrnehmen und erleben kann, ihnen weder ausweiche noch sie verdränge. In der ersten Zeit nach der Beerdigung habe ich es manchmal so erlebt, als sei etwas von der Neugier unseres älteren Sohnes, etwas von der Bereitschaft meines Mannes zuzuhören auf mich übergegangen. Diese beglückende Erfahrung ist einstweilen durch die ganz ernüchternde Erkenntnis abgelöst worden, daß ich im großen und ganzen schon noch die alte bin - oft zu schnell im Reden und zu schwerfällig im Spüren, was für den anderen wichtig ist. Aber ich merke es immerhin selbst; Mein Mann braucht mir nicht heimlich auf den Fuß zu treten. Manchmal empfinde ich schon so, als sei eine Folie zwischen mir und allem anderen, aber häufiger sind eigentlich die Zeiten, in denen ich deutlich spüre: ich lebe und gehöre dazu."
Das schrieb meine Schwester im Weihnachtsbrief des vergangenen Jahres (1988).
Ich habe an der Beerdigung teilgenommen. Es kamen viele Menschen. Besonders berührt hat mich die Gruppe der Ausländer, darunter sicher viele Asylbewerber, die sich zurückhielten und sich mit ihrer fremdländischen Tracht, mit ihrer dunklen Hautfarbe deutlich von den anderen unterschieden. Dann aber traten sie als letzte an meine Schwester heran und umarmten sie - diese fremdartigen und rätselhaften Menschen taten das auf eine eindringliche, innige und zugleich scheue, ganz zarte Art. Auch das war ein Gegensatz zu den anderen, die hier versammelt waren - nicht wenige erschüttert, verzweifelt, verkrampft, stumm - - -
Ich sehe seither die fremdartigen Gestalten auch hier in Leverkusen mit anderen Augen als zuvor. In der Danksagung schreibt meine Schwester: "... Viele haben uns gesagt und geschrieben, daß sie keine Worte des Trostes finden können. Vielleicht nehmen wir alle aus diesen Tagen die Erfahrung in unseres weiteres Leben mit, daß auch eingestandene Hilflosigkeit hilfreich sein kann, weil sie uns miteinander verbindet und auf den verweist, der uns Trost und Hilfe geben kann . "

Mittwoch, 11. Februar 2009

Vergebung der Sünden - Kreuz des Friedens

Passionsandacht 20.02.1991

Das entscheidende Wort in diesem Gottesdienst sagt Jesus selbst:
"...Trinket alle daraus; das ist mein, Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden..." Mat. 26,27f (Luther, 1956)

In neuerer Übersetzung:
"... Trinket alle daraus, das ist mein Blut, das für alle Menschen vergossen wird zur Vergebung ihrer Schuld. Mit ihm wird der Bund besiegelt,
den Gott jetzt mit den Menschen schließt ..." ("Bibel in heutigem Deutsch", BHD, 1982)

Das Entscheidende an dieser Aussage ist die Feststellung, daß von Gott her die Schuld der Menschen gelöscht, aufgehoben wird. Mit dem Blut Jesu Christi wird ein neuer Bund geschlossen, ein Bund, der die Menschwerdung Gottes zur Grundlage hat - Gott als Mensch, ein leidender und sterbender Mensch.
Er macht uns frei vor Gott - und kein Mensch, keine Kirche, keine Institution darf uns mehr einreden, daß wir unsere Schuld, die Schule unserer Väter und Vorfahren vor Gott abbüßen, daß wir sie immer von neuem tilgen müssen.
Der Apostel Paulus hat den Korinthern diesen Tatbestand mitgeteilt mit den Worten:
"...Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung ..."
2.Kor.5,19
Mit diesem Apostelwort von der Versöhnung begannen in diesem Jahr die Ansprachen in den Passionsgottesdiensten in unserer Gemeinde. Ich bin dankbar dafür, daß gerade in diesem Jahr 1991 die Passionsgottesdienste mit dem Wort von der Versöhnung begonnen haben - in Monaten, in denen überall Menschen und Völker einander die Schuld und die Sünden ihrer Väter und Vorfahren vorwerfen.
Heute hören wir Worte aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Korinth:
"... das Wort vom Kreuz
ist eine Torheit denen,
die verloren werden;
uns aber, die wir selig werden,
ist's eine Gotteskraft ...
... die Juden fordern Zeichen,
und die Griechen fragen nach Weisheit,
wir aber predigen den gekreuzigten Christus,
den Juden ein Ärgernis
und den Griechen eine Torheit."
1 . Kor. 1,18 - Luther '84 -

Auch hier will ich dem Luther-Text eine moderne Übertragung gegenüber stellen:
„...Die Botschaft, daß für alle Menschen am Kreuz die Rettung vollbracht ist, muß denen, die verlorengehen, als barer Unsinn erscheinen. Wir aber, die gerettet werden, erfahren darin Gottes Kraft.
Gott hat doch gesagt:
'Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen
und die Klugheit der Klugen verwerfen.'..."
1. Kor. 1,18 - BHD, 1982 -

Für die Zeitgenossen des Apostels ist es undenkbar, daß ein Gott armselig ist, leiden muß und den schmachvollen Tod eines Verbrechers stirbt. Wer das für möglich hält und es sogar darüberhinaus als ein Zeichen für die Stärke dieses Gottes ansieht, der hat entweder nicht mehr alle Sinne beisammen oder er will den einen, den allmächtigen Gott beleidigen, den Gott, der hoch über allen Menschen steht. Ich denke, daß wir uns gut in diese Vorstellungswelt hineinversetzen können.
In unserer Zeit dagegen, im Jahre 1984 , kann der jüdische Philosoph Hans Jonas von einem Gott sprechen, von einem Gott, der sich sorgt - nicht fern und losgelöst als Herr der Geschichte -, sondern verwickelt in das worum er sich sorgt. Vor dem Hintergrund der Erfahrung der Juden mit dem Holocaust im Dritten Reich, bei dem auch seine Mutter im Vernichtungslager Auschwitz getötet wurde, erkennt Jonas, daß Gott ein gefährdeter Gott ist, ein Gott mit eigenem Risiko. Das ist dann kein allmächtiger Gott mit absoluter, unbegrenzter, göttlicher Macht mehr.
Für Jonas ist deutlich: Im Zulassen menschlicher Freiheit liegt ein Verzicht auf göttliche Macht. Nachdem er sich ganz in die werdende Welt hineinbegab, hat Gott nichts mehr zu geben. Jetzt ist es am Menschen, zu geben.
(Hans Jonas in "Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme", Frankfurt/Main. Suhrkamp. st 15 1987. 49 S.)

Mit der Vollendung seines Schöpfungswerkes hat dieser Gott die Schöpfung sich selbst überlassen und begleitet ihren Gang leidend, werdend, sorgend und immer von neuem gefährdet - ein Gott, der sich freiwillig seiner Allmacht entäußert. Soweit eine jüdische Stimme, heute. Mir ist, als sei hier viel vom Wesen Christi erlebt und beschrieben; dennoch fehlt das Wichtigste: die Erlösung.
Die Griechen stehen damals für den Stand der Wissenschaft ihrer Zeit. Sie setzen auf Erkenntnis - und können deshalb die Botschaft vom Kreuz nicht verstehen. Heute dagegen ist Wissenschaft durchaus vereinbar mit dem Glauben an einen leidenden und geschundenen Gott. Die Arbeit - nicht zuletzt an den weltzerstörenden Atomwaffen - hat gerade vielen Wissenschaftlern die Augen geöffnet. Natürlich gibt es auch heute noch Wissenschaftler, die jeden Glauben ablehnen und die Existenz jeden Gottes bestreiten. Das ist ihr persönlicher Glaube -das ist nicht mehr die letzte Konsequenz wissenschaftlicher Erkenntnis.
Dennoch erheben sich immer mehr Stimmen gegen diese Botschaft vom Kreuz - und das treffendste Argument zielt auf die Boten selbst, die häufig ganz offensichtlich keine Ahnung haben von diesem leidenden, sorgenden Gott, sondern die Macht dieser Welt in ihre Hand nehmen und Verderben in diese Welt tragen und dabei noch Gott bitten, daß er sie selbst und ihre oft unschuldigen Handlanger vor dem Verderben schützen möge, das sie anderen - und oft noch unschuldigen - Menschen bereiten. Ich hätte kaum daran gedacht, daß das am Ende dieses Jahr-hunderts in einem solchen Ausmaße möglich sein könnte, wie es jetzt geschieht. Diese Menschen mögen sich Christen nennen, aber die Gottes kraft, von der Paulus spricht, gewinnen sie nicht aus der Botschaft
vom Kreuz.
Im Zusammenhang mit dem Golfkrieg sind die Deutschen ins Gerede gekommen: "Feiglinge", "Schlappschwänze" hat man sie genannt (als ein Beispiel für viele der Bericht von Reinhart Hacker "In England wächst der Unmut über Deutsche. ‚Feiglinge’ als Partner" in KÖLNER STADT-ANZEIGER. 26 vom 31.01.1991).
Die Friedensbewegung in Deutschland wird von vielen Kräften getragen - nicht von allen lassen sich die Motive eindeutig benennen. Die von Christen und den christlichen Kirchen getragener Friedensbewegung lebt ganz bewußt von der Entscheidung für die Botschaft von der Versöhnung dieses leidenden und gefährdeten Gottes. Der Welt erscheinen sie auch heute noch als Toren, als Unvernünftige, als Träumer von einer besser Welt. Ihnen fehlt die Solidarität mit den Realisten, der Blick für die Wirklichkeit, in der wir leben. Daran ist etwas Wahres. Für mich sind die Demonstranten Sinnbild für das Gewissen - gerade der Menschen im neu gewonnenen Deutschland. Die Politiker dagegen müssen die Kunst des Möglichen ausrichten in dieser Welt.
Wie wir selbst oft nicht der Stimme unseres Gewissens folgen, so gelingt das auch christlichen Politikern nicht. Auch für sie gilt das Wort des Präses unserer evangelischen Kirche im Rheinland, Peter Beier, daß man oft nicht mehr zwischen gut und böse die Wahl hat, sondern nur noch zwischen mehr oder weniger böse (nach "Krieg ist stets der Konkurs der Politik« in KÖLNER STADT-ANZEIGER 28 vom 02./03. Februar 1991). Mich läßt diese Aussage hoffen. Wir verhalten uns immer wieder lieblos oder streiten, wenn wir liebevoll oder friedlich miteinander umgehen sollten. Wenn wir das erkennen, dann können wir damit umgehen - besser, als wenn wir glaubten, wir seien die besseren Menschen. Es ist eben nicht so, daß die Christen die Gotteskraft gewinnen und die anderen alle verzweifeln. Es liegt an jedem von uns, ob er sich der Botschaft vom Kreuz öffnet und den leidenden, sich sorgenden, den gefährdeten Christus einläßt in sein Herz. Von daher kann dann jene Gotteskraft wachsen, von der der Apostel Paulus spricht.
Vor einiger Zeit sprach ich einmal davon, daß moderne Maler in eigenartiger Weise zwei verschiedene Ansichten in einem Bild vereinigen - so tut es etwa Pablo Picasso bei einigen seiner Portraits, in denen das Gesicht gleichzeitig von vorn und von der Seite dargestellt wird (z.B. Bildnis "Doris Maar", 1937, in Ingo F. Walther "Pablo Picasso", Köln, Benedikt Taschen Verlag. 1986, S.63).
So ist auch das Kreuz nicht nur Zeichen der Botschaft vom leidenden, gequälten, gefährdeten und zu Tode geschundenen Gott, sondern zugleich das Zeichen für die Auferstehung von den Toten, Zeichen für die Überwindung des Todes, Zeichen für die Versöhnung und für die allumfassende Liebe Gottes.
In Jesus Christus und durch sein Leben und Sterben, durch seine Auferstehung sind wir mit Gott versöhnt. Gott hat uns seinen Frieden gegeben, er hat mit allen Menschen durch Jesus Christus Frieden geschlossen. -
Vielleicht erscheint uns das heute selbstverständlich. Aber wenn wir daran denken, daß Jesus Christus auch für Saddam Hussein gelitten hat, gestorben ist und auferstand - dann wird uns deutlich, wie revolutionär diese Botschaft vom Kreuz auch heute noch ist.
Jetzt kommt es tatsächlich auf uns an, ob wir diesen Frieden annehmen können - und ob wir diesen Frieden auch untereinander in dieser Welt weitergeben und mit neuem Leben erfüllen können. -
Der Apostel schließt seine Botschaft über das Wort vom Kreuz mit den Sätzen:
Gott handelt gegen alle Vernunft –
und ist doch weiser als alle Menschen. Gott zeigt sich schwach –
und ist doch stärker als alle Menschen.
1 . Kor. 1,25 Amen
Lied
0 Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens
in Evangelisches Jugendgesangbuch - EJ - Gütersloh, 1974, Nr. eg 416
Materialien
Heinz-Dietrich Wendland "Die Briefe an die Korinther"
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht.15.A.1980, S. 20 - 23 Das neue Testament Deutsch - NTD - Band 7

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Gewalt überwinden

Friede und Barmherzigkeit - Jesu Alternative
Mt. 5,9

Lesung: Römer 12,12-18 (Seid fröhlich in Hoffnung) Lieder: eg 366,1-4; 671,1-3; 609,1-3; 656,1-3
Helmut Böhme

Predigt am 23.09.2001


Als Predigttext hören wir eine Seligpreisung: Jesus sagt in seiner Bergpredigt:
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen
Mt. 5,9
Heute schließen wir die Predigtreihe zur „Überwindung der Gewalt" Ursprünglich wollte ich den Ursachen alltäglicher Gewalt nachgehen und dann nach Jesu Alternativen zur Gewalt fragen. Das kann ich heute aber nicht. Die Ereignisse vom 11. September 2001 lassen mich nicht auf diesem Weg weitergehen.
Nach heutigem Kenntnisstand haben fanatisierte Terroristen - vermutlich mit religiösem Hintergrund - drei Linienmaschinen privater Fluglinien in den USA in ihre Gewalt gebracht. Zwei sind gezielt gegen die beiden Türme des World Trade Center in New York geflogen. Sie brachten beide Türme zum Einsturz und lösten unterschiedliche, weitreichende Kettenreaktionen aus. Das dritte Flugzeug zerstörte Teile des Pentagon (Verteidigungs-/Kriegsministerium) und des Außenministeriums in Washington. Ein viertes Flugzeug stürzte in der Nähe von Pittsburgh ab.
Funk, Fernsehen und Zeitungen bringen täglich neue Nachrichten. Nach dem heutigen Informationsstand sind 6.000 Todesopfer zu beklagen. Alte Nachrichten werden rund um die Uhr wiederholt.
Wir warten auf das, was noch kommt: Die Reaktion der USA.
Deshalb konzentriere ich mich heute auf den Versuch, Jesu Alternative zur Gewalt aufzuzeigen:
(1) Jesus setzt eine alte Erkenntnis neu in Kraft:
Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. 1. Mose (Genesis) 1,31
(2) Jesus gibt den Gesetzen des Mose eine neue Priorität. Es bleibt das wichtigste:
Du sollst Gott lieben. 5. Mose 6,5; Mt. 22,37
Danach aber:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 3. Mose 19,18; Mt. 22,39 b
Das ist dem ersten gleich. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Mt. 22,39 a, 40
(3) Jesus geht noch weiter, er fordert die Feindesliebe:
Ich sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Mt. 5,44f
Wie kann das sein? Wie kann man seine Feinde lieben? Wenn zutrifft, was wir eingangs hörten, dass Gottes Schöpfung gut ist - dann ist der Mensch auch gut. Das gilt natürlich für jeden Menschen - also auch für unsere Feinde.
Der Weg zur Feindesliebe geht meines Erachtens nur über diesen Weg, dass auch mein Feind Gottes Geschöpf und als solches gut ist.
(4) Der Predigttext heute bildet dann die Summe:
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Mt. 5,9
Friedfertig sind nicht diejenigen, die sich still verhalten. Die sind friedlich.
Friedfertig ist derjenige, den der Friede Gottes ganz erfüllt. Natürlich ist dieser Friede ganz wesentlich Liebe. Wir sollen nicht nur friedlich sein, sondern Friede finden - auch, und gerade den inneren Frieden unserer Seelen.
An diesen vier Schriftstellen wird Jesu Alternative zur weltlichen Gewalt deutlich - an der Liebe, die von Gott kommt und durch uns an die anderen Menschen, Freunde und Feinde in dieser Welt, weitergegeben wird.
Wer in unserer Welt Gewalt anwendet, der kann Jesus nicht antworten: Ich habe Gottes Gebote gehalten - wie es der reiche Jüngling tat (Mt. 19,20). Er handelt als Gewalttäter ganz eindeutig gegen Gottes Gebot.
Wir kennen eine andere Feststellung: „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen".
Das stimmt insofern, als wir nicht mit Liebe allein regieren können. Vor allem auch deswegen nicht, weil wir alle schwache Menschen sind, die Jesu Forderungen nicht gewachsen sind. Gewiß, Gottes Schöpfung ist gut - und dazu gehört auch der Mensch. Aber der Mensch hat gegen Gottes Gebot verstoßen, vom Baum der Erkenntnis gegessen. Jetzt weiß er, dass er Mensch ist - gottähnlich, aber nicht gleich Gott. Jetzt versteht er auch, was Gott meint, wenn er davon spricht, der Mensch soll sich die Erde untertan machen. Nicht unterwerfen soll er sie, lieben - mitleiden, für sie sorgen, das ist seine Aufgabe. Als Menschen sind wir unvollkommene Wesen - auch in unserer Liebe. Der Satz von der Bergpredigt, die nicht zur Politik tauge, stimmt aber nicht insofern, als wir Christen die Bergpredigt sehr wohl „im Kopf und im Herzen" haben können - gewissermaßen als Kompaß, der uns anzeigt, wann wir und wieweit von dieser Richtung abweichen.
Jesu Alternative wird deutlich, wenn es ums Grundsätzliche geht. Die Terroristen haben in vielerlei Weise kundgetan: Ihre Triebfeder ist der Haß. Sie haben ein recht einfaches Leitbild, das ihnen die Richtung weist. Ein Satz daraus lautet: Vernichte deine Feinde! Ihr Feindbild ist uns auch bekannt: Die Industrienationen, insbesondere die entwickelten Industriegesellschaften - an erster Stelle also die USA.
Terroristen isolieren sich und ihre Gesellschaft. Sie sind Auserwählte ihres Gottes - nur sie.
Es wäre gewiß sinnvoll und hilfreich, wenn die christlichen Kirchen sich ein eigenes Leitbild geben. Ihres ist sehr viel komplizierter - aber wohl auch tragfähiger. Ihre Triebfeder, die Liebe, ist deshalb auch stärker als der Haß der Terroristen, weil sie alle Menschen, ja die ganze Schöpfung umfaßt und die lebensbejahenden Kräfte stärkt.
Wie können wir selbst die Folgen der Terrorattentate gewaltmindernd in Jesu Sinne verarbeiten?
- Gefühle müssen sein, aber sie dürfen sich nicht gegen Unschuldige richten.
- Wir sollten nach Ursachen suchen. Meist liegen sie auf verschiedenen Seiten. Das sollten wir gerechterweise auch anerkennen.
- Wir reden mit anderen über das Geschehene, darüber, was wir dabei und danach empfunden haben, was uns jetzt beschäftigt und was wir in der Verarbeitung des Erlebten erfahren haben.
- Wir können, ja wir sollten auf unsere Worte achten. So wie unsere Gedanken unsere Sprache prägen, so können die Worte, die wir benutzen, auch unsere Vorstellungen prägen. Die Terroristen haben den westlichen Industrienationen „den Krieg erklärt". Sie möchten offizielle Kriegsgegner der größten und mächtigsten Nation der Welt sein. Ein westlicher Politiker sprach von einer „Kriegserklärung gegen die westliche Zivilisation".
Die Staaten selbst aber verfolgen Verbrecher, Straftäter, Attentäter und ziehen sie zur Verantwortung - ob das alles so bleibt, weiß ich allerdings nicht. Wir als Christen erklären jedenfalls nicht den Krieg.
Heute beginnt die Woche des ausländischen Mitbürgers. Sie sind in diesen Tagen besonders auf unsere Zuwendung angewiesen, besonders dann, wenn man sie als Muslime erkennt oder zu erkennen glaubt, denn es sieht so aus, als ob die Attentäter fanatisierte Muslime waren. Wir wissen: Fanatiker gibt es in allen Nationen und Religionen. Leider gilt das auch für Terroristen. Ich nenne zwei Beispiele in unserer Gemeinde für die Zuwendung zu unseren ausländischen Nachbarn:
- Zunächst der Frühstückstreff der Frauen, in dem sich dienstags von 09:00 bis 11:00 Uhr ausländische und deutsche Frauen im Gemeindesaal treffen.
Dann aber das Schülercafé, in dem ausländische und deutsche Schüler zusammenkommen. In der Hauptschule Scharnhorststraße sind 80 % der Schüler Ausländer.
Helfen Sie mit und unterstützen Sie diese Arbeit unserer Gemeinde, die ein aktueller Beitrag zum friedlichen Miteinander in dieser Welt ist.
Wir gehen in eine ungewisse Woche.
Lieber himmlischer Vater,
laß uns in dieser turbulenten Zeit
erfahren, daß du bei uns bist.

Wir beten für den Frieden,
wir beten für die Welt,
wir beten für die Müden,
die keine Hoffnung hält,
wir beten für die Leisen,
für die kein Wort sich regt,
die Wahrheit wird erweisen,
daß deine Hand sie trägt! eg 678,l
Amen

Diese Predigt war Teil der 5. Manforter Predigtreihe -02.-23.09.2001-

02.09. Kain und Abel - Vom Ursprung der Gewalt
l.Mose 4,l-16a
Lesung: Lk. 10,25-37 (barmherziger Samariter)
Lieder: eg 510,1-5; 375,1-5; 365,1-3.5.8; 222,1-3; 398,1+2
Peter Richmann
09.09. Auge um Auge, Zahn um Zahn - Kann Recht die Gewalt brechen?
2. Mose (Escodus) 21,22ff/Sach. 7. 7,8 ff
Lesung: Röm. 7,7-20 (Mensch unter dem Gesetz) Lieder: eg 166,1-6; 196,1-6; 430,1-4; 607,1-4
Jürgen Berghaus
16.09. David und Goliath - Das Recht des Stärkeren?
1. Samuel, 17,1-9, 17, 20-21, 42, 45-51
Lesung: Röm. 12,18-21 (Frieden halten, Böses mit Gutem überwinden) Lieder: eg. 506,1.3-5; 235,1-4; 245,1.3.5; 425,1-3; 648,1
Ulrich Theis